Schlagwort: Frauen

München ist ein Dorf

Stellt euch vor, ihr seid ein Stadtmensch. Vielleicht müsste ihr euch das auch gar nicht vorstellen. Aber ich versuche mal, präziser zu sein: Stellt euch vor, in eurer Stadt gibt es ein Viertel,in dem ihr echt lange gelebt habt. Als Student irgendwann hingezogen, verliebt, verlobt, zusammengezogen, Kinder. Das erste Jahr mit Baby. Und dann stellt ihr fest, dass ihr noch an keinem Ort zuvor so lange gelebt habt wie dort. In jenem Viertel.

Mir geht es so. Ich habe die größte Zeit meines bisherigen Lebens im Münchner Westend verbracht.

Dann bin ich verschwunden. Aufs Land verzogen.

Nach genau einem Jahr bin ich zum Sommerfest-Picknick unserer ehemaligen Krippe wieder dahin zurück gekommen. Ich war neugierig, wie die Kinder auf ihre alte Heimat reagieren. Ob ihnen bestimmte Menschen, Kinder und Plätze noch was sagen.

Schließlich war unser Leben doch anders hier als auf dem Land. Wir sind die meiste Zeit mit dem Fahrrad herumgefahren und nicht mit dem Auto. Wir hatten unsere Crew am Spielplatz getroffen und haben erst gegen 4 Uhr nachmittag überlegt, was wir denn zum Abendessen machen. Dann sind wir noch schnell zum Türken was einkaufen gegangen. Oder zum Griechen. Oder zum Edeka. Oder zum Aldi.

Mein erster Weg führte mich zur San Francisco coffee company. Die Jungs wollten Babycappuccino – ok, sie erinnern sich doch. Bisschen nostalgisch war ich da. Habe ich mich dort oft mit meiner Freundin getroffen. Die ist inzwischen auch weg.

München is a Dorf Kaffeelove

Und während wir da so draußen sitzen und ich irritiert bin, dass alles noch so aussieht, wie es mal war, treffe ich die erste Bekannte. Eine Frau, deren Namen ich nicht mehr weiß, aber die ich immer exakt an dieser Stelle traf. Sie wohnt ein Haus weiter und die Schneise hin mit dem San Francisco an der Ecke ist ihr Weg. Ich kreuze also nach einem Jahr wieder ihren Weg. Wir unterhalten uns kurz. Wie immer. Sie sagt, dass die anderen Zwillinge vom Viertel sich nachher im Biergarten treffen. Ich verspreche, vorbeizuschauen.

Ich weiß nicht, ob ich das so richtig wiedergebe, aber unser letztes Gespräch verlief ähnlich. Sie lehnte auf ihrem Fahrrad, ihre Kinder waren um sie herum und die Sonne schien. Alle unsere Gespräche verliefen so. Die Menschen gehen weiter ihren Weg. Ob du nun da bist oder nicht. Wären wir wieder hergezogen, dann hätte sich diese Bekanntschaft wieder nahtlos eingefügt. So, als ob wir nicht weg gewesen wären. So muss es sich anfühlen, in sein Dorf zurückzukehren. Alles auf Anfang. Alles wie immer.

Wir gehen weiter auf unseren alten Wegen. Manchmal hat sich ein Laden verändert, ist plötzlich aufgeploppt und wirkt für mich irgendwie unwirklich. Es gibt jetzt einen veganen Supermarkt mit Superfood und eine Salatbar-kette. Früher war an der Stelle ein Jogging-Laden. Man geht halt mit dem Trend. Das ist München.

Mein Sohn legt sich plötzlich auf den Boden. Er will nicht weiter. Ich verspreche ihm den Kuchen, den ich gemacht habe. Er mag nicht zum Picknick. Er mag nicht, dass er nicht weiß, was passiert und wen er trifft. Verdammtes Landei. Ich zweifle an der Idee und schupse ihn mit Worten liebevoll weiter. Für das letzte Stück brauchen wir eine gefühlte Ewigkeit, aber schließlich sitzen sie auf einer Decke am Rand der Feier und mampfen Kuchen. Unser Kuchen lockt die anderen Kinder an und es dauert nicht lange, da ist er mit der Situation doch einverstanden und verschwindet auf dem nahegelegenen Spielplatz.

Es ist so unglaublich voll hier. Ich bin unsicher, wie stark ich auf meine Kinder achten soll. ich habe vergessen, was so der Rahmen der Freiheit ist. Ich mein, der ganze verdammte Park ist voller Leuten. Waren hier immer so viele Leute? Habe ich meine Kinder hier früher so unbekümmert zwischen den ganzen Menschen herumlaufen lassen oder hab ich die dabei beobachtet? Ich weiß es nicht mehr.

Die Begrüßung mit den anderen Eltern verläuft herzlich. Die meisten Väter sitzen im Anzug oder schon im Freizeitdress auch mit auf den Decken rum. Ja, da ist normal hier. Moderne Elternschaft und so. Working parents, Kinderkrippe. Wo ich jetzt herkomme, taucht die Mehrzahl der Frauen alleine mit ihren Kindern auf. So wie ich heut. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, meinen Mann zu überreden mitzufahren. Wie schnell man sich an Geschlechterrollen gewöhnt. Man macht immer das, was die Mehrheit macht. Picknick am frühen Freitag Nachmittag? Frauensache. Die letzen Jahre waren wir hier zu zweit. Ich habe mich schneller ans Land angepasst, als ich dachte.

