Schlagwort: oral history

Dinge aus meiner Kindheit

Ich hatte in meiner Kindheit keinen Fernseher im Zimmer. Als Teenager hatte ich allerdings eine quadratische Kiste, die das absolute technische Highlight meines Daseins verkörperte. In der Nacht habe ich einmal einen Horrorfilm gesehen. Die Szene eines verbrannten Mannes darin hatte mich später noch jahrelang verfolgt. Sei´s drum. Diese Kiste konnte VON ALLEINE Sendungen auf eine Vhs-Kassette aufnehmen, vorausgesetzt man hatte die Sendung anhand einer Nummer gefunden. Damit habe ich die Aufnahme meines ersten Freundes unabsichtlich ruiniert. Er hatte einen Film über unseren Abiball gemacht und ich habe die Vhs-Kassette überspielt. Dieser Film war wie eine stille Liebeserklärung und ich würde sie heute gern noch einmal sehen. Die Vhs-Kassette ist aber verloren und der Film mit meinem Freund verschwunden.

Öfter geht ein Raunen durch die heutige Elternschaft. Was früher nicht alles einfacher gewesen wäre. Was früher nicht alles besser war. Laptop, Iphone, Tablet, Smart TV….wer soll sich da noch ungestört entwickeln können? Dabei habe ich es geschafft mit einer Kiste, die kaum großer war als ein doppelter Schuhkarton, meinen ungestörten Nachtschlaf mit einem Horrorfilm zu ruinieren.

Alles also eine Frage der Perspektive.

Urban Exploration oder die Schönheit des Verfalls

Urban exploration 1Manchmal gerät mal halt in etwas rein, dass man am Anfang gar nicht überreißen kann. Wie groß es eigentlich ist, mein ich.“ Julia zieht an ihrer Zigarette, wir sitzen im Sommerabend-Wien bei einem verlassenen Wochenmarkt auf Holzkisten und rauchen. Julia erzählt mir von ihrem neuem Hobby, dass aus einer Laune heraus entstand und jetzt nach wenigen Monaten zu einem großem Ding für sie geworden ist. Dass meine Freunde seltsame Hobby pflegen, daran bin ich inzwischen gewöhnt. Aber ihres ist mir noch nicht untergekommen. Auch wußte ich nicht, dass es überhaupt ein Hobby sein kann. Mir fehlte der Name dazu, aber fangen wir von vorne an.

Es geht um Fotographie, da bin ich ja gedanklich dabei.

Man kann ja alles mögliche fotografieren: Seinen Alltag, vermeintlich schöne Menschen, Frauenbeine, Kinder, Hochzeiten, Inneneinrichtungen, Gebäude, Straßenzüge, Nachtcafés, Produkte zum Kaufen.

Ich habe mit dem Fotografieren angefangen und hatte schon immer einen Platz in Wien im Kopf, den ich gerne festgehalten hätte. Eigentlich ist es ein Gebäude. Es wurde verlassen und verschwindet vor sich hin. Dieser Prozess der langsamen Zerstörung von Dingen, der Verfall, der hat mich interessiert und ich bin los, ihn zu fotographieren. Da hatte ich ja noch keine Ahnung.“

Die Ahnung gewinnt Julia langsam, denn es gibt eine große Gemeinschaft, die sich um das Verlassen in der Fotographie kümmert. Urban Exploration, so nennt sich das lautlose Eintreten in verfallene Häuser, bei denen man nichts mitnimmt und auch nichts verändert, sondern im dunstigen Licht den Ausschnitt Apokalypse festhält. Mit der Kamera. Julia unternimmt inzwischen Reisen zu den Hotspots der Szene, über Europa verteilt. Sie ist im Netz und unterwegs auf Gleichgesinnte gestoßen.

„Eine irre große Gruppe, die sich damit beschäftigt. Manchmal finden wir auch noch alte Briefe, da freu ich mich dann besonders.. und besonders gern mag ich´s, wenn Pflanzen, Pilze und Farn anfangen zu wachsen, die Natur zurückerobert.

