Hast du in München Wurzeln? Irische Jungs von früher…

In München gibt es viele Kneipen. Kneipen, die eigentlich in Berlin sein wollen. Kneipen, die ein bisschen wie Wien aussehen. Kneipen, die sich ständig verändern und dabei so aussehen wollen, als ob es sie schon ewig gäbe. Das stimmt natürlich nicht. München wird totsaniert, die Preise gehen durch die Decke, es gibt wenige Orte, die sich halten und noch weniger Orte, die es nicht nötig haben, Ultrahype zu sein.

Ich bin in Haidhausen aufgewachsen und gehe ich durch mein altes Viertel, so erkenne ich manches nicht wieder. Die Puppenwerkstatt musste einer Heilpraktikerin Platz machen, der Italiener an der Ecke hat zugemacht. Nur auf eines kann man sich echt verlassen:

auf das Molly Malone´s Irish Pub an der Ecke Kellerstraße/Milchstraße. Ich gehe rein und ungelogen, hier sieht es aus wie vor 16 Jahren. Das ist so ungefähr die Zeitspanne, in der ich hier immer wieder ein Snakebite trinke. Aber wie überall in München – und das ist ein wahrer Unterschied zum Land, denke ich – werde ich nicht erkannt. Wie auch, ich denke, die Kellnerin arbeitet hier noch nicht 16 Jahre und auch wenn – wir sind in einer Großstadt, hier spült die Provinz Hunderte von Snakebite-trinkern an die Theke.

Früher haben hier nur Jungs gearbeitet – irische Jungs, die viel getrunken haben und laut und gutaussehend waren. Ich bin auf einer katholischen Mädchenschule um die Ecke gewesen und wir saßen hier und haben den Kellnern zugesehen. Ich denke, eine ganze Reihe von uns war verknallt. Unsere zaghaften Flirtversuche endeten meistens nicht bei Telefonnummern, sondern höchsten in Küssen von großen Brüdern auf die Wange, so auch an einem Sylvester. Ich denke, wir haben uns mehr Chancen ausgerechnet an diesem Abend, aber was soll´s.

Ich höre den Geist meiner Teenager-Freundinnen, wenn ich mich an diese Tische setze und ich höre, wie sie miteinander schnattern. Nach einem Bier gehe ich, wir könnten auch Touristinnen sein. Oder neu in München. Aber ich bin schon lange hier. Manchmal denke ich, ob all die Menschen, die neu nach München kommen und hier heimisch werden, ob die wissen, dass es München nicht interessiert, ob du schon immer hier warst oder nicht. Manchmal wünscht ich mir, es gäbe Wurzeln. Aber die, die Wurzeln haben und in Kneipen erkannt werden, sind die aus den Dörfern und den weiten Provinzen. Die jammern oft, dass es so einengend wäre, wenn man erkannt wird. Dass es München einem so schwer mache, Anschluss zu finden. Das ist bestimmt richtig, aber München hat nur ein Kurzzeitgedächtnis, es ist für ein längeres Gedächtnis zu groß. Du kannst auch darin verschwinden, wenn du willst. Es macht keinen Unterschied, wie lange du schon hier bist. Manchmal ist das anstrengend.

Aber ich bin ungerecht. Die Frage ist ja eigentlich: Wo sind die irischen gutaussehenden Kellner hin? Und wenn die noch da wären, würden die kurz stirnrunzelnd rüber gucken? Ich weiß, dass die Antwort eigentlich nein ist, aber ich stelle mir ein ja vor…und muss grinsen. Ist das wirklich auf dem Land anders? Wird man da nach Jahren noch erkannt? Oder verromantisiere ich grad die Landlebenkindheit?

4 Kommentare

  1. Oh, da kommt mir doch gleich mal wieder ein Thema für „Als ich noch jung war“. Meine Kneipenbesuche als Teenager sahen nämlich etwas anders aus. Aber ich glaube nicht, dass ich dort noch erkannt werde. Die Leute von damals werden jetzt auch nicht mehr da sein. Außerdem war ich nicht so eine schillernde Persönlichkeit.
    Übrigens fand ich es gar nicht so schwer, in München Anschluss zu finden. Es gibt ja einfach so wahnsinnig viele „Neue“, dass man sich recht schnell findet. Nur, wenn die dann alle wieder wegziehen, dann wird’s ein bisschen schwieriger.

  2. Ein wirklich schöner Artikel! Ich bin vor Kurzem aus der Stadt zurück in meine Kleinstadt gezogen. Und mich erkennt auch keiner, obwohl alle anderen sich grüßen und kennen, als würden sie sich schon seit der Grundschule kennen – und so ist es ja wahrscheinlich auch.
    Viel Spaß beim Suchen der hübschen irischen Kellner :)
    Liebe Grüße,
    Christina

  3. Hm, darüber hab ich mir schon viele Gedanken gemacht. Ich bin vom Dorf in eine Kleinstadt gezogen, von der Kleinstadt nach München und von München zurück in dieses Dorf. Als Kind fand ich den Gedanken scheusslich, wo zu leben wo nicht jeder jeden kennt. Mir war es schon sehr wichtig, dass meine Familie dort „integriert“ ist. Irgendwann hab ich bemerkt, dass man sich selbst in seinen Möglichkeiten sehr einschränkt, wenn man immer „dazugehören“ will…. Je grösser die Ortschaft war, in der ich gelebt habe, umso freier fühlte ich mich. Ich hatte in München auch nie Probleme Anschluss zu finden, es gibt so viele nette Menschen dort, aber man kann auch mal „in der Masse abtauchen“. Für die „Zuagroasten“ ist es wunderbar, dass man dort keine Wurzeln braucht. Übrigens, die Bedienungen in unserer Dorfwirtschaft, die Verkäuferinnen beim Metzger und Bäcker sind auch nicht mehr dieselben wie vor 16 Jahren. Anfangs kannten sie mich nicht und ich sie nicht. Aber ich musste mich nicht vorstellen …. wenn du auf dem Land innerhalb einer Woche mehr als zweimal zum Bäcker gehst, dann ist deine Identität geklärt, egal ob du vor Jahren dort gelebt hast oder nicht :-). Landleben macht also Spaß, solange man den Spagat zwischen „Integration“ und „Selbstbestimmung“ meistert – leider ist damit die Frage nicht beantwortet:“Wo sind die hübschen irischen Kellner???“

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