Kategorie: Tagebuch (Seite 3 von 19)

Vera und Peter, Teil 2

Vor einem Jahr trennten sich Vera und Peter. Ich habe euch davon erzählt. Seitdem trennte sich keiner mehr. Es war kurz ein Ducken unter meinen Freundinnen zu bemerken. Ja, ich kann es nicht anders ausdrücken. Es war ein Ducken. Man ging in Deckung, ob es jetzt ein Trennung-Rundumschlag gäbe oder nicht.

Vera ist verschwunden. Sie und die Kinder, wobei Kinder. Schon damals war Emma ein halber Teenager. Sie ist nur noch selten auf Facebook zu sehen. Manchmal kriege ich ein Instagram-Foto verlinkt. Ein Croissant auf einem Teller, Blumen auf einem Tisch, irgendein Park. Nepomuk-Leons Kindergeige. Aber richtig gesprochen oder auch nur gechattet haben wir lange nicht mehr.

Peter und Marta hingegen haben zu Ostern ihr erstes Kind bekommen. Marta, ihr erinnert euch. Die Frau, die die Orchideen nicht verrücken soll. Es ist ein Mädchen. Eine Leonie. das weiß ich aber auch nur aus der timeline meines Mannes.

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Süß

Herzlichen Glückwunsch

Und ich kann das hier auch nur erzählen, weil ich weiß, dass weder Peter noch Vera eigentlich genau wissen, wer ich bin. Ich bin irgendein Gesicht von früher. Eigentlich sollten wir keinen Kontakt mehr haben. Das wäre auch nicht schlimm. Das wäre echt nicht schlimm, aber manche Leute bleiben ja in einem Social-Media-Profil hängen wie Fliegen. Über Jahre. Zombie-Freundschaften.

So, nun weiß ich also von Leonie. Und natürlich muss ich irgendwie lachen. Nochmal von vorne. Ob Peter so der Typ dafür ist? Früher dachte ich, Vera und die Show wären schon zu viel für ihn, aber jetzt nochmal von vorne? Gut, alles ist beim nächsten Kind sowieso anders. Und wer weiß schon, wer Marta ist.

In meiner verstaubten whatsapp-Gruppe wurde nun zu Ostern wieder mal was geschrieben. Vor einem Jahr die Trennung, jetzt das Kind. Der Ton ist gehässig. Bei der Trennung waren sie noch geschockt und fuhren an dem perfekten Traumpaar Vera und Peter wie Gaffer bei einem Horror-Unfall vorbei. Jetzt gab es wieder eine Runde.

Habt ihr das mit Peter mitgekriegt?

Was denn? 

Leonie!!!!

Ja, genau. Er ist nochmal Vater geworden. 

Krass. Weiß jemand, wie es Vera damit geht? Sonja? Hast du noch Kontakt?

Hmmm, Ich hatte mal Weihnachten mit ihr telefoniert. Eigentlich geht es ihr ganz gut. Es wär halt in Hamburg so als ob sie nie weggewesen wär. Blabla. Aber ihr kennt doch Vera! Weiß doch keiner, wie es ihr wirklich geht. 

Ja, das ist halt auch ihr Problem. Immer ein Lächeln- Kein Wunder, dass Peter ausgestiegen ist. 

Peter ist halt auch eher so der Holzfäller-Typ. 

Aber jetzt noch ein Kind! Der geht doch auch schon auf die 50 zu. 

Jetzt übertreib nicht!

Gestern Abend  – mit meiner Schokolade auf der Couch und dem ausklingenden Tag im Nacken – da fiel es mir plötzlich auf. Ich fragte mich, wie es umgekehrt wäre. Wenn Vera ohne Kinder gegangen wär, und jetzt eine Leonie im Arm halten würde von ihrem neuen Freund. Und Peter einen Instagram-Akkount mit Nepomuk-Leons Geige hätte. Ich kann den Aufschrei fast hören.

