IPhone an – Kind aus: Darf man Kinder mit Technik stumm schalten?

Shaun pixabay iphone KinderIn mittelprächtigen Hotels oder in Restaurants mit einer extra Weinkarte sieht man sie immer wieder: die Kinder. Obwohl alles gegen sie spricht: Uhrzeit, gestärkte weiße Stoffservietten, Platzteller, drei Vorspeisengänge. Manchmal sehe ich vor meinem geistigen Auge die Fernseh-Warnung: Für Zuschauer unter 16 Jahren ist die folgende Sendung nicht geeignet.

Ja, und wie alle anderen Eltern ignorieren wir unser besseres Wissen und nehmen unsere Kinder gerne mal in die freie Wildbahn der Erwachsenenwelt mit. Gewillt, die ganze Sache nach der ersten Vorspeise abzubrechen und uns höflich zu empfehlen.

Neben uns am Tisch sitzen auch Zwillinge. Ein Jahr jünger. Wir Mütter unterhalten uns kurz, innerlich denke ich: Strike! Die beiden Rotzlöffel werden bestimmt die ganze Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich ziehen und dann fallen meine Rotzlöffel nicht mehr so auf.

Doch die Familie verabschiedet sich zum Salatbüffet und als sie zurückkommt, dann stellen die Eltern ihre beiden Smartphones auf und lassen ihre Kinder in youtube abtauchen. Mir fällt fast der Suppenlöffel aus dem Gesicht. Die Kinder sind abgeschaltet, kaum ist das Handy angeschaltet. Sie bleiben ruhig sitzen und die drei Vorspeisen passieren den Tisch und nichts geschieht. Kein Kind will aufstehen, keines wirft aus Trotz einen Löffel auf den Boden. Die Eltern müssen nicht verkrampft in die Runde lächeln und besorgt Kinder davon abhalten, mit den Straßenschuhen auf Polstermöbel herumzulaufen.

An einem anderen Tisch sehe ich die Methode 1.0. Eine große Familie ist zusammengekommen. Omas, Cousinen, Kinder, Eltern. Sie begrüßen sich und die Kinder bekommen Spielsachen geschenkt. Sofort wird der Legokasten aufgerissen und in vom Salatbüffet geklauten Schüsselchens geschüttet und sortiert. Der Tisch ist lauter als die youtube-Zwillinge, aber auch diese Kinder bleiben sitzen. Konsum macht Kinder an Essenstischen von Erwachsenen auch geduldiger.

Ich schaue wieder zu den youtube-Zwillingen rüber. Nach eineinhalb Stunden ist auch dort Schluß mit lustig. Ich beobachte immer mehr Eltern, die die Situation so lösen. Nach ein paar Tagen stille Beobachtung probieren wir es auch aus. Das Abschalten mit dem Anschalten.

Wir lassen unsere Kinder beim Mittagessen im Hotel mit unseren Iphones spielen. Es wird unnatürlich ruhig um uns. Ein bisschen komme ich mir vor, als ob ich ihnen Alkohol eingeflößt hätte. Oder Beruhigungstabletten. Auf jeden Fall irgendwie unpädagogisch. Aber wir machen auch lauter unpädagogische Dinge. Sitzen auf einer Sonnenterrasse und warten auf Essen, danach noch ein Käffchen…kann schon lange sein, wenn man mit einer Handvoll Pommes auskommen könnte.

Am nächsten Tag lassen wir es wieder. Heiße Tränen, Heultieraden. Aus der Nummer wieder auszusteigen ist schwieriger als gedacht. Einmal auf dem Iphone-am-Tisch-Zug, immer darin? Wir schaffen es trotzdem, die ganze Sache abends nicht einreißen zu lassen und unsere Kinder springen zwischen Kellner und Vorspeisen herum. Keiner sagt was, sind halt Kinder. Ob sie stören oder nicht, weiß ich nicht. Ich bin zu beschäftigt damit, dass sie nicht den mit Eis gefüllten Weinkühler umschmeißen.

An den Nachbartischen: die youtube-Generation. Mein Sohn traut sich rüber und schaut mit. Ich gehe zu ihm und sage, dass wir jetzt Eis holen. Er sagt, er möchte weitergucken. Ich stelle ihm frei, dort noch stehen zu bleiben oder mit zum Eis zu kommen. Er bekomme aber später kein Extra-Eis mehr. Er entscheidet sich für das Iphone und ich hole mit dem anderen sein Eis. Ein bisschen bin ich traurig, dass das Iphone so attraktiv ist. Als wir zurückkommen, möchte mein youtube-Kind natürlich jetzt auch ein Eis. Ich sage, nein. Heultierade. Schluchzendes Kindergesicht. Ich gehe mit ihm auf die Sonnenterasse – ohne Eis-  und wir untersuchen die ganze Deko dort. Zugucken beim Eisessen muss er nicht. Und ich hoffe insgeheim, dass das Iphone des Nachbartisches nicht morgen schon wieder das Eis schlägt – jetzt, wo er sich sicher ist, dass es tatsächlich keines mehr gibt.

