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Das Jahr auf dem Land: 7 Gedanken zum *Hier*

Heute ist ein strahlender Herbsttag hier auf dem Land. Der Kindergarten hat wieder angefangen, neue Gummistiefel stehen an der Tür. In den letzten Tagen ist es manchmal so kalt geworden, dass es sich bereits gelohnt hat, ein Feuer im Ofen anzuzünden.

Dinge wie Badewannen, Kürbiskuchen und Saunagänge werden wieder interessant.

Der September ist wie ein kleiner Neuanfang, obwohl der Sommer zu Ende geht. Vielleicht auch, weil der Sommer zu Ende geht.

Jetzt bin ich ein Jahr hier.

Mit Hier meine ich: zwischen Landeiern und Hühnerställen, zwischen katholischen Hochfesten und Blaskapellen, zwischen Bergen.

Zeit, ein wenig auf jene Sachen zu schauen, die sich verändert haben.

  • das Landvolk ist nicht so störrisch und bockig wie ihr Ruf. Ich habe hier Freundinnen gefunden. Man lebt hier in geselliger Nachbarschaft. Wobei *Nachbarn* alle sind, die unter einer halben Stunde Autofahrt zu erreichen sind.
  • Land bedeutet, dass du nicht mehr zu Fuß einkaufen kannst. Das ist eine große Umstellung gewesen. Vorräte, Listen, Pläne … dabei gehe ich nicht mehr so oft einkaufen, aber dafür halt im größeren Stil (und mit Auto)
  • der bayerische Dialekt ist nicht ausgestorben. Mein gepflegtes Münchnerisch wird als Hochdeutsch wahrgenommen. Aber es fängt an, dass ich auch den Kiefer nicht mehr ordentlich auseinander bringe. Mein Sohn, der nach jedem Satz jetzt ein *geh* anhängt, lacht mich bereits aus.
  • Es wird auch nur Kaffee getrunken. In der Stadt und auf dem Land. Der entscheidende Vorteil beim Landvolk ist, dass es meistens einen Kuchen dazu gibt. Überhaupt Kucha. Es wird überall und ständig Kaffee getrunken und Kucha gegessen. Hab ich mich ja blitzschnell dran gewöhnt.
  • Das hier ist katholisches Hoheitsgebiet. Wallfahrten, Heilige für bestimmte Lebenslagen, Marienbildchen. Da ist man als Andersgläubiger schon ein wenig zu Gast. Wobei das nicht heißt, dass die Katholiken hier besonders gläubig wären. Ich habe auch schon katholische Atheisten getroffen. Aber das muss man so nehmen, wie es ist. Integration bedeutet ja nicht Assimilation. Und ein Stoßgebet zum Schlampa-Toni zu beten, wenn man was sucht – mei, des schadet am katholischen Atheisten jetzt ned.
  • Ohne Internet wäre mein Leben hier sehr viel müßiger. Ich bestelle. Bei Dawanda meine Stoffe, zum Beispiel. Auf den einzigen Laden in Bad Tölz mit Jerseystoffen angewiesen zu sein – das wär a Katastroph! Manchmal vermisse ich meine Wege und Straßen und Läden in München.
  • Irgendwann habe ich im letzten Jahr beschlossen, dass es mir nichts ausmacht, wenn man mich als anders wahrnimmt. Ich bin halt aus München. Das sieht man, das hört man, das ist halt so. Ich kenne nicht jeden Hof beim Namen, kenne nicht alle Wege, nicht jeden Geheimtipp.  Wenn ich einparken muss, dann schwitz ich immer noch. Das heißt aber nicht, dass ich nicht dazugehöre. Natürlich gehöre ich dazu. Ist ja umgekehrt genauso. Also, dass des Landvolk zu mir gehört.

Bildnachweis:

Für die Aufnahme dieses Fotos brauchte ich das Grundstück nicht zu verlassen. Oder: das wären meine Nachbarn nach der städtischen *halt die nebenan*-Definition. 

Kleinigkeiten vom Leben auf dem Land

Stadtluft und LandlebenIch komme aus München. Ich bin da geboren worden und bis auf ein Jahr in Berlin, habe ich auch immer dort gelebt, studiert, gearbeitet, bin unglücklich dort gewesen und glücklich. Jetzt wohne ich noch nicht mal mehr in einem Dorf. Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster sehe, dann sehe ich kein Haus mehr, nur die Berge. Liegt vielleicht auch daran, dass wir auf einem Hügel wohnen, aber egal. Wobei man München ja auch gerne provinziell nennt. Aber es ist trotzdem irgendwie schon eine Stadt.

Wer von der Stadt auf´s Land zieht, der macht sich da seine Gedanken. Was anders werden wird, vor allem auf welche Dinge man keinen Einfluss hat und sie ungewollt anders sind. Wie die Menschen da so sind. Wen man trifft und wen nicht mehr. Der Kulturschock blieb aus. Ich kenne das bayerische Land. Ein bisschen aufgewachsen bin ich hier schon – als Wochenendfahrerin, als unverbindlicher Gast. Doch einige Uhren ticken doch anders, wenn man hier richtig und echt wohnt. Ich blicke auf Details für euch. Kleinigkeiten, die mir auffallen.

Eine Freundin von mir hat mir mal gesagt, dass ihr Sohn die Stadt brauche. Die Neutralität der Stadt und damit meinte sie, dass den Menschen, die irgendwie anders sind, mehr Toleranz gegenüber gebracht wird. Ich glaube inzwischen, es ist vor allem Gleichgültigkeit. Und da kommt es schon darauf an, wo in München man wohnt. In meinem Münchner Innenhof ging es auch zu wie Sonntags nach der Kirche. Aber die Geschichten waren kurz, man ist sich begegnet und ist wieder verschwunden. Grad das man wußte, aus welcher Stadt jemand hergezogen sei. Hier sind die Geschichten länger, es werden ganze Familienchroniken erzählt. Die Leute wissen so unglaublich viel voneinander. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie intoleranter sind. Ein Beispiel.