Julia hat ihr Herz in den zerfallenden Grand Hotels der Jahrhundertwende gefunden und begeht die Räume aus fremden Leben, die schon längst vergangen sind. Manchmal gibt es Geschichten dazu, manchmal nicht.

Im Haus, dass sie das Haus der Ärztin nennt, findet sich eine Patientenmappe aus 1903. Diese Dinge sollten gar nicht mehr hier sein. Sie sollten schon längst archiviert sein, in einem Museum, abgestaubt, verbrannt, recycelt, weggeworfen, aber sie sind liegengeblieben vom Letzen, zu deren Alltag sie gehörten, ein Gebrauchsgegenstand, dessen Gebräucher unter der Erde zu Staub verfallen ist. Sie wurden von der Zivilisation übersehen, der Anflug einer Welt ohne Menschen.

Es ist immer eine Gradwanderung, denn irgendwo ist ein jetzt noch ein Mensch oder eine Stadt übrig, die diese Gebäude verfallen lassen und streng genommen ist auch der mit Moos überwachsende Barhocker noch jemandes Eigentum. „Aber die echten Urban Explorer sind streng, sie nehmen nie auch nur ein Stückchen mit. Alles wird so gelassen, denn das ist die Schönheit der Dinge, die uns nicht mehr gehören.“

Julia zeigt mir Fotos. „Ich mag’s besonders gern, die kleinen wunderschönen Details in all dem Verfall zu entdecken, zum Beispiel wenn die Sonne auf abblätternde Wandfarbe oder das zerfetzte Volleyballnetz einer verlassenen Turnhalle fällt.“ Ein bisschen träumt sie.

Julia erzählt mir die Geschichte eines Ehepaares. Gefunden von dem Leben wurde ein Hochzeitsalbum. Die Frau soll sich nach der Hochzeitsnacht umgebracht haben. Zwei Sessel bleiben aus der Geschichte zurück. Das sind seltene Funde, Dinge mit bekannter Geschichte. Meistens ist die Geschichte schon mit den Menschen verschwunden und zurück bleiben nur die liegen gelassenen Sachen.

Urban Exploration 2

Einen Einblick in die Zwischenwelt nach uns könnt ihr euch auf Augenblickfang ansehen: Facebook 

Ich habe einen Hang zur Apokalypse und höre mir ihre Geschichten in diesem langen Abend in Wien an, zwischen Obstkisten und Nachtschwärmern. Ein Müllauto spritzt Wasser über den Asphalt und wir gehen in die Wohnung zurück. Meine Freunde haben seltsame Hobbys und ich bin heilfroh drum oder in den Worten Jack Kerouacs:

the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars

Bildquelle: @Juliavonaugenblickfang

Muttersprache, Omasprache, Vatersprache, Familiensprache – Mehrsprachigkeit bei Kindern

Die ursprüngliche Bedeutung von „deutsch“ ist die Abgrenzung einer Sprache, die eben nicht Latein ist. Eine Sprache, die in bestimmten Regionen vom Volk gesprochen wurde (und eben nicht von wichtigen Leuten, wie dem Klerus) und deswegen so was wie „zum Volk gehörig“ heißt. Die Lateiner haben das natürlich auch übersetzt und rausgekommen ist „theodisce“. Wer italienisch kann, wird darin das tedesco erkennen. Für die Slawen sind wir die „Stummen“ und so nennen sie in Ihrer Sprache die Deutschen auch. Ich kenne nur das kroatische Wort njemački, aber in anderen slawischen Sprachen klingt es ähnlich.

Wir bringen unseren Kindern unsere Sprache bei. Das ist völlig selbstverständlich und passiert in der Familie, im täglichen Umgang, in den Nebensätzen. In unserer Familie wird deutsch gesprochen. Meine Kinder lernen also deutsch.

