Schlagwort: Geschichte

Bavarian Beats Festival mit Karin Rabhansl, Mathias Kellner und Dreiviertelblut

Bavarian Beats festival 2016Musik macht das Hirn frei. Einmal durchpusten. Brauch ich. Wisst ihr eh. Gestern war in Tölz der Auftakt zum Bavaria Beats Festival. Ausverkauftes Kurhaus. Der Veranstalter schien selber überrascht. Das Kurviertel is jetzt ned bekannt für sein wildes Nachtleben. Da geht man eher zum sterben hin. Bis auf des Kurhaus. Da gibts dann Ü-30-Parties oder Osterrock. Oder Hochzeiten. Hochzeiten gibts ja auch. Daweil is es ein echt schönes Haus. Alt, großer Parkettsaal mit Kronleuchter, Bar in einer Mischung aus Kolonialstil und 20er Jahre-Chic.

Gestern also ein Festival. Heißt ja, dass es eine mehrtägige Veranstaltung ist, bei der mehrere Musikgruppen vorgestellt werden. Freitag waren drei verschiedene Musiker/Bands dabei. Eigentlich lohnt es sich, für jeden selber einen eigenen Artikel zu schreiben.

Karin Rabhansl

Eine junge Frau betritt die Bühne. Sie hat a bisserl ausgewaschene schwarze Jeans und a schwarzes Shirt an. Und bunte Ringelkniestrümpfe. Die Socken sind wie eine Fußnote an eine vergessene Kindheitswelt aus Pipi Langstrumpf und die Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Die Liedermacherin ist eine Wucht. Basti und ich sehen uns verwundert an. Warum kenn ma die noch ned? Egal, jetzt schon. Sie versprüht Fröhlichkeit, die nicht aufgesetzt wirkt, kann aber auch traurige Töne anschlagen. Karin Rabhansl hat so eine Fußmaschine dabei, mit der sie ab hoc was aufnehmen und in Schleifen legen kann. Als Jugendliche hab ich mal Blixa Bargeld damit ein ganzes Sonnensystem kreieren sehen. Karin Rabhansl kreiert damit Mundart-Pop oder ein Dorf aus Tönen. Ihre Geschichten drehen sich um Musiker, die einen Besuch im Arbeitsamt hinter sich zu bringen haben oder von den Männern, die am Bierzeltrand a Madl mit den besten Sprüchen der Welt versuchen zum heimgehen zu bewegen. Sie singt von ihrer verstorbenen Großtante und man hat mit jedem Lied des Gefühl, man würd direkt von ihrem Leben hören. Da sie selbst ihr neues Album *Anna* als persönlicher Gemischtwarenladen beschreibt, wird hier in kürze eh eine komplette Auseinandersetzung mit ihren Liedern folgen. Denn es gibt selten Töne, die mir die Tränen in die Augen treiben und andere, mit denen ich weniger zu tun hab. Nichtsdestotrotz, Geschichten aus erster Hand. Heiter, ernst und ehrlich.

Mathias Kellner

Ein Mann wie ein Berg betritt die Bühne. Der kann des. Des sieht man sofort. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Mathias Kellner aus *in der Nähe von* Straubing schrammt auf der Gitarr und hat eine Stimme, die unter die Haut geht. Tief und laut, leise und mit Herz. Seine Lieder sind mit Geschichten umrahmt. Wir hören unheimlich gern zu. Wir lachen und erinnern uns an vergessene Sachen aus unserm eigenen Leben. Mathias Kellner ist ein Musiker, den man live sehen sollte. Wörter und Töne, Geschichten und Lieder fließen ineinander über, verstärken sich, machen Bilder im Kopf. Er erzählt von den Jungs aus seiner Schulzeit, vom Wochenende-Leben zwischen den Dörfern, vom ersten Auto mit den zugegebenen Hygieneproblemen des Beifahrerfußraumes, vom ersten Schmusen und sorglosen Zeiten, von Liedern auf Kassette, Aufnahmen aus dem Radio, Alkopopsdesastern und Diskobussen. Es ist ein Folk aus den Dörfern, der den Kursaal ausfüllt. Ohne Glamour und Möchtegern, ohne Hipster und BWL. Der Saal liebt ihn dafür. Sei des, was du bist. Bodenständig, vertraut, ohne Heimatdümpelei, ohne das ganze bayerische Bierzeltgsüfferl. Unter uns, ich finde ja das touristische Schön-Wetterbayern zu kotzen. Genauso wie das kleinkarierte Wirtshaus-Bayern mit ihrem Mia san mia, schleich di. Mathias Kellner ist von beiden Extremen sehr weit weg. Er beweist, dass die Liedermacher aus Bayern ihr Leben in der Heimat besingen können ohne dabei in Klischees zu verfallen und trotzdem Erinnerungen haben, die viele teilen.