Ich sitze an einem Tisch mit anderen Mütter und mache einen Scherz über ein Mädchen von jemanden. Der Scherz ging irgendwie so, dass ich unterstellt habe, dass das betreffende Kind sich dann gut gegen ihre zukünftigen Freunde durchsetzen kann. Ihre männlichen Freunde, sozusagen. Die Mutter lächelt und sagt, dass sie sich da gar ned so festlegen würd, weil sie dad ja auch vielleicht a Freundin mal ham. Die anderen pflichten ihr bei und äußern sich bissig über Familien, denen man nicht zutraue, gut mit einem homosexuellem Kind umzugehen. Ja, sag ich, und mir fällt meine Freundin ein, die auf die große Toleranz der Stadt gepocht hat bei meinem Wegzug. Dumme Menschen gibts überall, coole Socken auch. Is halt alles nicht so schwarz und weiß.

In meinem Münchner Innenhof wohnte ich im Parterre. Eigentlich konnte mir die ganze Nachbarschaft ins Wohnzimmer schauen. Aber die Menschen sind sehr dezent. Es wurde stets ein höfliches Desinteresse an meiner Inneneinrichtung zum Ausdruck gebracht. Manchmal hab ich die Menschen beim Vorbeigehen beobachtet. Kaum jemand hat mir offen ins Zimmer geblickt. Man lief eher mit gesenktem Kopf daran vorbei. Überrascht war ich von der Ostseite unseres Hauses – da ist nämlich mit einigem Abstand eine Strasse, auf der man mit 100 Sachen fahren darf. Da fahren viele auch mit 100 Sachen vorbei, aber einige fahren im Schneckentempo, um möglichst was zu sehen. Manchmal winke ich dem Auto zu und wundere mich. Eigentlich finde ich es unhöflich. Im Schneckentempo in ein fremdes Haus zu blicken. Aber was in der Stadt ein heimlicher Blick war, ist auf dem Land ein gerades Starren. Man wird sich wohl noch interessieren dürfen. Das ist ein Detail, das mir echt aufgefallen ist.

Ein anderes ist das Grüßen. Hier wird gegrüßt. In München habe ich auch manchmal gegrüßt – alte Frauen, die im Schlurfgang an mir vorbei gegangen sind. Da habe ich dann kurz genickt. Gefreut haben sie sich meistens. Aber eine Pflicht war das nicht. Es sind ja auch zu viele Menschen auf der Straße. In den Dörfern hier wird sehr wohl gegrüßt und es ist auch ein Punkt, über den man sich aufregt, wenn man´s nicht macht. Zugegeben, ich finde es auch seltsam, wenn mir eine Mutter begegnet, ich *hallo* sage, weil wir uns halt kennen, und es kommt nichts zurück. Ich schiebe es aber eher auf die mütterliche Butter im Kopf, die manche von uns halt morgens wirr werden läßt, aber es fällt hier mehr auf und ins Gewicht. Nicht zu grüßen bedeutet etwas. Es bedeutet Hochnäsigkeit, gute alte Hochnäsigkeit. Nicht zu grüßen ist ein No-go.

Fahrradfahren ist hier kein zweckmäßiges Fortbewegungsmittel mehr. Eine Alternative für alle. Fahrradfahren ist Sport und wird hauptsächlich von männlichen Touristen in Thermo-unterhosen kurz vor der dritten Midlifecrisis ausgeführt. Mitten auf der Schnellstraße. Diese neuen Fahrradfahrer sind mir völlig fremd und ich bin etwas überfordert. Klar, es gibt wohl auch die Sportler-Fraktion in München ,aber bitte….das sind neben den Müttern mit Fahrradanhänger, den Studenten in Cordhosen und den Bürotanten im Kostüm eher die belächelte Minderheit. Am Anfang habe ich noch versucht, mein eigenes Fahrrad als passables Fortbewegungsmittel zu sehen, aber das ist schnell vorbei gegangen. Die Distanzen sind zu groß. Ich schaffe meine Touren gar nicht ohne Auto. Jetzt sind nur noch die Sportler im Rentenalter übrig und ich beäuge sie immer noch mit meinen erstaunten Stadtaugen. Ihr seid also die Fahrradfahrer hier. Ah, ja.

Am Wochenende hatten wir Besuch. Jemand, der ganz und gar auf dem Land aufgewachsen ist und gelacht hat über meine Beobachtungen und noch ein Unterschiedsdetail in die Waagschale warf. Das Nach-Hause-kommen. Die Leute bringen sich nach Hause, weil sie ohne Auto nämlich gar nicht mehr nach Hause kämen. In der Stadt, in der er jetzt lebt, findet er es seltsam, dass das nicht mehr so ist. Dieses automatische gegenseitige Nach-Hause-bringen. Ja, das ist mir auch schon passiert. Das mich jemand nach Hause gefahren hat. In München gab es das beim besten Willen auch nicht. Grad, wenn jemand nach einem Date sich als besonders romantisch darstellen wollte, gut, dann hat er dich in einem Nachtspaziergang bis nach Hause begleitet, aber so unter Freunden? Machte überhaupt keinen Sinn, jeder kam immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sich. Hat auch keiner mal gefragt, wie man denn nach Hause kam. Hier bin ich fast aus allen Wolken gekippt, als ich wie selbstverständlich nach einem Treffen nach Hause gefahren wurde. Versteht mich nicht falsch, ich glaube schon, dass hier bereits Freundschaften wachsen, aber ich hätte es nicht als unhöflich oder unmöglich erachtet, wenn das Nach-Hause-bringen irgendwie doch nicht geklappt hätte. Gut, ich habe auch gefühlte hundert Mal nachgefragt, ob sie das denn jetzt auch wirklich macht nachher. Ich konnte es nicht glaube, weil es ja schon ein Umweg ist. Wenn es doch nicht geklappt hätte, wär ich überhaupt nicht böse gewesen. Deswegen wär ich am nächsten Tag dennoch davon ausgegangen, dass wir befreundet sind. Irgendwie. Bin ich ja auch gewöhnt so. Wenn das letzte Bier ausgetrunken ist, der letzte Lacher gelacht – dann schaut jeder auf sich selbst und seine Verbindung zur eigenen Haustür. Da hat mich dann unser Besuch scharf unterbrochen und gemeint, dass es doch völlig egal sei, wie lange man dann noch fährt, wenn man halt Autofahren kann und dann bringt man die Leit, die mit einem lachen, doch wohl nach Hause, wenn sie kein Auto dabei ham. Das sei doch kein großes Ding. Doch, sag ich, des ist schon ein großes Ding. Für mich altes Stadtkind zumindest.

