Muttersprache, Omasprache, Vatersprache, Familiensprache – Mehrsprachigkeit bei Kindern

Die ursprüngliche Bedeutung von „deutsch“ ist die Abgrenzung einer Sprache, die eben nicht Latein ist. Eine Sprache, die in bestimmten Regionen vom Volk gesprochen wurde (und eben nicht von wichtigen Leuten, wie dem Klerus) und deswegen so was wie „zum Volk gehörig“ heißt. Die Lateiner haben das natürlich auch übersetzt und rausgekommen ist „theodisce“. Wer italienisch kann, wird darin das tedesco erkennen. Für die Slawen sind wir die „Stummen“ und so nennen sie in Ihrer Sprache die Deutschen auch. Ich kenne nur das kroatische Wort njemački, aber in anderen slawischen Sprachen klingt es ähnlich.

Wir bringen unseren Kindern unsere Sprache bei. Das ist völlig selbstverständlich und passiert in der Familie, im täglichen Umgang, in den Nebensätzen. In unserer Familie wird deutsch gesprochen. Meine Kinder lernen also deutsch.

Was würde aber passieren, wenn um uns herum eine andere Sprache gesprochen werden würde? Was ist, wenn du die Einzige in dieser neuen Familie bist, die eine andere Sprache mitbringt? Was wird aus dieser Sprache? Werden deine Kinder dann noch diese ungebrauchte Sprache erlernen oder werden sie gänzlich in der Umgebungssprache aufwachsen?

Die Mutter meines Freundes kommt aus Kroatien. Sie hatte in Deutschland einen Job und dachte in ihrer frühen Jugend wohl, es würde nicht schaden, mal bisschen Auslandserfahrung sammeln. Es passierte wie es passierte. Sie verliebte sich, bekam Kinder, heiratete und blieb. In irgendeiner Reihenfolge ist das so geschehen. Ihre Sprache blieb in der alten Heimat. In den 80er Jahren dachte man noch anders über mehrsprachiges Aufwachsen. Da hatten alle noch Angst, die Kinder würden kein ordentliches Deutsch erlernen, wenn die Mutter nicht mit ihnen ihr oft mühsam erlerntes Deutsch sprechen würde. Also sprach meine Schwiegermutter nur noch deutsch.

Ich stelle mir das oft vor. Ich verliebe mich in ein anderes Land und treffe dann diese Entscheidung. Dann wäre ich die Letzte in meiner Familie, die deutsch sprechen würde und irgendwann wäre es dann die alte Sprache der Oma und meine Enkel wüssten nichts mehr von der Sprache, in der ich aufgewachsen bin. Wie eine Spur, die mit mir verschwindet. Mich macht das traurig. Ich liebe die deutsche Sprache heiß und innig. Ich würde selbst gegen den Willen meiner Schwiegertochter meinen Enkeln heimlich deutsch beibringen, ja, so wäre ich wahrscheinlich. Eine Schwiegermutter wie sie im Buche steht.

Manche Familie wollen diese Spuren extra legen für ihre Kinder. Englisch im Kindergarten, Französisch von der Tagesmutter – Internationalität ist ein pädagogisches Ziel. Ich bedauere das ein bisschen. Ich finde, dass eine Sprache zu erlernen etwas mit einer familiären Identität zu tun hat. Eine französische Tagesmutter ist etwas völlig anderes als eine französische Großmutter. Mehrsprachigkeit, nur mit dem bloßen Willen der Eltern, das absolut Beste für ihre Kinder zu tun, wird auch nicht klappen. Wenn die Mutter deutsch spricht und der Vater deutsch spricht und der Opa und die Oma, dann wird es eben kein mehrsprachiges Aufwachsen geben und diese Kinder lernen wie alle anderen Englisch als Fremdsprache und nicht als Familiensprache. Dann ist in meinen Augen das Lernen eines ordentlichen Dialektes von der Oma Mehrsprachigkeit genug.

