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Erzähl mir von…deinem ersten Job

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

In meinem Zeugnis zur 9.Klasse steht vermerkt, dass dies einem Hauptschulabschluss gleichkäme. Auch in meinem Zeugnis zur 10. Klasse steht so ein Äquivalent mit der Realschule. Ich war auf dem Gymnasium, aber mein Vater hat dafür gesorgt, dass dies reingeschrieben wird.

Ich habe nicht ganz verstanden, warum er das wollte. Ich glaube, um mir zu zeigen, dass ich es jetzt schon schulisch irgendwie geschafft hätte. Mit einem Realschulabschluss kriegt man einen Job. Man braucht das Abitur nicht. Ich habe dennoch Abitur gemacht. Klar, sie waren wirklich stolz. Ich habe ein teures Schmuckstück geschenkt bekommen, aber mir wurde früh vermittelt, dass man mit 16 Jahren eigentlich anfängt zu arbeiten.

Trotzdem habe ich lange gebraucht, bis ich mal einen Beruf erlernt habe. Studiert, an der Uni gearbeitet, dann noch mal eine Lehre.

Trotzdem habe ich mit 16 Jahren angefangen zu arbeiten.

Eine Freundin hat mich da reingebracht. Ich weiß noch, dass ich mich erst gar nicht getraut habe, anzurufen. Mein Vater hat schließlich bei meinem ersten Arbeitgeber angerufen. furchtbar peinlich. Ich habe ihn gebeten, weil ich mich nicht getraut habe. Aber Probleme mit dem Telefon – gut, da bin ich wohl nicht die einzige. Und letztendlich habe ich auch mal in einem Call Center gearbeitet, also alles gut geworden mit mir und dem Telefon.

Mein erster Arbeitgeber war die Agentur, die am Gasteig in München die Karten für den Konzertsaal abreißen läßt. Von einer Horde wie Stewardessen gekleideter Mädchen. Es war ein guter Job. Ich habe in Haidhausen gewohnt, konnte in ein paar Minuten zum Gasteig kommen, habe dort meine Karten abgerissen für zwei oder drei Abende in der Woche. Manchmal auch ein Programm verkauft. Bis zur Pause auf kleinen Klappstühlen drinnen dem Konzert zugehört. Danach mit der Kollegin gewechselt und draußen gesessen bis zum Ende. Gelesen und dafür bezahlt. Es war ein toller Job.

Manchmal hast du in der Agentur angerufen, um die Tage abzusprechen. Manche der Mädchen waren Philharmonie-Freaks. So Musikerinnen, die bei dem oder dem Konzert unbedingt dabei sein wollten, wenn der Held aus Japan mit seiner Millionen-Querflöte irgendein klassisches Stück geflötet hat. Da haben die mich dann mit großen Manga-Augen angeguckt und entsetzt gefragt, ob ich MeiJong DingDong jetzt wirklich nicht kennen würde. Ich habe eine lange Geschichte mit gebildeten Musikerfreundinnen. Meine erste Freundin aus Grundschultagen veröffentlicht inzwischen Arien auf youtube. Aber zurück zu meinem Job.

Jede Woche kam eine Postkarte mit den Terminen, zu denen du eingeteilt wurdest. Wie gesagt, ich habe da weniger Wert darauf gelegt, bei welchem Konzert ich arbeite.

Wir kamen alle in unseren Uniformen und versammelten uns vorher zur Ansprache von Herrn T. Der teilte uns auf die unterschiedlichen Blöcke ein, sagte irgendwas zu Besonderheiten, teilte uns mit, wann die Nachzügler denn in den Saal gelassen werden könnten. Die Uniform machte jedes Mädchen gleich. Die mit den Hennafarben in den Haaren, die mit den Dreadlocks, die mi den blonden Dünnen, alle. Alle sahen gleich aus. Es war echt der Wahnsinn.

Ich hatte diesen Job echt lange. Ich hatte dadurch auch eine Menge Geld. war ja noch zu D-Mark-Zeiten. Und man musste echt nichts machen. Einmal habe ich den Sommer/Winterzeitwechsel verpasst und kam eine Stunde zu spät. Als ich es gemerkt habe, schlich ich mich wieder raus und ging halt nicht zur Arbeit. Jeder wußte, dass sie auch immer mehr Mädchen eingeteilt haben als benötigt, weil es immer welche gab, die nicht auftauchten. So wie ich heute.

