Schlagwort: Montagskommentar

Ein deutscher Fernsehabend mit Tatort und Jauch

TV Sonntag Abend ein deutscher FernsehabendSonntag Abend. Wir sitzen vor dem Fernseher, die Kinder schlafen. Ich packe mein Strickzeug aus. Ein bisschen wird noch an einer Jacke für die Kinder herumgenäht. Der Abend fängt in Deutschland um 20 Uhr an. ARD Tagesschau. Eine Frau ist auf offener Straße halb erstochen worden. Eine Politikerin. Ihr Wahlkampf hat einem rechten Arschloch nicht gepasst. Dann brennen Häuser.

20.15 Tatort. Hinein in Dortmunds Norden. Ein sechsjähriges Mädchen  findet am Spielplatz Drogen und stirbt an Herzversagen. Die Drogen haben schwarze Asylanten vergraben. Ein bisschen geht das Klischeegewitter los. Vor allem, wenn der schwarze Junge Jamal den Mund aufmacht. Erinnert stark an Yoda aus Star Wars. Ich sehe von meinem Strickzeug hoch. Ich weiß auch nicht, warum Ausländer im deutschen Fernsehen immer an Indianer-Stereotypen aus amerikanischen Western der 50er Jahre erinnern müssen. Es ist wie ein Suchspiel: Finde den versteckten und offenen Rassismus. Die Türken sind integrierte Mafia-Drogen-Bosse und ziehen alle Fäden, dazwischen eine hoffnungslose Modelleisenbahn-Familie mit „Ich bin ja kein Nazi, aber….“ Gibt es in dieser Gesellschaft echt nur noch Gutmenschen oder Nazis? Und zwischendrin der besorgte Bürger? Einen Sommer lang hat es gedauert, bevor über Grenzzäune und Transitlager nachgedacht wird. Oder über eine Änderung des Grundgesetzes. Gläserne Werte. Und am Ende wird der schwarze Mann niedergestochen und stirbt über einem Integrationsbuch mit Titel *Chance*. Ach ja, der blonde Sanitäter war´s übrigens. „Mir geht es nicht beschissen, mir geht´s scheiße.“ sagt Faber.

Danach Auftritt Jauch. Ich habe das Thema verpasst, aber es ist bestimmt irgendwas mit *Wir-schaffen-das-nicht.*. Ein AfD-Politiker zieht aus seinem blauen Anzug eine Deutschlandfahne und legt sie über seine Stuhllehne. Ich weiß auch nicht, warum man den Rechten immer so viel Raum im Fernsehen geben muss. Es findet auch eigentlich keine Diskussion statt, sondern sie meiste Zeit verbreitet der Demagoge seine Parolen. Jauch sitzt wie immer zwischendrin und wirkt leicht überfordert. Aber am Ende hat man nicht das Gefühl, dass die ganze Kiste jetzt pädagogisch wertvoll gewesen wäre. Von *1000 Jahren Deutschland* und *den Angsträumen blonder deutscher Frauen* ist die Rede. In Twitter tobt der Sturm. Erst bei Tatort, aber bei Jauch explodiert es fast.

Auf einem Privatsender wird *The walking dead* wiederholt. Ich habe genug deutschen Fernsehabend hinter mir. Tief durchatmen, Zombies beim Fressen zugucken und weiterstricken. Ich schaffe das. Auch mit *Wir-schaffen-das-nicht*-Fernsehen in der ARD.

 

Bildquelle: pixabay, stark verändert

Alles will episch werden. – Kommentar zum Feuilleton

Süddeutsche_immer weiterIch habe ein Abo der Süddeutschen Zeitung gewonnen. Großartig. Unendliches Papier. Gut, wenn man wie ich umzieht. Jetzt habe ich heute doch mal durchgeblättert. Die Zeitung als  Zeitung gelesen. Ich lese täglich Zeitung, aber nur digital, in youtube verpackt, in Newsfeed sortiert. So eine gedruckte große Zeitung kann einen schon nostalgisch stimmen. Längst sind ja Zeitungen handlicher geworden und haben sich verkleinert, sind handtaschengroß. Die Süddeutsche ja nicht. Da kann man seine eigene weltoffene Wissbegierde noch mit ordentlichem Rascheln untermalen. Unter Studenten wurden Zeitungen auch manchmal gesammelt, als Indiz für den eigenen Intellekt. Ich kenne jemanden mit seinem eigenem kleinen Archivstapel.