Eine Mutter bemerkt trocken, dass ich ganz schön bayerisch reden würd. Ich muss fast lachen. Dass muss ich meinen Landfrauen erzählen. Die kippen mir glatt vom Stuhl. Grad ich. Ich rede ein gepflegtes Münchner Hochdeutsch. Die müssten hier mal hören, wie es klingt, wenn man wirklich Dialekt spricht. Da ist das hier nicht mehr München, sondern Minga und kein Mensch würd glauben, dass man sich hier wie am Dorf vorkommen könnt.

Ich bemerke, dass es wenig zu essen gibt. Aprikosen, Reiswaffeln, jemand hat Pizza besorgt. Auch das ist normal hier. Meine Landfrauen haben mich stadttechnisch völlig ruiniert. Die würden einen Haufen Essen zu einem Picknick anschleppen – glaub ich zumindest. Ich habe auch Kuchen gemacht und habe belegte Brote dabei. Massenweise. Letztes Jahr ist mir das auch noch nicht passiert.

Die Details, die anders sind, sind nicht die Details, die ich so damals im Blick hatte. Die Leute verändern sich nirgends. Vielleicht sind neue Gesichter dazugekommen, aber wie man sich so verhält, was man so macht. Da gibt es überall Rhythmen, aus denen nicht ausgebrochen wird. Klar, die meisten Frauen arbeiten. Man tauscht sich schnell über Berufe und Perspektiven aus. Meine Landfrauen arbeiten auch, aber darüber wird nicht so viel gesprochen. Wer nicht arbeitet, der arbeitet auch nicht weniger. Der hat dann halt Hühner oder so. Die Männer sind auch hier selbstständig oder auch nicht. Aber der Beruf Schreiner kommt nicht vor. Die arbeiten hier in verenglischten Berufsbezeichnungen und sitzen im Büro. Aber tauchen zu großer Zahl an einem Freitag nachmittag beim Picknick auf.

Jetzt heulen meine Kinder fast, weil wir gehen. Sie wollen ihre alte Erzieherin am liebsten mitnehmen. Ich verspreche den Spielplatz am Biergarten. Das stimmt sie zumindest friedlich.

Es wuselt am Biergarten und doch finde ich meine Zwillingseltern wieder. Ein Dorf. Dieses Viertel ist ein Dorf und die Leute verlassen die Dorfgrenze nicht. Aus der Masse an Aktivitäten und Plänen, die eine ganze Stadt bietet, wählt man halt doch nur das, was im Viertel passiert. Da passiert ja auch genug. Keiner würde groß mit einem Auto rumfahren. Und fährt man mal mit der U-Bahn bis zum Marienplatz, dann sagen die hier: Wir sind in die Stadt gefahren und das ist als Ausflug zu werten. Der Radius auf dem Land ist viel weiter als in der Stadt. Da fährt man zu dem nächsten Dorf zwengs am Judounterricht und zum nächsten für die Milch. Das fällt einem erst auf, wenn man weg ist. Die Entfernungen schrumpfen. Meine Freundin hat mal gesagt, der Weg von der Stadt zum Land ist viel weiter als umgekehrt. Da hatte sie recht. Es ist kein großes Ding, mal ne Stunde wo hinzufahren, aber ich bin nie freiwillig weit aus dem Viertel rausgefahren, als ich noch hier lebte. Obwohl es kleiner war, war es groß genug.

Mein Sohn fällt von der Wippe und heult, es ist Zeit zu gehen. Die sind jetzt müde. Komisch, dass ich die Zeit überhaupt nicht im Blick hab. Ich muss doch noch weiter fahren und nicht bis um die Ecke. Ich bin deswegen aber überhaupt nicht nervös. Dann fahr ich halt noch.

Ich muss das Abschlusseis noch einlösen. Die Schlange ist mir zu lang am Biergarten und ich will zum Edeka. (Allein bei dem Gedanken, dass mir irgendwo zu viel los sein könnte, da muss ich schon innerlich grinsen)

Als wir den Biergarten verlassen, sagt eine Frau grad zu ihrer Tochter, sie solle zum X gehen. Mein Sohn horcht auf und sagt, er sei X. Sie lächelt und meint, dass ihr Sohn auch so heiße und sie den Bruder des Mädchens meinte. Mein Sohn sagt, sein Bruder heiße Y. Da bleibt die Frau stehen und lächelt diesmal mich an. Ihr Sohn heiße XY. Da grinse ich auch. Wir erinnern uns beide an ein lustige Gespräch vor Jahren vor dem Italiener im Viertel. Da haben wir nämlich festgestellt, dass sie ihren Sohn XY genannt hat und ich meine Zwillinge X und Y. Und wir fanden es total witzig. Ein bisschen ist sie irritiert, mich zu treffen und dann geht sie wieder weiter.

