Kategorie: Tagebuch (Seite 1 von 19)

Entschleunigung oder der goldene Topf am Ende des Regenbogens

Unsere Welt ist zu schnell. Um genauso gut zu sein wie im Jahr zuvor, sagt unser Leitungsprinzip, dass wir eine Schippe Arbeit oben drauf legen müssen. Die Kapazitäten erhöhen. Ziel: Wachstum.

Dabei ist dieses Prinzip nicht nur ein wirtschaftliches. Auch Blogger wollen größer, weiter werden. Mehr Follower, mehr Kanäle.

Auch Mütter. Ich treffe immer wieder eine Mutter, die für mich der Inbegriff der Leistungsorientiertheit ist. Lustig dabei, dass sie mit Studium und intellektuellem Job und Yoga-Kursen eigentlich  mit mir vor allem über Entschleunigung spricht. Wie ein Guru. Kurz vor den Klavierstunden ihrer Tochter. Und dem Fußballtrainings ihres Sohnes.

Ja, die Entschleunigung, das Heilmittel gegen Stress und Burn-out. Zu finden zwischen Spaeinrichtungen und Klangschalengymnastik. Da wird dann das Gefühl gesucht, mit sich selber im Reinen zu sein.

Was bedeutet das genau? Im Reinen zu sein, bedeutet Loszulassen. Seinen Anspruch an sich selber loslassen, die Ansprüche der Gesellschaft, die Ansprüche des Partners.

Im Umkehrschluss: seine Aufgaben erledigt zu haben.

Entweder, in dem man sie erledigt oder indem man sie für erledigt erklärt.

Unter Müttern ist das ein zweischneidiges Schwert, ein Fall ohne doppelten Boden: erkläre ich die Aufgabe *Wäscheberge* oder *Abendessen* für erledigt, dann hat das in der Regel negative Konsequenzen. Ich habe nur die Chance, sie tatsächlich zu erledigen. Aber, ich sollte ja entschleunigen. Ziemliche Zwickmühle, finde ich ja.

Da gibt es aber auch eine Klangschalengymnastik:

Wenn du mit deinen Aufgaben nicht zurecht kommst,
dann hast du einfach schlecht geplant.
Plane besser.

Ist das der goldene Topf am Ende des Regenbogens? Planung? Also, wenn ich gut plane, dann erhöhen sich meine Ansprüche: selber kochen statt Tiefkühlpizza, um mal konkret zu sein.

Um ehrlich zu sein: Ich bin gut im Zeitmanagement, aber ich finde es ziemlich verfrohren, einer Mutter mitzuteilen, dass sie nur deswegen grad zusammenbricht, weil sie schlecht geplant hat. Mal versucht, Kinderaktionen vorherzusagen? Kann ich gleich eine Glaskugel befragen. Wobei, ich weiß im Vorfeld schon, dass das Baby die Hose voll hat, wenn ich grad meine Stiefel angezogen hab. Eh klar.  Ich plane gut und trotzdem ist Stress ein mir bekannter Zeitgenosse.

Entschleunigung kann aber auch bedeuten, dass du die Aufgaben für erledigt erklärst, die nicht unweigerlich alltagsbedrohlich sind. Jede hat schon man den Spruch gelesen.

Gibt es in ganz unterschiedlichen Zusammensetzungen. Aber die Botschaft ist immer gleich:

Arbeite an deiner Prioritätenliste.

Wenn du gestresst bist,

dann setzt du einfach die falschen Prioritäten.

Gut, denke ich mir.

Bis ich die erste Murmel aus der Windel meines Babys gefischt habe und mir ganz schlecht geworden ist bei dem Gedanken, was er sonst noch alles verschlucken könnte hier. Daraufhin habe ich wieder aufgeräumt.

Weder gute Planung noch schmutzige Fussböden bringen mich also in die Entschleunigung. Vielleicht eine Mischung?

Meine Lösung kam von ganz woanders her. Ich habe ein Frühstück gegeben mit anderen Müttern. Manche schauen mich immer ganz schief an, wenn ich Sachen genäht oder gestrickt habe. Woher du nur die Zeit nimmst. Ich zucke mit den Schultern und das Gespräch plätschert weiter. Und da kommen dann Schundromane und Freizeitliteratur dran. Ich frage höflich nach den Autoren. Und habe in meinem Leben schon viele Bücher gelesen.Aber das ist eine ganz schön lange Zeit her. Und habe dann keine Lust mehr und sage einfach: Ich lese nicht mehr.

