• Rabeneltern

    Dinge aus meiner Kindheit

    Ich hatte in meiner Kindheit keinen Fernseher im Zimmer. Als Teenager hatte ich allerdings eine quadratische Kiste, die das absolute technische Highlight meines Daseins verkörperte. In der Nacht habe ich einmal einen Horrorfilm gesehen. Die Szene eines verbrannten Mannes darin hatte mich später noch jahrelang verfolgt. Sei´s drum. Diese Kiste konnte VON ALLEINE Sendungen auf eine Vhs-Kassette aufnehmen, vorausgesetzt man hatte die Sendung anhand einer Nummer gefunden. Damit habe ich die Aufnahme meines ersten Freundes unabsichtlich ruiniert. Er hatte einen Film über unseren Abiball gemacht und ich habe die Vhs-Kassette überspielt. Dieser Film war wie eine stille Liebeserklärung und ich würde sie heute gern noch einmal sehen. Die Vhs-Kassette ist aber verloren…

  • Tagebuch

    Urban Exploration oder die Schönheit des Verfalls

    „Manchmal gerät mal halt in etwas rein, dass man am Anfang gar nicht überreißen kann. Wie groß es eigentlich ist, mein ich.“ Julia zieht an ihrer Zigarette, wir sitzen im Sommerabend-Wien bei einem verlassenen Wochenmarkt auf Holzkisten und rauchen. Julia erzählt mir von ihrem neuem Hobby, dass aus einer Laune heraus entstand und jetzt nach wenigen Monaten zu einem großem Ding für sie geworden ist. Dass meine Freunde seltsame Hobby pflegen, daran bin ich inzwischen gewöhnt. Aber ihres ist mir noch nicht untergekommen. Auch wußte ich nicht, dass es überhaupt ein Hobby sein kann. Mir fehlte der Name dazu, aber fangen wir von vorne an. Es geht um Fotographie, da…

  • Tagebuch

    Muttersprache, Omasprache, Vatersprache, Familiensprache – Mehrsprachigkeit bei Kindern

    Die ursprüngliche Bedeutung von „deutsch“ ist die Abgrenzung einer Sprache, die eben nicht Latein ist. Eine Sprache, die in bestimmten Regionen vom Volk gesprochen wurde (und eben nicht von wichtigen Leuten, wie dem Klerus) und deswegen so was wie „zum Volk gehörig“ heißt. Die Lateiner haben das natürlich auch übersetzt und rausgekommen ist „theodisce“. Wer italienisch kann, wird darin das tedesco erkennen. Für die Slawen sind wir die „Stummen“ und so nennen sie in Ihrer Sprache die Deutschen auch. Ich kenne nur das kroatische Wort njemački, aber in anderen slawischen Sprachen klingt es ähnlich. Wir bringen unseren Kindern unsere Sprache bei. Das ist völlig selbstverständlich und passiert in der Familie, im…

  • Tagebuch

    Der Samowar und meine Oma

    Meine Oma war eine sehr deutsche Frau. Sie konnte Kartoffelbrei schwefeln, Gänse braten, mochte Butter und trank ihren Kaffee mit Sahne. Sie hatte ihre ganz eigene Meinung zu Menschen, die Kinder ohne Trauschein bekamen, rümpfte manchmal die Nase, traute der Mikrowelle nie und wusch bis zu ihrem letzen Tag ihre Spühllappen in der Kochwäsche aus. Meine Oma wurde aber nicht in Deutschland geboren, sie kam von der Krim. Manchmal merkte man das. Wenn sie Wassermelone aufschnitt und von den riesigen Wassermelonen auf ihrem Bauernhof erzählte. Wenn sie als Kind ihrer Zeit immer lieber auf russischen Kaffeefahrtschiffen Urlaub machte, weil sie denen mehr vertraute. Dabei kamen durch Sätze, die sie so…