Das Jahr auf dem Land: 7 Gedanken zum *Hier*

Heute ist ein strahlender Herbsttag hier auf dem Land. Der Kindergarten hat wieder angefangen, neue Gummistiefel stehen an der Tür. In den letzten Tagen ist es manchmal so kalt geworden, dass es sich bereits gelohnt hat, ein Feuer im Ofen anzuzünden.

Dinge wie Badewannen, Kürbiskuchen und Saunagänge werden wieder interessant.

Der September ist wie ein kleiner Neuanfang, obwohl der Sommer zu Ende geht. Vielleicht auch, weil der Sommer zu Ende geht.

Jetzt bin ich ein Jahr hier.

Mit Hier meine ich: zwischen Landeiern und Hühnerställen, zwischen katholischen Hochfesten und Blaskapellen, zwischen Bergen.

Zeit, ein wenig auf jene Sachen zu schauen, die sich verändert haben.

  • das Landvolk ist nicht so störrisch und bockig wie ihr Ruf. Ich habe hier Freundinnen gefunden. Man lebt hier in geselliger Nachbarschaft. Wobei *Nachbarn* alle sind, die unter einer halben Stunde Autofahrt zu erreichen sind.
  • Land bedeutet, dass du nicht mehr zu Fuß einkaufen kannst. Das ist eine große Umstellung gewesen. Vorräte, Listen, Pläne … dabei gehe ich nicht mehr so oft einkaufen, aber dafür halt im größeren Stil (und mit Auto)
  • der bayerische Dialekt ist nicht ausgestorben. Mein gepflegtes Münchnerisch wird als Hochdeutsch wahrgenommen. Aber es fängt an, dass ich auch den Kiefer nicht mehr ordentlich auseinander bringe. Mein Sohn, der nach jedem Satz jetzt ein *geh* anhängt, lacht mich bereits aus.
  • Es wird auch nur Kaffee getrunken. In der Stadt und auf dem Land. Der entscheidende Vorteil beim Landvolk ist, dass es meistens einen Kuchen dazu gibt. Überhaupt Kucha. Es wird überall und ständig Kaffee getrunken und Kucha gegessen. Hab ich mich ja blitzschnell dran gewöhnt.
  • Das hier ist katholisches Hoheitsgebiet. Wallfahrten, Heilige für bestimmte Lebenslagen, Marienbildchen. Da ist man als Andersgläubiger schon ein wenig zu Gast. Wobei das nicht heißt, dass die Katholiken hier besonders gläubig wären. Ich habe auch schon katholische Atheisten getroffen. Aber das muss man so nehmen, wie es ist. Integration bedeutet ja nicht Assimilation. Und ein Stoßgebet zum Schlampa-Toni zu beten, wenn man was sucht – mei, des schadet am katholischen Atheisten jetzt ned.
  • Ohne Internet wäre mein Leben hier sehr viel müßiger. Ich bestelle. Bei Dawanda meine Stoffe, zum Beispiel. Auf den einzigen Laden in Bad Tölz mit Jerseystoffen angewiesen zu sein – das wär a Katastroph! Manchmal vermisse ich meine Wege und Straßen und Läden in München.
  • Irgendwann habe ich im letzten Jahr beschlossen, dass es mir nichts ausmacht, wenn man mich als anders wahrnimmt. Ich bin halt aus München. Das sieht man, das hört man, das ist halt so. Ich kenne nicht jeden Hof beim Namen, kenne nicht alle Wege, nicht jeden Geheimtipp.  Wenn ich einparken muss, dann schwitz ich immer noch. Das heißt aber nicht, dass ich nicht dazugehöre. Natürlich gehöre ich dazu. Ist ja umgekehrt genauso. Also, dass des Landvolk zu mir gehört.

Bildnachweis:

Für die Aufnahme dieses Fotos brauchte ich das Grundstück nicht zu verlassen. Oder: das wären meine Nachbarn nach der städtischen *halt die nebenan*-Definition. 

12 Kommentare

  1. Als Landei freut es mich, dass du angekommen bist, und das ganze auch mit einem kleinen Lächeln betrachten kannst!
    Ich freu mich, dass ihr als Familie ein neues Zuhause gefunden habt!