Große Augen.

Gut, so dramatisch ist es nicht, aber ich lese fast nichts. Vielleicht zwei Bücher im Jahr wo mal 20 waren.

Und da fällt es mir auf: deswegen habe ich Zeit, so viele Dinge zu nähen. Ich habe das Lesen aufgegeben.

Das klingt jetzt für die einen dramatisch und für die anderen weniger dramatisch, steht aber exemplarisch. Ich habe noch ganz andere Dinge einfach aufgegeben. Und wie wir untereinander annehmen, dass niemand die wirklich wichtigen Dinge aufgibt, sondern nur so was Zweitraniges wie  ein perfekt aufgeräumter Kleiderschrank – nein, das ist eben nicht so.

Der goldene Topf am Ende des Regenbogens ist für mich eher aus Blech.

Die Prioritätenliste besteht weder aus allem noch nur aus wichtigen Dingen.

Man muss auch Sachen streichen,

die wichtig sind.

Einfach streichen – weder gut irgendwo reinplanen, noch die Liste neu ordnen. Manche Sachen verpasst man einfach.  Und einen Haufen Sachen sind einfach auch nicht die eigene Wahl. Manche Sachen verschwinden und man trauert ihnen echt ne lange Zeit nach. Und denkt, man würde es schon hinkriegen, wenn man besser plant oder wenn man die Prioritätenliste neu sortiert. Bullshit. Du wirst einfach damit leben müssen.

Damit gut zu leben, damit zufrieden zu sein – ich glaube, dass ist wahre Entschleunigung.

Ich weiß, dass ist jetzt politisch total unkorrekt, aber schau dich doch um. Keiner hat alles und die, die Glück hatten, durften wählen. Manche stopfen ihr Leben voll mit total unwichtigem Zeug, aber finden es halt selber wirklich wichtig, dreimal die Woche mit Mausi zum Ballett zu gehen. Neid ist ein ganz guter Wegweiser.  Die Menschen, auf die wir neidisch sind, haben alle ihre dunklen Flecken.

Eine Freundin von mir bewundert total eine andere Mutter. Wirklich, ein flauschiger Freizeitpark für Kinder ist sie. Total viele tolle Aktionen – meine Freundin hechelt immer ein bisschen hinterher. alles scheint perfekt: ein Beruf, Kinder, Vereinbarkeit, schöne Wochenenden im Grünen – a modern utopia.

Meine Freundin ist neidisch. Sie will auch einen Vollzeitjob mit ausgeglichenen Kindern und spannenden Ausflügen haben. Sagt sie, während sie mir ihr eingekochtes Gemüse, selbstgebackenes Brot und ihre Marmelade vorbeibringt.

Dann war sie einmal bei der Flausche-Mutter zu Hause und erzählt mir, dass sie fast der Schlag getroffen hat, so ein Chaos war da. Und meine Freundin kann Chaos. Wenn sie von Chaos sprich, dann hat das eine ganz andere Qualität als  ein paar staubige Regale. Wir haben lange über unseren Hochmut gesprochen. Wir haben der Mutter halt einfach unterstellt, dass sie alles hinkriegt, aber jeder lässt was los. Und niemand ist perfekt. perfekt ist nur, wenn du selbst entscheiden darfst, welche Sachen du aufgibst: Partynächte, Jobs, Staubsauger – alles eine Frage der Perspektive. Und eine Frage der Bewertung. Die Gesellschaft, in der du dich bewegst, findet es manchmal scheiße, welche Sachen du aufgibst und zwingt dich dann dazu, diese toten Felder aufrechtzuerhalten. Das ist dann der echte Stress, aber das sprengt jetzt dann den Rahmen…. Ich sag nur so viel:

Wähle klug und solange du kannst.

Da fällt mir ein anderes Sprichwort ein.

Eines, dass vielleicht viel ehrlicher mit dem Leben umgeht.

 

 

 

 

Ein Augenblick am Freitag: Freitags-Füller

 

Barbara von scrapimpulse stellt jeden Freitag einen Lückentext auf ihren Blog. Der Freitags-Füller. Ich habe ihn heute mal zu mir geholt. Lückentexte sind gar nicht so einfach. Manchmal sitzt man da schon eine Weile da und weiß genau, was für da für ein Text jetzt passen würde, aber findet es auch zu ehrlich, den so reinzuschreiben. Ich habe es trotzdem versucht.

