Die Alpträume der Neuen Digitalen Welt

Ganz ehrlich gesagt: Ich hasse manchmal das Internet. Kaum öffne ich lustlos Facebook und co., springen mich Videos von Kleinkindern an, die ins Affengehege fallen. Ich finde jeden Tag neue Alpträume. Das Netz ist machmal der Alp, der sich abends auf meinem Brustkorb setzt und mich schwerer atmen lässt. Einmal bin ich versehentlich auf die Seite einer Ärztin geraten, die zeigte, wie man einen Eiterpfropfen aus einem Kopf rausschneiden kann. Das Bild bleibt, Leute, das Bild bleibt.

Dabei bin ich sehr viel im Netz unterwegs. Ich lese Zeitungsartikel, Blogartikel, twitter-Halbsätze und Statusmeldungen von Bekannten. Ich sollte es besser wissen und meine eigene Nachrichtenblase besser beeinflussen können.

Das ist ja die neue Theorie des unendlichen Informationsflusses. Dass jeder selektiert und die dahinter liegenden Werbemechanismen nun automatisch die zuvor selektierten Informationswünsche weiter ausbauen. Auch was meine Freunde gut finden, wird mir angezeigt. Homogene Gedankenwelten. Keine Störfaktoren vorhanden. Die ständige Bestätigung der eigenen Meinung. So, als gäbe es keine anderen.

Doch die anderen tauchen doch auf. In Hasskommentaren und superschlauen Einwürfen unter Zeitungsartikeln. Wer muss diese Wortflut eigentlich in den Redaktionen verwalten? Kriegt derjenige oder diejenige mit ihrem morgendlichen Kaffee auch noch ein Stamperl Schnaps hingestellt?

Manchmal klicke ich mich durch die Profile der Kommentatoren. Einige zeigen Klischeebilder aus einem Mix von Hunden, Campingplätzen und Pfannkuchenselfies, andere bedienen sich eher dem Ghetto-Glam und posieren als Rapper, wieder andere sind offensichtlicher Fake und bemühen sich gar nicht, ihr Dasein als Troll zu verschleiern. Ich sehe nach, wer ihren Fotos ein Like  gibt und klicke mich weiter. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, in welcher Nachrichtenblase sie herumsitzen. Wie werden zukünftige Forscher, die sich mit diesem Jahrhundert auseinandersetzen, diese einzelnen Blasen nennen? Wird es Muster geben? Wird es Namen geben? Was sind das für Menschen, die in den anderen Blasen sitzen?

Das Schöne an der Geschichte an sich ist ja, dass es nie so weiter geht. Es ändert sich immer alles und nichts. Oder anders: Alles findet nur andere Formen. Und wie immer, können sich die Lebenden nie vorstellen, was sich denn ändern wird.

Ich kann mich an meinen Uniabschluss erinnern, der ist grad mal 10 Jahre her. Da war es noch voll verpönt, einen Laptop mit an die Uni zu nehmen. Da schrieb mal auf Collegeblöcken. Laptops hatten nur irgendwelche Angeber-BWLer. Das gemeine Volk schrieb noch per Hand. Beim Abschlussgespräch über Zukunftchancen und Berufsvorstellungen hatte der Typ gesagt, dass wir uns in einer Revolution befänden. Einer digitalen Revolution, die ähnlich wie die Industrielle unser Leben beeinflussen wird. Damals habe ich höchstens 3 Stunden in der Woche im Netz verbracht und habe nur milde gelächelt. Was soll denn das Internet sein außer, dass man da ein Buch bestellen kann oder schneller zu nem Lexikonartikel kommt. Und zudem noch ärgerlicherweise die Telefonleitung blockiert.

Heute kriege ich minutenweise die Alpträume dieser Welt geliefert. Ein japanisches Paar setzt einen Jungen zur Strafe in einen Wald ab und fährt davon. Genau 500 Meter weit. Wie lange dauerte diese Bestrafung? 10 Minuten?  Als sie zurückkommen, ist er verschwunden. Der Sturm der Empörung bricht digital los. Bin ich die einzige, die weint, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich das nicht auch gemacht hätte? Kann sich jemand an die Szene aus Desperate Housewives erinnern, in der Lynette auch ihre vorlauten Zwillinge aus dem Auto geworfen hat und davon gefahren ist? Damals war es eine Komödie. Eltern machen solche Sachen. Total dumme Sachen. Gut, vielleicht würde ich sie nicht unbedingt wo zurücklassen, weil *verlassen werden* nicht zu meinen bevorzugten Erziehungsmethoden gehört, aber ich bin nicht frei von idiotischen Ideen. Vielleicht wäre das auch in meinem zukünftigen Fall eine hervorragende Idee und würde total fruchten, aber ich werde das jetzt nie machen. Der japanische Junge wird als Angstbild zurückbleiben.