Ich bin immer noch unschlüssig, wie ich die Iphone-Kiste finde. Grundsätzlich mag ich an kleinen wie an großen Menschen nicht, wenn sie sich auf etwas so versteifen. Ich mag es eigentlich nicht, wenn sich jemand aus der Realität so abschalten kann. Klar, mit bestimmten Dingen kann ich das auch – Standby und durch, aber Kinder mit Iphones stummschalten kommt mir sehr weit in der digitalen Fixierung vor. Nach dem Motto: Allzuviel ist ungesund. Aber was kann man gegen ein bisschen youtube sagen?

Die meisten Eltern lassen ihre Kinder Sandmännchen und Co. gucken. Manche sagen, sie lassen ihre Kinder nicht fernsehen, aber dazu zählt das Ipad für sie nicht. Eine seltsame Mischung aus medialen Unbehagen in der Erziehung und Medienkompetenz gehen schon sehr früh Hand in Hand, dann die Wahrheit ist: Keiner hat Ahnung, wie er es jetzt eigentlich richtig machen soll. Meistens werfen Kinderlose oder Generation Oma den ersten Stein und haben ein fertiges Bild im Kopf, wie es denn richtig richtig. Und wirklich geil ist die Konsummethode aus den 80ern ja auch nicht. Malhefte immer im Gepäck? Vielleicht stelle ich so eine Tisch-Beschäftigung zusammen aus Malsachen und Spielen und muss einfach früher gehen, wenn es für meine Kinder zu doof wird. Nicht alles geht mit Kindern und ich glaube, ich bin für die Youtube-Methode zu konservativ. Obwohl ich kein Gegner vom Kinderkanal bin – metaphorisch gesprochen.

Darf man also Kinder mit Technik stumm schalten? Im groben gesprochen: nein, natürlich nicht. Aber, aber, aber…jeder kennt die Situationen, die man schnell und pragmatisch löst, ohne Butterblumen-Erziehung. Wo man nur froh ist, dass irgendwas klappt, weit entfernt davon, dass man mit der Methode jetzt den *Eltern-des-Jahres-Button* kriegt. Nehmen wir jetzt nur mal den Ausschnitt mit den Abendessen in einem Hotel. Darf man als Eltern die Iphones zücken für ein bisschen Suppe ohne Suppenkasper? Kommt es auf das Kind drauf an? Auf Alter und Temperament? Ist es in Ordnung, wenn man davor den ganzen Tag zusammen Butterblumen-Erziehung am Spielplatz an der frischen Luft gemacht hat? Kommt es dabei auf die Menge an? Ist *am iphone spielen* irgendwie besser als *am Iphone youtube gucken*? Ist ein Malheft über Feuerwehrmann Sam oder Shaun, das Schaf nicht letztendlich auch Medienkonsum?

Der Mutter mit den youtube-Zwillingen ist die Situation auf jeden Fall peinlich. Sie zuckt entschuldigend mit den Schultern in meine Richtung. Na ja, wir sind alle nicht perfekt. Sie schaut bisschen neidisch auf meine Kinder, die tatsächlich erstaunlich lange am Tisch aushalten. Das machen meine nicht so mit, sagt sie. Ich zucke daraufhin auch mit den Schultern. Ich bin inzwischen klug genug, nicht zu denken, dass sie irgendetwas *falsch* und ich irgendetwas *richtig* gemacht habe. Ich weiß, dass meine Kinder einfach verfressen sind und Gängemenüs meistens geil finden. Ständig kommt jemand mit Essen, toll. Jedes Kind ist anders und ich hatte einfach Glück, dass das so ist. Wenn sie regelmäßig Restaurants auseinander nehmen würden, was würde ich tun? Mein Iphone zücken oder nur noch zu Hause essen?  Ich bin nicht ohne Erziehungssünden, ich weiß das.

Wie sind eure Erfahrungen?

Schon mal youtube-Kinder in der Öffentlichkeit gesehen? Wie reagierte die Umwelt? Gab es *Guck-mal-die-assozialen-Eltern-da*-Blicke? Lieber Lego-sachen verschenken am Tisch? Unangenehme öffentliche Auftritte der Kinder einfach aushalten und bei einer bestimmten Grenze gehen? Ist das Erziehung, dass man immer erziehen muss? Kann es Pausen geben mit unpädagogischem Zeug? Fragen über Fragen, wie immer….