Zu meinem Abitur hab ich ein  oder zwei Monaten Pause gemacht und danach aufgehört. Irgendwann bin ich mal mit einer Freundin zu Tori Amos gegangen. Da waren wir im Gasteig und ich fragte das Mädchen in der Uniform, ob es immer noch die und die Agentur wäre, für die sie hier arbeitet. Sie bejaht und als ich fragte, ob man immer noch Postkarten bekäme. Da hat sie mich kurz irritiert angeguckt und gesagt, sie bekomme emails mit ihren Terminen. Darüber musste ich lange lange nachdenken. Und kam mir vintage vor.

Erzähl mir von….deinem ersten Konzert

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Mein erstes Konzert war ein Missverständnis und ist mir bis heute peinlich. Als Kind musste ich wohl zu David Hasselhoffs *I´ve been looking for freedom* getanzt haben – irgendwie waren meine Eltern der Meinung, ich wäre da ein Fan. Ohne jemals ein anderes Plakat als die Beatles in meinem Zimmer, trotzdem wurden mir mit 12 oder 13 Jahren CDs von David geschenkt. Klar, ich bin Generation Baywatch, aber ich hatte nie besonders viel übrig für diese Art von Musik.

Trotzdem habe ich mich gefreut. Man freut sich schließlich über Geschenke. Man bedankt sich, fällt demjenigen um den Hals. Der andere hat sich schließlich Gedanken gemacht.

Die vielen Missgriffe, die man macht. Vielleicht sollte man sein Herz im Gesicht tragen und seine Gefühle stets in Worte verpacken. Vielleicht sollte man nicht höflich sein, damit den Menschen um einem herum mitkriegen, wenn sie daneben liegen.

Vielleicht hätte ich die CD wieder zurückgeben sollen mit den Worten: *Du, ich finde das Lied zwar machmal ganz gut, aber der Typ ist nicht so meine Wellenlänge, sorry.*

Mache ich nicht. Ich bedanke mich und behalte Kram. Bis ich den Kram wegwerfe. Meinen Eltern gegenüber habe ich gelernt, die unnützen Dinge abzulehnen, aber in meinem jetzigen Leben sind andere Menschen, deren Kram ich sang- und klanglos behalte.

Zurück zu meinem Konzert.

Ich bin trotzdem mit meinem Vater bei David Hasselhoff in der Münchner Olympiahalle gewesen. Für mich ist das Thema Konzert seither total bizarr. Vielleicht hat mich dieses Erste auch sehr geprägt und ich habe mich einfach nicht mehr dafür interessiert. Ich gehe bis heute nicht gern auf Konzerte. ich mag die großen sowieso nicht und ich steh nicht besonders auf Selbstinszinierung. I´ve been looking for nothing, sozusagen.

Vielleicht spielt das Thema Musik doch eine zu geringe Rolle in meinem Leben.

Vielleicht liegt es auch an meinem Hören. Ich höre ständig zu. Mein Mann und ich sind deswegen im Radio-dauerclinch. ER will Radio hören, mich macht eine ständige Beschallung wahnsinnig.

Viellicht ist es das. Ich höre schon Musik. Mit Ohrstöpsel und alleine.

Zu ein paar Konzerten bin ich als Teenager aber gegangen, dennoch ich fand es immer anstrengend. Die Leute, mit denen du gehst, unterhalten sich. Der Musiker singt die ganze Zeit. Ich höre allen zu. Da muss die Musik schon ziemlich gut sein, dass ich das toll finde.

Zwischendurch war Britpop. Und, obwohl ich auch die großen Bands wie Oasis und Blur großartig fand – hatte eine Band *Olympiahallengröße* erreicht – no change.

Kein Wunder also, dass ich mich auch erinnern kann, alleine unterwegs gewesen zu sein. Fast jedes Jahr bin ich zu Noa gegangen. Da hörte ich gerne zu. Und musste auch niemanden sonst zuhören.