Jetzt wird gegen die Eltern des getöteten Gorillas ermittelt. Warum ihr kleiner Junge überhaupt in das Affengehege klettern konnte. Und ich sehe Bilder von trauernden Menschen, die den Gorilla beweinen. Auch hier stelle ich mir vor, dass ich mich kurz weggedreht hätte. Ich hätte sie nicht eng umschlungen an der Hand gehalten. Jeder könnte diesen Fehler begehen.

Immer wieder tauchen also die digitalen Angstbilder auf und werden gefüttert. Was nicht alles immer geschehen kann. Wie soll man denn hier nicht zur Glucke mutieren? Wie soll man sich denn von den vielen Alpträumen befreien? So gesehen sitzen Eltern in der Falle. Wenn sie sich jeder Gefahr bewusst werden, so gelten sie als Helikopter und erziehen die nächste Generation Weicheier. Wenn sie die Kinder loslassen, dann muss man das fast schon aktiv machen – trotz der Bilder, die einem täglich begegnen.

So, manchmal hasse ich das Internet, weil es mir Alpträume zuflüstert, die mich nicht weiser machen, sondern nur ängstlicher. Vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel für die Neue Welt. Vielleicht brauchen wir mehr Abstumpfung. Vielleicht werde ich als alte Frau dasitzen und meinen Enkeln von irgendwelchen Geisterbildern erzählen und meine Schwiegertochter wird augenrollend schweigen. Die Alten, wird es heißen. Die Alten und dieses ständige Identifizieren mit allem und jedem. Aber ich gehöre einer Generation an, die sich schwertut mit den Bildern der Alpträume. Die sich noch wiederfindet in den tausend Filmen und Fotos. Die an einem Strand sitzen und ihr Kind dabei zusehen, wie es dösend am Meer in der Sonne liegt und dabei unwillkürlich an das tote fremde Kind denken werden. Und jetzt sagt ihr nicht, ihr wisst nicht, welches Bild ich meine.

 

Bildquelle: pixabay

3 Kommentare

  1. …. und dazwischen die ganzen 16-jährigen, die einem androhen, dass man schon sieht, wie das ist, wenn man vergewaltigt wird, nur weil man bei der Bundespräsidentenwahl nicht rechts gewählt hat….
    … und ein paar die unseren Pfarrer auf facebook aufs ärgste beschimpfen nur weil er ein bisschen christliche Nächstenliebe einfordert, wenn grad wieder ein Hasspost die Runde macht….
    …und die Eltern dazwischen im Kiga aufs nachdrücklichste ersuchen, doch bitte keine Fotos von fremden Kindern auf facebook zu stellen….
    …dazwischen noch zu erleben, dass jede Entscheidung, die ein Erzieher trifft und jede Aussage danach stundenlang in der Whatsapp-Gruppe diskutiert wird, weil man das Wohl aller Kinder im Hintergrund hat und nicht nur derer, die es gewohnt sind, sich alles richten zu können….
    …und zum unzähligsten Male die Vorgesetzte informieren, dass wiedermal Beschwerde-Mails und Unterschriften-Listen die Runde machen, weil es ja eine Frechheit ist, dass der Ausflug wegen Unwetter ersatzlos gestrichen wurde….

    Ich versteh dich gerade so sehr! Aber ich versuche auch das Positive zu sehen: Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre ich auch nie auf deinem und ein paar anderen Blogs gelandet und hätte doch was versäumt…

    Lg

  2. Gerade bin ich in einer stumpfen Phase und scrolle einfach weiter. Aber es gab auch Phasen, da musste ich das Internet meiden, da habe ich Facebook vom Handy gelöscht, weil ich es nicht ertragen habe und jede Nacht Albträume hatte. Ich verstehe, was du meinst. Aber ich war früher auch stundenlang im Internet, gerade vor etwas mehr als zehn Jahren, nach dem Abitur. Nur war die Welt damals einfach eine andere. Da kamen mir solche Bilder nicht so nah.

  3. Danke, dass Du das aufgeschrieben hast. Deine Gedanken gehen mir seit Monaten im Kopf herum. Es gibt Phasen, in denen ich mich kaum noch reintraue, in dieses Netz. Vielleicht mal noch Instagram. Alles so schön bunt da.

    Meinen Facebook-Account habe ich zwar noch, aber ich geh da nicht mehr hin – ich kann das nicht mehr, es ist wie so ein Stroboskop für mich, diese Bilder, Informationen, Headlines, Hasskomentare, all diese Emotionen und Fassaden. Nee nee. Geht nicht mehr.

    Und manchmal springt es einen dann plötzlich in einer Schlagzeile an, wie die des getöten Säuglings vor kurzem – der bloße Gedanke daran ließ mein Herz tagelang eng werden, bis es endlich ein bisschen abstumpfte.

    Ich weiß ja auch nicht.

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