Erzähl mir von … deiner ersten Party

Starnberger SeeAlle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben. 

Meine erste Party. Wann war meine erste Party? In meinem Kopf haben wir uns irgendwann zwischen Partykellern, Kinderzimmern und Schrebergartenhütten hin und herbewegt. Mit Apfelschnaps, Flaschenbier und Zigaretten. Vielleicht auch nur mit Apfelschnaps. Vielleicht saßen wir auch am Ufer der Isar. Blass, grau und frei. Ich kann gar nicht genau sagen, wann wer damit angefangen hat. Meistens ging es um einen Jungen.

Ich kann auch gar nicht sagen, wer es denn genau war. Wie die Leute hießen damals,mein ich oder wie ich wen durch wen kennen gelernt habe. Manchmal habe ich noch im Laufe der Party ihre Namen wieder vergessen. Mal war es jemand aus der Schule, dessen Sommersprossen und vorlaute Art mir gefiel. Ich glaube nicht, dass ich oft auf Parties eingeladen war. Ich gehörte keiner festen Gruppe an, hatte keine Clique. Ich war die, die kam und wieder ging.

Ich kann mich aber deutlich an eine Party am Starnberger See erinnern. Wir saßen auf den Stegen und tranken irgendwas. Es liefen Beatles-Lieder. Die Luft war ganz sommerlich heiß noch vom Tag. An unserer Seeseite gibt es drei Segelclubs. Noch heute. Der bayerische Yachtclub mit seiner Prominenz, der Münchner Yachtclub mit seinem Bürgertum und der Segelclub Wörmsee mit dem Rest der Bevölkerung. Alle drei Vereine schickten jeden Sommer ihre Kinder zu einer Art Ferienlager. Segelschein machen. Mit Frühsport, um den reichen Anwaltstöchtern ihre Zicken auszutreiben. Und Unterricht und Segeln und Outdoorschampoo und Mückenstichen. Wir hatten auch einmal irgendeinen Spross aus dem bayerischen Königshaus unter uns. Dem haben alle ein Weißbier ausgeben wollen. Der hat bisschen grenzdebil gelächelt und brav angestoßen. Einmal hat er mir zugeflüstert, dass das ganz furchtbar für ihn sei, denn er möge überhaupt kein Bier. Dann sag das doch und lass es ein, hat da mein 15jähriges Ich pragmatisch vorgeschlagen. Da hat er wieder dieses Lächeln aufgesetzt. Das ginge nicht. Die Menschen freuen sich so. Da hab ich was Wesentliches begriffen in meinem Leben: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auch wenn es nicht gleich offensichtlich ist. Der Bayerische Adelssohn muss halt Weißbier trinken, auch wenn er es ned mag. Einfach, weil er den Leuten die Erinnerung nicht kaputt machen wollt. Soll´n sie doch zu Hause die Anekdote erzählen dürfen. Über den König, mit dem sie ein Bier getrunken haben.

Auf jenem Steg an unserem letzten Sommerabend ging es aber gar nicht um ihn. Ich weiß gar nicht mehr, ob er dabei war oder nicht. Es ging um den blondgelockten, dürren Jungen, dessen Namen ich bis heute nicht vergessen hab. Er ist Schreiner geworden. Heute kann ich den Namen googeln. Damals war es vorbei nach dieser Nacht. Vielleicht eine Festnetznummer. Man konnte nie sicher sein, ob man die Leute nicht wieder aus den Augen verliert. Eigentlich ist zwischen ihm und mir auch gar nichts passiert. Er hat mir nur gezeigt, was Apfelschnaps ist und laut gelacht über die Geschichten um uns herum. Irgendwann habe ich meinen Kopf auf seinen Oberschenkel gelegt und so getan, als ob ich schlafen würde. Wir waren Sommercamp-Kumpels und hingen die 10 Tage viel miteinander ab. Doch auf dieser Party lag ich mit meinem Kopf auf seinem Oberschenkel und habe zugehört, wie er Michelle, my belle gesungen hat und mit meinen Haaren zwirbelte. Ich kann mich so intensiv an seinen Geruch erinnern. Eine Mischung aus Sommer und Seewasser. Er roch herrlich. Irgendwann hat er sich weiter unterhalten mit den anderen, aber nicht aufgehört, seine Hand in meinen Haaren zu lassen und ich hatte einen Ahnung von dem, was es für mich hieß, einen Freund zu haben. So musste es sich anfühlen, dacht ich mir. So sollte es sein.