Westend München

Beim Edeka, den ich echt in und auswendig kenne, fröstelt es mich dann doch. Wenn was total gleich aussieht. Und ich den Impuls unterdrücken muss, hier noch schnell was einzukaufen. Die Zeit schien eingefroren. Irgendwie bin ich auch stolz, dass ich so verwurzelt war. Dass ich ein Dorf hatte, in dem ich viele zu kennen schien. Es ist erst ein Jahr vergangen. Vergehen 10 Jahre, lehnt die Frau vielleicht nicht mehr an der einen Stelle an ihrem Fahrrad oder versammeln sich die üblichen Verdächtigen um den Spielplatz am Biergarten.

München ist nur die Imitation eines Dorfes. Für eine gewisse Zeit fühlt es sich wohl ähnlich an, aber die Besetzung wechselt schon schneller. Die meisten, denen ich begegnet bin, sind hier nicht geboren worden und aufgewachsen. Wir kennen uns nicht aus Schulzeiten und es tauchen bei jedem Lebensabschnitt nicht immer wieder die gleichen 5 Hanseln auf. Aber ist man in einem bestimmtem Lebensabschnitt, dann kommt man auch nicht voran ohne einen Ratsch an der Ecke. Ich habe ein paar Leute zu uns eingeladen. Vielleicht verlassen sie für uns doch mal das Viertel. Für einen Kaffee am Land.

 

Weibamarkt in Bad Feilnbach

Weibamarkt 2016 3Szene am Frühstückstisch. Heute morgen.

Einer meiner Söhne fragt, was das für ein Markt sei, wo wir heute hinfahren.

Vater: Hmmm, so was wie ein Bauernmarkt, glaub ich. 

Sohn: Oh, gibts da Hühner?

Vater (lacht): Ich glaube, es gibt viele Hühner da. 

Diese Wochenende findet der 26. Weibamarkt in Bad Feilnbach statt. Ein Geheimtipp unter den Landfrauen, der sich allerdings schon ziemlich herumgesprochen hat – ein gut besuchtes Stückchen Klangschalenromantik. Alles findet um einen Gasthof herum statt und ein Marktständchen steht neben dem anderen. Auch im Gasthof haben sich Aussteller eingefunden. Jedes Eckchen wird für die schönen Dinge benutzt. Der Markt rund um die *Kraft der Weiblichkeit* findet zweimal im Jahr statt.

Weibamarkt 2016 2

Die örtliche Gemeinde hat des auch schon spitz gekriegt und versucht, mit einer Menge *Halteverbots-Schilder zu Marktöffnungszeiten* auf den totalen Ansturm der Landfrauen, Kräuterhexen und Gartenverziererinnen zu reagieren. Zu der Zeit stehen wohl hier mehr Autos herum als Bad Feilnbach Einwohner hat, aber mei: in der Ruhe liegt ja die göttliche Kraft.

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Insgesamt ist der Markt aber einen Besuch wert. Die Pavillons in weiß werden mit allerlei Klimbim, Seifen, Schmuck und Handwerklichem ausgefüllt. Liebevoll, das muss man schon sagen. Eine Freude war es mir, meine Naturkosmetik zu finden, die da auch einen Stand hatte. Und mein spezielles Blüten-Make up hatte sie auch dabei.  Gott sei Dank, ich krieg das immer nur bei der großartigsten Kosmetikerin in Bad Tölz, die ich mir aber nur 1-2 Mal im Jahr gönne. Aber die beiden kennen sich natürlich – war ja klar. Mein Mann und die Kinder rollten schon die Augen, als wir nochmal meinen Hautton bestimmt haben.

Viele Dinge gucke ich mir aber auch nur an und denke dann: Stimmt, einen Schal aus Merinowolle wolltest du dir auch jetzt dann mal nähen. Eine Tasche zur Tracht muss auch mal sein. Und so ein Tischläufer – wir arbeiten daran. Selbermacher haben es auf solchen Märkten schwer, denn mir kommt es akut gar nicht in den Sinn, etwas Handgemachtes von einer anderen Frau abzukaufen, was ich selbst auf meiner internen Liste stehen habe. Völlig egal, ob ich dies dann auch wirklich machen werd. Letztendlich werde ich damit das ein oder andere nie besitzen und ich sehe mich schon bei der nächsten Trachtereigetrage wieder meine normale Handtasche benutzen. Schicksal.

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Mein Mann hat sich als erstes was gekauft. Einen Flaschenöffner mit nem Geweih dran. Da stand ich dann da und hab mit den Augen gerollt. Toll, jetzt sind wir auf nem Werbemarkt und er kauft ein. Sein Resümee war trotzdem verhalten: *Wär vielleicht eher was für dich, wenn du mit deinen Freundinnen hier her fährst?* Der Weibamarkt hat aber sehr wohl männliche Besucher – vielleicht 3 oder 4 Stück. Nein, im Ernst, ich sehe lauter Gruppen von lachenden Frauen sich durch die Marktgässchen schieben.

Viel Spaß macht es dann aber auch, die Toilette zu suchen, die sich im Gastraum befindet. Vor allem, mit einem Kleinkind, das einem verhalten ins Ohr flüstert, es müsse jetzt Stinker machen. Großartig. Lange Schlange, ich hasse diesen Toilettensexismus eh und habe lauthals am Ende der Wartenden angekündigt, dass wir jetzt halt einfach gegen die Wand pinseln würn. Klar, da muss jede Frau dringend – ein kameradschaftliches Vorwinken geht da nicht. Ich bin also kurzerhand in die Männertoilette. Da besteht zwar immer die Gefahr, dass man gleich Pissoire sieht, in Benutzung sozusagen, aber ich hab ja irgendwie einen Mann dabei. Wenn auch noch in klein. Die Männer reagieren gelassen und ich nehme mir jetzt öfter vor, Toiletten zu entgenderisieren. Vor allem mit Kleinkind an der Hand.