Ihr seht, ich mag es hier. Auch mit den Schneckentempo-Autos und den windschnittigen Fahrradfahrern. Vielleicht papp ich auch vorne am Eingang ein Info-Schild mit integrierter Kaffee-Einladung hin, damit es sich richtig lohnt für die Neugierigen und fange an, einen Stand mit selbstgemachte Limonade zu bauen für die Fahrradfahrer. Man muss sich ja bisschen an die Gegebenheiten anpassen.

Habt ihr ähnliche Kleinigkeiten erlebt? Kennt ihr ganz andere Landstriche, die sich schwer tun mit den Zugezogenen? Kennt ihr andere Geschichten vom Land und von der Stadt? Macht nur Stadtluft frei? Oder sind die Landeier besser als ihr Ruf?

 

Der letzte Eintrag…..nur für dieses Jahr

Jahresende im Sonnenschein2014 galt mein letzter Jahreseintrag einer TV-Serie. Ich habe bei amazon die Outlander-Serie gekauft und war zwischen den Jahren in den Highlands. Im Verlauf dieses Jahres lief das Ganze auch in deutsch, auch im Fernsehen, aber da musste ich mich fremdschämen. Bei manchen Serien ist es ganz gut, wenn man nur die Hälfte versteht. Ein wenig hab ich mich dann aber doch erschreckt: Das soll jetzt schon ein Jahr her sein? Und das Titelphoto des Eintrages zeigte einen Haufen Schnee.

Schneelandschaft

Gut, Schnee gibt es hier bis jetzt noch nicht. Heute saß ich an fast derselben Stelle, bei der ich letztes Jahr das Foto aufgenommen habe – ohne Jacke und im Sonnenstuhl.

Zu Jahresende ziehen die meisten Menschen ja ihre emotionalen Bilanzen aus dem Jahr. Was hat sich verändert ? Was ist gleich geblieben? Was wurde erreicht ? An was ist man so gescheitert? Wer ist gegangen ? Wer ist gekommen?

Das Gute an einem Blog ist ja, dass man so einige Sachen für sich Revue passieren lassen kann, die man so vielleicht vergessen hätte. Gut, einiges fällt einem auch so auf – ich wohne nicht mehr in einer Stadt, sondern auf dem Land. Wäre mir jetzt ohne Blog auch nicht entgangen. Ich sitze heute vor einem eigenem Haus. Krasse Kiste. Richtig angekommen bin ich noch nicht. Es fühlt sich alles noch ziemlich neu an. Ungewohnt. Hat noch keinen Tritt. Keine Geschichte. Ist ziemlich unwirklich. Aber deswegen bereue ich den Auszug aus München nicht. Nicht angekommen zu sein bedeutet nämlich nicht automatisch, dass man noch wo anders ist. Man ist halt dazwischen.

Wie nach einer Nacht richtig langem Schlaf, wenn man mit dem Kindern am Abend eingeschlafen und dann gleich liegengeblieben ist. Und dann wacht man um 5 Uhr morgens auf, ist völlig ungewohnt hellwach und überlegt sich: Was mach ich jetzt bloß? Und dann fällt einem ein, was man am Abend zuvor noch alles hätte erledigen müssen, dass man jetzt verpasst hat und wo das denn jetzt in diesen einen kleinen Tag noch reinpassen würde – mit dem Ergebnis, dass man am besten gleich aufsteht und loslegt.

Alles frisch, alles Chaos, alles überfüllt. Typisch Umzug.

Seit meine Kinder auf der Welt sind, mache ich jedes Jahr ein Fotobuch. Sie sehen es sich echt gerne an, denn es geht in diesem Fotobuch nur um sie. Ich lasse mit den Bildern des Jahres auch damit gleich im Dezember mein Jahr ein bisschen an mir vorüber gleiten. Dieses Jahr war der Titel ihres Buches: 2015 – das Jahr der Veränderungen.

Sehr originell für ein Kinderbuch für 3jährige – wo sich ja praktisch jedes Jahr so viel verändert, aber Stadt/Land und Kinderkrippe/Kindergarten waren dann doch erwähnenswerte Passagen.

Aber jetzt mal weg von den Kindern. Das ist schließlich mein Blog. Was hat sich 2015 für mich im kleinen geändert? Im Mikrokosmos, sozusagen.

Ich glaube, dass ich es ziemlich toll finde, dass meine diesjährige Frühlingsdiät so gut geklappt hat. Beim letzten Mal auf der Waage Mitte Dezember waren es doch immer noch 12 kg weniger als zu Beginn des Jahres. Ohne es zu wollen, mache ich tatsächlich jedes Jahr in der Frühlingszeit irgendeinen Diäten/Erährungsversuch, aber dieses Jahr hat es sehr nachhaltig geklappt.

Ich bin dieses Jahr echt wenig zum Lesen gekommen. Im Jahr 2014 hatte ich noch 18 Bücher in meiner Liste, dieses Jahr sieht es nach sehr viel weniger aus. Aber nach dem letzten Rush mit Dark Canopy hatte ich echt keine Lust mehr, mich so fesseln zu lassen. Da war dann erst mal Pause angesagt.