Der Geruch von einer mit beißender Kinderkacke gefüllten Windel war der erste Geruch heute morgen.

Irgendwie ist dann der Kaffegeruch dreimal so gut und ich schiebe vieles auf die gestrige Impfung,die ich befürworte, die nächste auch, aber bitte erst im nächsten Jahr.

Nein, wir werden nicht jammern, sondern das neue Album von Marianne Faithful beim Frühstück hören. 

Für die kleinen perfekten flüchtigen Augenblicke , die so vergänglich sind, dafür bin ich dankbar.

Gestern  habe ich Brotteig angesetzt, den werde ich jetzt gleich verarbeiten. Auf Brotgeruch freue ich mich immer am meisten.

 Brot zu backen fällt mir inzwischen leicht, Ich bin halt der SauerteigTyp. Ich komme mit Hefe nicht zurecht. Ich finde, Hefe ist zickig. Braucht die richtige Temperatur, musste genügend lange kneten lassen und genau lange genug gehen. Sauerteig hat nicht so viele Allüren, ist zwar langwieriger, aber verzeiht mehr. Hefe führt sich auf wie eine Diva, lächerlich.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den Martinsumzug im Kindergarten , morgen habe ich geplant, nichts zu machen und Sonntag wollte ich alle überreden, schwimmen zu fahren. 

 

Patchwork von Uwe Rosenberg: Spiel für Alle

Die Tage werden länger, die Kinder größer und irgendwann kommt die Stunde, auf die erwachsene Spieler warten: Kinder, die Erwachsenenspiele mitspielen und toll finden.

Yeah!

Eines meiner persönlichen Lieblingsspiele ist das 2-er Spiel *Patchwork* von Uwe Rosenberg. Ok, thematisch auch nah an mir dran, denn es ist tatsächlich *Patchwork* im Sinne von *Flickennähen* gemeint.

Bei Patchwork baut jeder Spieler aus verschiedenen *Flicken*, die man nach einem einfachem Muster erwerben kann, einen kleinen Teppich zusammen. Ein *Bauspiel*, bei dem es mal nicht um Rohstoffe wie Fisch oder Lehm geht, sondern um ein Quadrat. Sehr abstrakt eigentlich.

Das Spiel ist hochwertig gemacht, die Währung sind Knöpfe und Zeit. Herrlich.

Im Netz sind  manch männliche Spieler davon begeistert, weil es sehr geometrisch, klar und strategisch ist und die hübschen Fleckenuntensilien, die ich ja schön finde, wohl grundsätzlich ignoriert werden.

Meine Quelle für neue Spiele und Rezensionen ist der youtube-Kanal

„Hunter  & Cron“.  , die hier mit einer Bestenliste verlinkt sind. In dieser Top 10 aus dem Jahre 2016 liegt *Patchwork* bei meinen beiden liebsten Nerds aus den 90ern auf Platz 1. Die Spielerszene ist echt begeistert und so sind wir es hier auch. Vor allem, weil das Spiel eben kein *Kinderspiel* ist, sondern einfach ein Spiel. Für alle.

Andere Artikel zum Thema Brettspiele aus diesem Blog:

Spiel für Kinder

Spiel für zwei Spieler

 

Da es echt so eine Sache ist mit den glücklichen Momenten und weil sie manchmal selten sind und noch seltener abfotographiert werden, wird dieser Beitrag geteilt auf dem Freu-Tag. Eine Linkparty, gie genau solche Momente sammelt: die glücklichen.

 

Goldener Oktober

Lange Zeit war es still auf meinem Blog. Heute haben wir alle Kinder gepackt und sind auf einen langen Oktoberspaziergang gegangen. Da hat mich wieder ein wenig die Lust gepackt. Die Lust, dass Netz mit etwas von mir zu füllen.

Goldener Oktober. Überall Menschen. Bis auf hier.

Ich mag die unschönen, stillen Dinge in Bayern. Die, die sich nicht herausputzen für die Gäste und die Welt. Jene, die abseits liegen.

Die Dinge, die ein bisschen nach Hinterkaifeck riechen.

In München gab es auch solche Ort. Fast verschwunden hinter Geld, Mauerputz und dem neustem Schrei. Hier sind sie auch. Nur weiter.

Manchmal muss man einfach nur hinschauen. Und dann sieht man es.

Ich stelle mir oft die Frage, wie unterschiedlich wir alle die Welt sehen. Welche Details dem einem auffallen und dem anderen nicht. Warum etwas wichtig oder unwichtig ist und worauf es eigentlich ankommt.
Das ist mein Detail.