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Gepostet von Mathias Kellner am Freitag, 22. Januar 2016

Dreiviertelblut

Ok, dann also *the band* zu deutsch *DIE Band* zum Schluss des Festivals. Ich will ja jetzt nicht behaupten, dass ich ursprünglich wegen denen überhaupt erst da bin. Eine Schande, wenn man bedenkt, wie gut es mir bis hierhin so gefallen hat. Dreiviertelblut sind vor allem Gerd Baumann und Sebastian Horn. Baumann kennt man als Filmmusiker (ok, wer hat wer früher stirbt ist länger tot bitte NICHT als Soundtrack zu Hause?) und Sebastian Horn ist der Typ von den Bananafishbones. Wenn man hier irgendwo im Oberland/München/Bayern aufgewachsen ist, hat man die mal live gesehen. Damals, als noch 16jährige sowas wie The cure gehört haben und das noch Chartmusik war und keine Klassiker. Also, jetzt Dreiviertelblut.  Der Strom der folklorefreien Töne geht weiter. Ein Fest. Klare politische Statements wie das Lied zu den Kriegsangekommenen der letzten Zeit mit Mia san ned nur miaOder die in Töne geformte braune Vergangenheit des bayerischen Oberlandes wie Heiglkopf. Des is a Name von nem Berg hier und dazu singen sie im Refrain folgenden Text: Der Heilkopf einst Hitlerberg der steht im schönen Isartal und die Geschichte die I Eich jetzt gleich verzähl handelt von großem Mut und tiefen Fall. Ja, und die Geschichten erzählen sie dann. Großartig. Ich muss jetzt wohl nicht mehr erklären, dass der Abend keine Heimatdummprahlerei in blauweißen Trachtenjankern darstellen will. Kann man ja noch mal unterstreichen. Die Musik ist so fröhlich wie Klezmer, so freakig wie Funk, so leise wie eine alte Ballade. Man kann nur hoffen, dass nach dem Album *Lieder vom Unterholz* bald das zweite Album rauskommt. Das erste Album kann man nämlich rauf und runter hören. Da ist das über das große Wir.Konzert am Königsplatz (des war des mit dem Grönemayer, kam auch in den Nachrichten, gab es ein BenefizKonzert für die freiwilligen Helfer, als da so viele Menschen angekommen sind bei uns, erinnert sich wer?) im letzten Herbst Mia san ned nur mia nicht dabei, aber des macht dem ganzen keinen Abbruch. Wird ja noch ein Album geben, sagen die Herren. Hier nochmal der Auftritt, der die Band über Nacht bekannt gemacht hat. Der Mann mit der Gitarre, der in dem Video immer angezoomt wird, ist der derzeitige Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter. (nur als Erklärung, falls sich jemand fragt, warum) Aber, lasst euch nicht täuschen. Dreiviertelblut ist keine Eintagsfliege. Das ist keine hochgespülte bayerische Trendmusik. dahinter kommt noch ein ganzes Land aus Musik. Habe mich gestern selbst überzeugt.

Ein Abend als Fest also, die Pause mit Musik. Heute Abend geht es im Kurhaus weiter. Kurzentschlossene unter euch? Der Veranstalter hat gestern schon gezeigt, dass er gute Musiker zambringt. Ich kann heute leider nicht dabei sein. Mein Herz weint bisserl deswegen.

Happy birthday, Toast Hawaii

ToastLetztens habe ich einen Artikel über den Toast Hawaii in der Zeitung gelesen. Der hat nämlich dieses Jahr Geburtstag. 60 Jahre ist er alt.

Allgemein wird die Erfindung des Toast Hawaii einen längst in Vergessenheit geratenen Fernsehkoch der 50er Jahre zugeschrieben. Einem gewissen Clemens Wilmenrod. Einem Fernsehkoch! Wohl der erste überhaupt. Einer, der eigentlich gar kein Koch war, sondern Schauspieler. Hier habe ich euch ein Video über seine Erfindung der gefüllten Erdbeeren verlinkt. Besonders dramatisch sein Aufruf gegen Ende, man möge jetzt anrufen, sollten Zuschauer schon jemals mit Mandel gefüllte Erdbeeren gekostet haben! Er ramme sich augenblicklich jenes Küchenmesser in die Brust!

Aber selbst Wikipedia räumt ein, dass es dahinter wohl eine kulinarische Kriminalgeschichte steckt: Das Rezept über den Ananas-Toast scheint geklaut worden zu sein – vom Wilmenrods Konkurrenten Hans Karl Adam.

Ich lese um den Toast Hawaii ein bisschen herum, entdecke ein interessantes Buch über Rezepte und ihre Geschichten. Aus diesem Buch scheinen sich alle Zeitungsartikel zu speisen.