Was würde aber passieren, wenn um uns herum eine andere Sprache gesprochen werden würde? Was ist, wenn du die Einzige in dieser neuen Familie bist, die eine andere Sprache mitbringt? Was wird aus dieser Sprache? Werden deine Kinder dann noch diese ungebrauchte Sprache erlernen oder werden sie gänzlich in der Umgebungssprache aufwachsen?

Die Mutter meines Freundes kommt aus Kroatien. Sie hatte in Deutschland einen Job und dachte in ihrer frühen Jugend wohl, es würde nicht schaden, mal bisschen Auslandserfahrung sammeln. Es passierte wie es passierte. Sie verliebte sich, bekam Kinder, heiratete und blieb. In irgendeiner Reihenfolge ist das so geschehen. Ihre Sprache blieb in der alten Heimat. In den 80er Jahren dachte man noch anders über mehrsprachiges Aufwachsen. Da hatten alle noch Angst, die Kinder würden kein ordentliches Deutsch erlernen, wenn die Mutter nicht mit ihnen ihr oft mühsam erlerntes Deutsch sprechen würde. Also sprach meine Schwiegermutter nur noch deutsch.

Ich stelle mir das oft vor. Ich verliebe mich in ein anderes Land und treffe dann diese Entscheidung. Dann wäre ich die Letzte in meiner Familie, die deutsch sprechen würde und irgendwann wäre es dann die alte Sprache der Oma und meine Enkel wüssten nichts mehr von der Sprache, in der ich aufgewachsen bin. Wie eine Spur, die mit mir verschwindet. Mich macht das traurig. Ich liebe die deutsche Sprache heiß und innig. Ich würde selbst gegen den Willen meiner Schwiegertochter meinen Enkeln heimlich deutsch beibringen, ja, so wäre ich wahrscheinlich. Eine Schwiegermutter wie sie im Buche steht.

Manche Familie wollen diese Spuren extra legen für ihre Kinder. Englisch im Kindergarten, Französisch von der Tagesmutter – Internationalität ist ein pädagogisches Ziel. Ich bedauere das ein bisschen. Ich finde, dass eine Sprache zu erlernen etwas mit einer familiären Identität zu tun hat. Eine französische Tagesmutter ist etwas völlig anderes als eine französische Großmutter. Mehrsprachigkeit, nur mit dem bloßen Willen der Eltern, das absolut Beste für ihre Kinder zu tun, wird auch nicht klappen. Wenn die Mutter deutsch spricht und der Vater deutsch spricht und der Opa und die Oma, dann wird es eben kein mehrsprachiges Aufwachsen geben und diese Kinder lernen wie alle anderen Englisch als Fremdsprache und nicht als Familiensprache. Dann ist in meinen Augen das Lernen eines ordentlichen Dialektes von der Oma Mehrsprachigkeit genug.

Meine Schwiegermutter ist die Oma vieler Kinder und keines davon spricht ihre Sprache. Ich habe sie oft zur Seite genommen und ihr gesagt, dass sie gerne mit meinen Kindern kroatisch sprechen dürfe. Sie kaufte ein Bilderbuch, sang ein paar Lieder, doch sie macht es nicht wirklich. Auf Nachfrage hat sie mir gestanden, dass sie Sorge hätte, die Kinder würden dann nicht wirklich gut deutsch lernen können. Da musste ich laut auflachen, aber ihre Sorgen konnte ich deswegen bis heute nicht zerstreuen. Vielleicht hat sie ihre eigene Sprache über die Jahre schon so ungebraucht gelassen, dass sie sich in ihrem Mund fremd und rostig anfühlt. Es sieht fast so aus, dass in unserer Familie diese Spur verschwinden und die kroatische Sprache mit der Oma meiner Kinder in Vergessenheit geraten wird. Wir werden für den Teil der Familie die „Stummen“ bleiben. Mir gibt das einen kleinen Stich. Ich hätte es gerne anders, werde es aber so nehmen wie es ist. Bei Sprachen und beim Sprechen lässt sich nichts erzwingen.