In 2016 werde ich im Frühjahr eine große Prüfung für mich ablegen. Bei der Industrie- und Handelskammer. Das klingt jetzt für jemandem im Studium nach einer kleinen Nummer, aber ich lerne praktisch nachts. Mit den Jahren und Kindern und Haushalt und Job und Haus wird es immer schwieriger, sich Zeit raus zu schaufeln. Das ging früher einfacher. Jetzt kapsle ich an jeder Ecke ein bisschen Zeit für die IHK ab und hoffe, es wird reichen. Wenn diese Prüfung rum ist, dann ist mir ein ganz schön großer Klotz vom Bein abgefallen. Dieses Jahr war der erste Teil der Prüfung. Nächstes Jahr der zweite, dann ist auch mal gut.

Die Begegnungen veränderten sich. Ich habe lange in der Wohnung gewohnt, aus der ich von München gegangen bin. 10 Jahre oder so. Eine lange Geschichte. Mit sehr vielen Höhen und sehr vielen Tiefen. Meine Nachbarn dort habe ich zu manchen Zeiten regelrecht gehasst. Die Enge war wie ein Dorf. Von Großstadtanonymität keine Spur. Wir haben gestritten, waren falsche Schlangen, haben Wein getrunken und dann wieder gestritten. Ein anstrengendes Haus. Jetzt sehe ich nicht mehr morgens meine Nachbarin mit den Leopardenschuhen, sondern die Berge. Kann man als Verbesserung werten. Meine Blogparade 2015 zu den alltäglichen Begegnungen würde heute anders ausfallen. Aber es gibt sie inzwischen, die Begegnungen.

Kommt man an einen neuen Ort, zu einer neuen Arbeit, zu neuen Kollegen, zu fremden Müttern und setzt sich an einen Tisch, so ist es ein bisschen so, als ob man eine Serie ansieht und mitten drin erst eingestiegen ist. Nicht jeden Namen kennt man, nicht jede Geschichte sagt einem was, man versteht nicht jeden Witz. Oft sitzt man stumm da und hört zu. Versteht einfach noch nicht alles. Aber das macht mir im Gegensatz zu früher keine Angst mehr. Das ist wohl die größte Veränderung, die ich bemerkt habe an mir. Es macht mir nichts aus, nicht zum altem Schlag zu gehören. Obwohl ich mich heimisch bei den Frauen hier fühle, gerne mit ihnen spreche und es mich freuen würde, zu ihren Freundinnen zu zählen. Aber ich weiß, dass ich neu bin und viele hier bereits miteinander zur Schule gegangen sind. Mit Mitte 20 habe ich den Wegfall von meinen besten Freundinnen aus der Schulzeit immer als Manko empfunden. Ich war diejenige, die eben keine Schulfreundinnen hatte. Keine beste Freundin aus der Kindheit mit auf meiner Party saß. (Wir kennen uns schon ewig. Sind die allerbesten Freundinnen und kennen alle Geheimnisse. Wir sind *kicher* wie Schwestern.) Jetzt nicht falsch verstehen, ich habe alte Freundschaften und die bedeuten mir auch was, aber ich mache auch ziemlich gerne Sachen alleine. Oder ich muss nicht immer alles erzählen. Oder ständig was erleben. Und werte Freundschaften nicht mehr nach der Zeit, sondern irgendwie anders. Nach Gesten; Dingen, die mir gefallen; Sätzen; Gesprächen – ich muss nicht mehr mit jemanden 10 mal betrunken gewesen sein und ihn mein halbes Leben lang kennen, um ihn einen Freund zu nennen. Ich nehme die Menschen heute eher aus dem Bauch heraus. Kann lange Funkstille vertragen, glaube an die Freundschaft auf den ersten Blick (!) und nehme es nicht mehr übel, wenn ich merke, dass Menschen von mir nicht genauso begeistert sind wie ich von ihnen. Ich bin irgendwie zufrieden mit meinem Leben.

 

 

Weihnachten ist immer Stress

Weihnachten ist immer StressKeine zwei Wochen bis Weihnachten. Unser Adventskalender hängt formschön quer im Wohnzimmer. Ansonsten sieht es bei uns aus wie bei Messies auf`n Sofa. Unbearbeitete Post, Einrichtungskataloge, Zeitungen…die Jungs brauchen jetzt dann unbedingt ein Bücherregal. Die ganzen Bilderbücher, die hier rumfliegen, gehen mir auf den Keks. Unsere Zeit in Bad Tölz ist fast abgelaufen – denn unser Haus ist fertig geworden und wir können einziehen. Natürlich VOR Weihnachten noch. Ja, wir haben dieses Jahr tatsächlich ein Haus gebaut. Bald gibt es mehr davon. Hier in der Nähe. Deswegen sind wir ja erstmal nach Bad Tölz gezogen, damit wir nicht mehr so weit fahren müssen und damit die Kinder im September gleich in *ihren* Kindergarten gehen können. Eine Zwischenstation mit keinem Ankommen-Gefühl. Alles provisorisch. Unser Kleiderschrank ein Camping-Teil. Unsere Fernsehkommode mein Nähtisch.

Gestern saßen mein kranker Sohn und ich auf dem Sofa – mit sehr vielen Decken um uns herum. Er war schlecht gelaunt.Die Nacht davor war Magen-Darm-Session bei uns. So ist es im Dezember hier. Faulheit, Krankheit und unerledigte Aufgaben.

Eigentlich mag ich zu Dezember schon gar nichts mehr ausmachen, mit Freunden zum Glühwein oder ein Wochenende unter Spielern – weil eh alles im Chaos untergeht. Und jedes Jahr benennen wir einen anderen Grund: Umzug, Kinderkriegen, Prüfungen – weiß der Teufel, aber ich kann mich an keine besinnliche Vorweihnachtszeit erinnern.