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Mein Garten hat jetzt ein Windrad mehr, ich eine lange Liste von Nähsachen und meine Kosmetika, die Jungs gedrechselte Kreisel aus Holz und einen Würfel, der mit Magnet an der Kühlschranktür pappt. Und mein Mann endlich einen Flaschenöffner und einen Schlüsselanhänger. Insgesamt hat sich der Markt als Ausflugsziel so oder so gelohnt und er geht auch noch bis morgen, Sonntag 24.April und ja, es gibt auch Kaffee und Kuchen.

Nächstes Halbjahr fahr ich aber mit meinen Weibern da hin. Wer kommt mit?

Vom Aushalten der Welt

Wörter zu PflastersteinenIn diesen Tagen mag ich schon gar nichts mehr ins Internet schreiben. Zwischen Banalitäten werden Steine geworfen. Jeder hat plötzlich Meinungen. Jeder ist plötzlich politisch. Schlagwörter werden zu Schlagstöcken.

In Gesellschaften geht es oft nicht um Sicherheit, Wohlstand oder Zukunftschancen. Es geht meistens nur um das Gefühl, dass man sicher ist. Oder reich oder eine Zukunft hat. Zustände lassen sich halt nun mal nur in Abgrenzung zu anderen Zuständen definieren.  Wenn es das grundsätzliche Gefühl für Sicherheit, Wohlstand und Zukunft nicht mehr gibt, so ist die Lage gefährlich. Unabhängig davon, ob dieser Zustand der Realität entspricht oder nicht. Gefühle sind nun mal diffus.

Und dazu gibt es natürlich jede Menge Meinungen, Wörter und Statusmeldungen.

Ein Graus.

Von manchen Menschen hätte ich lieber nicht gelesen, welche Meinung sie zu was haben. Und die Meinungen werden immer einfacher. Man muss sich schon Gruppen anschließen. Wenn du zu einem der zahlreichen Themen jenes denkst, gehörst du automatisch zu der und der Obergruppe. Oder: Wenn du sexualisierte Gewalt an Frauen ablehnst, dann kannste ja jetzt wohl nicht mehr mit einem Schild mit *Refugees welcome* rumrennen. Von Bahnhof zu Bahnhof, sozusagen. Ein bahnhofsübergreifendes Problem.

So einfach is des.

Ich wehre mich.

Gegen Stereotype, Meinungsgewalten und die politisch Unpolitischen.

Muss man denn heute zu allem eine Meinung haben? Reicht es nicht mehr aus, einfach Katzenbilder zu teilen? Was ist das Gegenteil von Gutmensch? Ein Schlechtmensch? Kann man sich jetzt nicht mehr aktiv an der Integration von Flüchtlingen beteiligen und es gleichzeitig total scheiße finden, wenn Männer ungefragt ihre Finger in die Möse von Frauen stecken? Warum scheint diese Gleichzeitigkeit nicht mehr zu funktionieren?

Diese Sätze liegen jetzt schon länger hier herum. Auf einem Blog ist man ja irgendwie öffentlich. Ich kann einfach nicht so im neuen Jahr zur persönlichen Tagesordnung mit Sticken, Nähen, Kochen und sonstigen Firlefanz übergehen ohne einmal kurz zu sagen, dass ich die Instrumentalisierung und Stereotypisierung von Menschen zum Kotzen finde.

Ich wehre mich auch gegen Wörter: Gutmensch! Was soll denn das sein? Ein blauäugiger linksorientierter westlicher Cappuccinotrinkender Idealist, der seine Augen vor der Wahrheit verschließt?

Ich kann nur eines sagen: Wer denkt, die Wahrheit zu kennen, die Welt mit wenigen Sätzen erklären zu können, der liegt von vornherein falsch. Der Augenzeuge sieht nur einen Ausschnitt der Realität. Und mehr als Augenzeugen können wir trotz hohem Informationsfluss nicht sein. Manchmal muss man es auch aushalten können, sich die Welt nicht bis ins kleinste Detail erklären zu können. Nicht, um tatsächlich die Augen verschließen zu dürfen. Immer weiter, immer interessiert sein.

Aber an manchen Stellen wird nicht alles zusammenpassen. Kulturell geprägte Frauenbilder, Sexismus, Flucht, Familientragödien, Werte, Diebstahl, Nötigung, Terroranschläge. Das kann gleichzeitig passieren, das kann in der Biographie eines einzigen Menschen alles vorkommen, das kann unabhängig voneinander passieren.

Gerade in Zeiten, wo Gruppen bestimmte Vorstellungen pauschal zugeordnet werden, muss man wachsam sein. Es ist weder so, dass alle Männer mit arabischen oder nordafrikanischem Hintergrund frauenverachtende Ansichten haben, noch ist es so, dass keiner von ihnen frauenverachtende Ansichten hat.

Kompliziert halt – und weder das eine noch das andere ist nachprüfbar.