Liebster Award

Hier, im Netz, im Cybermeer, da gibt es auch sehr sonderbare Freundschaften, die eigentlich nur in dieser seltsamen Zwischensphere existieren. Man liest sich, kommentiert ab und zu, nickt sich über die virtuelle Kaffeetasse hinweg zu. So eine Freundin ist mir Uli von lowredeyes . 

Letztens hat sie mich beim Liebsten Award nominiert. Das ist im Prinzip ein Kettenbrief, der von Blog zu Blog weitergereicht wird und der Witz ist, dass man Fragen zu sich selbst und seinem Blog beantwortet. Uli hatte folgende 11 Fragen für mich und – obwohl ich jetzt bisschen gebraucht habe – beantworte ich sie meiner Blogfreundin selbstverfreilich.

Warum bloggst du?

Na ja, man fängt halt irgendwann an. Mit einer Idee, manchmal wird man auch von anderen dazu überredet. Ich habe zuerst die Idee gehabt, mein Handarbeitszeug in Netz zu spülen. Irgendwann habe ich meinen ersten richtigen Beitrag geschrieben und irgendwie gab es immer Themen, über die ich weiter schreiben konnte. Wie ein persönlicher Fluss.

Welche Blogs liest du?

Seitdem ich vor Jahr und Tag mal bei der Kaffeerunde zum Samstagskaffee mitgemacht habe (eine wöchentliche Linkparty) lese ich immer noch ab und zu jene Blogs, die sich damals dort regelmäßig eingefunden haben. Nicht ganz so regelmäßig, aber immerhin. Ich mag Blogs mit was vom eigenem Leben, eine Geschichte über den Alltag von jemand anderem. Gerne auch, an was jemand arbeitet und warum. Ich mag persönliche Blogs.

Was magst du nicht am Bloggen?

High fashion victims. Die ganz große Nummer. Blogs mit Glitzer Glitzer. Für mich mag ich nicht, dass es sehr rau hier im Meer werden kann. Es gibt Leute, die pöbeln gerne. Also mag ich am bloggen die beiden Extreme nicht: Unhöfliche Menschen und oberflächliche Menschen

Welcher ist dein Lieblingsbeitrag, den du veröffentlicht hast?

Mein eigener? Puh, keine Ahnung. Immer der letzte, glaub ich.

Was kann dich im real life auf die Palme bringen?

Alles Mögliche, wenn ich nicht gut geschlafen und richtig gegessen habe. Gar nichts, wenn ich gut geschlafen und richtig gegessen habe….

Welchen Promi findest du richtig cool?

Die Prominenz, die Prominenz…hmmmm, ich bin nicht so der Prominente, aber ich mag ein paar Fernsehköche. Ich habe mal einem im Kaufhof gesehen. Der wollte Nagellack für seine Freundin kaufen und hat sich dabei so angestellt wie viele Männer (rot? einfach nur rot?) Das fand ich in dem Moment cool.

Was ist dir richtig peinlich?

Das ist eine schwierige Frage, weil man ja Dinge, die einem peinlich sind, nicht unbedingt immer vor Augen hat. Die überfallen einen ja im unrichtigen Moment und es wird einem ganz heiß und kalt. Ich war schon oft in einzelnen peinlichen Situationen, die ich dann im Nachhinein immer wieder überdenke. Inzwischen kann ich aber solche Momente schneller loslassen, weil ich weiß, dass am Ende alles vergessen wird. Nichts bleibt ewig. Weder das Gute noch das Schlechte.

Kannst du singen?

Mein Baby findet schon. Ich bin eine normale erwachsene Frau, ich finde es toll, wenn sich jemand zu singen traut und stimme gerne mit ein, aber so ganz alleine, das bin ich nicht.

Wenn du an dein 10-jähriges Ich zurück denkst – was hat sich verändert?

Alles. Nichts. Vor 10 Jahren habe ich gerade geheiratet, mein Studium beendet und ich lebte in meinem Stadtviertel. Heute bin ich seit 10 Jahren verheiratet, habe 3 Kinder und die Wenigsten wissen, was und ob ich studiert habe. Manche Dinge sind unwichtig geworden und ich hätte gern damals schon gewusst, dass sich alles immer verändert.

Was würdest du gerne können?

Schneller stricken. Ich bin so eine lahme Ente beim Stricken. Es ist furchtbar.

