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Als mich die Erkenntnis traf, dass Jungs lesen können…

Jungs in der SchuleBis zur 9. Klasse ging ich auf eine Mädchenschule. Danach wechselte ich auf eine gemischte. Ich kann mich deutlich an die erste Französischstunde dort erinnern. In der ersten Reihe saß ein Junge namens Simon. Ich war mir nicht sicher, ob ich Simon toll fand oder nicht. Irgendwie war er schlaksig und pickelig und groß. Irgendwie fand ich ihn wohl ganz ok, denn er gehörte definitiv zu den Coolen. Das hatte ich schnell geblickt damals, dass es hier viel mehr um eine ganz andere Art von Coolness ging als in einer reinen Mädchenklasse. Nicht, dass es in einer Mädchenklasse irgendwie nicht auch krass abgehen kann, aber anders.

Zurück zu Simon.

Er hat irgendwas übersetzen müssen und stotterte herum. Ich war gelangweilt, obwohl ich echt grottig in Französisch war. Ich starrte ihn an und dachte: Mann, der muss hier auch lernen. Er ist ein Junge und er kann trotzdem lesen. Irgendwie komisch, einen Jungen in der Schule zusehen.

Jungs gehörten für mich zu Schulparties, waren Brüder von Freundinnen, waren Schwimmkumples im Verein, aber ich hatte sie bis dahin noch nie irgendwas Intelligentes tun sehen – wie einen französischen Text zu übersetzen.

Ich wußte auch in dieser Französischstunde schon, dass ich die einzige bin, der es so geht, aber ich starrte wirklich unentwegt. Ein Junge, der einen Text laut vorliest. Wahnsinn. Ganz normal, ganz normal hier. Komisch.

Ich glaube, dass ich damals den Zenit eines seltsam umgekehrten Sexismus erreicht habe. Inzwischen glaube ich, dass Jungs auch lesen können. Na ja, meistens.

 

Bildquelle: Morguefile

Erinnerungen an Berlin

Berlin_is goneVor über 10 Jahren bin ich in diese Wohnung gezogen. Als ich hier ankam, war ich ziemlich demoliert. Ich bin in München geboren und aufgewachsen, aber ich habe auch eine Zeit lang in Berlin gelebt. Ich bin dorthin seither nicht mehr zurückgekehrt und werde es wohl auch nicht. A tribute.

Berlin ist eine Stadt aus Städten. Groß und alles. Ich habe nie verstanden, wo ihr Herz liegt und mein eigenes habe ich dort schließlich auch verloren.

Mein damaliger Freund zog mit mir mit. Eine spontane Aktion, denn Berlin war der große Traum der pochenden urbanen Freiheit. Mein Freund ist Koch und arbeitete dort auch als Koch. Er war älter als ich. Unsere Lebensrealität bröckelte schnell. Ich suchte mir Vorlesungen aus, er besuchte das Arbeitsamt. In Berlin wurden wir bald zu Tag und Nacht, Schatten und Licht. Er war auf der Schattenseite, ich trank Latte Macchiato. Nachdem unsere Beziehung zerbrochen ist, haben wir oft gesagt, wir sind in Berlin geblieben. Der Teil mit dem wir. Unser Wir ist dort geblieben und wir sind als ich und er zurückgekommen.

In Berlin brauste mir ein Sturm aus Vorurteilen entgegen. Ich tat mir nicht leicht mit meiner Identität. Ich tat mir nicht leicht, aus München zu kommen. München, die Teure. München, die Schicke. München, das Provinznestchen. München Möchtegern.

Ich war in Berlin gerne auf Flohmärkten unterwegs. Meistens alleine, weil mein Freund andere Uhrzeiten hatte. Überhaupt erinnere ich mich sehr viel an Dinge, die ich dort nur solo gemacht habe. Ich habe mir sehr viele Schwimmbäder angesehen, weil ich eine Zeit lang regelmäßig schwimmen gegangen bin. Von all diesen Orten und Zeitpunkten habe ich keine Fotos. Damals gab es noch kein Smartphone mit integrierter Sharing-Taste und auch sonst hat man wenig über Fotos mitgeteilt.Klar, es gab schon immer Hobby-Fotographen, aber dazu gehörte ich nicht. Ich fotografierte deswegen nicht. Das kam einfach nicht vor.

Worte wie Shabby chic oder vintage habe ich in Berlin gelernt. Wenn in München ein neuer Laden aufmachte und er gewollt abgerissen aussehen sollte, haben wir Münchner das immer mit Augenrollen kommentiert. Die wollen jetzt einen auf Berlin machen hier. Trotzdem faden wir es cool. So ist das mit Berlin. Wir finden es trotzdem cool und suchen im KaDeWe Augustiner-Bier.

Und ich erinnere mich an den weltbesten Cheesecake, den ich jemals gegessen habe. Mein Freund hat ihn mir mal nachgebacken und behauptet, er hätte das Rezept jetzt herausgefunden, aber er schmeckte nicht mehr so wie in dem kleinen Café irgendwo in einer Seitenstraße. Wie ein Rotwein, den man aus einem Urlaubsort mitgebracht hat, daheim schal schmeckt. Sie nannten ihn in dem Café tatsächlich Cheesecake und nicht Käsekuchen.

Den Anschluss, den ich fand, bestand aus einer diffusen Gruppe aus hippen Studenten, die in Altbauwohnungen Dosenbier ausschenkten. Da habe ich gemerkt, dass ich aus München komme, denn Bier aus Dosen gibt es hier tatsächlich nicht. Die Bierdosen standen auf dem Balkon, damit sie kalt bleiben. In allen Wohnungen faden sich noch Heizöfen, deren korrekte Befeuerung wissenschaftlich diskutiert wurden. In München befüllen wir Badewannen mit kaltem Wasser und Eis und lagern Augustiner-Bierflaschen für Parties darin. Vielleicht gab es auch echte Bierflaschen in Badewannen in Berlin und ich war nur auf den falschen Parties, ich bin mir sicher, in Berlin gibt es alles. Ich fand es nur nicht.

Aber ich fand mich, letztendlich. Und die Erkenntnis, dass dort, wo du lebst, nicht großartig in den Ohren anderer klingen muss.

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