Der erste Artikel, dem ich eine Chance gebe, ist auch riesig, eine Doppelseite journalistischen Intellekts, hat aber einen kleinen Titel: Immer weiter. Und schält man sich durch die belehrende Feuilletonsprache hat er auch eine interessante Kernfrage. Wobei man eher Kernbeobachtung sagen müsste.

Es geht um das Fehlen des Endes. Das Ende einer Geschichte. Sei es in Büchern, sei es im Film. Computerspiele, die Welten erschaffen. Städte, die sich ausdehnen. Nie ist irgendwo mal Schluss. Kann es noch eine Geschichte sein, wenn sie kein Ende hat? Kann es noch eine Stadt sein, wenn sie ohne Rand in die Vorstädte mündet? Ohne mit der Wimper zu zucken, schlägt mir der Stellenmarkt der SZ auch Jobs in München vor, obwohl ich eine ganz andere Stadt eingegeben habe. Eine Kleinstadt. Die würden im Rathaus hier wild husten, wenn ich ihnen erzähle, dass sie ein Vorort von München sind…

Manchmal wähle ich mir Bücher aus, von denen ich weiß, dass es keine Fortsetzung gibt. Ich sehne mich nach dem Ende der Geschichte. Ich finde es zunehmend schwierig, festzustellen, ob es sich bei einem Band um eine Reihe handelt oder nicht. Öfter mal habe ich unbedacht ein Buch ausgeliehen oder gekauft, von dem dann rauskam, dass es doch der zweite Band von drei Bänden ist.

Ich warte auf Staffelfortsetzungen – quälend lange. Manchmal fangen wir eine Serie erst gar nicht an, wenn nicht wenigstens eine Staffel veröffentlicht ist. Manchmal fange ich Bücher gar nicht an, wenn ich nicht weiß, dass alle (drei?) Bände veröffentlicht sind.

Fanfiction interessiert mich wenig, aber ich habe aktiv nach Geschichten zu the walking dead gesucht. Nach ähnlichen Büchern, nach ähnlichen Serien. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, der heutige Thrill ist, dass man hofft, dass die persönliche Lieblingsfigur nicht stirbt – denn sterben kann jeder. Game of Thrones wird unnötig zitiert. Eine Geschichte ist heute eine Idee, die unendlich weitergesponnen wird. Aber die Grundidee ist die Essenz, die fasziniert. the walking dead ist die immer gleiche Handlung: lebende Menschen sind gefährlicher als tote Menschen. Auch wenn tote Menschen dich fressen wollen. Ich mag diese Grundidee, deswegen mag ich auch alle Geschichten dazu. Ich bin froh, dass es nicht nur ein kurzer kleiner Film ist. Wo am Ende dann the end eingeblendet wird. Gleichzeitig bin ich müde der ganzen Superhelden, die neu ins Kino kommen. Teil 1, Teil 2, Teil 25? Aber wie schon bei Karate Kid angemerkt, erkennt man gut den Zeitgeist bei den Teilen, die vom *Original*  abweichen. Was geht heutzutage – und was geht nicht mehr.

Gleichzeitig trifft er (der Artikel, mein ich)  mit einem Satz (auch und wohl ungewollt) die Grundangst der Blogger: „……hat sich der geschlossene Mikrokosmos des Buches verflüssigt. (…) Dass nicht alle, die lesen können, auch schreiben können, spielt keine Rolle mehr, wenn jeder Text irgendwann nur noch einen Leser hat: den, der ihn schreibt.“

Na, Prost Mahlzeit, mal ein ordentlicher Seitenhieb an all die jungen Literaten da draußen ohne Verlag, aber im Selfpublishing-business ganz groß. Ja, so ist das heute. Der Senf zum Weltgeschehen und zum Privaten wird halt nicht mehr durch die Zeitung dazugegeben. Felle davongeschwommen. Blogs, Kommentare und twitter sind auch laut geworden. Gott sei Dank muss man keinen Doktor in Germanistik haben, um schreiben zu dürfen.

