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Pippi, Tommy und Annika

In der Medienerziehung meiner Jungs bin ich nostalgisch. So, als ob Pumuckl und Pippi Langstrumpf irgendwie besser wären als die Minions. Wie jede Elterngeneration vor mir versuche ich, die Helden meiner Kindheit hochzuhalten und blicke mit höchster Skepsis auf die Horde Eisprinzessinnen und die Gelbeinaugenknirpse.

Mit einem Grinsen habe ich so festgestellt, dass mein einer Sohn ein ernsthaftes Auge auf Pippi Langstrumpf geworfen hat. Manchmal erwähnt er sie fachmännisch. Wenn ich zum Beispiel versuche, das Gartentor auszuhebeln und er mir mit seinen Patschehänden unterstützend zur Seite springt, sagt er Dinge wie: Jetzt brauch ma Pippi Langstrumpf. 

Figuren, die ich wage von meinem eigenen Früher kenne, werden bei mir automatisch als positiv registriert. Also gucken wir Pippi Langstrumpf an.

Ich schlucke ein bisschen, nachdem das Wort Negerkönig zum fünften Mal auftaucht und schiele zu meinen Kindern. Soll ich jetzt sagen, dass des kein Wort ist, dass man heute noch benutzt? Soll ich jetzt ganz ausmachen? Soll ich einfach abwarten, ob sie das Wort überhaupt registriert haben? Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen? Haben wir wirklich als Kinder vom Negerkönig gesprochen? Wieso ist es nicht komisch, dass er da König ist? Kolonialgeschichte   is ja ned grad ne Erfolgsstory, die man so unreflektiert Kindern rüberbringen sollte. Aber gut, ich mache weiter mit meiner Pippi Langstrumpf Medienerziehung und warte einfach ab.

Pippi, Tommy und Annika machen sich ständig zu irgendeinem Ausflug fertig. Erst ist es mir gar nicht gekommen, aber es ist immer Annika, die die Brote schmiert. Pippi und Tommy machen nie so was wie Brote schmieren. Klar, Frauenarbeit.

Pippi, Tommy und Annika starten mit einem selbstgebauten Flugzeug nach Taka Tuka. Ich mache kurz die Augen zu und hoffe, es ist nicht Annika, die die Pedale treten muss. Doch, ich gucke wieder hin. Annika strampelt, Tommy steuert das Flugzeug. Natürlich steuert er das Flugzeug. Er ist der Junge. Pippi rennt und rennt. Danach fliegt es und sie wechseln die Positionen. Tommy muss gar nichts mehr machen. Annika darf steuern.

Gut, Pippi ist ein Mädchen. Aber Pippi ist ein Übermädchen. Eine Kunstfigur. Der Troll in der Geschichte. Es geht auch meinen Kindern darum, mit Pippi befreundet zu sein. Sie hat den Koffer voller Gold und kauft immer allen Kindern, was die wollen. So sollte Freundschaft ja auch funktionieren. (Haha)

Aber die Identifikationsfiguren in der Geschichte sind Tommy und Annika. Und nicht nur, weil ich hier nur Söhne habe. Vielleicht ist es bei Mädchen anders. Vielleicht sehen sie sich eher als Pippi Langstrumpf. Aber Annika ist das eigentliche Mädchen. Und sie verhält sich auch genau so. Auf der einsamen Insel ist sie es, die kreischt und vor den wilden Tieren wegläuft. Tommy hat zwar auch gestrichen die Hosen voll, aber er bleibt nur kreidebleich. Jungs weinen halt nicht. Annika schmiert Brote. Und als Annika auch noch anfängt, die Kleidung von Pippi und Tommy zu waschen, da stirbt irgendwo in mir eine bunte Fee.

Gut, was will man auch von einer Geschichte von vorgestern erwarten. Alle starrten sie gebannt auf Pippi und ihre rotzfreche Art. Das Mädchen, dass es geschafft hat, ein Draufgänger zu sein. Der Punk, das feministische Urgestein. Was habe ich in die Hände geklatscht, als meine Kinder sich dafür interessierten. Ja, jetzt zeig ma euch mal, wie des so ist mit den starken Mädels. SO sollten Frauen sein, aussehen und sich benehmen. Spuckend und prügelnd sollten sie sein.

Aber ich sitze zwischen meinen Kindern beim sonntäglichen Kinonachmittag und sehe Annika beim Kleiderwaschen zu. Annika, wie konnte ich dich vergessen! Du bist ja noch da und zeigst uns ganz genau, wie man sich als normales Mädchen so zu verhalten hat. Also alle Mädchen, die kein Pferd stemmen können. Also alle anderen.

Wie viele Generationen werden noch ins Land gehen, bevor man beiläufig einen Tommy beim Brote schmieren und Kleiderwaschen sehen wird?

Es ist nicht das Laute, dass mir Sorgen macht, sondern immer nur das Leise. Die leisen Selbstverständlichkeiten. Mir fällt es auch, meinen Kindern nicht. Wie auch. Sie nehmen alles so hin. Ich beginne, im Netz nach kritischen Stimmen zu Pippi Langstrumpf zu suchen. Aber es geht da vor allem um Kolonialgeschichte. Sonst passt alles. Annika wird nicht gesehen. Bei MakellosMag treffe ich auf weitere Links zu einer gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit Bibi Blocksberg und co. Interessant. Benjamin Blümchen als Wutbürger aus Stuttgart, Familie Blockberg als angepasstes Familienidyll. Doch Pippi schneidet überall ziemlich gut ab. Sie ist halt immer noch cool.

Mein fast Vierjähriger träumt jetzt also davon, ein Mädchen wie Pippi kennen zu lernen- stark, ein Koffer voller Gold und ein Pferd auf der Veranda. Findet er großartig. Nur manchmal weint er, wenn es um den Papa geht. Warum der nicht da sei. Warum der denn mit einem Schiff wegfährt. Gut, der Film ist auch erst ab 6 Jahren und so streichle ich ihm über den Kopf und beschwichtige. Der kommt doch wieder. Diese Anflüge sind kurz, denn die meiste Zeit sitzen wir da und Pippi macht irgendeinen Käse…da schielen sie zu mir rüber und warten ab. Ich (als Mutter, bei der man im Wohnzimmer keinen Eimer Wasser ausschütten darf) werde dann aufgefordert zu fragen, ob man denn das jetzt auch bei uns machen dürfe. Nein, kommt dann der lachende Chor. Des darf man nur bei Pippi. Wird Zeit für Ronja Räubertochter.