Die Welt ist so, war schon immer so. Es gibt von Haus aus immer mehr Fragen als Antworten. Wer weniger Fragen hat als Antworten, der sollte sich überlegen, für wie viele verschiedene Fragen er die gleiche Antwort benutzt. Oder welche Fragen er unbeantwortet abgehakt hat.

Und dann kommen die Frauen.

Nach Jahren kommen die Frauen – und die tausend kleinen und großen Verletzungen der Würde und der sexuellen Selbstbestimmung. In einer Gesellschaft, die ihre Produkte nur zu verkaufen scheint, wenn man daneben oder direkt drauf möglichst große Titten abbildet. Die Frauen, die immer einen zu kurzen Rock getragen haben. Die stets *richtig* reagieren müssen, wenn man sie nötigt oder vergewaltigt. Selbstbewusst und mit erheblichen Protest nämlich. Die man bei sexuellen Übergriffen immer mitfragt, was sie denn dazu getan haben. Die meistens eh schweigen, weil es nichts bringt, was zu sagen. Die meisten angezeigten Vergewaltigungen führen nicht zu einer Verurteilung.

Eine Armlänge Abstand muss ich mich von der Empörung fern halten. Dabei wäre die Empörung so richtig, wenn es denn nur einen Moment um Frauenrechte ginge.

Gerade in Zeiten, wo Gruppen bestimmte Vorstellungen pauschal zugeordnet werden, muss man wachsam sein. Die Welt läßt sich nicht so einfach erklären. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

(unabgeschlossen) 

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Nimm noch nen Schluck, Mutti.

Hoch die TassenVor einiger Zeit geisterte durch meine Onlinesachen folgendes Video als Zeichen des unglaublichen Sexismus der 50er Jahre. Ein Aufheulen war das.

Keine Sorge. Jetzt ist alles besser geworden.

Hoch die Tassen, Ladys. Long way to go.

 

 

Bildquelle: pixabay

Unter Frauen: Teure Nähmaschinen

Nähen_AngebereiIch blättere durch einschlägige Nähzeitschriften. Ein bisschen muss ich schmunzeln, denn die Sachen in Zeitschriften sehen immer so easypeasy aus, mit den perfekten Nähten. In den Beschreibungen wird dann vorsichtig auf spezielle Maschinen wie eine Overlock hingewiesen, aber im Prinzip kann man das alles natürlich auch mit einem elastischen Zickzackstich der Nähmaschine nähen. Theoretisch möglich, aber das Ergebnis wird nie nie so perfekt aussehen wie das Beispielsbild. Da wurden auch noch andere Maschinentypen zusätzlich herangezogen. Ich erkenne es an Stichen, die man so nicht hinkriegt. Eine Augenwischerei.

Aber die Herausgeber dieser Zeitschriften kennen ihr Publikum. Sie wissen ganz genau, dass es hauptsächlich Frauen sind, die diese Sachen nachnähen. Was wäre, wenn da stehen würde, dass man dieses Modell mit 3 verschiedenen Maschinentypen genäht hat, die alle mindestens bei 1000 € Verkaufspreis anfangen? Das würde beim Zielpublikum gar nicht gut ankommen, denn die meisten Frauen, die ich kenne, nähen mit nur einer Maschine, die meistens alt und vererbt oder neu und preisgünstig ist.

Klar, wer zu nähen anfängt, der benutzt keine teure neue Maschine. Ich selbst habe gut 5 Jahre mit einem vererbten Modell ganz gut gelebt, aber ich versuche mich mit einem Beispiel.

Stellt euch vor, das Nähen ist ein Berg und die Nähmaschine euer Mountainbike. Jetzt kommt ihr mit dem alten Fahrrad eurer Oma daher. Das kann ein Kraftaufwand werden. Manche Projekte sind auch eher kleine Hügel, aber wer mal echt in die Höhe will, der schafft das ohne richtiges Mountainbike nun mal nicht. Da hilft auch die beste Körperliche Fitness nichts mehr. Das Ding wird zusammenbrechen.(Nicht alle Oma-Fahrräder. Es gibt jene Glücklichen, die diese alten schweren Industriemaschinen geerbt bekommen und nur gerade oder Zickzack nähen können, aber dafür schnurrt dir das Ding selbst durch mehrere Stofflagen problemlos.) Das ist aber eher selten.Meistens ist es ein elegantes Stadtfahrrad mit einem Hauch Vintage. No chance to reach that mountain.

Aber die Frauen, die ich kenne, die zweifeln dann eher an ihrer Fitness. Ich kann nicht so gut nähen. 

Ich frage mich dann, wenn ich mir das alte klapprige Omafahrrad ansehe und das Zugspitzen-Nähprojekt, ob das echt ihr Ernst ist.

Unter Frauen ist es aber auch unschicklich, auf das verwendete Material hinzuweisen. Du wirst das auch nie nähen können, aber das hat nichts mit deinem persönlichen Können zu tun, sondern damit, in eine bessere Maschine zu investieren. NO GO. Geht mal gar nicht. Bei den nähenden Frauen kommt es nämlich auch darauf an, ob sich das alles lohnt. Da werden dann die Preise der industriell hergestellten Waren verglichen mit dem, was man so verbraucht, um etwas Ähnliches herzustellen. Irgendwie ist das Ziel nämlich, dass man beim Nähen weniger verbraucht. Dazu gehört Maschine, Stoff und Garn. Ihr wisst schon, unter welchen Umständen diese Shirts hergestellt werden?