Deine Message an die Welt?

Ich habe keine Message. Und erst recht nicht an die Welt. Ich finde, jeder sollte sein eigenes Glück suchen. Insgesamt sollte die ganze Welt leiser werden. Ach doch, in irgendeinem Theaterstück kam der Satz mal vor: Beruhige dich, so wichtig bist du nicht. 

Im Herzen ein Quilter: Patchwork vor der Türe

Die Hauseingänge der Frauen hier sind voller Holzherzen oder sonstigem Deko-Graffel. Vögelchen oder Waschzuber mit Blumen sind auch schon vorgekommen. Mich hat das genervt. Vor allem, weil mein eigener Eingang keine Dekorationsoase ist. Ich habe auch keinen Schreiner zum Ehemann, der mir zu irgendeinem Jubiläum ein Holzherz schenken tät. Obwohl ich viele Hinweise gegeben habe, hab ich auch keine Blumenschale zum Rausstellen bekommen. Meistens lagerte dort Müll. Und Kinderfahrräder.

Jetzt hat sich das geändert. Ich bin zwar kein Handwerker, der seine eigenen Keramikschüsseln töpfern kann, aber ich kann mit Nadel und Faden umgehen.

Dieser Quilt, der liegt hier rum seit 2010. Vor dem Haus, vor den Kindern. Der Quilt bestand nur aus Blöcken und sollte ursprünglich ganz anders werden, aber er war immer ein bisschen zu spießig, um ihn tatsächlich fertig zu machen und so habe ich ihn irgendwo vergraben und jetzt – nachdem ich im Land der Outdoor-Deko-Herzen gelandet bin, da habe ich ihn doch noch fertig gestellt und jetzt hängt er vor der Tür. Kann man jetzt Angeberei nennen, erfreut aber trotzdem mein Herz, wenn ich nach Hause komme. Ein Quilt ist das Erste, was ich von zu Hause sehe.

Samstagskaffee mit Zucker oder: der neuste Schrei ist zuckerfrei

Ernährung ist ja in unseren Tagen eher eine spirituelle Frage. Sinnsuche im Bodymassindex. Da reicht es einfach nicht mehr, Freitags halt Fisch zu essen, um religiös zu wirken. Da muss schon mehr her für das innere Chi. Chia-Samen zum Beispiel oder Tofuwurst.

Ja, ich beschäftige mich gerne mit den neuen Göttern der Ernährung. Vor ein Paar Jahren war *Vegan* das neue Vegetarisch. Als ich als Teenager in einer katholischen Schulmensa zu Mittag gegessen habe und alle Formen des Fertigpuddings bis hin zum Mangogeschmack kennen lernen durfte, da hat ein Mädchen verlangt, ab jetzt vegetarisch essen zu dürfen. Es war ein Riesenthema. Vegetarisch! So eine Rebellin! Was ist mit dem Freitags-Fisch? Und geht jetzt Hühnchen noch? Die Schülerinnen durften darüber abstimmen, ob die Schulmensa ihr eine vegetarische Variante des Mittagessens ausgeben durfte oder nicht. Ich stimmte dagegen. Aber mehr aus persönlichen Gründen als aus politischen: ich galt als ihre beste Freundin und Schwester Lioba vermutete, dass ich zu abhängig von ihr war. Indem ich dagegen stimmte, wollte ich der Schwester zeigen, dass ich nicht so unter der Fuchtel stand  wie sie meinte. (Mein Sohn hat jetzt übrigens das gleiche Thema. Er wird immer als derjenige wahrgenommen, das unter der Fuchtel seines Zwillingsbruders steht. Aber so wenig wie ich damals, so wenig ist er es heute: kopflos.) 

Gut, ich würde mich mal interessieren, was man heute für Rebellenernährungen durchziehen könnte als knapp 12Jährige: Vegan? Paleo? Oder der neuste Schrei: Zuckerfrei.

Anastasia Zampunidis hat ein Buch darüber geschrieben. eine Mischung aus Biographie und Ernährungsberatung. Ihre Geschichte mit dem Zucker.

Anastasia wer? Ja, meine Generation kennt die Frau schon. Sie war Moderatorin bei MTV und mir kam sie aber auch nur vage bekannt vor. Ich kannte sie nicht wirklich, aber ich hab das Gesicht schon irgendwo mal gesehen. Sie ist 15 Jahre älter als ich, hatte also eine Karriere als ich anfing, dieses Wort schreiben zu lernen. Irgendwie habe ich sie bestimmt in der einen oder anderen Sendung wahrgenommen.