Erzähl mir von deinem Auszug von Zuhause

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Ich bin öfters von Zuhause ausgezogen. Das erste Mal mit 18 Jahren. Natürlich bin ich danach nicht mehr in mein Kinderzimmer eingezogen, aber ich hatte dann schon immer mal wieder in meinem Leben das Gefühl, ich würde von einem *Zuhause* ausziehen.

Aber die Frage ist ja hier eine andere. Das *Zuhause* ist das, dem wir als Teenager irgendwann entwachsen und unsere eigenen vier Wänden suchen wollen. Mit dem Ende der Schule und dem Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums. So genau war das bei mir nicht. Ich ging noch zur Schule als ich auszog. Von einem Kinderzimmer in eine Wohnung mit Küche und Bad in demselben Wohnblock wie meine Eltern. Ich war da eher passiv. Mein Vater wollte, dass ich ausziehe. Und meine Eltern fanden wohl, dass das weit genug weg, aber nicht zu weit weg war. Ein eher bizarre Situation.

Ich wohne aber nicht gerne alleine.

Diese Erfahrung habe ich da schon gemacht. Sonst war ich echt wenig dort. Ich war in einer Ganztagsschule und hatte einen Nebenjob. Manchmal hatte ich ein paar Freunde um meinen Tisch.

Danach zog ich in meine erste WG. Ein Herzensprojekt. Leider wurde es am Ende dort schwieriger als alleine. Aber das war am Anfang nicht absehbar. Wie bei allen Herzensprojekten sah es erst mal großartig aus.

Diese erste Wohnung war wie ein weit abgelegenes Zimmer. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich dann noch bei meinen Eltern war. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob sie denn oft bei mir waren. Wir haben alle einfach viel gearbeitet. Es war ganz ohne Streit in meiner Erinnerung. Und ganz Unspektakulär.

Mein eigener Geburtstag

Dieser Tage bin ich wieder ein Jahr älter geworden. Das ist gut. Ich bin dann ganz gerne weg. Im Urlaub. Feiern ist nicht so mein Ding. Obwohl, manchmal schon, aber ich feiere nicht so gerne auf Befehl. Meine Kinder sprechen schon seit einem halben Jahr von ihrem Geburtstag. Herrlich, wenn man ein Kind ist.

Je älter man wird, desto mehr Verluste erleidet man. Den der Jugend ist am offensichtlichsten. Aber auch unbemerkte Narben. Ich habe einen Haufen Kaffeetassen. Von verschiedenen Studentenparties übrig geblieben, Geschenke zum Geburtstag, längst vergangene Freundschaften. Nicht alle gingen gut aus.

Aber manchmal denke ich, es ist nicht notwendig, diese Tassen wegzuräumen. Es ist auch nicht notwendig, sich nicht daran zu erinnern. Ich habe besonders eine, die mich an einen Menschen erinnert, der harsche Kritik an mir übte. Ich kann nicht sagen, dass ich da nicht immer noch darüber nachdenke. Aber ich habe auch Tassen, die mich an das Hier und Jetzt erinnern und die nur mit netten Sachen über mich gefüllt sind. In meinem Geburtstagsmonat trinke ich nur aus diesen. Und aus diesem Grund stelle ich sie zum Freutag.

 

 

Kartenhalter für Kinder mit Täschchen für UNO

Kartenspiele gehören weniger zu den beliebten Spielen hier. Dabei ist ein Haupthindernis, dass die Zwerge halt die Karten nicht *schön* halten können. Und deswegen habe ich mich mal auf die Suche gemacht, was pinterest und co. zu dem Thema *Kartenhalter* nicht alles zu bieten haben.