Meine Schwiegermutter ist die Oma vieler Kinder und keines davon spricht ihre Sprache. Ich habe sie oft zur Seite genommen und ihr gesagt, dass sie gerne mit meinen Kindern kroatisch sprechen dürfe. Sie kaufte ein Bilderbuch, sang ein paar Lieder, doch sie macht es nicht wirklich. Auf Nachfrage hat sie mir gestanden, dass sie Sorge hätte, die Kinder würden dann nicht wirklich gut deutsch lernen können. Da musste ich laut auflachen, aber ihre Sorgen konnte ich deswegen bis heute nicht zerstreuen. Vielleicht hat sie ihre eigene Sprache über die Jahre schon so ungebraucht gelassen, dass sie sich in ihrem Mund fremd und rostig anfühlt. Es sieht fast so aus, dass in unserer Familie diese Spur verschwinden und die kroatische Sprache mit der Oma meiner Kinder in Vergessenheit geraten wird. Wir werden für den Teil der Familie die „Stummen“ bleiben. Mir gibt das einen kleinen Stich. Ich hätte es gerne anders, werde es aber so nehmen wie es ist. Bei Sprachen und beim Sprechen lässt sich nichts erzwingen.

Mich würde sehr interessieren, wie das in anderen Familien ist. Wohin verschwindet da die Ursprungssprache? In welcher Sprache wachsen Kinder auf? Welche Entscheidung wird bereut? Wo hat jemand mal was genau richtig gemacht?

Ich freue mich über eure Kommentare!

 

9 Kommentare

  1. Ich finde das auch total schade, dass die Sprachen so verloren gehen. Wir haben Vorfahren aus allen möglichen Richtungen (ich habe polnische Vorfahren, mein Freund französische), aber das war alles „fremde“ Familie, mit der wir nie aufgewachsen sind. Das finde ich sehr schade, dass wir so wenig von unseren Wurzeln kennen. Ich fände es toll, wenn ich zweisprachig aufgewachsen wäre. Auf der anderen Seite habe ich mir alle Mühe gegeben, meinen Heimatdialekt gar nicht erst richtig zu lernen und dann auch ganz schnell wieder abzulegen. Jetzt im bayrischen „Ausland“ bereue ich es manchmal, dass ich nicht mal was sagen könnte, wenn ich wollte.

    • fadenvogel

      6. August 2014 at 15:33

      Den Heimatdialekt gemieden? Schade, ich mag ja Dialekt. Ich verfalle hoffnungslos in einen Münchnerischen Voralpenlanddialekt, wenn jemand mit mir damit spricht. Aus dem Stehgreif kann ich das auch nicht. Oder vielleicht schon und ich merke es gar nicht? Kann auch sein.

  2. Ich finde es toll, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen, und schade, wenn solche Wurzeln verloren gehen.
    Übrigens ist es weltweit eher die Ausnahme, dass Kinder nur einsprachig aufwachsen!

    Ich komme aus dem Münsterland, wo nichtmal Dialekt gesprochen wird (meine Großeltern sind aus Schlesien und sprachen daher auch kein Platt; ihr Dialekt von dort hat sich hier verloren, bis ich auf die Welt kam). Ich habe keinerlei Verwandte im Ausland oder auch nur einer Dialekt-Region. Das finde ich sehr schade, dass ich muttersprachlich nichts als Hochdeutsch gelernt habe!

    Andersherum finde ich manche Eltern aber zu krampfhaft, wenn es darum geht, ihren Kindern Fremdsprachen beizubringen. Da kommen so Klöpse wie chinesisch im Kindergarten (als ob die Kleinen irgendwas davon behalten würden, wenn das danach nicht fortgeführt wird …)
    Die Kinder der Cousine meines Freundes (puh! ;)), 1 und 4 Jahre, haben eine deutsche Mutter, einen venezuelischen Vater und leben in der französischen Schweiz, wachsen also mit deutsch, spanisch und französisch auf (soweit finde ichs toll!). Reicht das? Nein, es muss unbedingt noch englisch dazu kommen … die Mutter ist aber auch sehr ehrgeizig. Das gibt mal nen Familienkrach, wenn eines der Kinder vielleicht mal lieber eine Ausbildung als ein Studium will … ;)

    Interessanter Beitrag von dir, ich finde das Thema auch sehr spannend!