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Kleinigkeiten vom Leben auf dem Land

Stadtluft und LandlebenIch komme aus München. Ich bin da geboren worden und bis auf ein Jahr in Berlin, habe ich auch immer dort gelebt, studiert, gearbeitet, bin unglücklich dort gewesen und glücklich. Jetzt wohne ich noch nicht mal mehr in einem Dorf. Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster sehe, dann sehe ich kein Haus mehr, nur die Berge. Liegt vielleicht auch daran, dass wir auf einem Hügel wohnen, aber egal. Wobei man München ja auch gerne provinziell nennt. Aber es ist trotzdem irgendwie schon eine Stadt.

Wer von der Stadt auf´s Land zieht, der macht sich da seine Gedanken. Was anders werden wird, vor allem auf welche Dinge man keinen Einfluss hat und sie ungewollt anders sind. Wie die Menschen da so sind. Wen man trifft und wen nicht mehr. Der Kulturschock blieb aus. Ich kenne das bayerische Land. Ein bisschen aufgewachsen bin ich hier schon – als Wochenendfahrerin, als unverbindlicher Gast. Doch einige Uhren ticken doch anders, wenn man hier richtig und echt wohnt. Ich blicke auf Details für euch. Kleinigkeiten, die mir auffallen.

Eine Freundin von mir hat mir mal gesagt, dass ihr Sohn die Stadt brauche. Die Neutralität der Stadt und damit meinte sie, dass den Menschen, die irgendwie anders sind, mehr Toleranz gegenüber gebracht wird. Ich glaube inzwischen, es ist vor allem Gleichgültigkeit. Und da kommt es schon darauf an, wo in München man wohnt. In meinem Münchner Innenhof ging es auch zu wie Sonntags nach der Kirche. Aber die Geschichten waren kurz, man ist sich begegnet und ist wieder verschwunden. Grad das man wußte, aus welcher Stadt jemand hergezogen sei. Hier sind die Geschichten länger, es werden ganze Familienchroniken erzählt. Die Leute wissen so unglaublich viel voneinander. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie intoleranter sind. Ein Beispiel.

Ich sitze an einem Tisch mit anderen Mütter und mache einen Scherz über ein Mädchen von jemanden. Der Scherz ging irgendwie so, dass ich unterstellt habe, dass das betreffende Kind sich dann gut gegen ihre zukünftigen Freunde durchsetzen kann. Ihre männlichen Freunde, sozusagen. Die Mutter lächelt und sagt, dass sie sich da gar ned so festlegen würd, weil sie dad ja auch vielleicht a Freundin mal ham. Die anderen pflichten ihr bei und äußern sich bissig über Familien, denen man nicht zutraue, gut mit einem homosexuellem Kind umzugehen. Ja, sag ich, und mir fällt meine Freundin ein, die auf die große Toleranz der Stadt gepocht hat bei meinem Wegzug. Dumme Menschen gibts überall, coole Socken auch. Is halt alles nicht so schwarz und weiß.

In meinem Münchner Innenhof wohnte ich im Parterre. Eigentlich konnte mir die ganze Nachbarschaft ins Wohnzimmer schauen. Aber die Menschen sind sehr dezent. Es wurde stets ein höfliches Desinteresse an meiner Inneneinrichtung zum Ausdruck gebracht. Manchmal hab ich die Menschen beim Vorbeigehen beobachtet. Kaum jemand hat mir offen ins Zimmer geblickt. Man lief eher mit gesenktem Kopf daran vorbei. Überrascht war ich von der Ostseite unseres Hauses – da ist nämlich mit einigem Abstand eine Strasse, auf der man mit 100 Sachen fahren darf. Da fahren viele auch mit 100 Sachen vorbei, aber einige fahren im Schneckentempo, um möglichst was zu sehen. Manchmal winke ich dem Auto zu und wundere mich. Eigentlich finde ich es unhöflich. Im Schneckentempo in ein fremdes Haus zu blicken. Aber was in der Stadt ein heimlicher Blick war, ist auf dem Land ein gerades Starren. Man wird sich wohl noch interessieren dürfen. Das ist ein Detail, das mir echt aufgefallen ist.

Ein anderes ist das Grüßen. Hier wird gegrüßt. In München habe ich auch manchmal gegrüßt – alte Frauen, die im Schlurfgang an mir vorbei gegangen sind. Da habe ich dann kurz genickt. Gefreut haben sie sich meistens. Aber eine Pflicht war das nicht. Es sind ja auch zu viele Menschen auf der Straße. In den Dörfern hier wird sehr wohl gegrüßt und es ist auch ein Punkt, über den man sich aufregt, wenn man´s nicht macht. Zugegeben, ich finde es auch seltsam, wenn mir eine Mutter begegnet, ich *hallo* sage, weil wir uns halt kennen, und es kommt nichts zurück. Ich schiebe es aber eher auf die mütterliche Butter im Kopf, die manche von uns halt morgens wirr werden läßt, aber es fällt hier mehr auf und ins Gewicht. Nicht zu grüßen bedeutet etwas. Es bedeutet Hochnäsigkeit, gute alte Hochnäsigkeit. Nicht zu grüßen ist ein No-go.

Fahrradfahren ist hier kein zweckmäßiges Fortbewegungsmittel mehr. Eine Alternative für alle. Fahrradfahren ist Sport und wird hauptsächlich von männlichen Touristen in Thermo-unterhosen kurz vor der dritten Midlifecrisis ausgeführt. Mitten auf der Schnellstraße. Diese neuen Fahrradfahrer sind mir völlig fremd und ich bin etwas überfordert. Klar, es gibt wohl auch die Sportler-Fraktion in München ,aber bitte….das sind neben den Müttern mit Fahrradanhänger, den Studenten in Cordhosen und den Bürotanten im Kostüm eher die belächelte Minderheit. Am Anfang habe ich noch versucht, mein eigenes Fahrrad als passables Fortbewegungsmittel zu sehen, aber das ist schnell vorbei gegangen. Die Distanzen sind zu groß. Ich schaffe meine Touren gar nicht ohne Auto. Jetzt sind nur noch die Sportler im Rentenalter übrig und ich beäuge sie immer noch mit meinen erstaunten Stadtaugen. Ihr seid also die Fahrradfahrer hier. Ah, ja.