Ich habe angefangen, ihr Buch zu lesen. Das fällt mir bisschen schwer, weil ich diese Art von Lebensberatung trifft F-Prominenz nicht besonders gerne habe. Aber diese kinderlose Frau mit einem Jetset-Job ist genau das, was mir im Moment gefehlt hat. Sie kommt von einem anderen Stern. Ich kenne diese Frauen nicht, ich treffe sie nicht in meinem Alltag und ich vermisse sie auch nicht, aber ich bin froh, dass es sie gibt. Liga Beyonce-Frauen: Girls, we rule this world. Und so weiter und so fort. Frauen mit handelsüblichen Karrieren: Damen hoch.

Gut, Anastasia hat den Zucker für sich entdeckt. Sie hält ihn für reines Gift und nennt ihn im gleichen Atemzug wie Koks. In ihrer zuckerfreien Ernährung geht sie sehr sehr weit: bis in die traditionelle chinesische Medizin hinein und sie beschäftigt sich mit ihrem Chi und mit veganer Ernährung und mit der Fünf-Elemente-Küche. das Chi muss fließen, das ist uns allen klar.

Nur wie wir es zum Fließen bringen, das ist schwierig und sie räumt ein, dass man in Kantinen und bei Backstage-Catering  selten zuckerlose Gerichte findet. Das finde ich süß. (An dieser Stelle sei auf das Buch verwiesen, dass auch irgendwo auf unsere Sprache eingeht und sagt, dass man *süß* immer mit positiven Eigenschaften verbindet und wie falsch das doch wäre.) ich finde es süß, weil ich vor 10 Jahren das letzte Mal in einer Kantine gegessen habe und ich noch nie ein Backstage-Catering gesehen habe, aber ich habe auch ein anderes Leben geführt. Vielleicht fällt es mir leichter, Zucker aus meiner Ernährung herauszulassen, vielleicht fällt es mir schwerer. Vielleicht hat Anastasia auch keine Ahnung, dass es tatsächlich Leben gibt, die mit Kantinen nichts zu tun haben. Oder mit Restaurants.

Manches aus dem Buch hat mich aber doch zum Nachdenken gebracht. Zum Beispiel, dass es wirklich immer in Ordnung ist, einem anderen zum Geschenk ein bisschen Zucker mitzubringen. In Form von Pralinen oder von Gummibärchen. Zucker geht immer, in allen Generationen.

Oder dass man Kinder gerne mit Zucker belohnt oder bestraft. Meine innere Mutter schreit da natürlich auf und sagt: Niemals, das tue ich nicht. Und dann tue ich es doch. Bei uns gibt es Nachspeise und das ist eigentlich immer so Zucker pur: gefroren oder in Gelatine oder so. Und wenn jemand sich nicht an die Regeln hält, dann sag ich schon: Dann ist halt deine Nachspeise gestrichen. Und ich streiche die sehr gerne. Ist so schön effektiv, weil die kleinen neuen Zuckersüchtlinge natürlich dann sofort spuren.

Ich schaue also von meinem Buch hoch und sage meinen Kindern so nebenbei mal beim Frühstück: Bei uns gibt es jetzt nur noch sonntags Nachspeise. 

Im ersten Moment dachte ich, jetzt bricht der Sturm los. aber meine Kinder haben nur gefragt (weil sie eben eine Bestrafung witterten:) Wieso?

Dank dem Kindergarten und bestimmten Vorwissen habe ich nur geantwortet, dass zuviel Zucker ungesund sei. Ah, ungesund. ja, damit können sie was anfangen. Und sie zuckten mit den Schultern und sagten : Okay.

Okay, echt? Ich entziehe euch das Nachmittags-Eis und dann krieg ich nur ein: Okay?

Aber es ist seit zwei Wochen wirklich nur ein Okay gewesen.

In der ersten Woche kam dann eine kleine Delegation in die Küche und hat nochmal diplomatisch nachverhandelt: Ist jetzt Süß an sich ungesund oder nur Zucker? Das fand ich sehr interessant. Sie machen da schon Unterschiede und sehen ein, dass Äpfel an Bäumen wachsen aber Marshmallows halt nicht. Und das das schon was mit gesund und ungesund zu tun hat: ob es an einem Baum hängt oder nicht.