Ich habe Plätzchendekoration im Internet bestellt – und werde damit wohl Cookies für den Januar bestreichen, denn der Karton steht grad ungeöffnet auf dem Bügelbrett.

Meine Nähmaschine wurde schon mal eingepackt. Mein Strickzeug liegt weinerlich hinter dem Sofa in seiner Kiste. Hoffentlich ist es noch kalt genug, wenn es fertig wird.

Von meinem Fernstudium möchte ich gar nicht sprechen. Da bin ich natürlich auch hinten dran. Keine Frage, ist auch der Wahnsinn. Aber es fehlt nur noch ein Stückchen. Ein kleines Stückchen. Aber dieses Stückchen fehlt mir immer im Dezember.

Weihnachten überfordert mich jedes Jahr. Als ob es um die Apokalypse ginge und wie ein starres Kaninchen vor der Schlange warte ich irgendwann auf den 1. Januar oder zumindest auf den 24sten. Ab da atme ich wieder durch und greife die Dinge an. Dazwischen bin ich einfach irgendwann Standby. Als ob mir kurz vor Schluss die Puste ausgeht. Der Jahresmarathon wird am Ende im Schleichgang zu Ende gebracht.

Gut, die Spuckerei in der Nacht kann einen schon aus dem Konzept bringen, aber es ist jedes Jahr irgendwas. Es ist auch immer überfrachtet. Überall blinken die Lichter. Alarm. Alarm. Der Anspruch ist wohl zu hoch. Alles geputzt, alles sauber, alles erledigt und die Fingernägel frisch gemacht.

In Wahrheit wird bei uns (wie bei den meisten) bis kurz vor dem 24sten gearbeitet und es sind so viele Dinge unerledigt. Trotz Arbeit. Jedes Jahr fallen Sachen hinten über – aber dank Oma gibt´s zumindest was Ordentliches zu essen. Und wenn wir Glück haben, isst bis in 2 Wochen jeder wieder ohne Spuckerle mit.

Die Zeit ist halt knapp im Dezember, knapper als in anderen Monaten. Und überall wird einem suggeriert, dass man jetzt doch einen Gang zurückschalten sollte. Tee trinken. Plätzchen backen. Einen Glühwein trinken.

Ja, schon richtig. Machen wir ja irgendwie.

Aber es tickt die Uhr dabei. Essenpläne müssen ausgearbeitet werden. Einladungen ausgesprochen. Von Ruhe erstmal keine Spur. Denn damit Ruhe einkehrt an Weihnachten, muss halt vorgearbeitet werden.

Nehmen wir an, dein Tag besteht aus 100 Aufgaben. Dein normaler durchschnittlicher Tag. Wenn du jetzt vom 24sten bis zum 27sten mal Ruhe haben möchtest und aus den 100 Aufgaben nur 10 machen möchtest, dann trinken sich die restlichen 4 mal 90 auch nicht einfach durch ne Tasse Tee weg. Da musst du dann vorher halt gut ackern und auf 150 kommen, denn die 100….die sagen jeden Tag *Guten Morgen* zu mir.

Milchmädchenrechnung. Ist aber so. Vielleicht gehört der Stress deshalb auch dazu. Und die Sache mit dem Magen-Darm-Virus.

Besinnliche Weihnachten euch allen.

Ein Rock zu Leonhardi – Trachtenrock selber nähen

Trachtenrock selber nähenIn meinem Beitrag über die Tölzer Leonhardifahrt habe ich ja schon erwähnt, dass ich mich trachtenmäßig dem Landleben ein wenig angenähert habe. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, dass ich sehr wohl Tracht besitze. Das trägt man in München genau einmal im Jahr: Firmenausflug Oktoberfest.

Oder – für die ganz Harten – Starkbierfest Nockherberg.

Dabei ist der Landhauschick ein weit gefasster Begriff. Von Plastik-Dirndl-Grauen bis hin zu den Must-Haves der ersten Herbsttage. Also: ein modisch weit gefasster Begriff. Ich habe ein wenig herumüberlegt….

Für mich war dann aber schnell klar: ein Rock muss her.

Nicht zuletzt deswegen, weil die Rockmacherin hierzulande große Wellen schlägt, aber ihre ganze Kollektion eine Preiskategorie erreicht, die man trotz heimischer Produktion und lokalen Stoffen nicht so einfach ausgibt.

Aber das Nachnähen ist gar nicht nur auf meinen Mist gewachsen. Hier ein sehr schöner Beitrag von einer anderen Bloggerin: >KLICK<

Trachtenrock nähen Rockmacherin

Nun aber zu meinem Rock.

Der Schnitt ist von hier.

Den Bund habe ich ein wenig verlängert.

Und mit den Falten, da habe ich mich ja lange beschäftigt.

Trachtenrock nähen Kellerfalte

Der erste Trick ist, dass man einen schweren Stoff nimmt. Ich habe Leinen verwendet.

Der zweite Trick ist, dass man die Falten sehr tief legen sollte…und auch nicht zu viele. Ein Rock in dieser Länge hat schnell etwas mädchenhaftes. Da muss man aufpassen, dass er nicht zu sehr *aufspringt* bei zu vielen kleinen Falten.

Ich würde bei einem zweiten Versuch zuerst die Passe nähen und dann den Stoff für den Rock  in Falten legen ohne den Stoff vorher geschnitten zu haben. In diesem Schnittmuster sind die Falten nämlich sehr klein. Für einen Trachtenrock daher eher schwierig.

Bei Leinen braucht man eigentlich keine Overlock, es läßt sich sehr gut  mit einer Nähmaschine nähen. Allerdings habe ich für den Reißverschluss hinten einen nahtverdeckten Reißverschluss verwendet…und da gibt es so ein kleines geniales Füßchen dazu…Näheres hier.

Rock_Tracht

Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Es ist kein Dirndl, aber mit einem Mieder getragen für mich eine schöne Alternative. Ein wenig stolz stelle ich ihn zu den anderen in die Sammlung zu Rund ums Weib.

