Schwarz-rot-gold und 1000 Jahre: Geschichtsdeutung

Flagge DeutschlandEin Mann sitzt in einem Fernsehstudio und legt eine Fahne in Schwarz-rot-gold über seinen Armsessel. In einem Einspieler ist eine seiner Reden zu sehen. Er spricht von 1000 Jahren Deutschland.

Und dann gibt es einen Haufen Menschen, die die Absurdität dieser Szenerie überhaupt nicht stört. Vielleicht, weil sie es nicht sehen. Vielleicht. Aber lasst es mich mal platt ausdrücken: Stellt euch vor, dieser Mann wäre in einem Auto vorgefahren, hätte es imposant geparkt und dann wäre es ausgestiegen und hätte gebrüllt: Mit diesem Auto ist einst Karl der Große zum Papst vorgefahren, um seine Kaiserwürde abzuholen.

Ähhh, ja, das Auto war noch nicht erfunden, Mann. Blöder Vergleich. Das kann also nicht wahr sein. Rein technisch gesehen.

Ähhh, ja, die Fahne da auch nicht und von Deutschland hatte noch keiner eine Ahnung. Rein technisch gesehen ist es also auch Käse.

Was meint der also mit den 1000 Jahren? Deutschland kann es ja wohl nicht sein. Also das mit dieser Fahne. Das gibt es ja erst seit Mitte 20.Jahrhundert.

Worauf bezieht er sich dann bloß?

Vor 1000 Jahren…muss Karl der Große sein. Also, sein Ende. Der Zerfall in Ostfranken und Westfranken. Ein heterogenes Gebiet. Hat nicht im entferntesten Etwas mit Deutschland zu tun. Nicht mal die Sachsen waren Sachsen, sondern Heiden aus Britannien. Aber egal, es ist müßig jemanden seine Geschichtsdeutung unter die Nase zu reiben, weil der springende Punkt aller politischer Geschichtsdeutung immer der ist, dass man sich seinen eigenen Standpunkt aus der Geschichte herleitet. Und alles herausnimmt, was dagegen spricht und alles hernimmt, was dafür spricht. Aber für was? Dass Karl der Große alles getan hat, damit man in 1000 Jahren Teile seines Herrschaftsgebietes Deutschland nennt? Sicher nicht.

Natürlich interessieren wir uns für die Menschen, die vor uns gelebt haben. Die vor uns hier gelebt haben. Aber sie interessieren sich nicht für uns. Karl der Große wollte ein römischer Kaiser werden. Das römische Reich ist nach der biblischen Traumdeutung des Propheten Daniels das letzte von 4 Weltreichen. Nach den 4 Weltreichen kommt dann das apokalyptische Gottesreich – da kommen dann auch die 1000 Jahre vor. Denn das sollte nämlich 1000 Jahre existieren. Aber nachdem nach dem Zerfall des römischen Reiches nirgends apokalyptische Reiter aufgetaucht waren, war es nur logisch, dass das römische Reich immer noch existieren musste. Woraufhin Karl nach Rom reiste, um dessen Kaiser zu werden.

Nation ist ein völlig fremder Begriff für Karl. Deutschland erst recht. Ein antiker Kaiser wollte er werden. Ein römischer.

Vielleicht sollte der Mann mit den 1000 Jahren Deutschland auch nach Rom reisen und verkünden, dass er nun zum Kaiser gesalbt werden wolle. Karl würde das verstehen, aber das würde ja nichts helfen, weil das dann keiner außer ein paar verschrobener Geschichtsprofessoren witzig fänden würde. Man kann also alles aus dem Setzkasten Geschichte herausnehmen und für sich umdeuten. Wenn man andere Sachen herauszieht und sie hineinbastelt, sieht man, wie absurd das Ganze ist.

Aber trotzdem stehen in Dresden Menschen und brüllen jubelnd nach Sätzen wie 1000 Jahre Deutschland und schwenken Fahnen in Schwarz-Rot-Gold.