Sie wollten dann an meinen persönlichen Vorrat Trockenobst und Nüssen, haben alles durchprobiert und verlangen jetzt Datteln, weil se Datteln und Cashewnüsse mögen, aber keine Walnüsse und so schaue ich erstaunt auf meine Kinder, die sich echt gut anpassen können. Und dann halt Studentenfutter statt Gummibärchen in sich reinstopfen.

Und ich fühle mich ertappt, weil ich so einfach Dinge verändern kann von denen ich glaubte, sie wären so wichtig. Wie eben das Nachmittagseis. Aber das war nur mir wichtig, weil ich mir ja auch ganz gerne eines *gönne* weil ich ja so schwer arbeite und mich eben auch mit Zucker belohne.

Richtig an dem Buch ist auch, dass Zucker inzwischen wirklich überall beigemischt wird und man praktisch nur eine Chance hat, indem man viele Dinge selber kocht und vorbereitet. In unserem Naturjoghurt ist Zucker, in Müslis sowieso, in Tomatensoße, in Senf, in Suppenwürfel. Das wußte ich schon, aber das macht mich immer nochmal extra wütend. Ich schmecke salzige Brühwürfel und dann ist da immer noch Zucker drin. Irgendwie gemein. Hinterhältig. Zuckerdamönen.

Überall gibt es sie und so schaffen wir es halt auf durchschnittlich 30 Kilo Zucker im Jahr.

Es hilft also wenig, seinen Kaffee ohne Zucker zu trinken, aber damit kann man ja mal anfangen. Und auch sonst so einfach mal mehr auf seinen inneren Zuckerhund zu schauen. 30 Kilo im Jahr sind auch einfach zu viel. Wie man dem entgeht ohne sich selbst zu kasteien, das macht mich schon nachdenklich. Und lässt man Zucker mal für ne Zeitlang weg, dass schmecken Datteln tatsächlich extrem süß.

Ich glaube auch wie Anastasia, dass wir Opfer der Industrie sind, die uns sagt, wir hätten keine Zeit, um Dinge selber zu machen. Wir bräuchten die Industrie mit den 1000 verschiedenen Joghurtsorten und den Fertigprodukten, weil wir sonst unser modernes Leben nicht mehr leben könnten. Dabei ist nicht Zeit das Problem, sondern nur Geduld. Ich glaube, dass wir alle wenig Zeit haben, aber wir können eine Menge Zucker weglassen, indem wir Geduld aufbringen. Einen Joghurt zu machen kostet keine 8 Stunden Zeit, aber 8 Stunden Geduld halt.

Ich denke, ich finde das Buch von der MTV Moderatorin inspirierend und dämlich zugleich. Inspirierend, weil richtige Dinge drinstehen über die man mal nachdenken könnte. Dämlich, weil Zucker nicht aus der Hölle kommt und man Kindern nicht vegan und mit Kräutersud groß bekommt.

Aber ich finde es mit Lesen dieses Buches auch folgendes seltsam und da bin ich Anastasia schon ein bisschen dankbar, dass es mir auffällt:

So ne Dokumentation lief dieser Tage im Fernsehen. Es ging um einen Magersüchtigen Teenager. Der lebt in einer Einrichtung und muss jetzt zunehmen. Er und seine Therapeuten stehen in einer bayerischen Konditorei und er muss sich was aussuchen und es essen. Das scheint irgendwie ein Therapieerfolg zu sein, dass er wieder Torten isst. Lebensfreude mit Zucker und so. Kameraschwenk auf die Kuchentheke: Bienenstich, Sahnetorte, Himbeerschnitte. Die Therapeuten spricht mit leiser Zunge zu ihm: Geh, das ist jetzt schwierig für dich, oder? er tippelt von einem Fuß auf den anderen und weint ein bisschen. Ja, sagt er, das ist schwierig.

Das Buch von Frau Zampounidis würde ihm jetzt ein wenig recht geben. Sie findet die zuckerlastige westliche Fett-Ernährung nämlich alles andere als normal und gut für unseren Körper. Sie würde jetzt ihm NICHT recht geben, denn gar nichts essen ist keine Lösung.  Aber sie fände es bestimmt unverantwortlich, dass er sich ausgerechnet an Zucker (zurück) gewöhnen muss. Vielleicht sollte man ihm eher ein paar Datteln geben und ihm Milchreis mit Honig hinstellen. Vielleicht hat er recht, wenn er sagt, er findet diese Torten ekelig. Vielleicht sollte man ihn lassen und ihm sagen, dass unser *Normal* auch nicht mehr normal ist, aber das gar nichts essen auch nicht hilft.