Seltsam finde ich das heute. Wenn ich das so lese, so wird mir klar, dass ich (wie alle anderen wohl auch) gerne anders gewesen wäre. Ich wäre gerne Teil einer Clique gewesen. Ich hätte gerne für die richtigen Jungs und die richtige Musik geschwärmt. Ich wäre gerne schlank und belesen gewesen. Statt dessen kann ich mich kaum konzentrieren, wenn mehr als 4 Leute gleichzeitig sprechen. Und wenn dann jemand auch noch singt – Gute Nacht. Manchmal passiert mir das heute noch. Wenn ich in einer Runde sitze und mehrere Gespräche laufen – dann sagt mir mein Gegenüber was und ich merke, dass ich nicht mehr richtig zuhöre. Weil ich zu vielen zuhöre. Dann konzentriere ich mich ganz stark auf mein Gegenüber oder rede selber. Oder so. Mein Mann sagt manchmal, ich könne abschalten. Ich kann mich so fokussieren, dass ich tatsächlich Dinge nicht mehr höre. Ich höre dann nicht, wenn mir jemand was erzählt. Dass heißt, hören muss man ja immer, aber ich verarbeite das Gehörte nicht mehr. Ich bin dann weg. Letztendlich bin ich eben ein Mensch der Stille. Kein Wunder, dass ich jetzt auf einem Feld hock. Und kein Wunder, dass ich nie auf einem Festival war.

Erzähl mir von…deinen Träumen als Teenager

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Diesmal hat Roxana nach unseren Träumen gefragt. Was wünschten wir uns, als wir noch halbe Kinder waren. Welcher Traum ging in Erfüllung, welcher zerplatzte?

Ich war als Teenager immer *Alles oder Nichts*, wobei *Alles* mit so einem absurden Perfektionismus gleichgesetzt wurde, dass es meistens das *Nichts* war. Ich wollte einen Menschen immer mit Haut und Haar, ich verstand Freundschaften nicht, die sich nur aus Teilen zusammensetzte, ich konnte nicht glauben, dass irgendjemand seinen Mund zu einem Thema aufmachte, der nicht jedes Wort darüber gelesen und gehört hatte. Ich war deswegen aber nicht leise, sondern eher laut. Suchte verzweifelt nach Gleichgesinnten, verliebte mich und verließ auch wieder. Ich war rastlos und planlos. Und einen großen Traum, den hatte ich nicht. Eine Freundin hatte sich für eine Ausbildung bei der Stadt verpflichtet. Damit hatte sie auch einen Vertrag, der sie bis zu ihrem 28. Lebensjahr an diesen Arbeitsplatz band. Eine Horrorvorstellung. 28! Einen Plan bis 28! Schlimm so was. Ich wollte nie sagen müssen, was ich nächstes Jahr den vor hatte.

Dabei kann ich mich an einem Sonnentag im Hinterhof meiner damals besten Freundin entsinnen. Jene, die sich für diese Ausbildung bei der Stadt entschied. Wir waren 17 oder 18 Jahre alt. Es war eigentlich der Hinterhof ihrer Oma. Manchmal aßen wir bei ihr und streichelten die Katzen. Wie dem auch sei, wir beide saßen da an diesem provisorischem Giesinger Spielplatz herum und sonnten uns. Da war es das erste Mal, dass wir uns über Kinder unterhielten. Unsere Kinder. Manche Mädchen wissen ja schon die Namen ihrer Kinder, bevor sie den Vater kennen lernen. Ich wußte solche Dinge nicht. Ein abstraktes Thema unter Jungfrauen, würde ich sagen. Aber ich wußte etwas anderes. Ich kann mich erinnern, dass ich damals so etwas sagte wie: Ich könnte mir vorstellen, jetzt ein Kind zu haben. Sie sprang auf, sagte etwas über Karriere und Studium. Nannte mich altmodisch und naiv. Ich habe aber da gar nicht darüber gestritten. Ich nickte bloß und sah in die Sonne. Ich hatte so ein komisches Ziehen in meinem Herzen und wußte, dass ich etwas über mich herausgefunden hatte, was wirklich tatsächlich war. Etwas, dass bleibt. Und ich hatte es laut ausgesprochen. Ich wünschte mir Kinder.

Es sind Jahre vergangen dazwischen. Partyjahre, Lehrjahre, Studiumsjahre, Arbeitsjahre. Ich bin keine Teenager-Mutter geworden. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist so wie es ist.