    Liebe Grüße
    Carmen

  2. Ich beneide dich ein bisschen um dein Landleben… Klar, die Stadt ist super, man kann alles machen, in 500 Nationalitäten speisen und für jeden Scheiß gibts einen Laden. Aber ich kann mir auch so ein Dasein in Vollkommener Ruhe auf dem Land vorstellen. Nur leider wird das wohl aus beruflichen Gründen nie eintreffen (außer ich würde wieder Pendeln wollen, aber genau das höre ich jetzt auf).
    Schön, dass du dich wohl fühlst.

  3. Ein schönes Resümee – freut mich, dass du angekommen bist und die Eindrücke mit uns teilst. Eine Kollegin von mir ist nach Bad Tölz direkt gezogen – an Sie muss ich auch immer ein wenig bei deinen Texten denken, weil da gleich der Link im Kopf kommt. Obwohl es vielleicht ich noch etwas anderes ist in einem Dorf drum rum zu wohnen wie du, als in Tölz direkt, das mit den Höfen, dem Dialekt und der Kirche – davon berichtet sie eigentlich nie – dafür aber sehr viel von den Bergen. Ich wünsche euch einen schönen Herbst auf dem Land!

    • fadenvogel

      23. September 2016 at 19:53

      Haha, Tölz – des ist ja STADT. Also, bisserle. Als Münchner betrachte ich ja eigentlich gar nix als Stadt südlich der Donau und vor den Alpen – außer freilich halt München. Aber, gut, Tölz ist so ein Zwischending. Größere Kleinstadt oder so.

  4. Ich hab so über den atheistischen Katholiken lachen müssen – ist aber hier genauso. Wir sind als „konfektionslose“ (hat im Ernst jemand mal zu mir gesagt;-) ) schon extrem bunte Vögel hier am Land.

    Und an die Sache mit dem Kuchen hab ich mich auch ganz schnell gewöhnt, was ich nach wie vor nicht kapiere, ist der Unterschied zwischen Familien- und Hausnamen.

    Alles in allem genieße ich das Landleben sehr und die Stadt (soweit Innsbruck als Stadt und nicht als gaaaanz großes Dorf durchgeht) ist ja in 20 Minuten mit dem Auto erreichbar – im seltenen Fall, wenn es mich nach Kultur und fremdländischer Küche gelüstet. Grad mit Kindern ist es so praktisch, wenn man sie einfach mal raus schicken kann, das ist ja in der Stadt nicht immer so einfach.

    Ausserdem find ich es richtig super, dass ich nur durch Nachbars Garten gehen muss und dann bin ich schon beim Schilift – das ist das allerallerbeste am Landleben. glg

    • Bevor ich es vergesse: ich habe meinen Mann ertappt, wie er deinen Blog gelesen hat und ich soll dir schöne Grüße ausrichten und er fände es total cool, wenn du im „über mich“ schreiben würdest: Hallo, ich bin Sabine, den Rest erfährt ihr hier am Blog…

      Ich habe es hiermit also ausgerichtet ;-)

      • fadenvogel

        24. September 2016 at 22:55

        Echt? Ist ihm das zu abgehoben mit den ganzen Vögelsprüchen. :-) :-) Ja, das is der Spruch von meiner Visitenkarte, die ich mir mal gemacht habe. Irgendwie komme ich davon schwer los, von den ganzen benebelten Sätzen. Ich hoffe, er verzeiht´s mir dennoch.

    • fadenvogel

      24. September 2016 at 20:33

      Ja, die Hofnamen und die Nachnamen!!!! Kann ich mir nicht merken.

  5. Das mit den Hofnamen, also:
    Der Hof war immer und bleibt immer. Der Bewohner ist nur zu Gast. Der Hofname ersetzt irgendwann den Nachnamen. Zum Beipiel wenn die Frau X von nebenan die „Hafner-Hanni“ ist, weil sie Hannelore heißt und „Beim Hafner“ wohnt. Wie die Frau mit Nachnamen heißt, das interessiert nicht. Kann sogar passieren, dass sie auf dem Amt mit „Hafner Hanni“ unterschreibt. Macht nix. Weiß ja jeder, wer sie ist und, was viel wichtiger ist, wo sie wohnt.
    Das habe ich mir in der Stadt nicht vorstellen können, mal so zu heißen: Sautreiber-Anni.

  6. Schön, dass du dich auf dem Land eingelebt hast, freut mich zu lesen. Ich komme ja ursprünglich richtig vom Land, und könnte mir nicht wirklich vorstellen komplett aus dem S-Bahn Bereich von München wegzuziehen.

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