Ach ja, mein Samstagskaffee beschäftigt sich wieder mit den großen Fragen der modernen Götter: Du bist was du isst. Und tief in mir weiß ich, dass all diese Fragen lächerlich sind, denn es ist Luxus, gegen die Zuckerdämonen kämpfen zu können. Wir alle leben im Luxus. Wer aussuchen darf, was er zu sich nimmt, der lebt auf der Sonnenseite dieses Planeten. Und so muss ich langsam zum Schluss meines Samstagskaffees kommen und die Linsensuppe auf den Herd stellen. Es wird ja schon Mittag hier.

Fortsetzung folgt bestimmt.

 

 

7 Sachen Sonntag

Es gab ja mal einen Blog, der bereits vor Jahren geschlossen wurde. Er hieß *Frau Liebe – 24 Stunden, 4 Hände* oder irgendwie so in die Richtung. Frau Liebe hat immer sonntags Fotos ins Netz gestellt, die so einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben zeigten. Obwohl die Regel ja war, dass es 7 Sachen sind, die man an dem Tag in Händen hält, musste es bei dem Wetter auch ein Stück Himmel sein.


Samstagskaffee 

Heute ist Backtag. Brotbacktag. In meinem Kühlschrank lebt ein Sauerteig. Diese Sauerteig ist wie der Atem dieses Hauses.

Es ist 10:00 Uhr morgens und ich bin sehr müde. Wir waren heute schon beim Friseur wegen der Jungs und haben Fleisch beim Metzger des Ortes gekauft. Mein Mann ist nach dem Frisörtermin in die Arbeit gefahren und die Kinder packen ihr Gästegeschenk von einem Kindergeburtstag aus.

Ich trinke Tee und diktiere diesen Artikel meinem Handy, während ich die Hand meines Babys halte und er mich angeguckt als würde ich ihm diese Geschichte erzählen.  Mein Baby ist auch sehr müde. Er mag aber nicht so gerne einschlafen, deswegen sitze ich hier, trinke Tee und rede.

Ein Brot zu backen dauert drei Tage.

Am ersten Tag hole ich einen Teil des Sauerteiges aus dem Kühlschrank und lasse ihn draußen stehen. Ich gebe ihm ein bisschen Mehl und ein bisschen Wasser und hoffe, dass er sich vom Kühlschrank erholt.

Am zweiten Tag gebe ich ein Teil des Sauerteig es in den Vorteig. Diesen lasse ich wieder den ganzen Tag stehen.

Und heute, am dritten Tag, gebe ich den Vorteig zu dem Hauptteil und knete ihn, lasse ihn wieder für ein oder 2 Stunden stehen und knete ihn wieder und lasse ihn wieder stehen. Brot backen hat nur etwas mit Zeit und Geduld zu tun. Die Zutaten sind Wasser, Mehl, Salz und Zeit.

Das hört sich so ermüdend an, dass mein Baby jetzt eingeschlafen ist.

Zeit ist sowieso so ein Thema. Zeit verwandelt Mehl in Brot. Zeit verändert Menschen. Zeit verändert Beziehungen. Zeit macht viele Dinge besser. Hat man mehr Zeit, wird es halt ordentlich.

Manchmal ermüdet mich die Zeit auch. Wenn Sachen so festgefahren scheinen und es sich eben nicht verbessert, sondern immer weiter verhärtet.

Ich bin mit einem Verwandten gerade im Streit und die Zeit, die alle Wunden heilen sollte, macht es nur immer schwieriger. Da wird kein Brot mehr gebacken werden. Da fragt man sich manchmal, wo der Anfang ist und wo das Ende.

Ich frage mich, was so die schlimmsten Dinge sind, die man mir sagen könnte. ich frage mich auch, ob man die schlimmen Dinge mit der Zeit eher vergisst oder ob es die guten sind, die man eher zur Seite schiebt. Oder ob dazu nicht auch Wille gehört. Möchte man eben die guten Dinge vergessen oder die schlechten?

Ich vergesse die schlechten Dinge immer eher zuerst. Deswegen trauere ich auch so ewig alten Freundschaften hinterher oder bestimmten Zeiten. Ich bin kein nachtragender Mensch. Ich trage niemandem schlechte Gefühle hinterher. Ich denke immer, dass man aus Zeit Brot machen kann.

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