Dokumentation von Henry Joost und Ariel Schulman aus dem Jahr 2010. Gefilmt 2007 und 2008. Ein Protokoll.

Abby ist neun oder zehn Jahre alt und eine talentierte kleine Malerin. Sie malt eine Photographie von Nev Schulmann nach und schickt sie ihm. Er ist beeindruckt. Er wohnt in New York, ist twentysomething und Photograph. Abby wohnt irgendwo in Michigan. Sie treffen sich nie, das ist klar, aber sie schreiben sich kleine digitale Nachrichten, der junge Mann und das talentierte Mädchen. Auf Facebook werden sie Freunde.

Die Mutter von Abby schaltet sich ein, sie findet diese Freundschaft inspirierend für die Malkünste der Tochter. Die Mutter ist jung und auch sehr talentiert. Es entsteht ein reger Austausch. Die Mutter Angela sendet Nev immer wieder Pakete, sie telefonieren. Er wiederum findet diese Familie auf dem Land irgendwo in Michigan großartig. Wecken Sie Sehnsüchte? Vielleicht. Angela und er senden sich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, bald kommt der ältere Bruder dazu und die Halbschwester von Abby, Megan. Jede der Figuren hat eine eigene Geschichte, sie interagieren, sie schreiben sich auf ihre Facebook-wall. Megan und Nev haben sehr viel gemeinsam: die Liebe zum Tanz, Kunst, Kultur. Er in New York, sie auf einer Pferdefarm in Michigan. Sie vertraut ihm, weil er so viel für ihre kleine talentierte Schwester getan hat. Es ist nicht so ganz klar, was genau er getan hat. Vielleicht meint sie seine Begeisterung.

Der ältere Bruder schreibt Nev wütende Nachrichten, Nev mache Megan irgendwelche Hoffnungen. Angela pfeift ihren Sohn zurück. Es entwickelt sich plötzlich etwas zwischen Megan und Nev.

Nevs Bruder Ariel arbeitet als Filmemacher. Er und ein Freund haben eine kleine Produktionsfirma zusammen. Nevs Internetbeziehungen werden von den beiden mit lachendem Kameraauge begleitet. Ihnen ist irgendwie langweilig, sie haben Aufträge für Tanzfestival und abends sitzen sie zusammen und lassen die Kamera laufen.  In ihrer Dokumentation werden Telefonate mit verfolgt, Pakete zusammen aufgemacht. Es scheint eine Spielerei zu sein, aber Nevs Gesichtsausdruck beginnt sich beim Erzählen über seine Facebook-family zu verändern. Es ist am Anfang ein leuchtendes „super cute“ und wird irgendwann ernster, stiller, er verliebt sich.

Er verliebt sich wie wir alle auch in eine Vorstellung von Megan.

Megan, die Pferde besitzt und ihm Fotos einer Ranch schickt. the simple and beautiful life. Megan nimmt Songs für Nev auf. Auf ihrer Facebook-seite postet sie auch ab und zu Songs mit ihrer Mutter oder mit anderen Familienmitgliedern. Sie sind alle sehr musikalisch. Nev kommentiert diese Songs, wie die anderen Familienmitglieder auch. Er ist berührt, er öffnet sich.

An einem Abend sitzen die Freunde wieder zusammen und chatten per SMS-chat mit Megan. Sie schickt Nev einen Song. Die Jungs wünschen sich auch ein Lied und fordern sie auf, einen berühmten Country-song zu covern. Megan schickt ihnen nach kurzer Zeit eine Aufnahme. Nev träumt. Mehr aus Spaß googeln sie nach dem Country-song, einer der Jungs glaubt, eine andere Stimme noch zusätzlich zu Megans zu hören. Wilde Spekulationen. Wird jemand mit Megan als Background-sängerin berühmt ohne ihr Wissen? Dann aber kommt die Katastrophe: Sie finden ein Video mit einem Mädchen, dass exakt den Song exakt so spielt und singt wie in Megans gesendeten Song.

Nev flippt aus.

Er versteht es nicht und zweifelt sofort fundamental an Megan. Die Jungs versuchen ihn zu beruhigen. Er möchte nie wieder mit ihr sprechen. Die Jungs fangen am Anfang an zu recherchieren. Bei Abby, dem kleinem Mädchen mit den Bildern, deren Familie ihr inzwischen in Michigan ihre eigene Fabrikhalle gekauft hat und ihre Bilder ausstellt. Nev kennt die Adresse der Gallerie, er hat einst von der Mutter einen Link mit dem Immobilienangebot gesendet bekommen, als die Familie sich zu dem Kauf entschlossen hat.