Heute muss ich darüber nachdenken, welcher Traum denn zerplatz ist. Wobei die meisten meiner Träume eher Seifenblasen waren. Tagträume. Keine Pläne.

Als Teenager hielt ich mich immer für bisschen dumm. Nein, nicht dumm. Eher ungebildet. Ich habe sehr viel Zeit in meine Bildung investiert. Bücher gelesen, studiert. Ich war immer ein bisschen neidisch auf meine Freundinnen, die aus Lehrerhaushalten kamen oder auch Professorentöchter waren. Das hat mich fasziniert. Wenn jemand über Literatur sprach und Allgemeinplätze zitieren konnte. Ich wollte immer dort hin kommen, wo die Menschen gebildet und klug sind. Ich habe diese begriffe gleichgesetzt. Das ist der zerplatzte Teenagertraum.

Als ich in meinem Hauptfach mein Studium mit 1,0 beendete und mein Professor mich bat, eine Zeit lang für ihn zu arbeiten, da dachte ich, ich hätte es endlich geschafft. Ich wäre im Reich der Vorträgehalter und der Weinliebhaber.

Doch die Universität ist ein schrecklicher Ort. Arschkriecherei und weltfremde Freaks, schlecht bezahlte Jobs und endlose Diskussion über nix. Ich saß in einem kleinem Eckzimmer und habe meinen Nerd-Kollegen dabei beobachtet, wie er regelmäßig meine Kaffeemilch klaute ohne mich morgens zu begrüßen. Da wurde mir klar, dass ich auf dem falschen Weg bin. Ich treffe unter den Hypergebildeten keine klugen Leute. Vielleicht ein Mal, aber Bildung heißt nicht, dass jemand klug ist. Also, meine Definition von Klugheit.

Heute schaue ich auf andere Sachen. Welche Ausbildung jemand hat, interessiert mich dabei wenig. Letztens hat die afghanische Mutter es nicht mitbekommen, dass die Kinder um 8.15 mit dem Bus zum Marionettentheater gefahren werden. Sie kam mit ihrem Kind zu spät. Sie hat kein Auto und stand bisschen begossen vor der Kindergartentür. Die anderen Mütter unterhielten sich noch kurz draußen und beobachteten, ob sie ihr Kind denn in der Krippe abgeben kann, aber sie kam mit ihm wieder raus und zuckte mit den Schultern. Meine Freundin hat sie angesprochen und sie kurzerhand in ihr Auto gepackt und das Kind und sie zum Theater gefahren. Das fasziniert mich. Die Nicht-Gaffer. Die, die handeln. Zugegeben, ich bin nicht auf die Idee gekommen, ihr Problem zu meinem Problem zu machen. Ich stand daneben. Wenn man das so erzählt, scheint es ganz einfach, aber in dem Moment zu schalten und die Möglichkeiten zu sehen, dass ist die Klugheit, die ich heute meine.

 

Bildnachweis: Foto aus dem Garten der Geburtsklinik meiner Kinder,

Clown von pixabay.de

Erzähl mir von… dem letzten Urlaub als Kind

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom  No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Im August werden in den meisten Familien die Reisetaschen gepackt und da sind sie auch: die digitalen Berichte über Kinderplanschbecken, die Fotos auf Facebook vom Nachwuchs am Strand, die 10 Tipps zum Reisen mit Kindern auf bloglovin. Doch wie war das eigentlich zuvor? Vor den eigenen Kindern, den eigenen Plänen, den eigenen Recherchen im Netz? Wie war es, als man ein Kind war und in den Urlaub fuhr? Wann hörte es auf, dass man ein Kind war?

Mein letzter Urlaub als Kind führte mich nach Italien. In ein Ferienhaus am Strand. Natürlich weiß ich nicht mehr, wo genau das war, obwohl ich bereits über 18 Jahre alt gewesen sein muss. Ich weiß es nicht, weil ich nichts plante. Ich setzte mich auf den Rücksitz eines Autos und hatte einen aufgeladenen CD-Diskman auf dem Schoß und wurde irgendwo hin gefahren. That´s it. Essen, Sonnencreme und Schlafplatz – das war nicht mein Problem. Ich war das Kind. Ich hatte mir eine extra Haarkur gekauft. Das weiß ich noch. Ich hatte lange gerade lange Haare und Sorge, dass mir die Sonne und das Salzwasser die herrliche Struktur ruinierte und sehr stolz darauf, eine Wochenpackung mit kleinen Proben für jeden Tag besorgt zu haben. Das und die Bücherauswahl aus Bibliothek und Buchladen war meine persönliche Vorbereitung und die kam mir schon stressig damals vor. Ihr seht, ich war das Kind.

