Die Glücklichen von Kristine Bilkau

die GlücklichenDas Ende der Behaglichkeit.…titelt die Zeit zu diesem Debütromen … er legt die Risse einer jungen Generation frei, die an der modernen Arbeitswelt scheitert.

Ich finde im Netz einiges zu diesem 2015 erschienenen scheinbar brandaktuellem Stück urbanem Lebensentwurf, dem ohne Geld die Puste ausgeht.

Ungewöhnlich lange habe ich für diesen Roman gebraucht. Bin immer wieder hängengeblieben an der Schwermut. Zuerst dachte ich, ich kenne diese Leute nicht. Dann ist mir aufgefallen, dass ich sie doch kenne. Schließlich musste ich mich fragen, ob ich einer von ihnen bin, von den Glücklichen. Den Urbanen. Denen mit dem schönen Schein.

Im Großen und Ganzen beschäftigt sich dieser Roman nur mit den zwei Menschen – der Cellistin und dem Redakteur. Drum herum gibt es kaum Kontakte. Seltsam, denn gerade mit Kleinkind wird ein Viertel schnell zum Dorf – man schafft es ja kaum über die Grenzen hinaus – und darin gibt es eine Menge Menschen – Mütter, Postboten, Nachbarn, Kassierer, Kellner. Alle diese verwobenen Kontakte finden in diesem Buch nicht statt. Isabella und Georg bleiben einsam mit ihrer Bio-Marmelade und dem Brot aus der Manufaktur zurück.

Doch die Arbeitslosigkeit macht sich zwischen den beiden breit und während sie den Kopf in den Sand steckt und die drohende Rechnerei ignoriert, versucht er, pragmatisch an die Sache heranzugehen. Ein Zitat aus dem Buch:

„Übrigens, die billige Marmelade, die du neuerdings kauft, besteht zu achtzig Prozent aus Zucker.“
Er lehnt sich zurück, die Hände gleiten vom Lenkrad, der Motor läuft.
„Wir können uns die Marmelade sogar sparen und Matti den Zucker einfach direkt aufs Brot schütten. Was meinst du? Das wäre noch billiger.“

Nein, ich mochte die beiden nicht. Ich mochte ihre Haltung nicht. Ich mochte nicht, dass sie sich keinen Moment überlegt haben, ob sie nicht doch einen anderen Job machen. Ich mochte nicht, dass ihre Antwort zueinander nur vorwurfsvolles Schweigen ist. Und die Option, aus dem teuren Viertel der Stadt aufs Land zu ziehen, wurde von Bildern begleitet, die mir eher das Gefühl gaben, sie planen mit dem Auszug ihren Selbstmord.

Dabei wirken die beiden unmodern auf mich. Er ist Redakteur – bei der Zeitung hat er sein Praktikum gemacht und war dann 20 Jahre dabei. Moderne Arbeitswelt? Schien mir eher wie eine Karriere aus der guten alten Zeit. Aus meinem Umfeld habe ich kaum Journalisten getroffen, die sich nicht mit Zeitverträgen und der Selbstständigkeit über Wasser gehalten haben.

Die Cellistin ohne die große Karriere – wo ist der Unterricht? Musiker ohne ihren Background an zahlenden Schülern habe ich auch noch nicht gesehen. Sie sitzt stumm in ihrem Zimmer und hört Jacqueline du Pré (what a Klischee), kauft sich teuere Kleidung und presst ihre Lippen zu einem dünnen Strich.

Wer soll das sein? Ist das tatsächlich die intellektuelle Quintessenz meiner Generation? Treffe ich Isabella auf dem Spielplatz meines Viertels? Kenne ich sie?

Ich glaube, ich kenne sie. Teile davon. Aber als Ganzes zusammengesetzt wirkt sie auf mich wie eine Erfindung. Der ganze Roman wirkt auf mich wie eine Erfindung. Das Kind immer zwischen den beiden wie die Werbephotographie auf Windelkartons. Ein Porzellanjunge. Seitenlang wird er nicht beachtet. Sie räumt eine Wohnung auf und zwischen ihren Füßen blubbert das Kind? Im Ernst? Ein paar Mal nach seitenlanger Inneneinsicht über intellektuell verstörte Lebensgedanken habe ich mich immer gefragt: Wo ist das Kind? Ach ja, in der Kita. Wo sind die Gespräche mit den Erziehern? Wo sind die Fragen, was es schon kann? Wo ist die Kinderkrankheiten? Wo sind die Nächte?

Ein poetisches Dasein, dass die beiden pflegen. Ein schweigsames. Das Paar lebt ohne innere Wurzeln und klammert sich an verschwommene Familienbilder, die sie selbst kaum aus ihrer eigenen Vergangenheit kennen. Dabei entwirft die Autorin schöne melodische Bilder, die sich gut lesen lassen, aber die für mich zu flirrend und zu tief sind, um wirklich eine Realität abzubilden.

Bildquelle: pixabay

1 Kommentar

  1. Oh, da war aber jemand total unzufrieden mit dem Roman und hat kein gutes Haar daran gelassen.

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