Ich überlege, ob ich mit Serviettentechnik Teile der Süddeutschen an eine Schale klebe. Zur Zierde für die Schlüssel (also eine Schlüssel-schale) , die hier überall verstreut liegen. Darüber könnte ich gut einen Blogartikel verfassen. DIY Serviettentechnik kommt bestimmt an. Einen Archivstapel werde ich nicht anlegen. Irgendwo muss man ja mal anfangen mit dem Ende – wenigstens ein Papier-Ende in diesem Haushalt.

 

Flüchtlingselend vor der Haustür

Flüchtlinge_DeckenWir sind am Ausräumen, Wegräumen, Einpacken und Sortieren. Ich habe ganze Kisten voller Sperrmüll, so denke ich zumindest von den alten Kissen, den Matratzen der Kinder, den ausgebrannten Pfannen und den angeschlagenen Vasen. Ich befreie mich und wie es in diesem Viertel üblich, stelle ich die brauchbaren Sachen nach draußen. Klar, die Matratzen der Kinder nicht. Die nimmt eh keiner mit.

Mit der Zeit werde ich mutiger und lege jetzt doch die Kissen in einen Karton vor der Tür.

Zwei Frauen und ein junger Mann nehmen sich die Kissen schnell. Der junge Mann ist ein halb ausgewachsener Teenager, er sieht gut aus. Ich stelle gerade eine neue Kiste ab und spreche ihn an. Er sieht mir nicht in die Augen und redet mit den beiden Frauen in einer anderen Sprache. Ich spreche oft die Menschen vor meinen Kisten an mein Mann ist schon ein bisschen sauer, weil ich den ganzen Tag *plaudere* aber so haben die Leute ein besseres Gefühl beim Mitnehmen der Dinge. Außerdem macht es mir Spaß, komme halt doch aus einer Kaufmannsfamilie. Wir quatschen halt. Also quatsche ich den schönen Jungen auch an, aber er schnappt sich die Kissen und geht schnell weiter. Da erkenne ich die beiden Frauen, ich habe sie schon einmal im Viertel gesehen.

Damals haben sie Mülleimer durchsucht. Ich bin mit dem Auto vorbeigefahren und habe einen kurzen Blick darauf geworfen. Sie sind obdachlose Flüchtlinge in einem der schicksten Städte dieses Landes. Ich konnte nicht anderes, ich habe neben Mitleid und Teilnahmslosigkeit auch kurz darüber nachgedacht, was sie von meiner Parterre-Wohnung alles klauen könnten. Mein Fahrradanhänger ist nicht abgesperrt. Sollte ich zurückfahren, und ihn absperren? Mein Mann hat mit den Augen gerollt. Wieso sollten sie einen Fahrradanhänger klauen? So ein Käse. Die klauen bei uns gar nichts. Sie haben auch nichts geklaut. Ich habe nicht mehr an sie gedacht, aber mich sehr wohl geschämt. Gedanken sind manchmal heimtückische kleine Mistviecher. Sie beißen einen ohne Vorwarnung und dann ist man hinterher ganz erschrocken und schiebt sie zur Seite.

Diese Episode als vorbeifahrende reiche Westeuropäerin mit Angst vor klauenden Flüchtlingen ist mir also heute wieder eingefallen, als ich die beiden Frauen traf, heute vor meinen Kisten mit den schicken brauchbaren Sachen. Sie sprechen mich an und sagen: Decken. Haben Decken? So kalt im Park. Schlafen Park. Ich sehe auf meine ausrangierten Vasen herunter, die Vorhänge haben sie sich schon genommen. Ich bezweifle, dass meine selbstgenähten Kinderzimmervorhänge in einem neuen Kinderzimmer hängen. ich glaube, meine Kinderzimmervorhänge werden im Park sein. Ich renne zu meiner Wohnung zurück und bringe die alten Kindermatratzen. Ein bisschen ist es mir peinlich. Diese Matratzen sind für mich Sperrmüll. Ich habe sie noch nicht einmal rausgestellt, da in meinem reichen hippen Is-des-bio?-Viertel kein Mensch alte Kindermatratzen mitnimmt.