Adventskranz selber binden

Adventskranz HeaderKindergarteneltern erinnern mich an Klassenkameraden – mit manchen freundet man sich an, andere würde man auf der Strasse nicht wieder erkennen. Und ab und an gibt es dann Aktionen. Diesen Freitag werden Adventskränze in der Kirche verkauft. Diese Adventskränze werden von den Kindergarteneltern vorher gebunden…but, let´s face it: diese Kränze werden von den Müttern vorher gebunden. Nun gut, ich hatte Zeit und habe mich eingetragen. Ich habe zwar noch nie einen Adventskranz gebunden, aber man sollte sich die Dinge ja immer erst grundsätzlich angucken. Im Hinterkopf meines städtischen Ichs muss ich aber zugeben, dass ich die Vorstellung von klassischen Adventskränzen oder Türkränzen schon sehr sehr *hüstl* spießig finde.

Advenzkranz selber binden 1

Der Vorraum des Kindergartens wurde in ein Meer aus Immergrünen getaucht. Es gab so unglaublich viel Material – selbst Moos und Efeu wurden gebracht. Von vielen Sachen kenne ich nicht die Namen. Okay, ich weiß, wie der Busch da aussieht, aber ich bin noch nie in Versuchung gekommen, den Namen dafür gebrauchen zu müssen. Bäume habe ich das letzte Mal in der 4.Klasse benennen müssen. Ihr seht, mein Weg ist noch weit zwischen Daxen aus Tannen oder auch Fichten?

Aber bevor ich mich gewunden habe zwischen Namen wurde mir gezeigt, wie ich die Daxen in kleine Teile schneiden sollte. Ich schnitt also erstmal das Material klein. Es wurde auch schnell klar, dass diese Frauen das schon oft gemacht haben. Mein Wollrock war schnell eingesaut und ich verstand da auch, warum hier viele Schürzen tragen. Nadelt halt wie wild. Den Landfrauen wird ja oft vorgeworfen, dass man sich schwer tut mit ihnen. Sie seien verschlossen und eigenbrötlerisch. Anschluss fände man nicht. Man bleibe immer fremd. Ich spüre davon nichts.

IAdventskranz selber binden 2

Man rät mir, mich doch an einen eigenen Kranz zu wagen. Kaffee und Glühwein wird gereicht und da ist es dann passiert – ich war im Tunnel. Was für eine meditative und schöne Tätigkeit. Alles ist noch frisch, grün und es riecht nach Wald. Ein Kranz dauert Zeit, aber auch nicht ewig – vielleicht eine Stunde, vielleicht eineinhalb. Ich weiß es gar nicht so genau, aber ich fand diese rohen, ruppigen, mit Moos bespannten Kränze so schön. Keine Ahnung, wie ich je den Gedanken denken konnte, es wäre spießig, öde oder langweilig. Es muss dir halt bloß mal jemand zeigen.

Am selben Abend noch habe ich die erbeuteten Reste verarbeitet und ein paar Fotos gemacht.

Adventskranz selber binden 3

Zuerst braucht man einen Strohring – im Baumarkt für ein paar Euros zu haben. Dazu gibt es Bindedraht im Baumarkt.

Zum Anfangen – so riet man mir – soll man einen kleines Stück Draht stehenlassen, damit man diesen zum Schluß zum Zusammenbinden verwenden kann. Ist ja ein Kreis – der Anfang ist auch das Ende.

Adventskranz Anfang machen

Man legt sein Grün um den Strohkranz und wickelt den Draht herum. That´s it. Keine Kunst. Sehr simpel. Der Rohling hat aber ein flacheren Teil. Dieser ist dazu da, dass man das Ding noch auf einen Tisch stellen kann und bleibt ohne Grünzeug.

Adventskranz anfang 2

Ich habe festgestellt, dass die Kränze gleichmäßiger und schöner werden, wenn man sich an Muster hält. Nun gut, mit Mustern kenn ich mich als Patchworker aus. Hat man also vier verschiedene Materialien wie Moos, Daxen, Misteln oder anderes, so legt man halt immer alles nach dem anderen. Aber ich bin ja noch der blutige Anfänger in diesem Bereich (blutig übrigens wörtlich, weil ich mir bei der Kindergartenaktion mit einer Heckenschere in den Finger geschnitten habe….)

Adventskranz selber binden 4

Natürlich ist das ein Land-Ding. In der Stadt fährt auch niemand schnell mal auf seinen Hof zurück, um noch das eine oder andere Grünzeug abzuschneiden. Ich kann mich erinnern, wie teuer das ganze Material ist, wenn man es beim Blumenhändler kauft. Für meinen eigenen Garten habe ich jetzt schon eine innere Liste von Pflanzen, die ich vor allem zum Kränzebinden anpflanzen werde – und ja, es wird Türkränze geben. Zu jeder Scheiß Gelegenheit im Jahr. Und es wird immer roh, waldig und frisch aussehen. Ich träume bereits von dem Kranz aus Lavendel.

Adventskranz fertig selber binden

 

*Leonhardi war* – ein Bericht aus Bad Tölz

Leonhardi Bad TölzWer in Tölz wohnt, kommt an Leonhardi nicht vorbei. Schon zum Anfang des Kindergartenjahres wurde ich darauf hingewiesen, dass am 6.November, also zu Leonhardi, die Einrichtung geschlossen sei. Beim Kaffeetrinken mit den anderen Kindergartenmüttern wurde es dann sehr deutlich: Auf Leonhard wird hier regelrecht hingefiebert. Was noch alles zu diesem Tag fertig sein muss…Die Geschäfte haben zu, die Hauptstraße ist gesperrt, der Janker für den Neffen muss fertig gestrickt werden. (An dieser Stelle ein Teaser: auch ich habe noch zu Leonhardi etwas fertig gemacht, was hier bald vorgestellt wird. Und JA, es hat etwas mit Tracht zu tun)

Gut, ich bin auch hier mittendrin aufgewachsen, ich kenne Leonhardi. Das hat mich also nicht so kalt erwischt, aber bis letzten Freitag war es der Tag, an dem wir immer nicht von der Stadt aufs Land fuhren, weil eben 25.000 andere es tun…

Also, Leonhardi war.