Kochshows sind aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Stunde um Stunde wird im TV gekocht – Ost gegen West, Promi gegen Sternekoch, Lokal gegen Lokal. Aber noch niemand scheint Kulturgeschichte geschrieben zu haben wie jener kleine Toast. Und ich stelle ihn mir vor, den Moment, als 1955 Herr Wilmenrod die Cocktailkirsche vor laufender Kamera auf seinen Toast Hawaii gelegt hat – mit wohl ähnlicher Dramatik wie bei den gefüllten Erdbeeren. Und zu Hause vor dem Fernseher so ein Ruck durch dieses Land gegangen ist, dass heut wirklich jeder mit diesem Gericht eine Kindheitserinnerung zu verbinden scheint. Großmütter – damals noch Mütter mit kleinen Kindern – diesen Fernsehabend als eine gute Idee empfanden und die Dosenananas öffneten – und damit Generationen prägten.

Mich auch. Ich sehe meine Oma, wie sie uns Toast Hawaii macht. Als Kinder, wenn wir bei ihr waren und sie auf uns aufgepasst hat. Und ich so viel davon gegessen habe, dass mir schlecht wurde. Sonst haben wir Ananas für kein Gericht verwendet. Ananas wurde nur auf Toast gelegt.

Der Artikel zum Geburtstag hat mich so überrascht, dass ich ihm hier auf dem Blog ein wenig Raum geben wollte – und dem Toast Hawaii. Denn der Gedanke, dass es sich hierbei um ein Gericht handelt, dass nicht regional geprägt ist wie viele deutsche Gerichte, hat mich schon beschäftigt. Und auch, dass er bei vielen Menschen tatsächlich Gefühle auslöst, denn die meisten verbinden damit doch ihre Kindheit.

Ist das bei euch auch so? Ist der Toast Hawaii tatsächlich ein kulturgeschichtlicher Höhepunkt? Ein Massenphänomen? Eine Erinnerung?

Bildquelle: Pixabay

Ein Kind des Westens über die Deutsche Einheit

Ein kind des Westens über den Tag der Deutschen Einheit
Ich bin ein Kind des Westens. Aufgewachsen weit weg von Mauern, Revolutionen und der Freien Deutschen Jugend. Ich bin getauft und nicht gejugendweiht. Eigentlich habe ich nicht viel zu tun mit den heutigem Tag. 25 Jahre und ein paar mehr ist der Hauptteil meines Lebens. Ich war ein Kind damals.

Auch die ARD beschäftigt sich heute nur im Vorabendprogramm mit der jüngsten Geschichte, zur Primetime dürfen Rentner Millionen gewinnen und über das Glück nachdenken.

Trotzdem kommen mir die Tränen, wenn ich Bilder des Mauerfalls sehe. Vielleicht bin ich ein Opfer der medialen Emotionalisierung und reagiere, wie Medienwissenschaftler es in ihren Essays einst im Meetings voraussagten.

Trotzdem, ich denke mir immer, dass Kind in den Pastellfarben der 80er Jahren könnte auch ich sein auf dem Bild in der Prager Botschaft. Ich könnte auch auf der anderen Seite des Zaunes sein. Ich hatte diese Pastelltöne schließlich auch an und meine Mutter hatte auch diese Föhnfrisuren. Alles ist ähnlich, aber doch grundsätzlich so verschieden. Niemand, den ich kenne, stand vor Jahrzehnten im Matsch von Prag. Alles Helden, denke ich heute. Alles Helden.

Normalerweise gehen Revolutionen in diesem Land nämlich blutig aus. Die Revolution von 1848 war ein Jahr später schon vorbei und endete in der Zeit, die wir liebevoll Biedermeier nennen. Das hätte denen auch passieren können. Ein DDR-Biedermeier. In München erinnert manche Statue noch an die Sendlinger Mordweihnacht. Ein Aufstand um politische Ereignisse, die zu unserer Zeit längst vergessen worden sind. Blutig niedergeschlagen, bis heute erzählen Denkmäler und Theaterstücke Geschichten von toten Helden.(ähhh, Schmied von Kochel?)  Erfundenen Helden zwar, aber auf jeden Fall toten Helden. Auch das hätte ihnen passieren können. In Prag. Das es nicht passiert ist, wussten sie nicht. Was aus der wunderbaren Idee von Weimar geworden ist, bauche ich nicht zu erwähnen. Nur: Normalerweise gehen Revolutionen in diesem Land eben blutig aus.

Das es mit dieser Revolution anders war, konnte also keiner ahnen. Die Friedliche Revolution wird sie genannt. Nicht nur ich bin wohl darüber erstaunt. Ganz gegen die deutsche Revolutionstheorie konnte das Kind in den Pastellfarben mit der Föhnfrisur-Mutter ausreisen und löste damit mit den Fall der Mauer aus. Alles Helden.

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