Ich wurde fündig bei good weibs mit einem freebook/ Tutorial

Keine Ahnung, wie es dem Rest der Welt geht, aber meine innere Vorstellungskraft geht nie so weit, dass mir die Sache beim bloßen Durchlesen eines Tutorials schon klar ist. Ich folge meistens Schritt für Schritt der Abweisung und denke dann zwischendurch: Ahhhh, ok….soso….

Deswegen bin ich sehr überrascht, dass der Kartenhalter so geklappt hat. Lese ich mir die Anleitung nämlich einfach nur durch, dann versteh ich nur Bahnhof. Aber, wenn man dazu immer wieder genau das macht was da steht…dann lichtet sich der Wald.

Dazu gab es ein kleines Zaubertäschchen für die Karten.

Diesen kleinen Kartenhalter für meine spielbegeisterten Jungs stelle ich zum mittwochs mag ich und zu Kiddikram 

Augenblick mal, ich rede noch.

Es gibt Menschen, die werden sich nie gut mit dir verstehen. Und meistens entscheidet sich das bereits im ersten Augenblick. Wie tief eine Beziehung überhaupt jemals werden kann. Obwohl man etwas anderes will, obwohl man vielleicht mehr oder weniger will. Das hört sich jetzt so einfach an. Ist es aber nicht. Weil es Charaktere gibt und halt Charaktere. Manchmal ist es total toll, jemanden zu kennen, der Vanilleeis am liebsten hat, während man selber Schokoladeneis bevorzugt.

Ich weiß, plattes Beispiel. Aber vielleicht ist klar, was ich meine. Es gibt Einstellungen und Charakterzüge, die tun einem nicht weh. Die bereichern und öffnen dir einen neuen Blickwinkel auf die Welt. Auch wenn oder gerade weil man ganz woanders steht.
Aber das meine ich nicht.

Ich meine das Ende der Geschichte.
Dann, wenn man sich verliert.
Die Beziehung beendet.
Das Licht löscht.
Aus die Maus.

Als Kind kann man sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich so viele verschiedene Meinungen auf der Welt gibt. Dass man sich nicht aussprechen kann. Dass man sich nicht mehr in den anderen hineinversetzen kann.

Ich bin da ganz schlecht darin. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ich wirklich nix mehr vom anderen verstehe. Ich denke immer, man hat einfach nicht genug geredet. Man muss mehr reden. Mehr zuhören. Mehr erklären.

Ich dachte lange, dass mein erster Freund und ich eine phantastische Freundschaft hätten haben können, wenn wir nicht solche kindischen Idioten gewesen wären. Erst viel später, fast aus heiterem Himmel, hat mich die Erkenntnis getroffen, dass wir echt alles gesagt haben. Zueinander.
Mein erster Freund ist ein Künstler. Nicht der erfolgreichste, aber, wer bin ich, um das heute zu bewerten. Er war schon damals ein Künstler und hat sehr viel gezeichnet. Heute kommt er ab und zu in Zeitungen vor. Ich sehe manchmal Bilder oder Skulpturen von ihm.

Und die Wahrheit ist, dass ich sie nicht besonders mag.

Das klingt jetzt so bitter im Abgang. So, als ob ich die verlassene Ex-Freundin wäre und aus Trotz jetzt alles von ihm Scheiße finden würde. Aber das stimmt so nicht. Ich mochte es noch nie. Ja, und da ist es. Der erste laue Anflug, meine persönliche Verlogenheit und der Grund, warum wir wohl echt alles gesagt haben und nie eine phantastische Freundschaft hätten haben können. Ich habe nur kurz gezögert, beugte mich als Teenager über seine ersten Werke, die er mir rotbackig und stolz präsentierte und er sah, dass ich es sah und das war nur ein Augenblick. Aber er wußte wohl ganz genau, dass ich es nicht mochte. Sand im Getriebe, daraus wurde nichts.

