Alles will episch werden. – Kommentar zum Feuilleton

Süddeutsche_immer weiterIch habe ein Abo der Süddeutschen Zeitung gewonnen. Großartig. Unendliches Papier. Gut, wenn man wie ich umzieht. Jetzt habe ich heute doch mal durchgeblättert. Die Zeitung als  Zeitung gelesen. Ich lese täglich Zeitung, aber nur digital, in youtube verpackt, in Newsfeed sortiert. So eine gedruckte große Zeitung kann einen schon nostalgisch stimmen. Längst sind ja Zeitungen handlicher geworden und haben sich verkleinert, sind handtaschengroß. Die Süddeutsche ja nicht. Da kann man seine eigene weltoffene Wissbegierde noch mit ordentlichem Rascheln untermalen. Unter Studenten wurden Zeitungen auch manchmal gesammelt, als Indiz für den eigenen Intellekt. Ich kenne jemanden mit seinem eigenem kleinen Archivstapel.

Der erste Artikel, dem ich eine Chance gebe, ist auch riesig, eine Doppelseite journalistischen Intellekts, hat aber einen kleinen Titel: Immer weiter. Und schält man sich durch die belehrende Feuilletonsprache hat er auch eine interessante Kernfrage. Wobei man eher Kernbeobachtung sagen müsste.

Es geht um das Fehlen des Endes. Das Ende einer Geschichte. Sei es in Büchern, sei es im Film. Computerspiele, die Welten erschaffen. Städte, die sich ausdehnen. Nie ist irgendwo mal Schluss. Kann es noch eine Geschichte sein, wenn sie kein Ende hat? Kann es noch eine Stadt sein, wenn sie ohne Rand in die Vorstädte mündet? Ohne mit der Wimper zu zucken, schlägt mir der Stellenmarkt der SZ auch Jobs in München vor, obwohl ich eine ganz andere Stadt eingegeben habe. Eine Kleinstadt. Die würden im Rathaus hier wild husten, wenn ich ihnen erzähle, dass sie ein Vorort von München sind…

Manchmal wähle ich mir Bücher aus, von denen ich weiß, dass es keine Fortsetzung gibt. Ich sehne mich nach dem Ende der Geschichte. Ich finde es zunehmend schwierig, festzustellen, ob es sich bei einem Band um eine Reihe handelt oder nicht. Öfter mal habe ich unbedacht ein Buch ausgeliehen oder gekauft, von dem dann rauskam, dass es doch der zweite Band von drei Bänden ist.

Ich warte auf Staffelfortsetzungen – quälend lange. Manchmal fangen wir eine Serie erst gar nicht an, wenn nicht wenigstens eine Staffel veröffentlicht ist. Manchmal fange ich Bücher gar nicht an, wenn ich nicht weiß, dass alle (drei?) Bände veröffentlicht sind.

Fanfiction interessiert mich wenig, aber ich habe aktiv nach Geschichten zu the walking dead gesucht. Nach ähnlichen Büchern, nach ähnlichen Serien. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, der heutige Thrill ist, dass man hofft, dass die persönliche Lieblingsfigur nicht stirbt – denn sterben kann jeder. Game of Thrones wird unnötig zitiert. Eine Geschichte ist heute eine Idee, die unendlich weitergesponnen wird. Aber die Grundidee ist die Essenz, die fasziniert. the walking dead ist die immer gleiche Handlung: lebende Menschen sind gefährlicher als tote Menschen. Auch wenn tote Menschen dich fressen wollen. Ich mag diese Grundidee, deswegen mag ich auch alle Geschichten dazu. Ich bin froh, dass es nicht nur ein kurzer kleiner Film ist. Wo am Ende dann the end eingeblendet wird. Gleichzeitig bin ich müde der ganzen Superhelden, die neu ins Kino kommen. Teil 1, Teil 2, Teil 25? Aber wie schon bei Karate Kid angemerkt, erkennt man gut den Zeitgeist bei den Teilen, die vom *Original*  abweichen. Was geht heutzutage – und was geht nicht mehr.

Gleichzeitig trifft er (der Artikel, mein ich)  mit einem Satz (auch und wohl ungewollt) die Grundangst der Blogger: „……hat sich der geschlossene Mikrokosmos des Buches verflüssigt. (…) Dass nicht alle, die lesen können, auch schreiben können, spielt keine Rolle mehr, wenn jeder Text irgendwann nur noch einen Leser hat: den, der ihn schreibt.“

Na, Prost Mahlzeit, mal ein ordentlicher Seitenhieb an all die jungen Literaten da draußen ohne Verlag, aber im Selfpublishing-business ganz groß. Ja, so ist das heute. Der Senf zum Weltgeschehen und zum Privaten wird halt nicht mehr durch die Zeitung dazugegeben. Felle davongeschwommen. Blogs, Kommentare und twitter sind auch laut geworden. Gott sei Dank muss man keinen Doktor in Germanistik haben, um schreiben zu dürfen.

Ich überlege, ob ich mit Serviettentechnik Teile der Süddeutschen an eine Schale klebe. Zur Zierde für die Schlüssel (also eine Schlüssel-schale) , die hier überall verstreut liegen. Darüber könnte ich gut einen Blogartikel verfassen. DIY Serviettentechnik kommt bestimmt an. Einen Archivstapel werde ich nicht anlegen. Irgendwo muss man ja mal anfangen mit dem Ende – wenigstens ein Papier-Ende in diesem Haushalt.

 

1 Kommentar

  1. Hehe, ich gehöre auch zu der Fraktion, die eine Staffel erst beginnt, wenn alle Folgen schon raus sind :-D
    Ich würde ehrlich gesagt auch gerne mal öfter Zeitung lesen, aber das einzige was mich davon abhält ist tatsächlich das nervige Format! Wenn die Süddeutsche sich mal schön auf Zeitschriftengröße minimieren könnte, wär ich voll dabei! Aber ich komme einfach mit den Unmengen an Papierbergen nicht klar… Stattdessen höre ich dann eben beim Autofahren B5 aktuell. Einmal quer durch München = mind. ne halbe Stunde = zwei mal Nachrichten (so bleibt mehr hängen) und dazwischen hoffentlich eine kurze Reportage und keine Fußball-Interwiews ;-)

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