Sie googeln und googeln und schließlich ruft Nev den Immobilienbesitzer der damaligen Seite an und fragt, ob er das Gebäude kaufen kann. Das Gebäude stehe noch zum Verkauf, es sei seit 4 Jahren leer. Nev blickt wie ein Kind in die Kamera, wütend und ungläubig. Er ruft Megans Mutter Angela an und sie erzählt ihm von der erfolgreichen Gallerieeröffnung von Abby. Er kann gar nichts Wirkliches erwidern. Er sagt nur trocken, nachdem er aufgelegt hat: How can she lie to me? Like that?

Er beginnt sich vor der Kamera mit seinem Bruder zu streiten. Nev hat keine Lust mehr auf die große Dokumentation. Er wird patzig und fühlt sich ausgenutzt. Keiner weiß mehr, was echt ist und was nicht. Sind nur Teile echt? Kann sie einfach nicht singen und hat Aufnahmen aus dem Internet benutzt? Es ist klar, dass Nev verletzt ist. Sie streiten sich vor der Kamera. Ariel sagt seinem Bruder, er könne auch einfach aufhören. Jetzt sofort. Megan einfach im Nirwana des Netzes wieder verschwinden lassen. Nev kann nicht.

Die drei beschließen, nach Michigan zu fahren und bei Abby und ihrer Familie zu klingeln.

Amerika ist groß. Sie fliegen und müssen noch mal lange lange mit dem Auto fahren. Das ist keine Entfernung wie in Europa. Es ist, als würde Megan irgendwo in Sibirien wohnen. Um halb drei Uhr morgens kommen sie zu Megans Pferdefarm. Es findet im Briefkasten seine Postkarten, die er ihr geschickt hat, damit sie etwas Reales von ihm hat und nicht nur digitale Nachrichten. Keiner hat den Briefkasten geleert. Er sagt, dass sie da sein müsse, weil eines ihrer Stuten fohlen würde. Sie fahren auf die verlassene Farm, es gibt dort keine Pferde. Es gibt dort keine Megan.

Sie fahren in ein Hotel, Nev liest ihnen SMS vor. Es ist ihm peinlich, aber er lacht auch über sich. Zieht sich die Decke über den Kopf und die Nachrichten werden intimer. Alle lachen. So gehen also Jungs mit gebrochenen Herzen um. Werfen sich die Peinlichkeiten gegenseitig vor die Füße, um sich ihrer zu entledigen. Wenn ich einmal über mich selbst lache, dann habe ich mein Herz besiegt.

Sie fahren am nächsten Tag zu Megans Mutter. Nev hat Blumen gepflügt und für alle Geschenke gekauft, nur Kleinigkeiten. In der Kleinstadt fahren sie auch an dem Gebäude vorbei, das Abbys Galerie sein sollte, es steht noch immer leer. Im Haus von Megans Mutter ist jemand. Es macht eine Frau und ein Mann auf, hinter ihr kläfft ein großer Hund. Sie umarmen sich alle. Sie murmelt: Abby is not here.

Megans Mutter Angela nimmt alle Geschenke in Empfang. Sie sagt, Megan wäre auf ihrer Farm. Die Lügen kommen ganz beiläufig, es gibt keine große Katastrophe.  Nev kratzt sich am Kopf, er ist offensichtlich ausgestiegen. Die Kinder in diesem Haus sehen nicht aus wie die Kinder auf Facebook, niemand sieht so aus. Angela versucht Megan anzurufen. Die Kinder sind geistig behindert und machen komische Laute mit ihren Mündern. Angela sagt, sie selbst habe eine Krebsdiagnose. Deshalb habe sie sich wohl bisschen verändert. Die drei Jungs aus New York wirken wie aus einer Modezeitschrift ausgeschnitten, sie wirken neureich und postmodern, obwohl sie bis eben noch völlig normal ausgesehen haben, sogar bisschen schlampig, aber das Stöhnen der behinderten Kinder macht sie zu den Spielverderbern. In der Mitte des Wohnzimmers steht ein unfertiges Gemälde. Angela sagt, dass Abby daran gerade malt.

Jetzt möchte Nevs Bruder Ariel gehen. Er bekommt Angst. Angela schlägt vor, die Jungs zu Abby zu fahren. Nev möchte das. Die beiden anderen sehen sehr weiß um die Nase aus. Nev ist völlig ruhig und läßt sich von Angela noch mehr über Abbys Ausstellungen erzählen. die Jungs gehen zu ihrem Auto, um etwas zu holen. Sie flüstern sich zu, Ariel und Henry möchten wirklich gehen. Nev sagt, dass sie keine Dokumentarfilmer sind und zieht sie auf, jetzt müssen sie die Sache schon bis zum Ende durchziehen. Sie müssen bleiben, bis das Kartenhaus in sich zusammen fällt. Nev hält das aus. Er weiß, dass sein Herz bereits eine Narbe hat, die nicht mehr verheilen wird. Es macht nichts aus, noch mehr zu erfahren.