Diese ehrlichen Augenblicke, die man machmal übertüncht. Die erste Reaktion auf jemanden, auf etwas. Dann, wenn man total ehrlich ist. Weil man es im ersten Moment gar nicht übertünchen kann.
Wie schön wäre es, wenn man immer so leben könnte.
Jetzt ist es natürlich ein fast vermodertes altes Beispiel aus meiner Vergangenheit, dass ich hier heranziehe, dass nicht ganz passt. Schließlich hätte er sich entwickeln können, die ersten Versuche in der Kunst hätten ja was ganz anderes sein können. Man muss den Leuten ja auch eine Chance geben. Irgendwo habe ich einen Schuhkarton mit Briefen und Fotos von ihm. Alle 300 Jahre gucke ich sie mir durch und ich lächle dabei. Es war eine schöne Zeit, ich war wer ganz anderes. Ein langhaariges Mädchen, dass Cordjacken trug und nackt im Regen tanzte.

Immer, wenn ich nach München fahre, dann kommen wir von der Autobahn an einer Gaststätte vorbei. Ein Grieche, der wahrscheinlich die nächste Apokalypse überleben wird. Dort haben wir am Ende unsere Sachen ausgetauscht. Ich habe ewig gebraucht, um auswählen, was ich anziehe. Und heute muss ich sagen, es war echt unvorteilhaft. Den Griechen gibt es immer noch. Wie eine alte Frau sitze ich am Beifahrersitz und deute dann aus dem Fenster. „Sieh mal, dass Lokal gibt es immer noch. Dort haben…“ und mein Mann lacht schon und sagt, dass ich das immer sage. Das kann sein. Sage ich das echt immer, wenn wir dran vorbei fahren? Dabei habe ich es im nächsten Moment schon wieder vergessen.

Es gibt Menschen, die sich nie gut mit dir verstehen. Mit den meisten ist es schon von Anfang an klar, dass es nur eine kurze Zeit sein wird. Die kurzen Augenblicke, wo man merkt, dass etwas wirklich Wichtiges nicht verstanden wird. Wie ich meines ersten Freundes Kunst nicht verstanden habe. Das passiert heute fast sanft mit den neuen Gesichtern. Aber was ist mit den anderen? Mit denen, bei denen du erst Jahre später merkst, dass hier Hopfen und Malz verloren ist. Was sind das für Augenblicke, wenn du das erste Mal beschließt die Klappe zu halten, weil es nicht mehr vermittelbar ist. Weil du reden könntest, was du willst. Dein Gegenüber kommt nicht mit mehr Erkenntnis, sondern höchstens mit mehr Verletzungen raus. Ja, das habe ich erst gelernt, da war ich schon erwachsen und ich lerne es noch. Manchmal gibt es Menschen, die werden sich nie gut mit dir verstehen. Manchmal muss man das auch einfach akzeptieren.

Bildquelle: pixabay

Erzähl mir von…deinem Berufswunsch als Teenager

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Manchmal braucht man ja Jahre, um herauszufinden, mit was man eigentlich genau sein Geld verdienen will. Jeder hat auch meistens am Anfang einen anderen Gedanken. In die Welt hinauskommen, die Welt besser machen. Die ersten Gedanken zum Thema *Job* sind ja eher romantisch. Ein Goldschmied hat mir mal erzählt, er wollte etwas machen, was bleibt. Und kämpft jetzt mit der geringen Bezahlung.

Ich kann mich gar nicht wirklich erinnern, ob ich je als Teenager konkret war. Ich glaube, ich wollte lange Zeit….gar nichts. In der Sonne liegen. Dabei hatte ich schon Geld verdient, mit Nebenjobs. Aber so mit Plan?