Am Wochenende hatten wir Besuch. Jemand, der ganz und gar auf dem Land aufgewachsen ist und gelacht hat über meine Beobachtungen und noch ein Unterschiedsdetail in die Waagschale warf. Das Nach-Hause-kommen. Die Leute bringen sich nach Hause, weil sie ohne Auto nämlich gar nicht mehr nach Hause kämen. In der Stadt, in der er jetzt lebt, findet er es seltsam, dass das nicht mehr so ist. Dieses automatische gegenseitige Nach-Hause-bringen. Ja, das ist mir auch schon passiert. Das mich jemand nach Hause gefahren hat. In München gab es das beim besten Willen auch nicht. Grad, wenn jemand nach einem Date sich als besonders romantisch darstellen wollte, gut, dann hat er dich in einem Nachtspaziergang bis nach Hause begleitet, aber so unter Freunden? Machte überhaupt keinen Sinn, jeder kam immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sich. Hat auch keiner mal gefragt, wie man denn nach Hause kam. Hier bin ich fast aus allen Wolken gekippt, als ich wie selbstverständlich nach einem Treffen nach Hause gefahren wurde. Versteht mich nicht falsch, ich glaube schon, dass hier bereits Freundschaften wachsen, aber ich hätte es nicht als unhöflich oder unmöglich erachtet, wenn das Nach-Hause-bringen irgendwie doch nicht geklappt hätte. Gut, ich habe auch gefühlte hundert Mal nachgefragt, ob sie das denn jetzt auch wirklich macht nachher. Ich konnte es nicht glaube, weil es ja schon ein Umweg ist. Wenn es doch nicht geklappt hätte, wär ich überhaupt nicht böse gewesen. Deswegen wär ich am nächsten Tag dennoch davon ausgegangen, dass wir befreundet sind. Irgendwie. Bin ich ja auch gewöhnt so. Wenn das letzte Bier ausgetrunken ist, der letzte Lacher gelacht – dann schaut jeder auf sich selbst und seine Verbindung zur eigenen Haustür. Da hat mich dann unser Besuch scharf unterbrochen und gemeint, dass es doch völlig egal sei, wie lange man dann noch fährt, wenn man halt Autofahren kann und dann bringt man die Leit, die mit einem lachen, doch wohl nach Hause, wenn sie kein Auto dabei ham. Das sei doch kein großes Ding. Doch, sag ich, des ist schon ein großes Ding. Für mich altes Stadtkind zumindest.

Ihr seht, ich mag es hier. Auch mit den Schneckentempo-Autos und den windschnittigen Fahrradfahrern. Vielleicht papp ich auch vorne am Eingang ein Info-Schild mit integrierter Kaffee-Einladung hin, damit es sich richtig lohnt für die Neugierigen und fange an, einen Stand mit selbstgemachte Limonade zu bauen für die Fahrradfahrer. Man muss sich ja bisschen an die Gegebenheiten anpassen.

Habt ihr ähnliche Kleinigkeiten erlebt? Kennt ihr ganz andere Landstriche, die sich schwer tun mit den Zugezogenen? Kennt ihr andere Geschichten vom Land und von der Stadt? Macht nur Stadtluft frei? Oder sind die Landeier besser als ihr Ruf?

 

Bavarian Beats Festival mit Karin Rabhansl, Mathias Kellner und Dreiviertelblut

Bavarian Beats festival 2016Musik macht das Hirn frei. Einmal durchpusten. Brauch ich. Wisst ihr eh. Gestern war in Tölz der Auftakt zum Bavaria Beats Festival. Ausverkauftes Kurhaus. Der Veranstalter schien selber überrascht. Das Kurviertel is jetzt ned bekannt für sein wildes Nachtleben. Da geht man eher zum sterben hin. Bis auf des Kurhaus. Da gibts dann Ü-30-Parties oder Osterrock. Oder Hochzeiten. Hochzeiten gibts ja auch. Daweil is es ein echt schönes Haus. Alt, großer Parkettsaal mit Kronleuchter, Bar in einer Mischung aus Kolonialstil und 20er Jahre-Chic.

Gestern also ein Festival. Heißt ja, dass es eine mehrtägige Veranstaltung ist, bei der mehrere Musikgruppen vorgestellt werden. Freitag waren drei verschiedene Musiker/Bands dabei. Eigentlich lohnt es sich, für jeden selber einen eigenen Artikel zu schreiben.

Karin Rabhansl

Eine junge Frau betritt die Bühne. Sie hat a bisserl ausgewaschene schwarze Jeans und a schwarzes Shirt an. Und bunte Ringelkniestrümpfe. Die Socken sind wie eine Fußnote an eine vergessene Kindheitswelt aus Pipi Langstrumpf und die Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Die Liedermacherin ist eine Wucht. Basti und ich sehen uns verwundert an. Warum kenn ma die noch ned? Egal, jetzt schon. Sie versprüht Fröhlichkeit, die nicht aufgesetzt wirkt, kann aber auch traurige Töne anschlagen. Karin Rabhansl hat so eine Fußmaschine dabei, mit der sie ab hoc was aufnehmen und in Schleifen legen kann. Als Jugendliche hab ich mal Blixa Bargeld damit ein ganzes Sonnensystem kreieren sehen. Karin Rabhansl kreiert damit Mundart-Pop oder ein Dorf aus Tönen. Ihre Geschichten drehen sich um Musiker, die einen Besuch im Arbeitsamt hinter sich zu bringen haben oder von den Männern, die am Bierzeltrand a Madl mit den besten Sprüchen der Welt versuchen zum heimgehen zu bewegen. Sie singt von ihrer verstorbenen Großtante und man hat mit jedem Lied des Gefühl, man würd direkt von ihrem Leben hören. Da sie selbst ihr neues Album *Anna* als persönlicher Gemischtwarenladen beschreibt, wird hier in kürze eh eine komplette Auseinandersetzung mit ihren Liedern folgen. Denn es gibt selten Töne, die mir die Tränen in die Augen treiben und andere, mit denen ich weniger zu tun hab. Nichtsdestotrotz, Geschichten aus erster Hand. Heiter, ernst und ehrlich.