Leonhardi Bad Tölz 2015

Eine Leonhardifahrt ist eine Prozession zu Pferde. Sie gibt es an vielen Orten in Bayern. Dem Schutzpatron der landwirtschaftlichen Viecher – irgendwie vor allem des Nutztieres Pferd – wird eine Fahrt abgehalten und am Ende werden die Pferde geweiht.

Wir standen am Anfang der Prozession. Auf alten Fuhrwerken, geschmückten Festwägen, sitzen Frauen in bayerischer Tracht. Jungfrauen (ob das noch alles Jungfrauen im wörtlichen Sinne sind….) und verheiratete Frauen erkennt man am G´wand. Männer gibt es auch – als Schützenvereine oder Blasmusikkapellen. Die Wägen sind eng und bemalt. Da es eine Prozession ist, wird gebetet. Männer reiten auch, aber zwischendrin erkenne ich auch ein junges Mädchen in Männerkleidung auf einem der riesigen Tiere. Da muss ich lächeln. Im Nachhinein war dies aber wohl eine optische Täuschung. Viele haben gemeint, ein (verbotenerweise) Mädchen zu Pferd gesichtet zu haben, aber dies war wohl doch ein Junge. Also kein rebellischer Akt.

Bad Tölz Leonhardi

Es lohnt sich tatsächlich, die Tiere sind prächtig. Auch die Trachten können sich sehen lassen – unabhängig davon, ob man das jetzt im Generellen schön findet oder nicht. Es hat nämlich nichts mit Mode zu tun, nichts mit Dirndl-Wiens-schick, sondern es sind halt Elemente aus vergangenen Tagen aufgenommen worden und -ohne es wirklich zu wissen – halte ich es für authentisch. Wie viel hier für sich, für Touristen, für eine gefühlte Tradition oder für *war halt schon immer so* gemacht wird – ich denke, es ist eine Mischung aus allem. Dabei höre ich schon an einigen Ecken, dass man die Massen Besucher bedauert. Gefährliche Situationen entstehen. Unbedarfte gehen nahe an den Kaltblütern vorbei und es passieren Unfälle. Auch bei uns kommt ein Reiter gefährlich nahe und wir ziehen die Kinder zurück. Es sind Tiere. Fluchttiere. Die können auch mal durchgehen. Es wird herumgeraunt, dass morgens eines erschossen werden musste. Ein Wagen ging auf der Herfahrt durch und das Tier verletzte sich schwer. Ein Fuhrmann liegt im Krankenhaus. Das ist alles kein Glitzer-Glitzer-spaß, das kann auch sehr schnell sehr ernst werden. Hunde sind verboten als Zaungäste. Dass sich nicht alle dran halten, verantwortungslos.

Leonhardi Bad Tölz 4

Danach gibt es für mich einen Bruch. Wir haben die Kinder zu Oma und Opa gebracht und sind erst gegen Spätnachmittags in die Marktstraße zurück. Trauben von Menschen stehen vor den Wirtshäusern. Menschen begegnen sich, begrüßen sich – und sind unendlich betrunken. Die Mädchen in den altbayerischen Trachten laufen eingehakt in Zweierreihen die Marktstraße entlang. Die Letzte trägt die Flasche Schnaps. Sie johlen und machen Selfies. Wir holen uns auch was zu trinken und beobachten die Szenerien aus Trachten und Touristen. Da man wohl das Ganze mit Schnaps begonnen hat, ist es auch vor Einbruch der Dämmerung für manchen schon sichtlich vorbei. Das ist auch irgendwie das Lustige an Bayern, beten und saufen geht ganz einfach zusammen – wird meistens nur durch die 12-Uhr-Glocken getrennt. Wer vor dem Gottesdienst zwitschert und nicht betet, bekommt mächtig Ärger. Wer danach immer noch nüchtern ist, kommt wohl aus Preußen oder ist schwanger.

Leonahrdi Bad Tölz Nacht

Nächstes Jahr werden wir uns wohl das ganze Spektakel ansehen, mit dem Zug bis zur Kirche. Ob mit Schnaps oder ohne – kommt wohl auf die Kinder an, aber für johlend durch die Markstraße zu rennen und mich gestützt nach Hause schleifen zu lassen – da fühl ich mich zu alt. Aber ich sollte hier nicht so viel tönen – wenn es nächstes Jahr keinen Bericht zu Leonhardi gibt, gab es wohl Schnaps für mich. Trotz meines sehr wohl gepflegten Protestantismus.

Ausgehen in der Provinz: die Nacht der blauen Wunder

Nachtleben in Bad TölzIn München gibt es seit Jahren die Lange Nacht der Musik. Eine Veranstaltung im Mai mit über 400 Konzerten, vier Shuttlebussen und 100 Locations. Ich kann mich erinnern, dass es mit der Langen Nacht der Museen in München mal angefangen hat.

Wer mitten im Zentrum lebt, der kriegt nichts mehr mit. Die Hochhäuser versperren einem die Sicht. Wer interessiert sich schon für die versteckten Bergseen, wenn man ein Haus am Meer hat.

Überrascht war ich, als ich letztes Wochenende in Bad Tölz ausgegangen bin. Auf der Nacht der blauen Wunder…einem (nein, kleiner Bruder ist es nicht…) dem kleinen Cousin zweiten Grades der Langen Nacht der Musik. (Darf ich an dieser Stelle anmerken, dass *blaue Wunder* ein echt bescheuerter Name ist…?) Egal, ausgehen in der Provinz.