Ich habe mich mit Pharmazie an der Uni beworben. Ich wollte mal Apothekerin werden. Ich hatte sehr romantische Bilder. Gab es nicht auch Filme zu der Zeit? Irgendwoher schnappte ich auf jeden Fall den Gedanken auf und kaufte mir ein Buch über Chemie. Während meine Wäsche im Waschsalon wusch, versuchte ich, mich für Chemie zu begeistern. Aber ich klappte das Ding wieder zu und lies meine Bewerbung verstreichen. Chemie war nicht mein Ding. Ich kann mir heute auch gar nicht vorstellen, in einem Labor oder tatsächlich in einer Apotheke zu arbeiten. Mein Mann wäre um ein Haar chemisch-technischer Assistent geworden. In unserer Welt denken wir manchmal, dass wir uns dann da getroffen hätten. Auf diesem Weg. Aber es machte ja keinen Sinn, wenn wir beide woanders lang gegangen sind. Klingt jetzt vielleicht unlogisch für den einen oder anderen, aber für uns macht das totalen Sinn.

Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht. Im Kindergarten und in der Kinderkrippe und wollte dann Erzieherin werden. Aber die Zeit kam mir so unglaublich lang vor. 5 Jahre. Nach dem Jahr wollte ich dann doch keine Ausbildung machen, ich wollte doch bisschen an die Uni. Ich hatte gar nicht vor, meinen Abschluss zu machen. Aber letztendlich habe ich fertig studiert.

Meine Berufswünsche als Teenager waren sehr umkonkret und romantisch. Später wurde ich realistischer. Schaute auf Arbeitszeiten und Aussichten. Aber als Teenager hörte ich mehr auf den Klang. Wie der Goldschmied. Vorrecht der Jugend.

Kann man von Glück sagen, dass ich irgendwie die Kurve gekriegt habe. Ich war zwar verträumt, aber nicht faul. Das ständige Was-machen hat doch was gebracht. Gewünscht hätte ich mir für mich aber, dass ich doch mal irgendwo mich informiert hätte. Verschiedene Praktika gemacht hätte, mal aufs Arbeitsamt gelatscht wäre. Aber Hätte Hätte Fahrradkette. Am Ende schaue ich lieber auf die Dinge, die ich habe, statt auf jene, die ich nicht habe.

Erzähl mir von….deiner besten Freundin

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Was ist das für ein Label? Die beste Freundin von jemanden zu sein. Voraussetzung für viele ist eine gemeinsam verbrachte Kindheit. Die verschütteten Geheimnisse und der Teenagerkampf, den man als Zeuge irgendwie mitgemacht hat.

Ich kenne eine solche Frau. Wir schreiben uns ab und zu eine nette Postkarte. Unsere Freundschaft hat bereits in der 9.Klasse einen Knacks bekommen, als ich gesagt habe, dass sie eine dominante Schnepfe sei. Danach gab es mit Anfang 20 einen großen Knall und das war´s im Großen und Ganzen. Es waren aber auch viele Kleinigkeiten zwischen uns, die nicht gepasst haben. Ihr damaliger Freund, zum Beispiel. Ich wurde von ihr überraschend zu ihrem 30. Geburtstag eingeladen, weil ich ja „irgendwie dazu gehöre“. Ich habe mich gefreut. Es ist komisch, an Orte zu kommen oder Menschen wiederzusehen, die man mit 15 kannte. Aber es ist auch nicht einfach. Ich weiß, dass sie immer noch mit den Leuten von früher rumhängt und auf Facebook postet die alte Mädels-clique ab und zu Insiderwitze und Ausgeh-Fotos. Das ist der schwierige Teil. Ich verstehe die meisten Witze noch und ich habe die gleichen Erinnerungen an bestimmte Kneipen in München, aber keiner scheint mich zu vermissen. Ich war nur ein Tagesgast in ihrer Freundschaft. Jemand auf Durchreise.

Ich habe aber auch schon Frauen getroffen, deren beste Freundin nicht Teil ihrer Kindheit war. Erst letztens hat mir eine Mutter aus dem Kindergarten von der Freundschaft erzählt, die man „immer anrufen kann“ und die einem „wirklich gut kennt“. Das hat mich überrascht und seither denke ich, dass es eine Chance auf „wirklich gute Freundschaft“ gibt auch für diejenigen, die sich nicht in der Schule oder beim Kotzen am Klo kennen gelernt haben.