Die beiden Frauen freuen sich, sie klatschen in die Hände und fragen dennoch noch mal. Decken? Ich sehe, dass ihr Zähne faulen und sie dünnes fettiges Haar haben. Ich sage, dass vielleicht in den Kissen, die der Junge mitgenommen hat, Decken drin sein könnten. Ich weiß, dass ich eingige Kissen damit ausgestopft habe. Sie nicken. Mein Mann zieht mich kurz weg und wir durchsuchen nochmal unsere Wohnung. Ich wollte mich eh von Bettwäsche trennen. Ich habe so einen unüberbrückbaren Haufen an Bettwäsche und benutze eh immer zwei. Mein Mann zieht die alte Bettwäsche von meiner Bettdecke. Du wolltest die Bettdecke doch eh nicht mehr haben. Ja, das stimmt. Ich wollte nach dem Umzug eh eine andere benutzen. Meine alte Bettdecke ist bio, von Hessnatur, irgendein Kamelhaar. Ich habe es vergessen. Ich bringe alle Sachen nach draußen.

Die Frauen lachen, sie freuen sich wirklich. Die eine sagt Gott wird gleichmachen. Ich verstehe, was sie meint. Vergelts Gott. Vergelte es Gott. Ein Dankspruch in Bayern. Ich wünsche ihnen alles Gute und bin dennoch wie erstarrt. Ich bringe ihnen Ikea-Plastiktüten, um das ganze Zeug zu verstauen. Sie lachen mich an und winken. Ich weiß, dass es München nicht gefällt, wenn sie irgendwo ein Lager aufbauen mit Kindermatratzen und bunten Vorhängen. Die eine überzieht meine alte Bettdecke mit einem der Laken und redet auf die andere in einer mir nicht zu erkennenden Sprache ein. Ich frage, was sie im Winter machen, aber sie winken mir und überqueren die Strasse.

Ich habe heute viele Menschen getroffen, mit vielen gesprochen. Einige Eltern haben mit mir lachend Zukunftspläne ausgetauscht, gefragt, wo wir hinziehen. Andere haben verstohlen in unseren Sachen gekramt. Ein junges Paar hat sich gestritten. Sie wollte nicht, dass er die eine Vase mitnimmt. Ein alten Mann hat sich Reisematten genommen. Eine bisschen verrückte alte Dame hat mich gefragt, ob ich für die Stickerhefte ihre alten Moccatassen haben möchte. Aber die beiden Frauen stecken mir in den Knochen. Vor allem wegen meinen ersten Gedanken ihnen gegenüber. Ich schäme mich immer noch.  In dem Bett, in dem ich gestern nacht schlief, schlafen sie heute. So kurz ist eigentlich unser Abstand.

Griechenland ist Europa

#MontagskommentarDer reiche Norden und der arme Süden. Eine europäische Realität. Griechenland hat also gewählt. Keiner weiß so richtig, was die Frage war. Eine Ja oder ein Nein zu Europa? Ein Ja oder ein Nein zu den Schuldbedingungen und Rückzahlungsklauseln? Ein Ja oder ein Nein zu der neuen Regierung?