Mich würde sehr interessieren, wie das in anderen Familien ist. Wohin verschwindet da die Ursprungssprache? In welcher Sprache wachsen Kinder auf? Welche Entscheidung wird bereut? Wo hat jemand mal was genau richtig gemacht?

Ich freue mich über eure Kommentare!

 

Der Samowar und meine Oma

Samstagskaffee Samowar_2Meine Oma war eine sehr deutsche Frau. Sie konnte Kartoffelbrei schwefeln, Gänse braten, mochte Butter und trank ihren Kaffee mit Sahne. Sie hatte ihre ganz eigene Meinung zu Menschen, die Kinder ohne Trauschein bekamen, rümpfte manchmal die Nase, traute der Mikrowelle nie und wusch bis zu ihrem letzen Tag ihre Spühllappen in der Kochwäsche aus.

Meine Oma wurde aber nicht in Deutschland geboren, sie kam von der Krim. Manchmal merkte man das. Wenn sie Wassermelone aufschnitt und von den riesigen Wassermelonen auf ihrem Bauernhof erzählte. Wenn sie als Kind ihrer Zeit immer lieber auf russischen Kaffeefahrtschiffen Urlaub machte, weil sie denen mehr vertraute. Dabei kamen durch Sätze, die sie so fallen lies, von Zeit zu Zeit völlig schiefe Bilder raus, weil Menschen, die den 2. Weltkrieg als Heranwachsende mitgemacht haben, immer (meistens eher?) ein negatives Russland-Bild haben. Das hat meine Oma völlig ausgelassen und neigte zu Glorifizierungen. Ich hätte gerne gewußt, was sie zu dem jetzigen Krieg auf der Krim gesagt hätte. Ob sie es furchtbar gefunden hätte und nun die Ukraine verteidigt hätte oder ob sie ihr Russland in Putin noch gesehen hätte. Ich weiß es nicht.

Meine Oma ist noch als Kind von der Krim geflohen, sie hat als Deutschstämmige ihre Leben dann nach vielen Wirrungen in Deutschland verbracht.

Das meiste Leben, sozusagen.

Weder meine Mutter noch ich haben von ihr russisch gelernt. Das war in den 50er Jahren so nicht üblich. Auch sie selbst beherrschte es am Ende kaum noch. Man hörte nie einen Akzent. Dennoch blieb in unserer Familie ein russisches Element übrig: der Samowar.

Ein Samowar wurde von meiner Mutter immer in Betrieb genommen, wenn wir Gäste empfangen haben. Sie hatte kleine silberne Teetassen dazu und schon als Kind prägte sich in mir das Bild einer Feier ein. Wie bei ihrer Mutter schon. Die Formel ist einfach: Wer Gäste empfängt, der braucht einen Samowar.

Als ich als Teenager das Nebenjobben angefangen habe, bildete ich mir sofort einen eigenen Samowar ein. Ich konnte mir zwar noch lange keine Wohnung leisten, aber irgendwie dachte ich, ein Samowar wäre mal ein guter Anfang für das Ziel des Ausziehens. Dann brauch ich das schon mal nicht mehr kaufen. Ich habe also in einem Teeladen meinen Samowar gekauft und nach Hause geschleppt.

Den habe ich immer noch. Zu Feierlichkeiten wie Geburtstagsbrunchen oder Weihnachtskuchenrunden stelle ich jetzt auch immer meinen Samowar auf und er brodelt zufrieden vor sich hin bis die letzten Gäste gegangen sind. Manchmal stelle ich ihn aber auch morgens ganz für mich alleine an und trinke viel zu viel schwarzen Tee den ganzen Tag über.

Wie heute. Mein Samstagskaffee ist also heute der schwarze Tee und meine türkische Teetasse dazu stelle ich zu den anderen bei ninjasieben.

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