Ein Kind des Westens über die Deutsche Einheit

Ein kind des Westens über den Tag der Deutschen Einheit
Ich bin ein Kind des Westens. Aufgewachsen weit weg von Mauern, Revolutionen und der Freien Deutschen Jugend. Ich bin getauft und nicht gejugendweiht. Eigentlich habe ich nicht viel zu tun mit den heutigem Tag. 25 Jahre und ein paar mehr ist der Hauptteil meines Lebens. Ich war ein Kind damals.

Auch die ARD beschäftigt sich heute nur im Vorabendprogramm mit der jüngsten Geschichte, zur Primetime dürfen Rentner Millionen gewinnen und über das Glück nachdenken.

Trotzdem kommen mir die Tränen, wenn ich Bilder des Mauerfalls sehe. Vielleicht bin ich ein Opfer der medialen Emotionalisierung und reagiere, wie Medienwissenschaftler es in ihren Essays einst im Meetings voraussagten.

Trotzdem, ich denke mir immer, dass Kind in den Pastellfarben der 80er Jahren könnte auch ich sein auf dem Bild in der Prager Botschaft. Ich könnte auch auf der anderen Seite des Zaunes sein. Ich hatte diese Pastelltöne schließlich auch an und meine Mutter hatte auch diese Föhnfrisuren. Alles ist ähnlich, aber doch grundsätzlich so verschieden. Niemand, den ich kenne, stand vor Jahrzehnten im Matsch von Prag. Alles Helden, denke ich heute. Alles Helden.

Normalerweise gehen Revolutionen in diesem Land nämlich blutig aus. Die Revolution von 1848 war ein Jahr später schon vorbei und endete in der Zeit, die wir liebevoll Biedermeier nennen. Das hätte denen auch passieren können. Ein DDR-Biedermeier. In München erinnert manche Statue noch an die Sendlinger Mordweihnacht. Ein Aufstand um politische Ereignisse, die zu unserer Zeit längst vergessen worden sind. Blutig niedergeschlagen, bis heute erzählen Denkmäler und Theaterstücke Geschichten von toten Helden.(ähhh, Schmied von Kochel?)  Erfundenen Helden zwar, aber auf jeden Fall toten Helden. Auch das hätte ihnen passieren können. In Prag. Das es nicht passiert ist, wussten sie nicht. Was aus der wunderbaren Idee von Weimar geworden ist, bauche ich nicht zu erwähnen. Nur: Normalerweise gehen Revolutionen in diesem Land eben blutig aus.

Das es mit dieser Revolution anders war, konnte also keiner ahnen. Die Friedliche Revolution wird sie genannt. Nicht nur ich bin wohl darüber erstaunt. Ganz gegen die deutsche Revolutionstheorie konnte das Kind in den Pastellfarben mit der Föhnfrisur-Mutter ausreisen und löste damit mit den Fall der Mauer aus. Alles Helden.

4 Kommentare

  1. Eine historische Besonderheit – die Wiedervereinigung. Spannend, friedlich und einmalig. Die vielen Helden haben es möglich gemacht…
    Lieben Gruß Iris

  2. Ich bin auch ein Kind des Westens, beim Mauerfall war ich etwa 6 Jahre alt. Erst viel später habe ich mitbekommen, was dort passiert ist – als Geschichte, nicht als aktuelles Ereignis. Ein geteiltes Deutschland habe ich nicht bewusst miterlebt.

    Aber – die Geschichte, wie die Wiedervereinigung zustande gekommen ist, ist doch ein kleines Wunder. Man kann nur staunen, was da aus einem Zufall Großartiges passiert ist! Ich bin froh über meine Freunde aus dem Osten, glücklich, dass wir in den Nachrichten nichts mehr über bei Fluchtversuchen an der Mauer Erschossene hören müssen … und freue mich für alle Familien, die nicht mehr getrennt sind, für alle West-Ost-Paare, die sich finden durften.

  3. Ein schöner Text, der das Besondere dieser Zeit hervorhebt. Gerade in der heutigen Zeit sollte man sich mal wieder bewusst machen, dass es auch friedliche Wege gibt um ein Land zu verändern. liebe grüße

  4. ja, das alles sind helden. ich bin 89 geboren, in der nähe von leipzig.
    und ich bin so dankbar für die freiheit, die wir erleben dürfen.
    und auch weiterhin sollten alle bürger dafür kämpfen, dass es z.b. keine ossi-wessi-sprüche mehr gibt, dass mehr verständnis füreinander existiert, dass wir friedlich und freundlich aufeinander zugehen. ich habe es auch schon anders erlebt.

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