Um die Ecke bei mir hat ein neuer Feinkostladen aufgemacht. Es ist ein älteres griechisches Ehepaar. Sie verkaufen Oliven und Obst. Meine Kinder dürfen da fast alles probieren. Sie kennen die Oliventheke bereits und langen da immer kräftig zu. (Meine Kinder lieben Oliven und Fisch, ich weiß, sie sind komisch) Die Frau winkt immer ab, wenn ich meine Jungs vom Plündern abhalten will. *Ach, von den zwei Oliven werd ich jetzt nicht arm.* Ich habe sie gefragt, ob sie am Sonntag wählen wird. plötzlich war sie verunsichert. Sie wollte mit mir nicht über ihr Land sprechen und schüttelte nur den Kopf. *Dazu müsste man in Griechenland sein.* sagte sie knapp. Offensichtlich hat sie keine Lust, mit mir über Politik zu sprechen. Ich bewundere statt dessen die Pfirsiche. Mit der Karte zahlen kann man bei ihr nicht. Nur Bargeld, sagt sie lächelnd. Kommt aber noch, verspricht sie mir. Der Mann gibt mir weiche Pfirsiche mit. Für die Kinder, sagt er.

Ich hätte gerne gewußt, was sie denken, denn ich kann mir kaum ein Bild machen, wie es ist, wenn die Banken schließen und man kein Geld mehr hat, seine Medikamente zu zahlen. Im Netz geht das Bild des weinenden Rentners vor den geschlossenen Banken herum. Ein alter Mann, das ist das Sinnbild der Krise.

Von den Kindern wird wenig berichtet. Die Kindersterblichkeit wäre hochgegangen, sagt mir eine Freundin mit griechischer Familie. Von den Berichten fehlt mir jede Spur.

Der Weltspiegel verweist auf andere Länder, die im Euro aus der Krise gekommen sind und tadelt damit wortlos den griechischen Weg. Den anderen Ländern im Süden ginge es auch nicht besser.

Ich beschäftige mich schon lange mit europäischer Geschichte. Die Souveränität des einzelnen Staates ist tief im europäischen Bewusstsein. Wir mögen keine Bundesstaaten, wir mögen nur den Staatenbund. Und ein Souverän lässt sich nicht erpressen. Auf der anderen Seite leider auch nicht. Der Hauch des Erpressbaren wird den Weg zu einer Einigung erschweren und Griechenland letztendlich ausscheiden lassen – aus was auch immer. Die Sparpolitik gibt es schon lange und Europa hat nicht viel auf Griechenland geblickt. Höchstens, um Ferienhäuser auszusuchen. Jetzt sind sie laut und jeder schaut erschrocken hin. Besser wird es dadurch nicht.

Den Letzten beißen die Hunde. Das hat auch Varoufakis gespannt und kündigt für den heutigen Montag seinen Rücktritt an – digital auf twitter und seinem Blog. Immer schön direkt. Ein österreichischer Pensionist, der behauptet, mit Varoufakis blogtechnisch verbunden zu sein, kommentiert jubelnd (ein Fan) und schickt eine Videobotschaft mit.

Popkultur, Coolness, Punk und Politik scheinen sich zu mischen und werden ideologisch aufgeladen. Oh Mann, Leute, kein Mensch kümmert sich um Coolness, wenn man nichts mehr zu fressen hat.

Dabei ist Griechenland Europa. Allein der Name *Europa* kommt von einer griechischen Sage. Wer Geschichte studiert, kennt 3 Epochen, manchmal 4: Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Neuere und Neueste Geschichte.

In der Alten Geschichte geht es nur um Griechenland oder Rom. Am Anfang des Zeitstahls steht Homer und damit meine ich nicht eine gelbe Witzfigur aus Springfield.

Das ist der Unterschied zu den anderen südlichen Ländern in Europa. Wir glauben alle, unsere Demokratie sei eine griechische Erfindung. Oliven und Pfirsiche sind nicht die einzigen griechischen Importgüter.

Die Griechen sind schließlich nach Italien gesegelt und einige Italienische Städte haben griechische Namensgeber. Dann stiegen die Römer auf und haben das römische Reich gegründet. Danach ist Mittelalter. So mal grob.

Die ideologische Aufladung hat erst begonnen.

Die Lehre des Blauen Pferdes

#MontagskommentarIn dieser Woche war der Terror eines meiner Hauptnewsfeed und er rückt immer näher an die Orte heran, an denen ich selbst schon einmal gewesen bin. Ja, ich lese viel über Tunesien dieser Tage und bei meinem lapidaren Grexit-Wort-Entwurf bleibt mir auch ein Kloß im Hals stecken…

Gott sei Dank war auch die Queen da und zwischendurch überreicht Herr Gauck ihr ein Gemälde. Ein Blaues Pferd.