    • fadenvogel

      6. August 2014 at 15:30

      Eltern in ihrer Elternschaft zu kritisieren ist genauso schwierig wie einer Frau zu sagen, dass ihr Hintern in keine Größe 42 mehr reinpassen wird. Es geht einfach nicht oder braucht eine große Vertrauensbasis. Manchmal finde ich aber auch, dass das echt nicht mein Job ist. Wenn man mich nicht explizit nach meiner Meinung fragt, dann gebe ich zu manchen Erzeihungsszenen eben nicht meinen Senf dazu.Brauchen die Eltern in dem Moment auch gar nicht, interessiert sie auch gar nicht. Ich habe aber trotzdem meine Meinung und ich pflichte dir da schon bei. Wie gesagt, ich glaube aber auch eh nicht, dass ein Kind eine Sprache als Muttersprache in der Kindheit dazu lernt, wenn es nicht einen familiären Background dazu gibt. Ich glaube halt einfach nicht, dass das klappt.

  3. Ich habe als Au Pair in einer zweisprachigen Familie in den USA gearbeitet. Der Vater war Holländer und die Mutter Amerikanerin. Die hatten echt gute Vorsätze, die Kinder zweisprachig zu erziehen und sich Gedanken gemacht und Fachbücher gewälzt.
    Tatsache war, dass der Vater sehr viel Niederländisch gesprochen hat, und sie auch niederländisches Fernsehen geschaut haben.
    Allerdings hat sich das dann geändert, je älter die Kinder wurden. Freunde waren da, und verstanden kein Holländisch, ich konnte es auch nicht, und so wurde das Niederländische gefühlsmäßig immer weniger.

    Was für mich aber total faszinierend war, war das Sprachverständnis der Kinder. Wenn ich langsam und wirklich Hochdeutsch gesprochen habe, konnten sich die Kinder einige Wörter herleiten.
    Zusätzlich zu den Sprachen war es aber doch auch eine andere Kultur, die den Kindern vermittelt wurde.
    Ich denke, Kinder profitieren sehr davon, verschiedene Einflüsse im Elternhaus zu erleben.

    Und aus Erzieher-Erfahrung kann ich nur sagen, dass es eindeutig sinnvoller ist, die Muttersprache mit den Kindern zu sprechen, als ihnen falsches Deutsch vorzuzeigen.

    Liebe Grüße,
    Carmen

  4. Liebe Sabine,

    über Ninja habe ich zu dir gefunden und deine Schreibe gefällt mir ausgesprochen gut. Ein Hoch an dieser Stelle auf die Kommentare!

    Sehr interessantes Thema, das du da angeschnitten hast. Im Grunde genommen haben doch die allermeisten von uns irgendeinen fremdsprachigen Background und seien es auch „nur“ Dialekte. Sich wieder mehr mit den Sprachen zu befassen bzw. damit, wie schade es doch ist, diese oder jene nicht zu sprechen, zeigt doch eigentlich, dass wir ein Bedürfnis nach Internationalität haben. Oder auch die Frage nach dem „woher“ beantworten wollen. Oder unsere Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen – wörtlich genommen. Aus welchem Grund auch immer, es ist ein Wandel zu beobachten. Während unseren Eltern wichtig war, dass ihre Kinder deutsch sprechen, legen wir wieder Wert auf Mehrsprachigkeit (wobei es da häufig schon eine klare Präferenz gibt: ohne englisch geht es nicht, französisch und spanisch dürfen auch nicht fehlen und chinesisch eh…) . Dafür tun wir auch einiges, wie du schon geschrieben hast. Ich kenne jedoch Leute in meinem Alter, deren Eltern (in diesen Fallen sind es ausnahmslos die Mütter!) schon seit vielen Jahren hier leben und kaum deutsch sprechen. Das wäre heute undenkbar!

    Ich finde es schön und wichtig, wenn ein Kind die (Mutter-)Sprache der Hauptbezugsperson(en) lernt. Faszinierend finde auch beispielsweise, wie Kinder von gehörlosen Eltern die Gebärdensprache erlernen, aber das ist ein anderes Thema… Gleichzeitig – so meine Meinung – ist es unabdingbar, die Sprache des Landes zu können, in dem man lebt. Viele Freunde und Bekannte von uns erziehen ihre Kinder zweisprachig (in der jeweiligen Muttersprache) und ziehen es konsequent durch, das finde ich grossartig!!