Bildquelle: pixabay

5 Kommentare

  1. Das ist wirklich vertrackt, und obwohl ich kinderlos bin habe ich keine vorgefertigte meinung…wenn ich meinen konsum als vorbild nehmen würde, wäre tatsählich youtube besser als wahlloses fernsehen. Aber wahlloses fernsehen machen ja glaube ich heutzutage auch keine eltern mehr. Ich hatte das mit dem abschalten einmal erlebt: als ich meine freundin besucht hatte, und wir abends essen waren und uns leider dort ne lebensmittelvergiftung zugezogen hatten – uns war so schlecht und dann noch ne quengelige dreijährige am nächsten tag – da zückte die mama das ipad und ruhe war – als ausnahme, weils ihr so schlecht ging und sie ihr kind nicht bespaßen konnte – also als geheimwaffe taugt es glaube ich echt gut :D lg

  2. Also, ich bin da von der altmodischen Fraktion. Keine elektronischen Medien bis zum Kindergarten, habe ich mir vorgenommen. Wir sind aber auch nicht so die Essengeher und ich komme nahezu nie in die Situation, ein Kind kurzfristig „stilllegen“ zu müssen. Hier gibt’s Babysitter Oma, die in solchen Momenten mal eben eine Runde Bollerwagen fährt oder ein tolles Buch dabei hat. Und wenn die nicht da ist, dann muss eben einer von uns ran. Pärchenzeit ist, wenn der Zwerg schläft oder nicht da ist.
    Und wenn ich die Zwillingsmama am Nebentisch gesehen hätte? Ich hätte gedacht: Ja, manchmal kann es echt nervig sein. Und besser IPad als anbrüllen oder fies werden. Ich würde mir auch denken, dass ich das gerne noch vermeiden will, weil es eben nicht mein Erziehungsstil ist. Und dass ich sie nicht beneide um den Ärger beim nächsten Mal.
    Ich würde meinen, wenn es allen gut geht, wenn niemand dauernd stillgelegt wird, wenn gesprochen, gelacht und gekuschelt wird, wenn es zum Erziehungsstil passt: Ran ans IPad.

  3. Oho, eine schwere Frage. Ich kann keine verbindlichen Aussagen treffen, weil ich noch keine Kinder habe, aber es ist doch so: die Kinder müssen halt ab und an ruhig gestellt werden – nur haben Eltern unterschiedliche Methoden. Die einen zücken Lego, die anderen ein Malbuch, die dritten ein Tablet/Smartphone. Was nun besser ist? Ich denke, es kommt auf den Inhalt an! Beim Lego spielen oder malen machen die Kinder ja aktiv etwas. Es gibt aber auch Mal-Apps für Tablets. Warum soll das schlechter sein? Oder kindgerechte Lern-Apps! Nur weil wir früher nicht mit 3 Jahren mit Smartphones gespielt haben, ist das ja nicht gleich was schlechtes.
    Wenn meine Kollegin mal später am Nachmittag noch was im Büro zu tun hat, dann sitzt ihr kleiner Sohn mit dem iPad in unserem Besprechungsraum und spielt Angry Birds. Ist jetzt nicht gerade ein pädagogisch wertvolles Spiel, aber er muss dabei nachdenken und strategisch planen. Wie bei Lego (oder so ähnlich…)
    Einen Vorteil hat das Ganze noch: die Kids kommen sehr früh in Kontakt zu Medien, was (und jetzt bin ich maximal pseudo-psychologisch und spekulativ) evtl. dazu führen könnte, dass sie später natürlicher und bewusster damit umgehen lernen. Also ganz vielleicht…
    Es generell auszuschließen und Eltern belächeln, die das so machen ist echt unmodern (und kommt von Leuten, die auch sagen „ich brauch keine sozialen Medien“ oder „Blog – was?“).

  4. Noch eine kinderlose Meinung *steinwerf*:
    Ich mag es nicht. Bei den 2.-Grad-NichtenNeffen des Liebsten ist es auch so: Smartphone in die Hand, Kind ist ruhig. Schon vorm Kindergartenalter … die beiden haben auch einen eigenen mobilen Kinderfernseher, mit 1 und 5.
    Ich habe mir fest vorgenommen, dass meine hypothetischen zukünftigen Kinder vor der Grundschule kein Smartphone verwenden sollen. Ich fahre regelmäßig lange Zugstrecken und immer wieder sind da die Mütter, die drum kämpfen, ihr Smartphone mal wieder dem Kind zu entreißen. Weil das das coolste Spielzeug ist …

    Ich fürchte, wenn man einmal damit anfängt, das Kind so ruhigzustellen, kommt man (zumindest die meisten) nicht mehr davon los. Meine Eltern waren Malbuch-Mitschlepper … ich möchte das gern erben und ebenfalls ein Malbuch-Mitschlepper werden. Hoffentlich klappts!

  5. Ich finde ja, dass sich unsere Gesellschaft generell zu oft stummschaltet. Wenn man Freundinnen in einem Café sieht, die lieber an ihren Handys rumtippen anstatt sich zu unterhalten, dann finde ich das auch schon bedenklich. Und genauso sollten Kinder nicht per se stummgeschaltet werden. Auf der anderen Seite kommt es ja immer auf das Maß an. Kindern generell die Medien zu verbieten finde ich auch realitätsfern. Ich war als Kind auch ein Fernsehjunkie und hab’s überlebt. Also ich schätze, ich finde es nicht so tragisch, wenn die Kleinen auch mal YouTube gucken dürfen und die Eltern dafür ein paar Minuten Ruhe haben. Man sollte nur eben aufpassen, die Kinder nicht gleich von Anfang an auf Mediensucht zu erziehen. Oder die Gesellschaft zu sehr dran zu gewöhnen, dass Kinder auch ruhig sein können … indem man sie auf Stand-By setzt.

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