Ein T-Shrit zu nähen, bei dem man einen Stoff verbraucht, der im laufenden Meter über 15 € kostet und dann dazu Maschinen verwendet, die teuer sind, da schütteln die meisten Frauen verständnislos den Kopf. Das lohnt sich doch nicht.

Kosten/Nutzen-Rechnungen sind beim Nähen äußerst bedeutsam. So, als ob man das nicht nur zum Spaß machen darf.

Ich frage mich, ob das auch so ein großes Thema wäre, wenn Nähen kein weiblich dominiertes Hobby wäre, sondern ein männlich dominiertes.

Ich überlege, ob ich ein Hobby kenne, dass bereits männlich dominiert ist und bei dem ich den Habitus dazu irgendwie kenne. Ich weiß, was für teuren Scheiß mein eigener Mann machmal anschleppt. Supergeile Bohrmaschine. Er hat dazu einen Handwerker ausgefragt, welche Marke denn nun die beste wäre. Seinen Schatz hat er dann stolz herumgezeigt. Anerkennendes Nicken war die meiste Antwort. Ich frage ihn dazu aus. Es guckt ein bisschen irritiert. Nein, eine geile Bohrmaschine heißt unter Männern eher, dass man ein Macher ist. Völlig egal, ob man auch tatsächlich was macht.

Ich erinnere mich an verschiedene Grillparties diesen Sommer über und die Gruppe Männer, die bewundernd vor dem einen oder anderen Grill stand.

Kaffeemaschinen! Ja, Kaffeemaschinen werden mir auch meist voller Stolz von Männern präsentiert. Dreifachschaum, Bohnenfach, Tassenvorwärmer. Die dazu gehörende Ehefrau rollt belustigt mit den Augen.

Flachbildschrime, Computerkram, Soundanlagen. Ok, ich höre auf.

Ich glaube, wenn Nähen ein männlich dominiertes Hobby wäre, so würden mir wohl in den von mir besuchten Nähkursen blinzelnd teure Maschinen entgegengrinsen. Schneider würden ausgefragt, welche die beste Maschine auf dem Markt sei und vielleicht würden in diesen Nähzeitschriften stehen, welche Naht tatsächlich mit welchem Maschinentyp genäht wurde.

Bei dem Text komme ich mir vor wie eine Verräterin. Eine Angeberin mit teuren Maschinen zu Hause, die auf Frauen herabblickt, die sich nicht das geeignete Material leisten können. Aber ich will gar nicht, dass es sich so anhört,aber ich weiß auch nicht, wie ich es anders sagen soll. Ich bin halt eine Frau. Ich komme nicht raus aus meiner Haut. Ich denke auch an die Kosten/Nutzen-Rechnung beim Nähen. Gleichzeitig denke ich, dass die Frauen mit den Kaffeemaschinen, den Flachbildschirmen, den teuren Bohrmaschinen schon auch die Asche für Maschinen hätten. Aber man will das gar nicht. Der Habitus unter den Nähenden ist stark. Was geht und was nicht geht. Männer mit teuren Bohrmaschinen sind die Macher. Frauen mit teuren Nähmaschinen sind halt die Angeberinnen, völlig egal, ob sie berufstätig sind und sich den teuren Scheiß selber kaufen können. Bilder sind stark. Ich will aber, dass Frauen einfach mal sagen, dass sich der ganze Nähkram nicht zu lohnen braucht. Dass es einfach Spaß macht. Dass man sich eine einfache Maschine gekauft hat, um damit in der Landschaft herumzuradeln. Dass man auf die Zugspitze möchte und deswegen eine teure Maschine gekauft hat. Und in der Gruppe der umstehenden Frauen kommt dann nur wohlwollendes Nicken. Eine Macherin. Toll.

Versteht irgendjemand, was ich meine?

I am going gay for…not only Ruby Rose

#MontagskommentarRuby Rose geistert durch mein Newsfeed. Who the f*** is Ruby Rose? Ein australisches Model,eine Seriendarstellerin, hat sie auch irgendwas gesungen? Keine Ahnung. Ruby hat vor einer gefühlten Ewigkeit ein youtube-Video veröffentlicht, dem nachgesagt wird, dass selbst die straighte Hetero-Hausfrau ganz feucht im Höschen wird.

I kissed a girl and I Liked it ist so 2008. Aber die Debatte um die Kategorisierung von Sexualität ist mal wieder im vollem Gange. Gender-fluid ist die Kategorie der Stunde und meint, dass man sich weder als Mann noch als Frau fühlt oder aber mal als Mann und mal als Frau. Fluid, halt. Wenn man jetzt aber davon ausgeht, dass Gender eh ein gesellschaftliches Konstrukt ist und *männliche* und *weibliche* Eigenschaften eine Erfindung sind – wäre dann Gender-fluid die Kategorie *Mensch*? Keine Ahnung, Verwirrung ist nicht mein Thema. Sexualität könne man sich nicht aussuchen, sagen die Kritiker. Und recht haben sie, denn es ist sicherlich nicht einfach, in einer heterosexuellen Gesellschaft homosexuell zu sein.