Ich war aber nicht das einzige Kind. Ich habe einen kleinen Bruder. Ich glaube nicht, dass wir uns besonders registriert haben damals. Eine vierköpfige Familie in Italien. So könnte es gewesen sein. Aber bei einem typischen Familienurlaub waren wir mehr. Mein Onkel und meine Tante fuhren meistens auch mit uns zusammen weg. Nicht immer, nicht jedes Mal, aber doch sind in meiner Erinnerung die beiden mit ihren Kindern auch immer dabei gewesen.

Das ist vor allem und am wichtigsten meine Cousine. Die kleine Schwester, die ich nicht hatte, hatte ich in unseren Urlauben. Wir haben uns stets ein Zimmer geteilt und es fühlte sich an wie bei Hanni und Nanni. Für mich war es ein großer Spaß. Sie ist jünger als ich, stiller und schlanker – heute denke ich, dass sie eine ganz andere Geschichte erzählen würde über uns. Ich war laut, hatte immer die Idee, immer den Ton. Auch in Italien. Erst habe ich Geschichten geschrieben, in Italien habe ich die Schwarz-weiß-Fotographie entdeckt. Natürlich waren wir am Strand und haben mit einer kleinen Kamera Fotos geschossen. Vom Meer, von den Wellen und von uns selbst. Gegenseitig. Vielleicht hätte ich ihr sagen sollen, wie eifersüchtig ich auf ihre kleine zierliche Gestalt war. Ich kam mir vor wie das Walross neben ihr.

Etwas war aber in diesem Urlaub anders. Uns allen war klar, dass es unser letzter in dieser Konstellation sein würde. Das kümmerte mich nicht. Ich war voller gelangweilter Pubertät, hatte meinen ersten Freund und konnte es wie jeder Teenager nicht glauben, dass sich in diesem ewig scheinenden Leben je irgendwas ändern würde. Die Naivität der Jugend.

Meine Cousine hatte seit ein oder zwei Jahren eine kleine Schwester. Sie stolperte uns am Strand hinterher. Wollte mit den großen Mädchen mitmachen. Ich fand das lästig. Meine Cousine nicht. Sie verstand ihre Schwester. Das Nesthäkchen, der Nachzügler der Familie. Ich rollte mit den Augen und wollte ein Foto machen, auf dem ich mich nicht wie das Walross fühlte. Und das bekam ich auch. Mit dem Kleinkind auf dem Arm lächle ich schließlich in die Kamera. Das Foto ist gestellt. Ich habe mich nicht besonders um das Baby gekümmert, doch ich sehe aus wie eine blutjunge Mutter im Sonnenlicht.

All die Urlaube führten uns als Kinder immer ins Abenteuer. Unsere Ferien waren nie langweilig.Wir waren immer wo anders. Wir saßen zusammen krank in einem Haus an der Nordsee, tranken Tee und spielten Rommee. Wir fuhren mit einem Wohnmobil durch Amerika und konnten es nicht glauben, dass es Schinken mit Honig gab. Wir liefen durch San Francisco oder fuhren in der Kolonne Ski in den Alpen. Wir waren immer 4 Kinder. Doch ich war bereits am Abflug, machte eigene Pläne, wollte eigene Geschichten. Der letzte Urlaub war ein Zerrbild. Das älteste Kind rief ihren Freund an, das jüngste hatte eine Schnullerkette. Es war klar, dass es aufhörte.

Das kleine Mädchen vom Strand in Italien hat inzwischen Abitur gemacht und hat eigene Erinnerungen an abenteuerliche Familienurlaube. Irgendwann wurde klar, dass sie die Familiengeschichten vor ihrer Geburt ziemlich unfair fand. Der große Amerikaurlaub als das krasse Ereignis in der Chronik wurde nicht mehr in allen Facetten breitgetreten. Sie hatte keine Chance, dabei gewesen zu sein. Niemand wollte sie mit der Wiederholung der Geschichten darüber noch weiter verletzen. Ihre Familie hat neue Urlaube gemacht. Neue Erinnerungen mit ihr, die sie wohl zusammen erzählen.

