Ein Kaffee im Spreewald – schwarz, morbide und schön.

Mein Samstagskaffee ist ein Spreewald-frühstück. Senfgurken, Essiggurken, Senfauswahl mit Brötchen, Schrebergartensüppchen im Glas, eine Menge Orangensaft und schwarzer Kaffee.

Der Osten kann feiern, und der Osten weiß, was man gegen einen Kater tun kann. Während München auf eine ordentliche Konterhalbe (Bier am Morgen gegen Kopfschmerzen) schwört, richtet hier die Gurke alles. Wir sind zum Feiern her gekommen, Freunde heiraten. Wir haben diesen Ort also nicht selber ausgesucht. Und ich frage mich, warum? Ein Münchner in Brandenburg. Was verbinde ich mit dem Osten?

Urlaub macht man für gewöhnlich dort, wo man schon als Kind hingefahren ist. Echt, Leute, am Ende ist es so. München fährt nach Italien oder Kroatien. Ans Meer halt. In Den Spreewald sind wir nie gefahren. Ging ja auch schlecht, war ja ne Grenze dazwischen. Aber selbst ohne Grenze halten meine Eltern nicht viel vom Osten. In Bayern radelt man durchs Altmühltal mit seinen Kindern, aber nicht durch Brandenburg. Ich habe zwar ein Jahr lang in Berlin gelebt, aber richtig kennengelernt habe ich von unserem Osten noch nicht sehr viel.

Wir sind in Lübben und in Lübben fährt man durch die Flussarme der Spree mit einem Kahn. Das Wasser fließt still, es ist alles in flaschengrün getaucht. Libellen flirren übers Wasser, Enten verlangen lautstark nach Futter neben dem Kahn. Unter dem Wasser tanzen die Algen im Sonnenlicht. Es ist morbide, eine Krimi-landschaft.

Man glaubt sofort, dass hier Morde passieren können, verschwiegene alte Leute zuviel wissen und irgendjemand um die Ecke gebracht wird. Ein Kommissar aus Berlin taucht auf und beißt sich an der Hartnäckigkeit der Einheimischen die Zähne aus. Ja, an so was denkt man, wenn man mit Häkeldeckchen und Flaschenbier die Spree in einem Spreewaldkahn hinunter fährt.

Mir gefällt es sofort. Teenager mit Vukuhila-Haarschnitt spielen im neu angelegten EU-chic-Park Ball. Mütter sind im Schnitt 10 Jahre jünger und ein Mittdreißiger ohne Tattop hat sein Leben noch nicht gelebt. Der Spreewald – Renten-Oase und Mückengebiet. Hier wird Kinder nicht gesagt: „Probier das mal!“ Hier sagt man: „Du musst erst mal davon kosten.“ Und ich koste. Alles. Und ich komme wieder nach Brandenburg. Deutschland hat so viele Facetten, ich muss nicht nach Thailand fliegen, um was völlig anderes zu sehen. Der Spreewald mit seiner dunklen Schönheit und dem abblätternden Putz reicht mir völlig.

Ich möchte mehr Orte in Deutschland finden. Wohin noch fahren? Was muss auf die Liste? Was gibt es noch zu kosten?

Der Samstagskaffee ist eine Sammlung von Ninjasieben.

8 Kommentare

  1. gefällt mir, dein bericht aus dem osten. ich war letztes jahr auch das erste mal dort, meck-pomm und fand es ganz anders als gedacht, aber sehr faszinierend und mit vielen schönen ecken, die ich gerne nochmals besuchen möchte.
    dir ein schönes wochenende, lg, mecki

  2. Ich bin als Kind schon mit meinen Eltern mit dem Wohnmobil durch halb Europa gefahren – und im Osten waren wir auch oft. Meine Oma kommt nämlich aus Lübben. :) Das ist also okay, wenn sich mein Urlaubsverhalten nicht groß ändern wird (allerdings haben wir kein Wohnmobil). Und wenn du dich im Osten noch nicht auskennst, dann empfehle ich dir, noch ein bisschen weiter östlich zu fahren: Dresden ist nämlich wunderwunderwundervoll und direkt dahinter ist die Sächsische Schweiz und die ist auch ziemlich cool.

  3. meine ostseenahe Heimat trage ich in der Ferne als Schatz immer mit – Küste, Strand und Flachland, übrigens auch auf polnischer Seite zauberhaft, empfehle ich also gern & herzlich!

  4. Mir geffält es in Düsseldorf und in Pforzheim :-), in den hessischen Wäldern, an der Ost- und Nordsee, in Hamburg, in Tuttlingen, in Berlin, am Starnberger See, auf dem Bodensee sowieso. Dann wäre da noch Tiger and Turtle in Duisburg. Ich möchte Köln besuchen. Liebe Grüsse von mir

  5. fadenvogel

    10. August 2014 at 09:52

    Danke für eure Rückmeldungen. Ich bin als Kind auch viel mit dem Wohnmobil herumgefahren. Durch ein Stückchen Amerika, durch Frankreich, mit dem Hausboot durch England….großartige Reisen. meine Eltern sind Vagabunden. Viel-Reiser. Immer woanders hin. Irgendwas entdecken. Das steckt auch in mir, aber der deutsche Osten, da dann doch lieber das Altmühltal….Jetzt ist das anders und zu Frühstück im Hotel sehe ich eine Gruppe Berliner. Der Papa trägt das Götze-Fußballtrikot von Bayern München und mahnt seinen Sohn im extremen Berliner Akzent. Verquere Welt, vielleicht bin ich noch ein Grenzkind. Jemand mit Grenze im Kopf. Ich muss weiter darüber nachdenken, was für mich Heimat ist. Und ob ich Urlaub in der Heimat grad mache oder nicht. Ich führe mich ein bisschen wie beides.

  6. Wunderschön, dieser Bericht über den Spreewald.
    Ich war junge Mädchen dort auf Klassenfahrt und genauso habe ich auch alles in Erinnerung.
    Durch Regula mit ihrem schönen Hut und den dazu abgegebenen Kommentaren habe ich den Weg hierher gefunden und ich bin begeistert.
    Ja, es gibt in Deutschland so viele schöne Orte zu entdecken, da muss es nicht Thailand oder Ägypten oder Italien sein.
    Egal ob Osten oder Westen, es gibt überall Einzigartiges zu entdecken, wenn man nur will.

    • Oh – tut mir leid, dass sich so ein Rechtschreib- und Grammatikfehler eingeschlichen hat.
      Es sollte natürlich heißen:
      Ich war als junges Mädchen dort auf Klassenfahrt und genauso habe ich auch alles in Erinnerung.

      • fadenvogel

        11. August 2014 at 16:15

        Vielen Dank, irgendwie freut mich dein Kommentar gar ziemlich. Wenn man mit einem beschriebenen Bild die Kindheitserinnerung von jemand anderem weckt….da bin ich schon sehr stolz drauf. Grad, wenn es Kleinigkeiten sind.

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