Sexualität sollte man aber ausprobieren, sage ich. In meiner Teenager-Zeit hatte ich ganz herzergreifende Liebesgeschichten mit Frauen und trotz meiner momentanen Sexualität habe ich mir dieser Tage mal überlegt, welche Frauen ich nicht so locker von der Bettkante schubsen könnte…und ja, Ruby Rose wäre jetzt auch darunter. Ich habe mal eine short list erstellt.

1. Kate Winslet

2. Lauryn Hill

3. Emmanuelle Béart

4.Tatiana Maslany

5. Lara Croft in der Version von Angelina Jolie

Nicht zu nuttig anziehen – sonst wirst du vergewaltigt…

Schon wieder ein Verweis auf einen Artikel? Ja, irgendwie flattert der Vogel in meinem Kopf doch jetzt schon stark herum, denn es handelt sich um ein Vergewaltigungspräventionsvideo der ungarischen Polizei – Ungarn, Leute, Ungarn ist Europa, Ungarn, das sind auch wir.

Der Spiegel hat dieses Video in einem Artikel aufgegriffen und bestimmt wird die Emma bald auch folgen – und hoffentlich alle anderen auch. Dieses Video handelt von den Opfern – kleine Zwischenfrage: wieso richtet sich ein Vergewaltigungspräventionsvideo überhaupt an die Opfer? und nicht an potentielle Täter? – es stellt die Frage, ob es Dinge gibt, die Frauen vermeiden können, damit sie nicht in gefährliche Situationen geraten.

Die ungarische Polizei nennt in diesem Video folgende Präventionsmöglichkeiten für die Opferseite:

– nicht zu nuttig anziehen (pfiff, als ob es erlaubt wäre, Nutten zu vergewaltigen)

– nicht zu viel saufen

– immer in der Gruppe bleiben, lass bei deiner Abschlepptour nicht deine beste Freundin zurück.

Der Internet-shitstorm bricht gerade bei Facebook aus und alle regen sich maßlos über diese Vorschläge auf. Und recht haben sie: ein kurzer Rock und einen ordentlichen Zacken in der Krone ist nicht in einem Satz mit einer Vergewaltigung zu nennen. Aber ich muss ernsthaft überlegen, ob ein Verlassen der Gruppe eine grundsätzlich blöde Idee für Frauen ist. Natürlich ist das kein Grund, um vergewaltigt zu werden und offensichtlich ging es den Machern mehr um die kurzen Shirts und den Schnaps, aber ich kenne als meine persönliche Vorsichtsmaßnahme schon die Grüppchenbildung.

Es gibt in München eine Initiative für die Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen, die explizit das Zusammenbleiben in der Gruppe als Tipp ausspricht.

Ein Opfer zeichnet sich dadurch aus, dass es kein Verhalten gegebnen hat, dass ihn nicht zu einem Opfer hätte werden lassen. Ein Opfer wird man duch unverschuldete Machtlosigkeit und ich denke, es gibt keine einzige Frau, die nicht schon mal einen Hauch dieser Machtlosigkeit zu spüren bekommen hat – dabei meine ich nicht, dass schon jede Frau vergewaltigt wurde. Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich sagen, dass weder Kleidung noch Nüchternheit dabei eine Rolle gespielt hat – was ist aber mit der alten Regel der Gruppe? Soll und darf man Frauen raten, nicht alleine nachts im Park spazieren zu gehen? Auch wenn sie dabei unattraktiv und nüchtern sind?

Ich kenne den Film, der in diesem Video angesprochen wird, ziemlich gut. Es ist auf deutsch „Ein Schrei in der Dunkelheit“ aus dem Jahr 1988 mit Meryl Streep. In den USA hieß der Film „A cry in the dark“, in Australien hieß er „Evil Angels“.

Meine Mutter hält Meryl Streep für eine begnadete Schauspielerin und sieht sich gerne Filme mit ihr an. Sie mag, dass diese Schauspielerin skandalfrei und scheinbar normal lebt- verheiratet, mit Kindern, ohne großes Schischi. „Ein Schrei in der Dunkelheit ist also ein Film aus meiner Kindheit. Wenn er im Fernsehen läuft, dann zappe ich meistens nicht weg.

Die Geschichte berührt mich. Eine junge Mutter beschuldigt einen australischen Wildhund, ihr Baby getötet zu haben. Die Leiche wird nie gefunden. Die Aussage der Mutter wird bezweifelt.

Vor allem wird die Aussage der Mutter bezweifelt, weil sie in dem aufkommenden medialen Interesse sich selbst nicht so inszeniert wie die Gesellschaft sich eine trauernde Mutter vorstellt. Lindy Chamberlain scheint aus einer anderen Zeit zu kommen. In der der Tod noch näher war und eine solche Katastrophe irgendwie zum Leben einer jeden Familie das ein oder andere Mal dazu gehört. Sie spricht von den Essgewohnheiten der Dingos wie sie wahrscheinlich auch ein Marmeladenrezept weitergeben würde. Völlig sachlich und pragmatisch. Die Gesellschaft glaubt ihr nicht und sie wird unschuldig ins Gefängnis kommen – bis ein Fund ihre Unschuld beweist. Aber da endete diese neuzeitliche Hexenjagd nicht. Ein modernes Stück zu einem alten Thema.