Ich habe eine solche alte Freundschaft. Ab und zu schreiben wir uns Briefe, weil wir einen Tick zu weit weg wohnen. Ich weiß nicht, ob ich sie als „meine beste Freundin“ vorstellen würde. Wobei viele Attribute passen. ich glaube aber, wir kennen uns zu lange für dieses Label. Geht das überhaupt? Wir sind eher wie Schwestern, die unterschiedliche Eltern haben, aber trotzdem so viele dunkle Geheimnisse kennen, das es keinen Sinn macht, keinen Kontakt zu haben. Wieso auch. Es gab so viele Gründe, den Kontakt zu so vielen Zeiten abzubrechen. Wir sind ein gegenseitiges Museum geworden. Manche Moorleiche stellen wir einfach unter einen Glaskasten aus und unterhalten uns ab und zu darüber. Aber wir leben nicht mehr miteinander. So, wie Freundinnen es tun sollten.

Wer Kinder hat, der kennt auf einen Schlag wieder einen Haufen Frauen. Es ist wie eine Schulklasse. Eine Revival. Manche sieht man nur und grüßt, mit manchen hat man engeren Kontakt, aber auch nur, weil sich die Zwerge so gut verstehen und mit manchen fängt man eine Freundschaft an.

Vielleicht auch eine *beste*.

Beides fängt mit T an: Trump und Tupperware

Zwei Stunden bevor die Welt dem peinlichstes Jackie-Kennedy-Double ever dabei zugesehen hat, wie sie ein Gastgeschenk an eine der modernsten Frauen der Welt überreicht hat und diese dann ein bisschen hilflos damit herumhantieren musst (was ICH ihnen *sprich den Amerikanern* hätte sagen können: Frauen, die östlich von Wien geboren wurden, tauchen nirgends auf ohne Pralinen oder so), fand bei mir meine erste Tupperparty statt. Ich finde, dass macht auf so vielen Ebenen Sinn, sich an einem solchen Abend mit Alkohol und Plastik zu beschäftigen.

Ehrlich gesagt finde ich Tupperware völlig überflüssig. Ich friere mein gekochten Suppen in ausgekochten Marmeladegläsern ein und habe stets ein Sortiment an vonderletztenGrillfeierübriggebliebene Plastikschüsseln im Schrank, die ich dann irgendwann auch zurückgebe. Meistens an meine Schwiegermutter, die gerne Sonntagsessen bei mir vorbeigetragen hat. Dass ich außerhalb von Ikea teure Plastikschüsseln kaufe, das ist mir neu.

Aber ich habe hier am Land schnell begriffen, dass Verkaufsparties eine willkommene  Freizeitbeschäftigung sind. Niemand geht allerdings auf solche Parties, weil man die angebotenen Produkte schätzt. Man geht auf solche Parties, weil es einen Rahmen bietet, eingeladen zu werden, Kontakte zu knüpfen und den neusten Klatsch zu erfahren. Manchmal war es an meinem Tisch so laut, dass die Tuppertante Schwierigkeiten hatte, die nötige Aufmerksamkeit für die Vorführung des Turbo-Hexlers zu generieren.

Währenddessen hatte das Jackie-Kennedy-Double wohl die Bibel gehalten und ihr Mann kündigte an, dass Amerika nun wieder great wird. Wobei sich alle fragen, welchen Zeitpunkt mal hier als Vorbild genommen hat. 1962? 1845? 2003? Weiß keiner so genau, geht auf jeden Fall nicht um die Zukunft, sondern um eine Vergangenheit. Nein, halt, während der Vorführung des Turbo-Hexlers hat die kleine Blonde längst gesungen und man ist wohl grad vom Mittagstisch aufgestanden. Wahrscheinlich stand das Kaschmirblau bereits neben der Parade und ein paar Straßen weiter flogen die Steine in ein Fast-food-Restaurant.

