Jungs in der SchuleBis zur 9. Klasse ging ich auf eine Mädchenschule. Danach wechselte ich auf eine gemischte. Ich kann mich deutlich an die erste Französischstunde dort erinnern. In der ersten Reihe saß ein Junge namens Simon. Ich war mir nicht sicher, ob ich Simon toll fand oder nicht. Irgendwie war er schlaksig und pickelig und groß. Irgendwie fand ich ihn wohl ganz ok, denn er gehörte definitiv zu den Coolen. Das hatte ich schnell geblickt damals, dass es hier viel mehr um eine ganz andere Art von Coolness ging als in einer reinen Mädchenklasse. Nicht, dass es in einer Mädchenklasse irgendwie nicht auch krass abgehen kann, aber anders.

Zurück zu Simon.

Er hat irgendwas übersetzen müssen und stotterte herum. Ich war gelangweilt, obwohl ich echt grottig in Französisch war. Ich starrte ihn an und dachte: Mann, der muss hier auch lernen. Er ist ein Junge und er kann trotzdem lesen. Irgendwie komisch, einen Jungen in der Schule zusehen.

Jungs gehörten für mich zu Schulparties, waren Brüder von Freundinnen, waren Schwimmkumples im Verein, aber ich hatte sie bis dahin noch nie irgendwas Intelligentes tun sehen – wie einen französischen Text zu übersetzen.

Ich wußte auch in dieser Französischstunde schon, dass ich die einzige bin, der es so geht, aber ich starrte wirklich unentwegt. Ein Junge, der einen Text laut vorliest. Wahnsinn. Ganz normal, ganz normal hier. Komisch.

Ich glaube, dass ich damals den Zenit eines seltsam umgekehrten Sexismus erreicht habe. Inzwischen glaube ich, dass Jungs auch lesen können. Na ja, meistens.

 

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