Eltern packen ihre Ellenbogen aus: Tatort Kinderkarussell

Kinderkarusell_TumultWeihnachtsmärkte sind beliebte Ausflugsziele hierzulande. Fast überall gibt es einen. Letztes Jahr standen wir noch bei Honigwein am Tollwood in München herum, jetzt sind wir halt bei den Alpenhörnern. Die Kinder finden es großartig. Vor allem, weil auf dem Christkindlmarkt in Bad Tölz ein Karussell seine Runden dreht.

Alles ist so harmonisch. Stellt euch vor, die ersten Schneeflöckchen tanzen im Wind, man hält einen nicht gepanschten Glühwein in der Hand, alles ist schon erledigt, alles in schon getan. Extra Lebenszeit. Die Füße werden ein bisschen kalt, aber man freut sich auf die kuschelige Couch daheim, während man von pausbäckigen Kindern aus kleinen Feuerwehrautos ein *Huhuuuuu, Mama, hier bin ich.* zugerufen bekommt.

Goldig, alles.

Ich glaube, für die Kinder ist es auch so.

Die Eltern stehen aber in Trauben vor dem Karussell und wenn die Glocke ertönt und das Karussell stoppt, bricht der Tumult los.

Eine Frau packt ihr Kind (im roten Wollmantel sieht er aus wie ein Weihnachtself) und schiebt ihn in das Feuerwehrauto. Ich lasse einen amüsierten Kommentar fallen. Sie fährt mich an, dass IHR Kind schon seit 3 Runden auf das Feuerwehrauto warte. Ich erschrecke ein wenig. Das ist nicht lustig hier, das ist total ernst. Die Frau trägt einen hippen Turban aus gebatikten Tüchern. Es lehnt ein Kinderfahrrad aus Holz an ihrem Kinderwagen. Sie bringt ihrem Sohn sicherlich die westlichen Werte aus Toleranz, Biokaffee und Holzspielzeug bei, aber beim Kinderkarussell hört der Spaß auf. Kein Zucker in den ersten 3 Lebensjahren,aber das Feuerwehrauto wird mit Ellenbogen durchgesetzt.

Ich sehe mich um. Viele Eltern reagieren so, schieben ihre Kinder auf eines der sechs Fahrgeräte. Viele, nicht alle. Aber viele sehen zu, dass ihr Kind nicht zu kurz kommt. Vor allem die Eltern der Jüngeren. Die Älteren können sich schon ohne Mama durchsetzen. Aber es ist wie die Reise nach Jerusalem – es sind einfach nicht genug da. Oder etwa doch? Es gibt nur ein Feuerwehrauto, ein Auto in Regenbogenfarben, ein Kreisel. Mein erster Impuls ist es, auch meinen Kinder den gewünschten Platz zu sichern. Ihnen ihre Wünsche zu erfüllen. Gerecht geht es nämlich nicht zu. Der erste mahlt zuerst. Wer wartet, verliert. Auf dem Kinderkarussell regiert das Recht des Stärkeren.

Aber das Feuerwehrauto hat vier Plätze. Zwei vorne, zwei weiter hinten. ich erkenne, dass wir Erwachsenen die hinteren als schlechtere Wahl empfinden. Die Kinder müssen vorne sitzen. Immer in der ersten Reihe.

Mein erster Impuls lässt nach und ich setze keinen Platz für meine Kinder durch. Ich gebe ihnen ihre Karten und lasse sie ziehen. Klar, der eine sitzt jetzt nicht ganz vorne. Aber – während ich im leichten Nieselregen stehe (von Schneeflocken keine Spur) – sehe ich auch, wie scheißegal ihnen das ist. Ihnen geht es ums Karussellfahren. Nicht, um irgendwelche Plätze. Sie verhandeln mit mir schon während der Fahrt, weil sie mir – immer wenn sie an mir vorbeifahren – zurufen: Noch eine? Noch eine?

Gut, noch eine. Ich lasse den Tumult der anderen am Ende der ersten Fahrt an mir vorbeiziehen. Die Mutter mit Holzfahrrad (ich muss zugeben, wir haben dasselbe, wir spielen eigentlich in der gleichen Bio-Liga, oder?) rät ihrem Weihnachtselfen, einfach sitzen zu bleiben. Ein anderer Vater versucht, sein schreiendes Kind auf ein Holzpferd zu hieven. Offensichtlich mag die Kleine keine Karusselle. Sie schreit und er nimmt sie schließlich runter. Er redet mit seiner Frau. Ratlosigkeit. Sie haben bereits den Sparpreis mit 7 Fahrten und eine umsonst gekauft. Schenkelklopfer. So ein Karussell scheint ein Kleinkosmos von Elternwünschen zu sein. Welcher Platz der beste ist. Was denn alles den Kindern Spaß machen MUSS. Manche Kinder wollen einfach nicht auf Holzpferden im Kreis fahren. Das soll es auf dieser bunten Welt auch geben.

Ich habe keine Ahnung, ob es Kinder gibt, die nur glücklich werden, wenn sie im Regenbogenauto rechts vorne sitzen. Vielleicht gibt es auch stille Schüchterne, die nie zu einem Ritt auf dem Holzpferd kommen, wenn man sie nicht drauf sitzt und das ältere Kind böse anguckt dabei. Vielleicht sollte man aber auch gar nicht hinschauen und sie machen lassen. Vielleicht ist es auch eine Kettenreaktion. Fängt irgendjemand an, sein Kind vorzuschieben und durchzuboxen, haben alle anderen auch das Gefühl, dass jetzt mal für ihr Kind auch richten zu müssen.

Der Tumult ist nach einer knappen Minute auch wieder vorbei. Alle Eltern stehen wieder besinnlich um das Fahrgeschäft und winken ihren Kindern zu. Die Frau mit dem Holzfahrrad macht Handyphotos von ihrem Weihnachtselfen. Und lächelt stolz dabei. Bei der dritten und letzten Fahrt sitzen meine Kinder auf der Kuh. Ich finde die Kuh doof. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kuh besser sein soll als das Feuerwehrauto. Aber ich fahre ja nicht mit dem Karussell. Und meine Kinder turnen auf der Kuh rum und winken mir pausbäckig zu. Ihre Wahl, ihr Platz, ihre Fahrt.

Es weihnachtet sehr.

2 Kommentare

  1. So ein schöner, nachdenklicher, wahrer Text. Danke.

    • fadenvogel

      8. Dezember 2015 at 10:57

      Danke. Wenn man so einen Mikro-Eindruck, Szenenbeschreibung, etc. macht, dann dankt man sich ja zwischendrin: Is des wirklich so krass? Aber es war so. Ich kann mir nicht helfen…

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