Es gibt in unserer Kindheit nur eine Überschneidung. Und das ist mein letzter Urlaub als Kind. In Italien mit meiner Tante und meinem Onkel zusammen mit meiner Familie. In einem Haus am Strand. Wo die Erwachsenen Wein getrunken haben und die Köchin meiner großen Cousine einen Schweinekopf zeigte, wo wir uns zum letzten Mal ein Zimmer teilen und ich sie mit den großen Erfolge dieser Haarkur belehrte. Meine zweite Cousine wuchs ohne mich auf. Sie war klein und kam hinzu, ich war bereits halb erwachsen und wo anders. Mein letzter Urlaub als Kind ist einer ihrer ersten. So ist das in Familien. Es passiert alles in Wellen. Heute würde ich sagen: Wie beruhigend. Wie beruhigend schön.

Erzähl mir von … deiner ersten Party

Starnberger SeeAlle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben. 

Meine erste Party. Wann war meine erste Party? In meinem Kopf haben wir uns irgendwann zwischen Partykellern, Kinderzimmern und Schrebergartenhütten hin und herbewegt. Mit Apfelschnaps, Flaschenbier und Zigaretten. Vielleicht auch nur mit Apfelschnaps. Vielleicht saßen wir auch am Ufer der Isar. Blass, grau und frei. Ich kann gar nicht genau sagen, wann wer damit angefangen hat. Meistens ging es um einen Jungen.

Ich kann auch gar nicht sagen, wer es denn genau war. Wie die Leute hießen damals,mein ich oder wie ich wen durch wen kennen gelernt habe. Manchmal habe ich noch im Laufe der Party ihre Namen wieder vergessen. Mal war es jemand aus der Schule, dessen Sommersprossen und vorlaute Art mir gefiel. Ich glaube nicht, dass ich oft auf Parties eingeladen war. Ich gehörte keiner festen Gruppe an, hatte keine Clique. Ich war die, die kam und wieder ging.

Ich kann mich aber deutlich an eine Party am Starnberger See erinnern. Wir saßen auf den Stegen und tranken irgendwas. Es liefen Beatles-Lieder. Die Luft war ganz sommerlich heiß noch vom Tag. An unserer Seeseite gibt es drei Segelclubs. Noch heute. Der bayerische Yachtclub mit seiner Prominenz, der Münchner Yachtclub mit seinem Bürgertum und der Segelclub Wörmsee mit dem Rest der Bevölkerung. Alle drei Vereine schickten jeden Sommer ihre Kinder zu einer Art Ferienlager. Segelschein machen. Mit Frühsport, um den reichen Anwaltstöchtern ihre Zicken auszutreiben. Und Unterricht und Segeln und Outdoorschampoo und Mückenstichen. Wir hatten auch einmal irgendeinen Spross aus dem bayerischen Königshaus unter uns. Dem haben alle ein Weißbier ausgeben wollen. Der hat bisschen grenzdebil gelächelt und brav angestoßen. Einmal hat er mir zugeflüstert, dass das ganz furchtbar für ihn sei, denn er möge überhaupt kein Bier. Dann sag das doch und lass es ein, hat da mein 15jähriges Ich pragmatisch vorgeschlagen. Da hat er wieder dieses Lächeln aufgesetzt. Das ginge nicht. Die Menschen freuen sich so. Da hab ich was Wesentliches begriffen in meinem Leben: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auch wenn es nicht gleich offensichtlich ist. Der Bayerische Adelssohn muss halt Weißbier trinken, auch wenn er es ned mag. Einfach, weil er den Leuten die Erinnerung nicht kaputt machen wollt. Soll´n sie doch zu Hause die Anekdote erzählen dürfen. Über den König, mit dem sie ein Bier getrunken haben.