Apropos Parade. Auf jeder Tupperparty wird irgendwas vorgeführt. Bei uns war es eine Käsebrot, dass man in einer Plastikwanne ausbacken kann. Ich möchte verschweigen, dass es nicht geklappt hat. Also, es hat schon geklappt im technischen Sinne, sie hat nur den Käse vergessen und deswegen war es eher warmes Mehl in Kastenform. Aber die Plastikwanne hat das getan, was sie hat tun sollen: einen Teig ausbacken. Die nötige Aufmerksamkeit der Damenschaft war nicht mehr vorhanden, obwohl von Bellini bereits zu Wasser gewechselt wurde. Vielleicht bin ich auch eine schlechte Gastgeberin und schenke nicht ordentlich nach, aber ich will ja auch nicht, dass die Damen auf meiner Couch einschlafen.

Aber es war auch viel interessanter, wer nun der neue Freund von der Frau ist, deren Mann bereits wieder getrennt von jemand anderem sei. Danach wurden die weiteren Skandale im Umfeld des Kindergartens durchexerziert. Manchmal ist es erstaunlich, wie viele Informationen zusammenkommen während man durchsichtige Salatschüsseln begutachtet. Irgendwann zwischen dem Skandal um die Mutter mit dem Bastelhang und den Brezen für die Skischule muss es dann soweit gewesen sein: Jackie Kennedy the fake überreichte ein Geschenk von Tiffany an Mrs. America. Ich entschied mich da wohl grad doch für die Salatschüssel. Irgendwann muss ich anfangen, selber Nudelsalat auf Grillparties mitzubringen. Alle bringen schließlich irgendwelche Gastgeschenke mit. Selbst Melania.

Bei Tupperware gibt es Bestellzettel. Du füllst einen Bestellzettel per Hand aus und am Ende wird abgerechnet. Die Tuppertante erzählt mir von Umsatz und Sternen und Gastgeschenken. Meine Damen haben ein paar Sterne zusammenbestellt und ich bekomme jetzt einen Haufen Plastik geschenkt. Ich freue mich. Geschenkt ist geschenkt. Was man nicht brauchen kann, schützt den Regelboden vor Staub.

Die Tuppertante packt ihre Vorführprodukte wieder ein und verabschiedet sich. Da sind wir gerade voll dabei, uns wieder ausführlich um die Menschen zu kümmern, die nicht auf dieser Tupperparty sind. Es wird irgendwann halb zwei und ich muss wieder an Frau Präsident denken. Ein bisschen Plastik zu kaufen ist nicht das Peinlichste, was man an diesem Freitag hat machen können. Man hätte auch auf einer Tanzveranstaltung auftauchen können.

Nun ja, manchmal gerät man auch so rein in Situationen. Wie diejenige am Tisch, die auf einer Tupperware-Party dazu überredet wird, die nächste Veranstaltung zu machen. Die sogenannte Folgeparty. Eigentlich wollte man nur einen netten Abend und schon hat man 10 neue Schüsseln und eine Tuppertante im Haus. So kann es gehen.

Kein wunder also, dass mir heute die Knochen vor Müdigkeit und Kälte schmerzen. Idealer Tag, um einer alteingesessenen Tradition in Bad Tölz zu folgen: dem Besuch des 150jährigen Marionettentheaters. Ich schlaf zwar auf dem Sitz halb ein, kann der Geschichte aber schon noch folgen. Marionetten, denke ich mir. Was für ein passender Abschluss zu dieser Geschichte.

Erzähl mir von…deinem Silvester

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Diesmal konnten wir uns nicht zurückhalten. Wenn unser gemeinsamer Termin schon so fällt, dass wir tatsächlich alle unseren Text für den 1. Januar schreiben, dann mussten wir irgendwie das Thema zum Thema machen: Silvester, Neujahr, die Party des Jahres.