Mathias Kellner

Ein Mann wie ein Berg betritt die Bühne. Der kann des. Des sieht man sofort. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Mathias Kellner aus *in der Nähe von* Straubing schrammt auf der Gitarr und hat eine Stimme, die unter die Haut geht. Tief und laut, leise und mit Herz. Seine Lieder sind mit Geschichten umrahmt. Wir hören unheimlich gern zu. Wir lachen und erinnern uns an vergessene Sachen aus unserm eigenen Leben. Mathias Kellner ist ein Musiker, den man live sehen sollte. Wörter und Töne, Geschichten und Lieder fließen ineinander über, verstärken sich, machen Bilder im Kopf. Er erzählt von den Jungs aus seiner Schulzeit, vom Wochenende-Leben zwischen den Dörfern, vom ersten Auto mit den zugegebenen Hygieneproblemen des Beifahrerfußraumes, vom ersten Schmusen und sorglosen Zeiten, von Liedern auf Kassette, Aufnahmen aus dem Radio, Alkopopsdesastern und Diskobussen. Es ist ein Folk aus den Dörfern, der den Kursaal ausfüllt. Ohne Glamour und Möchtegern, ohne Hipster und BWL. Der Saal liebt ihn dafür. Sei des, was du bist. Bodenständig, vertraut, ohne Heimatdümpelei, ohne das ganze bayerische Bierzeltgsüfferl. Unter uns, ich finde ja das touristische Schön-Wetterbayern zu kotzen. Genauso wie das kleinkarierte Wirtshaus-Bayern mit ihrem Mia san mia, schleich di. Mathias Kellner ist von beiden Extremen sehr weit weg. Er beweist, dass die Liedermacher aus Bayern ihr Leben in der Heimat besingen können ohne dabei in Klischees zu verfallen und trotzdem Erinnerungen haben, die viele teilen.

***JAWOI***Das Live-Doppel Album mit allen G‘schichten ab jetzt überall erhältlich!Juhu, endlich ist es so weit, I gfrei mi wia ein Schnitzel! – Fast 2 Stunden SONGS und GSCHICHTN- Gastauftritte von Martina Schwarzmann, SanII und Sebastian Horn!- Booklet mit Begleittext und vielen Livefotos- etc…Teilen und kaufen!► Amazon: http://smarturl.it/Kellner_LIVE► iTunes: http://smarturl.it/Kellner_LIVE_iT

Gepostet von Mathias Kellner am Freitag, 22. Januar 2016

Dreiviertelblut

Ok, dann also *the band* zu deutsch *DIE Band* zum Schluss des Festivals. Ich will ja jetzt nicht behaupten, dass ich ursprünglich wegen denen überhaupt erst da bin. Eine Schande, wenn man bedenkt, wie gut es mir bis hierhin so gefallen hat. Dreiviertelblut sind vor allem Gerd Baumann und Sebastian Horn. Baumann kennt man als Filmmusiker (ok, wer hat wer früher stirbt ist länger tot bitte NICHT als Soundtrack zu Hause?) und Sebastian Horn ist der Typ von den Bananafishbones. Wenn man hier irgendwo im Oberland/München/Bayern aufgewachsen ist, hat man die mal live gesehen. Damals, als noch 16jährige sowas wie The cure gehört haben und das noch Chartmusik war und keine Klassiker. Also, jetzt Dreiviertelblut.  Der Strom der folklorefreien Töne geht weiter. Ein Fest. Klare politische Statements wie das Lied zu den Kriegsangekommenen der letzten Zeit mit Mia san ned nur miaOder die in Töne geformte braune Vergangenheit des bayerischen Oberlandes wie Heiglkopf. Des is a Name von nem Berg hier und dazu singen sie im Refrain folgenden Text: Der Heilkopf einst Hitlerberg der steht im schönen Isartal und die Geschichte die I Eich jetzt gleich verzähl handelt von großem Mut und tiefen Fall. Ja, und die Geschichten erzählen sie dann. Großartig. Ich muss jetzt wohl nicht mehr erklären, dass der Abend keine Heimatdummprahlerei in blauweißen Trachtenjankern darstellen will. Kann man ja noch mal unterstreichen. Die Musik ist so fröhlich wie Klezmer, so freakig wie Funk, so leise wie eine alte Ballade. Man kann nur hoffen, dass nach dem Album *Lieder vom Unterholz* bald das zweite Album rauskommt. Das erste Album kann man nämlich rauf und runter hören. Da ist das über das große Wir.Konzert am Königsplatz (des war des mit dem Grönemayer, kam auch in den Nachrichten, gab es ein BenefizKonzert für die freiwilligen Helfer, als da so viele Menschen angekommen sind bei uns, erinnert sich wer?) im letzten Herbst Mia san ned nur mia nicht dabei, aber des macht dem ganzen keinen Abbruch. Wird ja noch ein Album geben, sagen die Herren. Hier nochmal der Auftritt, der die Band über Nacht bekannt gemacht hat. Der Mann mit der Gitarre, der in dem Video immer angezoomt wird, ist der derzeitige Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter. (nur als Erklärung, falls sich jemand fragt, warum) Aber, lasst euch nicht täuschen. Dreiviertelblut ist keine Eintagsfliege. Das ist keine hochgespülte bayerische Trendmusik. dahinter kommt noch ein ganzes Land aus Musik. Habe mich gestern selbst überzeugt.

Ein Abend als Fest also, die Pause mit Musik. Heute Abend geht es im Kurhaus weiter. Kurzentschlossene unter euch? Der Veranstalter hat gestern schon gezeigt, dass er gute Musiker zambringt. Ich kann heute leider nicht dabei sein. Mein Herz weint bisserl deswegen.

Letzte Station Bilanzbuchhalter

Bilanzbuchhalter IHKIn meinem Leben habe ich bis jetzt viele Prüfungen abgelegt. So viele, dass ich sagen kann, dass jene, welche angekündigt sind und mit fester Uhrzeit und abgesteckten Prüfungsrahmen meist weniger schlimm sind als die unangekündigten, die das Leben als Prüfung haben.

Jetzt stehe ich also wieder vor einer angekündigten Prüfung. Bei der Industrie-und Handelskammer Bilanzbuchhalter. Das klingt wie Hüttenkäse auf Knäckebrot – vernünftig, gesund und wenig spannend. Die meisten wissen, was Buchhalter sind. In Filmen sind wir immer jene mit den Hemdkrägen, ein wenig übergewichtig und treudoof, selbst der Mafia gegenüber. Der Unterschied zwischen Buchhaltern und Bilanzbuchhalter liegt an jener Prüfung. Es ist eine Meisterprüfung. Es befähigt zu mehr.Sagt man sich.

