Winnetou und Weißwürste

#Montagskommentar Ein bisschen gruselt es mich vor dem Blätterwald der deutschen Zeitungen heute morgen. Neben Obama zwischen Trachten und Weißbier sind Bilder von Winnetou abgedruckt. Von den „ewigen Jagdgründen in Bayern“ ist zu lesen oder er wird der „Ewige Häuptling“ genannt.

Wie absurd deutsche Kultur zuweilen ist.

Wir feiern einen Franzosen als Amerikaner, der in Kroation die Rolle seines Lebens spielte (an dieser Stelle möchte ich pietätvoll kurz dem Menschen Pierre Brice die ewige Ruhe gönnen) und daneben lächelt der mächtigste Amerikaner in einem Standbild bayerischer Kultur.

Dabei gibt es das Weißbier- oder Weißwurstfrühstück tatsächlich. Die Wurst sollte bis 12 Uhr auf den Tisch stehen, danach nicht mehr. Hatte mal was mit Frische zu tun. Nun gut, inzwischen lassen sich in Plastikfolie verpackt Weißwürste auch nachmittags um 15 Uhr kaufen, aber man macht es irgendwie nicht. Die Weißwurst ist ein 11-Uhr-Frühstück geworden. Wenn man jemandem beim Umzug hilft, gibt es ganz oft ein Weißwurstfrühstück. Mit Senf, Brezen und Bier. Feine Sache, ehrlich, eine feine Sache.

Aber aufgemotzt zwischen Trachtenhüten und amerikanischen Präsidenten ist es mir eher peinlich. Kann man den Mann nicht mal in normalen Kleidern empfangen? Amerika weiß, wie unsere Trachten aussehen. Die glauben doch, wir haben einen Schlag weg bei den Bildern. Trachten sind neben hohen Feiertagen eher eine Berufskleidung für Kellerinnen. Gott sei Dank kommt Angie aus dem tiefsten Osten. Ich würde es nicht ertragen, wenn sie eine bayerische Tracht tragen würde. So steht sie eher würdevoll neben Obama herum und betrachtet mit ihm das seltsame Völkchen der Bayern – geht also alles grade noch.

Und dann kommt Winnetou. Ob die Zeitungen in den 80er Jahren bei Romy Schneiders Tod auch geschrieben haben: Sissi ist gestorben! Es lebe die Kaiserin? Wahscheinlich. Kann ich mir gut vorstellen. Das mediale Durchdringen eines Menschen, dass am Ende eine Filmrolle und dieser Mensch so völlig ineinander verwoben scheinen, obwohl wirklich NIchts, was dieser Mensch in dieser Rolle gesagt oder getan hat, irgendwie authentisch ist, nein, selbst der Lichteinfall ist insziniert…das macht mir Angst.

Bei Leonard Nimoy hat es mich schon gegruselt, aber Mr.Spock ist wenigstens ein Außerirdischer. Winnetou ist der verklärte Blick auf eine Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Und Winnetou hat es nie gegeben, es war eine Rolle, die ein junger Mann angenommen hat und noch nicht mal die Bücher dazu kannte. Und jetzt schreiben alle: Winnetou ist tot.

Und dabei ist die verklärte Vergangenheit nicht mal eine europäische. Aber vielleicht habe ich da was Grundsätzliches falsch verstanden, denn schließlich geht es um Blutsbrüderschaft, Ehre und den Heldentod – da kenn ma uns ja wieder aus. Könn ma zwengs den Nazis jetzt nich mehr mit Siegried und den Drachen veranstalten, aber die Apachen sind ein guter Ersatz.

Winnetou ist nicht die einzige Todesmeldung dieser Tage. Klein und am Rande ist eine Figur im Hintergrund gestorben – auch ein Kindheitsheld quer durch die deutsche Gesellschaft. Horst Brandstätter. Wer das jetzt wohl war? Guess. 

Ich liebe mein Land. God bless you all.

2 Kommentare

  1. Kommt einem schon komisch vor so eine Veranstaltung, oder? Geht mir ganz ähnlich. Ich gönne Herrn Obama von Herzen seine Weißwurscht, die ist nämlich wirklich was feines, aber diese ganze Show, die dann immer abgezogen wird… Bestimmt haben die irgendwo auch noch ne Runde Schuablattln aufgeführt.
    Kommt mir immer so vor wie wenn man Eingeborenen zuschaut, die eine Show für Touristen abziehen…

  2. Ich schätze mal, dass viele einfach nicht wissen, wer Pierre Brice ist, deswegen müssen sie Winnetou schreiben. ;) Und zu den Weißwürsten: Mei, wir haben an unserer Hochzeit auch nachmittags vor der Trauung noch Weißwürste serviert, weil die Familie nicht früh genug kam, der Mann aber doch so gerne was Lokales präsentieren wollte. Ich find’s nur doof, wenn jetzt wieder die ganze Welt denkt, Deutschland wäre Bayern. :p

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