Über Kunst läßt sich bekanntlich streiten und das Bild wirkt auf mich tatsächlich nicht wie das Nonplusultra des Geschmacks, aber die Künstlerin postet Gelassenheit auf ihrer Facebook-Seite:Guten Morgen liebe Welt, ich werde immer wieder gefragt, warum mir dieser „Shit Storm“ nichts ausmacht. Ehrlich gesagt, lebe ich nach dem Motto „Unrat soll man vorbei schwimmen lassen“.

Wenn mir das mal mit der Welt diese Woche auch gelänge.

I am going gay for…not only Ruby Rose

#MontagskommentarRuby Rose geistert durch mein Newsfeed. Who the f*** is Ruby Rose? Ein australisches Model,eine Seriendarstellerin, hat sie auch irgendwas gesungen? Keine Ahnung. Ruby hat vor einer gefühlten Ewigkeit ein youtube-Video veröffentlicht, dem nachgesagt wird, dass selbst die straighte Hetero-Hausfrau ganz feucht im Höschen wird.

I kissed a girl and I Liked it ist so 2008. Aber die Debatte um die Kategorisierung von Sexualität ist mal wieder im vollem Gange. Gender-fluid ist die Kategorie der Stunde und meint, dass man sich weder als Mann noch als Frau fühlt oder aber mal als Mann und mal als Frau. Fluid, halt. Wenn man jetzt aber davon ausgeht, dass Gender eh ein gesellschaftliches Konstrukt ist und *männliche* und *weibliche* Eigenschaften eine Erfindung sind – wäre dann Gender-fluid die Kategorie *Mensch*? Keine Ahnung, Verwirrung ist nicht mein Thema. Sexualität könne man sich nicht aussuchen, sagen die Kritiker. Und recht haben sie, denn es ist sicherlich nicht einfach, in einer heterosexuellen Gesellschaft homosexuell zu sein.

Sexualität sollte man aber ausprobieren, sage ich. In meiner Teenager-Zeit hatte ich ganz herzergreifende Liebesgeschichten mit Frauen und trotz meiner momentanen Sexualität habe ich mir dieser Tage mal überlegt, welche Frauen ich nicht so locker von der Bettkante schubsen könnte…und ja, Ruby Rose wäre jetzt auch darunter. Ich habe mal eine short list erstellt.

1. Kate Winslet

2. Lauryn Hill

3. Emmanuelle Béart

4.Tatiana Maslany

5. Lara Croft in der Version von Angelina Jolie

Ist Grexit dramatisch genug?

#MontagskommentarIn Amerika wird kräftig dekonstruiert. Da gehen einem doch glatt die Schubladen aus. Ein Mann, der in der Öffentlichkeit durch seine sportlichen Leistungen als echter Mann wahrgenommen wurde, wird zur Frau. Eine Weiße gibt sich als eine schwarze Bürgerrechtsaktivistin aus und wird von den Eltern als „blondes Mädchen“ entlarvt. Nur aus Texas taucht ein Video auf, dass einen weißen Polizisten dabei filmt, wie er ein völlig aufgelöstes, heulendes Bikini-Mädchen auf den Boden drückt. Sie brüllt: Call my Mom und weiß auch nicht mehr weiter. Er zieht sogar die Waffe. Alles beim alten. Das Mädchen ist schwarz.

In Europa blickt die Tagespresse in das journalistische Sommerloch, weil keiner mehr Bock hat über Griechenland zu reden. Allerdings haben wir ein wundschönes neues Wort erfunden. Den Grexit, eine Mischung aus Exit und Griechenland. Gemeint ist damit der Ausstieg Griechenlands aus der €-Zone. Grexit klingt wie eine kurzer schmerzhafter Schlag, so vom Wortklang, mein ich. Und Exit ist hierzulande meistens der Notausgang, also durchwegs nicht Negatives. Ich würde mir ein dramatischeres Wort wünschen. Greabortion oder Grefall oder Grebroke, aber Grexit? Ich weiß ja nicht, Leute.