Jetzt würde ich gerne erzählen, dass wir danach fest zusammen waren und er meine erste große Liebe wurde, aber dem war nicht so. Ich weiß gar nicht wieso, aber wir haben uns aus den Augen verloren nach dieser Nacht. Ein paar Monate später bin ich zu seinem Haus gefahren, denn ich kannte die Adresse. Es hat in Strömen geregnet und es hätte sehr romantisch sein können, aber er war nicht da. Sein Vater hat aufgemacht und war völlig überfordert mit mir. Ihm tat es leid, das konnte ich sehen. Er verliebte sich bisschen in das Mädchen, dass im Regen bei seinem Sohn zu Hause aufgetaucht war, ich war wie die Zeitenwende, die vor ihm stand. Ab heute war er alt und hat geseufzt, als ich ihn fragte – mit klatschnassen Haaren und klatschnassen Sachen, ob sein Sohn zu Hause wär. Nein, hat er gesagt, und dann noch etwas, aber ich hab mich schnell wieder umgedreht und bin weggerannt. Ob er irgendwas ausrichten solle. Er richte auf jeden Fall etwas aus. Ich weiß noch, dass wir telefoniert haben müssen. Vor diesem Regentag oder danach. Stundenlang. Wir saßen zusammen vor MTV und haben nur ab und zu ein Musikvideo kommentiert. Das war alles sehr still damals. Ich wünschte machmal, ich wäre lauter gewesen. Danach brach der Kontakt ab, aber ich habe Jahre später – vielleicht vier, vielleicht fünf – mal bei ihm angerufen. Inzwischen hatte ich einen Freund und ein Studium und war überhaupt ganz anders als noch mit 14 oder 15. Er war auf dem Sprung und eigentlich sehr nett. Doch er log nicht. Ich hörte die Unsicherheit in seiner Stimme und wußte, dass er sich bemühte, sich an mich zu erinnern. Er konnte sich aber nicht an mich erinnern. Wir waren zusammen beim Segellager? Klar doch, ja, Mann, das war eine verrückte Zeit. Ich merkte es sofort. Zwischen zwei Joints hatte ich mich in Rauch aufgelöst. Eigentlich hätte ich traurig sein müssen, aber ich war es irgendwie nicht. Jetzt gehörte der Moment an jenem Steg mit einer fremden vorsichtigen Hand in meinen Haaren mir ganz alleine. Neben Apfelschnaps, die unendliche Leichtigkeit von geflüsterten Beatles-song und Marihuana hatte er mir nämlich noch etwas beigebracht: Die Erinnerungen verschwinden nicht, auch wenn sich niemand mehr erinnert.

Das war meine erste Party – eine Gruppe Halbstarker auf einem Steg. Am Ende eines Sommers. Vor den Partykellern und den Schrebergärten. Ein lautes Gespräch, Beatles-Lieder und Sterne. Und ich, die auf einem Oberschenkel lag und so getan hat, als ob sie schlafen würde.

Nach dieser Sommerparty habe ich ihn nie mehr gesehen.

 

 

 

Bildquelle: pixabay

5 Kommentare

  1. Ganz toll erzählt. Danke.

  2. Ganz toll geschrieben und jetzt muss ich fast heulen.

    • fadenvogel

      5. Juli 2016 at 11:19

      Vielen Dank. (Ich kann kein Herz formen mit dieser Tastatur, aber stell dir einfach vor, jetzt würde ein herz folgen) *Herz*

  3. Richtig schön geschrieben. Und ich musste tatsächlich eine kleine Träne verdrücken. Eine wunderschöne Erinnerung. <3

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah

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