Vielleicht meint der Mann auch nur Dresden mit den 1000 Jahren. Anfang des 10.Jahrhunderts wurde Dresden von Heinrich I erobert. Drezdany war zuvor slawisch oder waren es Sorben? Ich muss man im Internetauftritt des heutigen Dresdens nachlesen. Man meint, das Wort Dresden kommt von Sumpf, weil das Gebiet dort so gut für die Landwirtschaft war. Wie dem auch sei, auch Heinrich, der Sachsenkönig, hätte die 1000 Jahre auch nicht im Sinn. Er wollte die vielen Könige und Herzogtümer um ihn herum unter seinen Machtbereich bringen. Teile liegen auf dem heutigen Gebiet Deutschlands, andere nicht. Bleibt also sinnlos, nach dem Sinn in den Worten zu suchen. Der Mann könnte auch in die Menge rufen: Einst haben wir diesen Sumpf von den Sorben erobert und ihn zu Meißner Porzellan gemacht.

Es wäre witzig, wenn die Menge lachen würde. Aber sie lachen nicht.Sie jubeln. Sie gehen nach Hause mit einem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Wissen, dass sie das Richtige tun. Weil sie schon immer da gelebt haben und es sich nicht wegnehmen lassen wollen. Von wem genau, ist gar nicht so klar, aber es muss aus der Fremde kommen. Keiner muss eine Antwort auf die Flüchtlingszahlen der letzten Monate geben, aber deswegen gleich von 1000 Jahren Deutschland zu sprechen? Und dann die Sache mit der Fahne….eigentlich ergibt sich daraus schon die Antwort, denn die Schwarz-rot-goldene Fahne bezieht sich auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Und in der wurden nicht vor 1000 Jahren, sondern vor ein paar Jahren unsere Werte niedergeschrieben. Deutschland nimmt Menschen auf, die vor dem Tod fliehen. Wenn man also diese Fahne schwenkt und brüllt: Flüchtlinge raus. widerspricht man sich doch irgendwie.

Ich verstehe es also nicht mal im Ansatz, die ganze Sache mit der Flagge und den 1000 Jahren Deutschland, aber ich bin auch vielleicht zu doof. Oder sehe nicht das große Ganze. Vielleicht erklärt es mir mal jemand, der sich damit auskennt. Vielleicht kann es auch keiner, weil es immer Käse bleibt, sich auf Versatzstücke aus dem guten Geschichtsdeutungskasten zu beziehen. Vor allem, wenn man über so Zeiträume spricht. Nicht so 200 Jahre, sondern so 1000 Jahre. Ich hoffe, dass hört irgendwann auf. Und alle stehen da und lachen, wenn einer damit anfängt.

Bildquelle: pixabay

3 Kommentare

  1. Geschichtsunterricht für rechte Trottel – immer wieder ein Spaß :-)
    Dass unsere Fahne ein zutiefst libertäres und demokratisches Symbol ist und jetzt von irgendwelchen Hanswürsten als Häkeldeckchen missbraucht wird, ist allerdings eher traurig als lustig.

  2. Um eine Fahne zu schwenken und „Ausländer raus“ zu brüllen, braucht man nur ein bis zwei und ein Sprechorgan. Das Gehirn ist in dieser Konstellation nur als Statist beteiligt. Schade eigentlich.

  3. Schön, dass gerade ein Land, dass es in seiner aktuellen Form gerade mal seit 25 Jahren (oder als Nationalstaat eben seit nicht mal 150 Jahren) gibt, so auf Einheitlichkeit pocht … Wenn er schon mit solch bizarren Zahlen kommt, warum sagt er dann nicht gleich 700.000 Jahre Deutschland? Laut Wikipedia ist Deutschland seit dieser Zeit besiedelt. Einheitliche Stämme waren das wohl kaum, genauso wenig wie vor 1000 Jahren. Aber immerhin waren es keine Muslime. ;) Christen aber auch nicht.

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