Die Veranstaltung hat 11 Lokale und 11 Konzerte, aber es gibt einen Shuttlebus. Am Ende der Nacht haben wir festgestellt, dass wir nie mit dem Bus gefahren sind, aber es muss ihn gegeben haben.

Wir gehen also bei beginnender Dunkelheit durch leere Kleinstadthäusergassen, eine schwarze Katze kreuzt unseren Weg und ein Mittvierziger riecht verdächtig nach Gras.

Unsere erste Station heißt Papas Kesselhaus (gegenüber einer Reha-Einrichtung?). Es sieht wüst aus, wüst und cool. Es erinnert mich an irgendein Früher. Es gibt Bier und Riesenbaguette, eine Kneipe. Der Name der Band sagt mir natürlich nichts, aber es wird mit Bluesrock beschrieben. Stimmt auch irgendwie. Der Laden ist brechend voll.

Nacht der blauen Wunder 2015 Kesselhaus

Wir ziehen weiter, aber haben das Kesselhaus auf unserer internen Liste gespeichert. Cooler Laden, gutes Essen. Hier treten wohl öfter Bands auf. Zuerst ins kleine Kino an der Isar und dann ins Kesselhaus abzuckeln? Why not.

Unser nächstes Ziel wird als Rockabilly angepriesen, aber der Laden sieht von außen so aus als ob man da ganz gut frühstücken könnte. Der Name passend neutral: Gasthaus….Bisschen steril und modern, aber wir sind ja auf Neues aus und lassen uns in den Keller führen. Ein riesiger alter Weinkeller zur Bar umgebaut. Aperol Spritz-Style. Jetzt fange wir auch noch an zu tanzen. Der Schlagzeuger hat einen Beat drauf. Großartig. Wie heißen die noch mal? Ah, Del-A-Rocka.

Nachtleben Bad Tölz Gasthaus

Überhaupt, Kellergewölbe. Im nächsten Laden sind wir nicht lange, aber es ist ein Kellergewölbe. Es ist halt eine sehr alte Stadt hier und man bastelt sich seine Hotspots in den Nischen der Geschichte.

Das Click liegt direkt an der Marktstraße, zwischen den ganzen Trachtenläden und Cafés. Ein Laden der mir noch nie aufgefallen wäre, aber der aus diesem dunklen Gewölbe besteht, nicht auf alt gemacht sondern einfach alt. Eine runde Bar und…Kölsch. Jeder hat seine Spleens. Also, ein Kölsch und weiter. Und ein weitere Kneipe, die man besuchen kann. Definitiv.

Click Kölsch Bad Tölz

Zum Schluss noch ein Café, aber mit der Musik, die einem hier immer wieder begegnet, unter den Blasmusikkapellen im Fernsehen, dahinter: eine Art bayerischer Blues. Williams Wetsox Zweifelsohne lohnenswert. Den Texten kann ich gar nicht mehr richtig folgen, ich trinke mal nen Kaffee. Aber die handgemachte Musik schwingt so über mich hinweg. Ich mag das. Vor allem in einer Oktobernacht mit leichtem Nieseln.

williams Wetsox

Hat man in München das Gefühl, dass sich viele Läden nach Berlin orientieren, hat man es hier mit Amerikana. Die Klänge erinnern viel an Jazz, Blues, Rock. Tölz ist keine Studentenstadt. Das Publikum nicht blutjung. Ältere Semester, Touristen, geschiedene Frauen mit dem neuen Freund, schnieke Kerle vom Typ Waldläufer, Kräuterhexen, kleine Mädchen, aber eben keine BWL-Studenten. Aber ich habe auch keine Lust, in einem Club plötzlich Muttergefühle entwickeln zu müssen, weil ich persönlich finde, dass Partyvolk sollte jetzt besser mal ins Bett gehen und morgen in die Schule. Wo sind aber die Kinder? Wir vermuten, dass wir diesen Club nicht kennen oder die sind weg. Sollen doch die Youngsters ruhig mit dem Zug nach München fahren. Wir bleiben zwischen Gitarren, Kölsch und Tegernseer gerne im Keller zurück. Solange keiner das Licht anmacht oder die Musik leiser.

Kälberbrüten von Wolfgang Ramadan

Kälberbrüten im Kurpark3

Es geht nicht bergab, wir nehmen Anlauf nach bergauf.

Ich war um die Ecke beim Frisör. Meine Frisöse ist aus NRW und schwärmt von ihrem Leben in Geretsried. Außerdem kennt sie Wolfgang Ramadan, wie viele hier. Wolfgang Ramadan ist der Landpoet, der Musikmacher, der Alltagslyriker des Oberlandes.
Kälberbrüten im Kurpark2
Im Kurhaus lief drei Monate lang jeden Sonntag die Premiere seines ins bayrisch übersetzte Kälberbrüten von Hans Sachs. Angekündigt sind weiter Aufführungen.

Es ist Slapstick, sehr bodenständige Unterhaltung, eingeschränkt auf eine Bühne, nicht wie bei dem Riesending des Naturschauspiels am Blomberg. Aber es gibt Wortkunst und herbe Schläge gegen die Biolandkultur. Ein Yoga für den bayrischen Bierbauch wird zelebriert, statt Rescue-Tropfen gibt es ein Lied auf Rescue-Hopfen.

Insgesamt tue ich mir bei manchem Humor schwer, aber die Glühwürmchen flirren in dieser lauen Sommernacht, man kann Bier, Hugo oder Spritz trinken, die Leute lachen und in der Pause kommt es einem so vor, als ob zwischen Touristen und Zufallsgäste langjährige Freunde und Bekannte der Schauspieler und des Regisseurs sitzen.
Kälberbrüten im Kurpark
Wenn euch also irgendwo in München, in seinem Speckgürtel oder weiter draußen ein Plakat auffällt, dass auf Wolfgang Ramadan verweist: Geht einfach hin. Eine Wortverdrehung nimmt man immer mit.

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