Winnetou und Weißwürste

#Montagskommentar Ein bisschen gruselt es mich vor dem Blätterwald der deutschen Zeitungen heute morgen. Neben Obama zwischen Trachten und Weißbier sind Bilder von Winnetou abgedruckt. Von den „ewigen Jagdgründen in Bayern“ ist zu lesen oder er wird der „Ewige Häuptling“ genannt.

Wie absurd deutsche Kultur zuweilen ist.

Wir feiern einen Franzosen als Amerikaner, der in Kroation die Rolle seines Lebens spielte (an dieser Stelle möchte ich pietätvoll kurz dem Menschen Pierre Brice die ewige Ruhe gönnen) und daneben lächelt der mächtigste Amerikaner in einem Standbild bayerischer Kultur.

Dabei gibt es das Weißbier- oder Weißwurstfrühstück tatsächlich. Die Wurst sollte bis 12 Uhr auf den Tisch stehen, danach nicht mehr. Hatte mal was mit Frische zu tun. Nun gut, inzwischen lassen sich in Plastikfolie verpackt Weißwürste auch nachmittags um 15 Uhr kaufen, aber man macht es irgendwie nicht. Die Weißwurst ist ein 11-Uhr-Frühstück geworden. Wenn man jemandem beim Umzug hilft, gibt es ganz oft ein Weißwurstfrühstück. Mit Senf, Brezen und Bier. Feine Sache, ehrlich, eine feine Sache.

Aber aufgemotzt zwischen Trachtenhüten und amerikanischen Präsidenten ist es mir eher peinlich. Kann man den Mann nicht mal in normalen Kleidern empfangen? Amerika weiß, wie unsere Trachten aussehen. Die glauben doch, wir haben einen Schlag weg bei den Bildern. Trachten sind neben hohen Feiertagen eher eine Berufskleidung für Kellerinnen. Gott sei Dank kommt Angie aus dem tiefsten Osten. Ich würde es nicht ertragen, wenn sie eine bayerische Tracht tragen würde. So steht sie eher würdevoll neben Obama herum und betrachtet mit ihm das seltsame Völkchen der Bayern – geht also alles grade noch.

Und dann kommt Winnetou. Ob die Zeitungen in den 80er Jahren bei Romy Schneiders Tod auch geschrieben haben: Sissi ist gestorben! Es lebe die Kaiserin? Wahscheinlich. Kann ich mir gut vorstellen. Das mediale Durchdringen eines Menschen, dass am Ende eine Filmrolle und dieser Mensch so völlig ineinander verwoben scheinen, obwohl wirklich NIchts, was dieser Mensch in dieser Rolle gesagt oder getan hat, irgendwie authentisch ist, nein, selbst der Lichteinfall ist insziniert…das macht mir Angst.

Bei Leonard Nimoy hat es mich schon gegruselt, aber Mr.Spock ist wenigstens ein Außerirdischer. Winnetou ist der verklärte Blick auf eine Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Und Winnetou hat es nie gegeben, es war eine Rolle, die ein junger Mann angenommen hat und noch nicht mal die Bücher dazu kannte. Und jetzt schreiben alle: Winnetou ist tot.

Und dabei ist die verklärte Vergangenheit nicht mal eine europäische. Aber vielleicht habe ich da was Grundsätzliches falsch verstanden, denn schließlich geht es um Blutsbrüderschaft, Ehre und den Heldentod – da kenn ma uns ja wieder aus. Könn ma zwengs den Nazis jetzt nich mehr mit Siegried und den Drachen veranstalten, aber die Apachen sind ein guter Ersatz.

Winnetou ist nicht die einzige Todesmeldung dieser Tage. Klein und am Rande ist eine Figur im Hintergrund gestorben – auch ein Kindheitsheld quer durch die deutsche Gesellschaft. Horst Brandstätter. Wer das jetzt wohl war? Guess. 

Ich liebe mein Land. God bless you all.

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