Die Prüfung besteht aus 3 Teilen. In Teil A werden zwei Prüfungen abgelegt. Kosten-und Leistungsrechnen und irgendwas mit Finanzmanagement. Ich habe diesen Teil schon letztes Jahr bestanden. Nach Teil A kommt Teil B. In Teil B werden vier Prüfungen gefordert. Da stehe ich jetzt kurz davor. Die vier Prüfungen sind unterschiedlich lang. Von eineinhalb Stunden bis zu vier Stunden. Die Große nennt sich Jahresabschluss national. Da muss man dann Spinnereien zwischen Handelsbilanz und Steuerbilanz regeln. Wobei es für die IHK gar keine extra Steuerbilanz gibt. Da gibt es dann außerbilanzielle steuerliche Korrekturen.

Es gibt aber eine extra Steuerlehreprüfung. Da werden dann die beliebten Steuerarten dieses Landes zu Fuß ausgerechnet. Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer, Einkommensteuer, Lohnsteuer. Wäre ja halb so schlimm, wenn man das Ganze nicht alles mit Gesetzesnachweisen unterfüttern müsste.

Aber es gibt auch einen weiteren netten Ausflug in die internationale Rechnungslegung. Nennt sich IFRS – International Financfirlefanz Reporting Standard. Nachdem ich mir diese Regeln und Vorschriften angesehen habe, hatte ich das Gefühl, die Bankenkrise zu verstehen. Nein, ich bin ein Fan. Alles so positiv. Während das deutsche Recht sich immer an die Gläubiger richtet, richtet sich das Internationale gerne an die Investoren. Da möchte man dann das Potential bilanzieren.

Zum Schluss noch Berichterstattung. Wird mein Highlight. Aus Zahlen und Strömen sagt man dann etwas über die Lage, in der man sich so befindet.

Das ist also der Teil B. An den Teil C denkt ich gar nicht. Das ist eine mündliche Prüfung, die einen gerade aus den Fingern gesaugten Vortrag als tragendes Element hat. Mit anschließendem Fachgespräch. Teil B hat eine Durchfallquote von 50%. Diese Kennzahl kennen alle Teilnehmer. Nur die Hälfte wird durchkommen beim ersten Versuch. Klingt traurig, ist aber so. Macht mir deswegen keine Angst. Zeigt nur, dass es eine ernsthafte Prüfung ist. Red ich mir ein. Natürlich will ich bestehen. Kein Mensch tritt zu irgendwas an, wenn er nicht bestehen will. Irgendwie hab ich auch Angst. Es gibt in Prüfungen so einen Moment, da denkt man, man zerfließt und es bringt sowieso nichts mehr. Hinterher weiß man, dass man nur die Nerven verloren hat und man alles gekonnt hätte, wenn nur die Nerven hätt behalten können. Alle Vorbereitung zielt letztendlich darauf ab, diesen Moment abzufangen.

Ich bereite mich alleine vor. Im Fernlehrgang seit über einem Jahr. Jeden Monat schicke ich einsam meine gelösten Aufgaben zu einem Teilbereich hin und kriege sie korrigiert zurück. Irgendwann war ich am schwimmen. Keine Ahnung, was jetzt eigentlich wichtig ist und was nicht. Ein heilloses Durcheinander. Da bin ich zu einem Kurs gefahren. Eine Woche Intensivprüfungsvorbereitung. Großes Kino.

Neben mir eine Frau um die 50, die ihre Gesetze in perfekter Etikettierung vor sich liegen hat. Gespitzter Bleistift, ein Haufen Süßigkeiten. Sie sagt, sie habe einen Burn out gehabt in ihrem alten Job und versucht sich jetzt neu zu orientieren. Jetzt habe sie aber begriffen, dass diese Prüfung ein ganz schön steiniger Weg wäre. Sie glaube eh nicht, dass sie es schafft. Zweifel ist wie Gift hier. Es gibt eine Reihe Zweifler. Ich gucke neidisch auf ihre wunderschön vorbereiteten Gesetzestexte und sag, das glaube ich nicht. Der Zigarettenkonsum ist wie in den 80ern. Alle stehen vor der Tür und rauchen. So viele Raucher hab ich schon lange nicht mehr auf einen Haufen gesehen. Manche erzählen ihre Geschichte. Einige haben Angst um ihren Job, andere wollen mehr von ihrem Job. Zu Hause mache ich dann auch Fähnchen an meine Gesetze. Ich hab nämlich auch die Hosen voll, so is es ja nich.

Ich mache das aber grundsätzlich wegen etwas anderem. Natürlich wegen dem Job, aber vor allem wegen der Zukunft an sich. Ich bin hier wegen der Falle. Der großen Falle in den Biographien von Müttern. Jenen, die sich um Kinder kümmern und keinem Job mehr nachgehen. Oder doch einem Job nachgehen, der sich aber nicht mehr wesentlich verbessert. Und der sich damit in der großen Jobmühle inflationär verschlechtert. Ich bin hier, um mir einen Wimpernschlag Zeit zu verschaffen und die Inflation ein wenig aufzuhalten. Natürlich ist das eine Illusion. Jeder will ankommen. Beruflich, privat. Im Leben halt. Das Leben ist nur kein Stillstand. Man kommt einfach nicht an. Man schwimmt halt weiter. Gut, dann ruhe ich mich auf der nächsten Sandbank aus. Bestimmt. Versprochen.

Vielleicht habe ich auch einen perversen Hang zu Prüfungen. Ich mag das echt. Nachts lernen, strukturelle Vorbereitung. Ich hab immer das Gefühl, ich versteh bisschen mehr von der Welt. Aber je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir. Ich konnte vor 5 Jahren noch mehr reißen am Stück. Heute kann ich unter Wasser nicht mehr so lange den Atem anhalten. Metaphorisch gesprochen.

Vielleicht träume ich auch davon, dass ich einfach besser werde. Ich stöbere gerne in den Bilanzen von großen Firmen herum. Umsatzerlöse von Haribo in Bonn, zum Beispiel. Find ich interessant. Oder den Hinweis, dass irgendein Maismehlzeug dort im Lager nach einer steuerlichen Außenprüfung anders bewertet wird als andere Vorräte. Da stell ich mir vor, wie man zwischen Wirtschaftsprüfern und Steuerprüfern Fachgespräche führte und sich auf eine Bilanzierung von Maismehlzeug einigte. Nach hitzigen Diskussionen.

Vielleicht gehöre ich auch einfach zu den Menschen, die sich was in den Kopf setzen und dann aufhören, darüber nachzudenken. Mach ma, is halt so. Ich habe mich angemeldet mit nur einer wagen Vorstellung, wie umfangreich das alles tatsächlich ist. Und jetzt bin ich eben auf der Spur.

Wünscht mir Glück.