NY Times hat eine Zusammenfassung dazu gebracht und ich habe euch das Video oben verlinkt. Googelt mal nach dem Aufschrei der Mutter „A Dingo ate my baby“ – die mediale Comicflut dieses persönlichen Unglücks ist erschreckend. Auch die Verweise am Ende des Videos der NY Times – ein Lacher in einer Fernsehsendung? – daran sieht man noch die Strukturen, in der wir leben. Und ich wage die These: Wenn diese Frau sich so verhalten hätte, wie die Gesellschaft es von ihr verlangt, dann wäre diese Geschichte eine andere gewesen. Oder: Die Macht der Bilder legt Frauen in Ketten – und macht ihr Unglück zu einem medialen Lacher…

Kennt ihr den Film „Ein Schrei in der Dunkelheit“?

Vollständige Quellenangabe zum Video mit dazugehörigem Artikel – Klick –

Warum schreibt man einen Blog?

Warum schreibt man einen BlogDas berühmte Blog-Konzept. Komisch, dass man sich am Anfang des Bloggens so mit der Frage beschäftigt, in was für eine Schublade der eigene Blog denn gehört. Ein DIY-Blog? Ein Mami-Blog? Ein Food-Blog? Mit was will ich die Netzgemeinschaft denn erheitern?

Das finde ich genau die falsche Herangehensweise…sorry, dass ich das jetzt mal so platt ausdrücke, aber who fucking cares? Das hier ist das Internet, das weiße Rauschen unserer Zeit. Jeder redet, alle posten, hunderte liken, pinnen und teilen…von den ganzen Fotographen mal abgesehen…

Ich habe am Anfang des Bloggens auch darüber nachgedacht, was für ein Blog der Fadenvogel denn werden soll und habe mich für einen reinen DIY-blog entschieden. Nähen und vernäht werden, sozusagen. Es wurde bald langweilig. Ich habe wochenlang nichts Neues darauf gemacht. Ich habe mir selbst mit dieser Einschränkung des Mund zugenäht. Bei jedem Post dachte ich: Passt das jetzt hier rein? Gehört das dazu? So ein Quatsch, sag ich euch.

Im Endeffekt ist es natürlich schön und streichelt der Seele, wenn einem jemand zuhört, aber ganz ehrlich: Am Anfang des Bloggens sollte man selbst stehen. Der Schreiberling, sozusagen. Man muss sich ja erst mal selbst zuhören können, um andere zum Zuhören zu gewinnen.

Das Mantra des Bloggens ist man also selbst.

Das Bloggen ist für mich wie meine eigene kleine Therapiesitzung, in der ich mich frage: Und, was interessiert DICH denn eigentlich? Was hat DICH heute beschäftigt? Ging es heute mal um DICH?

Das Leben von Frauen ist ausgefüllt mit den Wünschen anderer: Kinder, Männer, Arbeitgeber. Alle wollen sie ein Stückchen haben und dann, am Ende des Tages, ist alles aufgegessen…für DICH persönlich bleibt nichts übrig. Für meinen Blog hebe ich ein Stückchen auf und entscheide mich Tag für Tag bewusst ein bisschen für mich.

Ein Blog als moderner Egoismus? Selbstdarstellung?

Ja, wahrscheinlich. Wobei ich sagen muss, dass diese Selbstdarstellung eher einer Selbsterrettung gleichkommt. Wie gesagt, so oft geht es in meinem nichtdigitalem Leben nicht um mich. Der Blog ist meine große Schwester, die abends anruft und mich zu Dingen überredet: Gehen wir doch auf diese oder jede Veranstaltung. Lesen wir doch gemeinsam dieses Buch. Stricken wir das Teil doch gemeinsam fertig. Viel zu oft würde ich Dinge einfach unter den Tisch fallen lassen, wenn ich mir nicht denken würde: Hey, das könntest du deiner großen Schwester erzählen, wenn´s fertig ist…

Traurig? Eigentlich nicht. Ich halte das eher für sehr gesund. Es gibt nämlich in der modernen Welt kaum noch Nachbarinnen, die sich für Patchworkdecken begeistern lassen, die mal auf einen Samstagskaffee vorbeikommen oder einfach mal kurz grüßen. Hier gibt es diese Nachbarinnen. Wenn ich verschwinde, würde ich doch wenigstens von einem oder zwei Mitlesern ein Klingeln in meinem Emailpostfach kriegen mit den Worten: alles ok? Denke ich zumindest…

Aber das ist nicht der springende Punkt beim Bloggen. Zumindest nicht bei dem Bloggen, dass mich interessiert. Ich finde eine große Leserzahl natürlich total spannend und würde jetzt keinen von der Lesekante stoßen wollen, aber ich blogge für mich. Um mich selbst mir vorzustellen, um mich selbst an mich zu erinnern. Ein eigenes Seelenlesezeichen im weißen Rauschen.

Warum dann öffentlich? Na ja, weil man sich selbst am besten im Austausch mit anderen erkennt. Weil man erst im Gespräch eine Antwort ordentlich formulieren muss, weil man erst im Sichtbaren sichtbar werden muss.

Die Frage nach einem Konzept, einer Schublade wird da sehr schnell unwichtig. Beschäftigt man sich am Anfang noch mit den Fragen von Außenwirkung, wird einem schnell bewusst: die Innenwirkung ist viel wichtiger.

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