Schlagwort: Grexit

Griechenland ist Europa

#MontagskommentarDer reiche Norden und der arme Süden. Eine europäische Realität. Griechenland hat also gewählt. Keiner weiß so richtig, was die Frage war. Eine Ja oder ein Nein zu Europa? Ein Ja oder ein Nein zu den Schuldbedingungen und Rückzahlungsklauseln? Ein Ja oder ein Nein zu der neuen Regierung?

Um die Ecke bei mir hat ein neuer Feinkostladen aufgemacht. Es ist ein älteres griechisches Ehepaar. Sie verkaufen Oliven und Obst. Meine Kinder dürfen da fast alles probieren. Sie kennen die Oliventheke bereits und langen da immer kräftig zu. (Meine Kinder lieben Oliven und Fisch, ich weiß, sie sind komisch) Die Frau winkt immer ab, wenn ich meine Jungs vom Plündern abhalten will. *Ach, von den zwei Oliven werd ich jetzt nicht arm.* Ich habe sie gefragt, ob sie am Sonntag wählen wird. plötzlich war sie verunsichert. Sie wollte mit mir nicht über ihr Land sprechen und schüttelte nur den Kopf. *Dazu müsste man in Griechenland sein.* sagte sie knapp. Offensichtlich hat sie keine Lust, mit mir über Politik zu sprechen. Ich bewundere statt dessen die Pfirsiche. Mit der Karte zahlen kann man bei ihr nicht. Nur Bargeld, sagt sie lächelnd. Kommt aber noch, verspricht sie mir. Der Mann gibt mir weiche Pfirsiche mit. Für die Kinder, sagt er.

Ich hätte gerne gewußt, was sie denken, denn ich kann mir kaum ein Bild machen, wie es ist, wenn die Banken schließen und man kein Geld mehr hat, seine Medikamente zu zahlen. Im Netz geht das Bild des weinenden Rentners vor den geschlossenen Banken herum. Ein alter Mann, das ist das Sinnbild der Krise.

Von den Kindern wird wenig berichtet. Die Kindersterblichkeit wäre hochgegangen, sagt mir eine Freundin mit griechischer Familie. Von den Berichten fehlt mir jede Spur.

Der Weltspiegel verweist auf andere Länder, die im Euro aus der Krise gekommen sind und tadelt damit wortlos den griechischen Weg. Den anderen Ländern im Süden ginge es auch nicht besser.

Ich beschäftige mich schon lange mit europäischer Geschichte. Die Souveränität des einzelnen Staates ist tief im europäischen Bewusstsein. Wir mögen keine Bundesstaaten, wir mögen nur den Staatenbund. Und ein Souverän lässt sich nicht erpressen. Auf der anderen Seite leider auch nicht. Der Hauch des Erpressbaren wird den Weg zu einer Einigung erschweren und Griechenland letztendlich ausscheiden lassen – aus was auch immer. Die Sparpolitik gibt es schon lange und Europa hat nicht viel auf Griechenland geblickt. Höchstens, um Ferienhäuser auszusuchen. Jetzt sind sie laut und jeder schaut erschrocken hin. Besser wird es dadurch nicht.

Den Letzten beißen die Hunde. Das hat auch Varoufakis gespannt und kündigt für den heutigen Montag seinen Rücktritt an – digital auf twitter und seinem Blog. Immer schön direkt. Ein österreichischer Pensionist, der behauptet, mit Varoufakis blogtechnisch verbunden zu sein, kommentiert jubelnd (ein Fan) und schickt eine Videobotschaft mit.

Popkultur, Coolness, Punk und Politik scheinen sich zu mischen und werden ideologisch aufgeladen. Oh Mann, Leute, kein Mensch kümmert sich um Coolness, wenn man nichts mehr zu fressen hat.

Dabei ist Griechenland Europa. Allein der Name *Europa* kommt von einer griechischen Sage. Wer Geschichte studiert, kennt 3 Epochen, manchmal 4: Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Neuere und Neueste Geschichte.

In der Alten Geschichte geht es nur um Griechenland oder Rom. Am Anfang des Zeitstahls steht Homer und damit meine ich nicht eine gelbe Witzfigur aus Springfield.

Das ist der Unterschied zu den anderen südlichen Ländern in Europa. Wir glauben alle, unsere Demokratie sei eine griechische Erfindung. Oliven und Pfirsiche sind nicht die einzigen griechischen Importgüter.

Die Griechen sind schließlich nach Italien gesegelt und einige Italienische Städte haben griechische Namensgeber. Dann stiegen die Römer auf und haben das römische Reich gegründet. Danach ist Mittelalter. So mal grob.

Die ideologische Aufladung hat erst begonnen.

Die Lehre des Blauen Pferdes

#MontagskommentarIn dieser Woche war der Terror eines meiner Hauptnewsfeed und er rückt immer näher an die Orte heran, an denen ich selbst schon einmal gewesen bin. Ja, ich lese viel über Tunesien dieser Tage und bei meinem lapidaren Grexit-Wort-Entwurf bleibt mir auch ein Kloß im Hals stecken…

Gott sei Dank war auch die Queen da und zwischendurch überreicht Herr Gauck ihr ein Gemälde. Ein Blaues Pferd.

Über Kunst läßt sich bekanntlich streiten und das Bild wirkt auf mich tatsächlich nicht wie das Nonplusultra des Geschmacks, aber die Künstlerin postet Gelassenheit auf ihrer Facebook-Seite:Guten Morgen liebe Welt, ich werde immer wieder gefragt, warum mir dieser „Shit Storm“ nichts ausmacht. Ehrlich gesagt, lebe ich nach dem Motto „Unrat soll man vorbei schwimmen lassen“.

Wenn mir das mal mit der Welt diese Woche auch gelänge.

Ist Grexit dramatisch genug?

#MontagskommentarIn Amerika wird kräftig dekonstruiert. Da gehen einem doch glatt die Schubladen aus. Ein Mann, der in der Öffentlichkeit durch seine sportlichen Leistungen als echter Mann wahrgenommen wurde, wird zur Frau. Eine Weiße gibt sich als eine schwarze Bürgerrechtsaktivistin aus und wird von den Eltern als „blondes Mädchen“ entlarvt. Nur aus Texas taucht ein Video auf, dass einen weißen Polizisten dabei filmt, wie er ein völlig aufgelöstes, heulendes Bikini-Mädchen auf den Boden drückt. Sie brüllt: Call my Mom und weiß auch nicht mehr weiter. Er zieht sogar die Waffe. Alles beim alten. Das Mädchen ist schwarz.

In Europa blickt die Tagespresse in das journalistische Sommerloch, weil keiner mehr Bock hat über Griechenland zu reden. Allerdings haben wir ein wundschönes neues Wort erfunden. Den Grexit, eine Mischung aus Exit und Griechenland. Gemeint ist damit der Ausstieg Griechenlands aus der €-Zone. Grexit klingt wie eine kurzer schmerzhafter Schlag, so vom Wortklang, mein ich. Und Exit ist hierzulande meistens der Notausgang, also durchwegs nicht Negatives. Ich würde mir ein dramatischeres Wort wünschen. Greabortion oder Grefall oder Grebroke, aber Grexit? Ich weiß ja nicht, Leute.

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