Vom Aushalten der Welt

Wörter zu PflastersteinenIn diesen Tagen mag ich schon gar nichts mehr ins Internet schreiben. Zwischen Banalitäten werden Steine geworfen. Jeder hat plötzlich Meinungen. Jeder ist plötzlich politisch. Schlagwörter werden zu Schlagstöcken.

In Gesellschaften geht es oft nicht um Sicherheit, Wohlstand oder Zukunftschancen. Es geht meistens nur um das Gefühl, dass man sicher ist. Oder reich oder eine Zukunft hat. Zustände lassen sich halt nun mal nur in Abgrenzung zu anderen Zuständen definieren.  Wenn es das grundsätzliche Gefühl für Sicherheit, Wohlstand und Zukunft nicht mehr gibt, so ist die Lage gefährlich. Unabhängig davon, ob dieser Zustand der Realität entspricht oder nicht. Gefühle sind nun mal diffus.

Und dazu gibt es natürlich jede Menge Meinungen, Wörter und Statusmeldungen.

Ein Graus.

Von manchen Menschen hätte ich lieber nicht gelesen, welche Meinung sie zu was haben. Und die Meinungen werden immer einfacher. Man muss sich schon Gruppen anschließen. Wenn du zu einem der zahlreichen Themen jenes denkst, gehörst du automatisch zu der und der Obergruppe. Oder: Wenn du sexualisierte Gewalt an Frauen ablehnst, dann kannste ja jetzt wohl nicht mehr mit einem Schild mit *Refugees welcome* rumrennen. Von Bahnhof zu Bahnhof, sozusagen. Ein bahnhofsübergreifendes Problem.

So einfach is des.

Ich wehre mich.

Gegen Stereotype, Meinungsgewalten und die politisch Unpolitischen.

Muss man denn heute zu allem eine Meinung haben? Reicht es nicht mehr aus, einfach Katzenbilder zu teilen? Was ist das Gegenteil von Gutmensch? Ein Schlechtmensch? Kann man sich jetzt nicht mehr aktiv an der Integration von Flüchtlingen beteiligen und es gleichzeitig total scheiße finden, wenn Männer ungefragt ihre Finger in die Möse von Frauen stecken? Warum scheint diese Gleichzeitigkeit nicht mehr zu funktionieren?

Diese Sätze liegen jetzt schon länger hier herum. Auf einem Blog ist man ja irgendwie öffentlich. Ich kann einfach nicht so im neuen Jahr zur persönlichen Tagesordnung mit Sticken, Nähen, Kochen und sonstigen Firlefanz übergehen ohne einmal kurz zu sagen, dass ich die Instrumentalisierung und Stereotypisierung von Menschen zum Kotzen finde.

Ich wehre mich auch gegen Wörter: Gutmensch! Was soll denn das sein? Ein blauäugiger linksorientierter westlicher Cappuccinotrinkender Idealist, der seine Augen vor der Wahrheit verschließt?

Ich kann nur eines sagen: Wer denkt, die Wahrheit zu kennen, die Welt mit wenigen Sätzen erklären zu können, der liegt von vornherein falsch. Der Augenzeuge sieht nur einen Ausschnitt der Realität. Und mehr als Augenzeugen können wir trotz hohem Informationsfluss nicht sein. Manchmal muss man es auch aushalten können, sich die Welt nicht bis ins kleinste Detail erklären zu können. Nicht, um tatsächlich die Augen verschließen zu dürfen. Immer weiter, immer interessiert sein.

Aber an manchen Stellen wird nicht alles zusammenpassen. Kulturell geprägte Frauenbilder, Sexismus, Flucht, Familientragödien, Werte, Diebstahl, Nötigung, Terroranschläge. Das kann gleichzeitig passieren, das kann in der Biographie eines einzigen Menschen alles vorkommen, das kann unabhängig voneinander passieren.

Gerade in Zeiten, wo Gruppen bestimmte Vorstellungen pauschal zugeordnet werden, muss man wachsam sein. Es ist weder so, dass alle Männer mit arabischen oder nordafrikanischem Hintergrund frauenverachtende Ansichten haben, noch ist es so, dass keiner von ihnen frauenverachtende Ansichten hat.

Kompliziert halt – und weder das eine noch das andere ist nachprüfbar.

Die Welt ist so, war schon immer so. Es gibt von Haus aus immer mehr Fragen als Antworten. Wer weniger Fragen hat als Antworten, der sollte sich überlegen, für wie viele verschiedene Fragen er die gleiche Antwort benutzt. Oder welche Fragen er unbeantwortet abgehakt hat.

Und dann kommen die Frauen.

Nach Jahren kommen die Frauen – und die tausend kleinen und großen Verletzungen der Würde und der sexuellen Selbstbestimmung. In einer Gesellschaft, die ihre Produkte nur zu verkaufen scheint, wenn man daneben oder direkt drauf möglichst große Titten abbildet. Die Frauen, die immer einen zu kurzen Rock getragen haben. Die stets *richtig* reagieren müssen, wenn man sie nötigt oder vergewaltigt. Selbstbewusst und mit erheblichen Protest nämlich. Die man bei sexuellen Übergriffen immer mitfragt, was sie denn dazu getan haben. Die meistens eh schweigen, weil es nichts bringt, was zu sagen. Die meisten angezeigten Vergewaltigungen führen nicht zu einer Verurteilung.

Eine Armlänge Abstand muss ich mich von der Empörung fern halten. Dabei wäre die Empörung so richtig, wenn es denn nur einen Moment um Frauenrechte ginge.

Gerade in Zeiten, wo Gruppen bestimmte Vorstellungen pauschal zugeordnet werden, muss man wachsam sein. Die Welt läßt sich nicht so einfach erklären. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

(unabgeschlossen) 

Bildquelle: pixabay

 

 

 

Happy birthday, Toast Hawaii

ToastLetztens habe ich einen Artikel über den Toast Hawaii in der Zeitung gelesen. Der hat nämlich dieses Jahr Geburtstag. 60 Jahre ist er alt.

Allgemein wird die Erfindung des Toast Hawaii einen längst in Vergessenheit geratenen Fernsehkoch der 50er Jahre zugeschrieben. Einem gewissen Clemens Wilmenrod. Einem Fernsehkoch! Wohl der erste überhaupt. Einer, der eigentlich gar kein Koch war, sondern Schauspieler. Hier habe ich euch ein Video über seine Erfindung der gefüllten Erdbeeren verlinkt. Besonders dramatisch sein Aufruf gegen Ende, man möge jetzt anrufen, sollten Zuschauer schon jemals mit Mandel gefüllte Erdbeeren gekostet haben! Er ramme sich augenblicklich jenes Küchenmesser in die Brust!