    Mein Vater kommt auch aus Kroatien, ich habe dort einen grossen Teil meiner Kindheit verbracht und konnte die Sprache obwohl mein Vater kaum kroatisch mit uns gesprochen hat. Sein deutsch war ziemlich schlecht. Da meine Mutter Deutsche ist und meine Eltern hier ihren Lebensmittelpunkt hatten, war für sie klar, dass in der Familie (überwiegend) deutsch gesprochen wird, auch damit mein Vater es lernt. Sie erklärten es uns ausserdem damit, dass meine Mutter als Hausfrau für die Kindererziehung zuständig war und somit die meiste Zeit mit uns verbracht hat.
    Trotzdem konnten wir Kinder kroatisch aufgrund der vielen Zeit, die wir mit der Familie meines Vaters verbracht haben. Dann kam der Krieg. Und mit ihm die Sprachlosigkeit. Die Möglichkeit, die Sprache zu gebrauchen wurde weniger und wir verlernten viel. Das ist schade, denn später taten wir uns schwer damit. Als Kinder haben wir nicht nachgedacht, jetzt überlegen wir, ob die Aussprache und Grammatik korrekt ist, bevor wir uns trauen was zu sagen. Mir fehlen meistens die Worte und das, obwohl ich die Sprache und den Klang so wunderschön und vertraut finde.
    Lustigerweise träume ich manchmal auf kroatisch (das klingt komisch, ich weiss) und es wird immer ein Teil von mir sein und bleiben. Das würde ich gerne meinen Kindern mitgeben, spreche jedoch selbst nicht kroatisch mit ihnen (abgesehen von ein paar Bilderbüchern und Kinderlieder-CDs) einfach weil ich die Sprache nicht perfekt beherrsche. Genauso wenig würde ich auf die Idee kommen, englisch mit ihnen zu sprechen, obwohl ich es kann.
    Allerdings spricht mein Vater „Opasprache“ (so nennt es unser grosser Junge) mit seinen Enkeln, was ich sehr schön finde. Und wir Geschwister haben uns tatsächlich unabhängig voneinander ab dem Herbstsemester für Kroatisch-Kurse angemeldet. Ganz verloren geht es also nicht – hoffentlich!

    Ach herje, was für ein langer Kommentar…

    Sei lieb gegrüsst,
    Kristina

    • fadenvogel

      9. August 2014 at 02:00

      Danke für deine Gedanken und das Erzählen von deiner Familiengeschichte. Ich finde es total spannend, etwas Persönliches von Menschen in diesem boomenden und niemals schlafenden weltweiten Netz zu lesen.

      Eine Opasprache – in unserem Fall Omasprache – würde ich mir auch ehr wünschen, wie schön, dass es dein Vater einfach macht. Vielleicht ist es auch einfacher, mit den Kindern der Tochter eine andere Sprache zu sprechen als mit den Kindern der Schwiegertochter. Da steht ja immer noch der berühmte Konflikt im Wege…

      Eine gute Nacht und hoffentlich zum Samstagskaffee dann morgen…oder eher nachher…ich muss jetzt echt ins Bett…

  5. Ich habe als Kind erst Russisch gesprochen, bevor ich im Kindergarten Deutsch gelernt habe.
    In der Schule sagte mir man dann, dass Russisch sprechen nicht gut ist und verbot es mir. Daran habe ich mich irgendwann gehalten und viel viel viel verlernt.
    Im Dolmetschstudium musste ich mir das dann alles wieder hart erarbeiten, was letztenendes doch ganz gut geklappt hat.
    Ich hoffe, dass ich es schaffen werde, meinen Kindern später Russisch beizubringen. Es ist eine wunderschöne Sprache, die nicht verloren gehen sollte, wie du es beschreibst. Und Deutsch lernen sie so oder so „da draußen“…
    LG Christina

  6. Huhu,

    Ich bin endlich deiner Aufforderung nachgekommen und habe auch einen Artikel zu Mehrsprachigkeit verfasst. Danke für den Anstupser :)

    http://fragmentage.blogspot.co.il/2014/11/mehrsprachigkeit-chance-und.html

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