Ja, das war mal ne Party. Dieses Jahr sind wir an irgendeiner Kinderkrankheit erkrankt. Scharlach. Klingt dramatisch, ist es auch. Unser Silvesterplan ging den Bach runter.

Früher gab es diesen Plan gar nicht. Ich glaube, irgendwann jenseits der 30 fängt man an, einen Silvesterplan zu haben, fast ein Ritual, das bestimmte Menschen und/oder Orte einschließt und andere damit automatisch ausschließt. Ich wurde lange nicht mehr von jemand Neuem zu Silvester eingeladen. Kommt auch keiner auf die Idee. Ich selbst auch nicht.

(Nachtrag: Das stimmt nur zur Hälfte. Als eine Freundin mitgekriegt hat, dass wir Scharlachopfer sind, hat sie uns schon eingeladen.)

Früher schon. Da wurde wild herum geplant und eingeladen. Stundenlang diskutiert. Da wurde dann gemunkelt und geguckt, wer zu was geht. Wer mit wem feiert. Irgendwann wollte man dann eine Hütte in den Bergen, aber dafür war es freilich schon viel zu spät. So ne Hütte hätte man mal vor zwei Jahren reserviert.

Eigentlich ist man immer bei irgendwem zu Hause gehockt. Oder in einem Partykeller mit Gulasch und *kleiner Feigling*. Was ja auch zu Hause ist. Nur mit Tapeten und einer Bar aus den 70ern.

Verbringt man Weihnachten mit seiner Familie,so sieht man an Silvester die Menschen, die mit einem durch dick und dünn gehen. Die wahren Freunde. Der innere Kreis. So hat man das zumindest als Teenager geglaubt. Und eine Nicht-einladung zu Silvester, das war wie ein *Nein* zu der Frage: *Willst du mit mir gehen?* Freundschaftlich gesprochen. Die besten Freunde sehen sich halt zu Silvester, nicht die fast-besten.

Vielleicht ist es genau das, dass das Drama der Teenager so widerspiegelt. Das Drama um alles oder nichts. Um die übertriebenen Gefühle. Ich kann mich erinnern, dass zu manchen Zeiten die Katastrophen um Freundschaften viel größer und mächtiger waren als die um die Liebe.

Irgendwann hat das aufgehört. Keiner hat mehr nach irgendwelchen Plänen gefragt, manche haben sich auch durch Kinder und Nichtkinder erledigt. Heute wären wir eigentlich bei einer anderen Familie. Manchmal sehen wir uns nur zweimal im Jahr, aber das macht nichts.

Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr haben wir Scharlach. Das ist kein Drama. Schon lange nicht mehr.

Ich glaube, an Silvester haben sich über die Jahre die Teile von selbst weggestrichen, die mir eh nie gefallen haben. ich mag keine Feuerwerke und wenn mir jemand was Brennendes vor die Füße wirft, flipp ich aus. Ich mag es nicht besonders gerne, weil mich das umkoordinierte Feuerwerk eher an Kriegsbilder erinnert als an ein fröhliches Hurra. Deswegen kaufe ich auch überhaupt kein Feuerwerk ein. Morgens zünden wir Knallfrösche und Wunderkerzen mit den Kindern vor der Haustür. Zum Geistervertreiben. Das hat die andere Mama (mit der wir seit ein paar Jahren feiern) angefangen. Das find ich gut.

Ich gucke also am liebsten in die Berge und sehe irgendwo am Horizont das Feuerwerk. Ich muss nicht mehr in einem Partykeller herumsitzen und mir Gedanken um die Gefühlswelt von XY machen und warum Carmen schmollt und Vivienne nicht gekommen ist und Babsi jetzt den Konsti küsst.

Ein gutes 2017 euch allen.

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