Aber selbst Wikipedia räumt ein, dass es dahinter wohl eine kulinarische Kriminalgeschichte steckt: Das Rezept über den Ananas-Toast scheint geklaut worden zu sein – vom Wilmenrods Konkurrenten Hans Karl Adam.

Ich lese um den Toast Hawaii ein bisschen herum, entdecke ein interessantes Buch über Rezepte und ihre Geschichten. Aus diesem Buch scheinen sich alle Zeitungsartikel zu speisen.

Kochshows sind aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Stunde um Stunde wird im TV gekocht – Ost gegen West, Promi gegen Sternekoch, Lokal gegen Lokal. Aber noch niemand scheint Kulturgeschichte geschrieben zu haben wie jener kleine Toast. Und ich stelle ihn mir vor, den Moment, als 1955 Herr Wilmenrod die Cocktailkirsche vor laufender Kamera auf seinen Toast Hawaii gelegt hat – mit wohl ähnlicher Dramatik wie bei den gefüllten Erdbeeren. Und zu Hause vor dem Fernseher so ein Ruck durch dieses Land gegangen ist, dass heut wirklich jeder mit diesem Gericht eine Kindheitserinnerung zu verbinden scheint. Großmütter – damals noch Mütter mit kleinen Kindern – diesen Fernsehabend als eine gute Idee empfanden und die Dosenananas öffneten – und damit Generationen prägten.

Mich auch. Ich sehe meine Oma, wie sie uns Toast Hawaii macht. Als Kinder, wenn wir bei ihr waren und sie auf uns aufgepasst hat. Und ich so viel davon gegessen habe, dass mir schlecht wurde. Sonst haben wir Ananas für kein Gericht verwendet. Ananas wurde nur auf Toast gelegt.

Der Artikel zum Geburtstag hat mich so überrascht, dass ich ihm hier auf dem Blog ein wenig Raum geben wollte – und dem Toast Hawaii. Denn der Gedanke, dass es sich hierbei um ein Gericht handelt, dass nicht regional geprägt ist wie viele deutsche Gerichte, hat mich schon beschäftigt. Und auch, dass er bei vielen Menschen tatsächlich Gefühle auslöst, denn die meisten verbinden damit doch ihre Kindheit.

Ist das bei euch auch so? Ist der Toast Hawaii tatsächlich ein kulturgeschichtlicher Höhepunkt? Ein Massenphänomen? Eine Erinnerung?

Bildquelle: Pixabay

Schwarz-rot-gold und 1000 Jahre: Geschichtsdeutung

Flagge DeutschlandEin Mann sitzt in einem Fernsehstudio und legt eine Fahne in Schwarz-rot-gold über seinen Armsessel. In einem Einspieler ist eine seiner Reden zu sehen. Er spricht von 1000 Jahren Deutschland.

Und dann gibt es einen Haufen Menschen, die die Absurdität dieser Szenerie überhaupt nicht stört. Vielleicht, weil sie es nicht sehen. Vielleicht. Aber lasst es mich mal platt ausdrücken: Stellt euch vor, dieser Mann wäre in einem Auto vorgefahren, hätte es imposant geparkt und dann wäre es ausgestiegen und hätte gebrüllt: Mit diesem Auto ist einst Karl der Große zum Papst vorgefahren, um seine Kaiserwürde abzuholen.

Ähhh, ja, das Auto war noch nicht erfunden, Mann. Blöder Vergleich. Das kann also nicht wahr sein. Rein technisch gesehen.

Ähhh, ja, die Fahne da auch nicht und von Deutschland hatte noch keiner eine Ahnung. Rein technisch gesehen ist es also auch Käse.

Was meint der also mit den 1000 Jahren? Deutschland kann es ja wohl nicht sein. Also das mit dieser Fahne. Das gibt es ja erst seit Mitte 20.Jahrhundert.

Worauf bezieht er sich dann bloß?

Vor 1000 Jahren…muss Karl der Große sein. Also, sein Ende. Der Zerfall in Ostfranken und Westfranken. Ein heterogenes Gebiet. Hat nicht im entferntesten Etwas mit Deutschland zu tun. Nicht mal die Sachsen waren Sachsen, sondern Heiden aus Britannien. Aber egal, es ist müßig jemanden seine Geschichtsdeutung unter die Nase zu reiben, weil der springende Punkt aller politischer Geschichtsdeutung immer der ist, dass man sich seinen eigenen Standpunkt aus der Geschichte herleitet. Und alles herausnimmt, was dagegen spricht und alles hernimmt, was dafür spricht. Aber für was? Dass Karl der Große alles getan hat, damit man in 1000 Jahren Teile seines Herrschaftsgebietes Deutschland nennt? Sicher nicht.

Natürlich interessieren wir uns für die Menschen, die vor uns gelebt haben. Die vor uns hier gelebt haben. Aber sie interessieren sich nicht für uns. Karl der Große wollte ein römischer Kaiser werden. Das römische Reich ist nach der biblischen Traumdeutung des Propheten Daniels das letzte von 4 Weltreichen. Nach den 4 Weltreichen kommt dann das apokalyptische Gottesreich – da kommen dann auch die 1000 Jahre vor. Denn das sollte nämlich 1000 Jahre existieren. Aber nachdem nach dem Zerfall des römischen Reiches nirgends apokalyptische Reiter aufgetaucht waren, war es nur logisch, dass das römische Reich immer noch existieren musste. Woraufhin Karl nach Rom reiste, um dessen Kaiser zu werden.

Nation ist ein völlig fremder Begriff für Karl. Deutschland erst recht. Ein antiker Kaiser wollte er werden. Ein römischer.

Vielleicht sollte der Mann mit den 1000 Jahren Deutschland auch nach Rom reisen und verkünden, dass er nun zum Kaiser gesalbt werden wolle. Karl würde das verstehen, aber das würde ja nichts helfen, weil das dann keiner außer ein paar verschrobener Geschichtsprofessoren witzig fänden würde. Man kann also alles aus dem Setzkasten Geschichte herausnehmen und für sich umdeuten. Wenn man andere Sachen herauszieht und sie hineinbastelt, sieht man, wie absurd das Ganze ist.

Aber trotzdem stehen in Dresden Menschen und brüllen jubelnd nach Sätzen wie 1000 Jahre Deutschland und schwenken Fahnen in Schwarz-Rot-Gold.