Auf jenem Steg an unserem letzten Sommerabend ging es aber gar nicht um ihn. Ich weiß gar nicht mehr, ob er dabei war oder nicht. Es ging um den blondgelockten, dürren Jungen, dessen Namen ich bis heute nicht vergessen hab. Er ist Schreiner geworden. Heute kann ich den Namen googeln. Damals war es vorbei nach dieser Nacht. Vielleicht eine Festnetznummer. Man konnte nie sicher sein, ob man die Leute nicht wieder aus den Augen verliert. Eigentlich ist zwischen ihm und mir auch gar nichts passiert. Er hat mir nur gezeigt, was Apfelschnaps ist und laut gelacht über die Geschichten um uns herum. Irgendwann habe ich meinen Kopf auf seinen Oberschenkel gelegt und so getan, als ob ich schlafen würde. Wir waren Sommercamp-Kumpels und hingen die 10 Tage viel miteinander ab. Doch auf dieser Party lag ich mit meinem Kopf auf seinem Oberschenkel und habe zugehört, wie er Michelle, my belle gesungen hat und mit meinen Haaren zwirbelte. Ich kann mich so intensiv an seinen Geruch erinnern. Eine Mischung aus Sommer und Seewasser. Er roch herrlich. Irgendwann hat er sich weiter unterhalten mit den anderen, aber nicht aufgehört, seine Hand in meinen Haaren zu lassen und ich hatte einen Ahnung von dem, was es für mich hieß, einen Freund zu haben. So musste es sich anfühlen, dacht ich mir. So sollte es sein.

Jetzt würde ich gerne erzählen, dass wir danach fest zusammen waren und er meine erste große Liebe wurde, aber dem war nicht so. Ich weiß gar nicht wieso, aber wir haben uns aus den Augen verloren nach dieser Nacht. Ein paar Monate später bin ich zu seinem Haus gefahren, denn ich kannte die Adresse. Es hat in Strömen geregnet und es hätte sehr romantisch sein können, aber er war nicht da. Sein Vater hat aufgemacht und war völlig überfordert mit mir. Ihm tat es leid, das konnte ich sehen. Er verliebte sich bisschen in das Mädchen, dass im Regen bei seinem Sohn zu Hause aufgetaucht war, ich war wie die Zeitenwende, die vor ihm stand. Ab heute war er alt und hat geseufzt, als ich ihn fragte – mit klatschnassen Haaren und klatschnassen Sachen, ob sein Sohn zu Hause wär. Nein, hat er gesagt, und dann noch etwas, aber ich hab mich schnell wieder umgedreht und bin weggerannt. Ob er irgendwas ausrichten solle. Er richte auf jeden Fall etwas aus. Ich weiß noch, dass wir telefoniert haben müssen. Vor diesem Regentag oder danach. Stundenlang. Wir saßen zusammen vor MTV und haben nur ab und zu ein Musikvideo kommentiert. Das war alles sehr still damals. Ich wünschte machmal, ich wäre lauter gewesen. Danach brach der Kontakt ab, aber ich habe Jahre später – vielleicht vier, vielleicht fünf – mal bei ihm angerufen. Inzwischen hatte ich einen Freund und ein Studium und war überhaupt ganz anders als noch mit 14 oder 15. Er war auf dem Sprung und eigentlich sehr nett. Doch er log nicht. Ich hörte die Unsicherheit in seiner Stimme und wußte, dass er sich bemühte, sich an mich zu erinnern. Er konnte sich aber nicht an mich erinnern. Wir waren zusammen beim Segellager? Klar doch, ja, Mann, das war eine verrückte Zeit. Ich merkte es sofort. Zwischen zwei Joints hatte ich mich in Rauch aufgelöst. Eigentlich hätte ich traurig sein müssen, aber ich war es irgendwie nicht. Jetzt gehörte der Moment an jenem Steg mit einer fremden vorsichtigen Hand in meinen Haaren mir ganz alleine. Neben Apfelschnaps, die unendliche Leichtigkeit von geflüsterten Beatles-song und Marihuana hatte er mir nämlich noch etwas beigebracht: Die Erinnerungen verschwinden nicht, auch wenn sich niemand mehr erinnert.

Das war meine erste Party – eine Gruppe Halbstarker auf einem Steg. Am Ende eines Sommers. Vor den Partykellern und den Schrebergärten. Ein lautes Gespräch, Beatles-Lieder und Sterne. Und ich, die auf einem Oberschenkel lag und so getan hat, als ob sie schlafen würde.

Nach dieser Sommerparty habe ich ihn nie mehr gesehen.

 

 

 

Bildquelle: pixabay

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