Vielleicht meint der Mann auch nur Dresden mit den 1000 Jahren. Anfang des 10.Jahrhunderts wurde Dresden von Heinrich I erobert. Drezdany war zuvor slawisch oder waren es Sorben? Ich muss man im Internetauftritt des heutigen Dresdens nachlesen. Man meint, das Wort Dresden kommt von Sumpf, weil das Gebiet dort so gut für die Landwirtschaft war. Wie dem auch sei, auch Heinrich, der Sachsenkönig, hätte die 1000 Jahre auch nicht im Sinn. Er wollte die vielen Könige und Herzogtümer um ihn herum unter seinen Machtbereich bringen. Teile liegen auf dem heutigen Gebiet Deutschlands, andere nicht. Bleibt also sinnlos, nach dem Sinn in den Worten zu suchen. Der Mann könnte auch in die Menge rufen: Einst haben wir diesen Sumpf von den Sorben erobert und ihn zu Meißner Porzellan gemacht.

Es wäre witzig, wenn die Menge lachen würde. Aber sie lachen nicht.Sie jubeln. Sie gehen nach Hause mit einem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Wissen, dass sie das Richtige tun. Weil sie schon immer da gelebt haben und es sich nicht wegnehmen lassen wollen. Von wem genau, ist gar nicht so klar, aber es muss aus der Fremde kommen. Keiner muss eine Antwort auf die Flüchtlingszahlen der letzten Monate geben, aber deswegen gleich von 1000 Jahren Deutschland zu sprechen? Und dann die Sache mit der Fahne….eigentlich ergibt sich daraus schon die Antwort, denn die Schwarz-rot-goldene Fahne bezieht sich auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Und in der wurden nicht vor 1000 Jahren, sondern vor ein paar Jahren unsere Werte niedergeschrieben. Deutschland nimmt Menschen auf, die vor dem Tod fliehen. Wenn man also diese Fahne schwenkt und brüllt: Flüchtlinge raus. widerspricht man sich doch irgendwie.

Ich verstehe es also nicht mal im Ansatz, die ganze Sache mit der Flagge und den 1000 Jahren Deutschland, aber ich bin auch vielleicht zu doof. Oder sehe nicht das große Ganze. Vielleicht erklärt es mir mal jemand, der sich damit auskennt. Vielleicht kann es auch keiner, weil es immer Käse bleibt, sich auf Versatzstücke aus dem guten Geschichtsdeutungskasten zu beziehen. Vor allem, wenn man über so Zeiträume spricht. Nicht so 200 Jahre, sondern so 1000 Jahre. Ich hoffe, dass hört irgendwann auf. Und alle stehen da und lachen, wenn einer damit anfängt.

Bildquelle: pixabay

Ein deutscher Fernsehabend mit Tatort und Jauch

TV Sonntag Abend ein deutscher FernsehabendSonntag Abend. Wir sitzen vor dem Fernseher, die Kinder schlafen. Ich packe mein Strickzeug aus. Ein bisschen wird noch an einer Jacke für die Kinder herumgenäht. Der Abend fängt in Deutschland um 20 Uhr an. ARD Tagesschau. Eine Frau ist auf offener Straße halb erstochen worden. Eine Politikerin. Ihr Wahlkampf hat einem rechten Arschloch nicht gepasst. Dann brennen Häuser.

20.15 Tatort. Hinein in Dortmunds Norden. Ein sechsjähriges Mädchen  findet am Spielplatz Drogen und stirbt an Herzversagen. Die Drogen haben schwarze Asylanten vergraben. Ein bisschen geht das Klischeegewitter los. Vor allem, wenn der schwarze Junge Jamal den Mund aufmacht. Erinnert stark an Yoda aus Star Wars. Ich sehe von meinem Strickzeug hoch. Ich weiß auch nicht, warum Ausländer im deutschen Fernsehen immer an Indianer-Stereotypen aus amerikanischen Western der 50er Jahre erinnern müssen. Es ist wie ein Suchspiel: Finde den versteckten und offenen Rassismus. Die Türken sind integrierte Mafia-Drogen-Bosse und ziehen alle Fäden, dazwischen eine hoffnungslose Modelleisenbahn-Familie mit „Ich bin ja kein Nazi, aber….“ Gibt es in dieser Gesellschaft echt nur noch Gutmenschen oder Nazis? Und zwischendrin der besorgte Bürger? Einen Sommer lang hat es gedauert, bevor über Grenzzäune und Transitlager nachgedacht wird. Oder über eine Änderung des Grundgesetzes. Gläserne Werte. Und am Ende wird der schwarze Mann niedergestochen und stirbt über einem Integrationsbuch mit Titel *Chance*. Ach ja, der blonde Sanitäter war´s übrigens. „Mir geht es nicht beschissen, mir geht´s scheiße.“ sagt Faber.

Danach Auftritt Jauch. Ich habe das Thema verpasst, aber es ist bestimmt irgendwas mit *Wir-schaffen-das-nicht.*. Ein AfD-Politiker zieht aus seinem blauen Anzug eine Deutschlandfahne und legt sie über seine Stuhllehne. Ich weiß auch nicht, warum man den Rechten immer so viel Raum im Fernsehen geben muss. Es findet auch eigentlich keine Diskussion statt, sondern sie meiste Zeit verbreitet der Demagoge seine Parolen. Jauch sitzt wie immer zwischendrin und wirkt leicht überfordert. Aber am Ende hat man nicht das Gefühl, dass die ganze Kiste jetzt pädagogisch wertvoll gewesen wäre. Von *1000 Jahren Deutschland* und *den Angsträumen blonder deutscher Frauen* ist die Rede. In Twitter tobt der Sturm. Erst bei Tatort, aber bei Jauch explodiert es fast.

Auf einem Privatsender wird *The walking dead* wiederholt. Ich habe genug deutschen Fernsehabend hinter mir. Tief durchatmen, Zombies beim Fressen zugucken und weiterstricken. Ich schaffe das. Auch mit *Wir-schaffen-das-nicht*-Fernsehen in der ARD.

 

Bildquelle: pixabay, stark verändert

Nimm noch nen Schluck, Mutti.

Hoch die TassenVor einiger Zeit geisterte durch meine Onlinesachen folgendes Video als Zeichen des unglaublichen Sexismus der 50er Jahre. Ein Aufheulen war das.

Keine Sorge. Jetzt ist alles besser geworden.

Hoch die Tassen, Ladys. Long way to go.

 

 

Bildquelle: pixabay

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