Angela fährt die Jungs zu einem Strandhaus. Abby ist mit einer Freundin dort. Es gibt das Mädchen tatsächlich und sie sieht aus wie auf dem Foto auf Facebook. Sie spricht nicht viel, die beiden Mädchen haben nasse lange Haare und wollen zurück in die Sonne. Abby und Nev umarmen sich. Das Mädchen ist offensichtlich verwirrt, aber scheint ihn schon zu kennen. Nev sagt, er halte sie für eine große Malerin. Die Freundin sitzt auf der Treppe, Angela scheint grad nicht da und da sagt die Freundin, dass Angela malen würde, aber Abby male nicht so viel. Dann springen die Mädchen auf und wollen in die Sonne, aber Nev fragt, ob Abby ihre große Schwester Megan noch sehen würde heute. Abby dreht sich kurz um und sagt, dass sie Megan nie sehen würde, weil sie gar nicht wisse, wo Megan sei. Megan sei schon eine lange Zeit verschwunden. Die beiden Mädchen stürmen endlich nach draußen. Nev zieht sich erst mal auf die Toilette zurück. Lügen sind hier beiläufig, Wahrheiten kommen ebenso beiläufig, nebenbei, als wären beide Dinge dasselbe, nur von der anderen Seite aus betrachte.

Die Mädchen sind immer um die Jungs und Angela, keiner sagt mehr groß was, sondern die Jungs beschließen, ein paar Photos zu machen und dann auch im See zu baden. Es sieht aus wie Long Island in den 20er Jahren, ist aber irgendwo in Michigan 2008. Megan textet Nev. Sie sagt, dass sie auch zu ihrer Mom komme. Die Jungs und Angela verabreden sich zum Abendessen. Angela flüstert: Don´t leave…

Im Auto stellen die drei wilde Vermutungen an. Sie sind sich sehr sicher, dass diese bisschen pummelige Frau mit den behinderten Söhnen und der quirligen untalentierten Abby in Wahrheit Megan ist. Sie glauben alle drei, dass nicht nur Nev sein Herz verloren hat. Die Situation ist traurig, sie alle wollen Angela nicht verletzen. Sie wollen sie sanft stoppen, keiner weiß, wie.

Beim Abendessen ist Abby dabei, sie sind in einer Kneipe, laute Musik spielt, Megan taucht nicht auf. Am nächsten Morgen bekommt Nev von Megan eine erschütternde Nachricht: Sie könne nicht zu ihrer Mutter, weil sie nicht wolle, dass diese von ihrer Alkoholsucht erfährt. Sie habe alles nicht hinbekommen. Sie habe die Pferde schon lange wieder verkauft und die Farm geschlossen. Sie entschuldigt sich und ist auf dem Weg, in eine Suchtklinik einzuchecken. Gleichzeitig bekommt Nev von einem Familienmitglied von Megan die Nachricht, dass Megan auf dem Weg zur Suchtklinik ist. Die Geschichte ist gut. Nev sitzt im Sonnenlicht und schüttelt den Kopf. Das Hotelzimmer ist einfach und sehr hell. Alles wirkt traurig.

Nev und Angela begleiten Abby zu ihrer Reitstunde. Nev streicht ihr vorsichtig über den Rücken und spricht ganz leise über ein ernstes Gespräch, dass sie führen müssen. Angela wirkt weinerlich. Sie möchte nicht, dass Nev, ein junger Mann mit der Statur eines Balletttänzers, eines Tages geht. Sie möchte, dass er hier weiter mit ihr auf Megan wartet. Ganz vorsichtig fragt er nach ihrer Tochter Megan. Ob er je mit ihr gesprochen habe? Nein, sagt sie, das habe er nicht.

Sie sind alle zurück in Angelas Haus und sie zeichnet eine Skizze von Nev und erzählt von der Erfindung einer ganzen Familie. Von allen Facebook-account, die sie erstellt hat. Von ihren Facebook-Beziehungen zueinander und davon, wer die echten Personen sind. Wie und von wem sie alles Photos geklaut hat. Eine entfernte Cousine, ein Mädchen aus dem Ort. Die Situation wirkt bizarr. Angela konzentriert sich immer wieder auf ihre Skizze und sagt, wie wunderschön Nevs Lächeln ist.

Dazwischen werden sie von den behinderten Kindern unterbrochen. Es kommt ein Einspieler vom Beginn der Dokumentation: Nev erzählt gerade in seiner Super-cute-Phase, was er von Angela hält, mit der er gerade das erste Mal telefoniert hat. Er sagt in die Kamera, dass es wohl eine wunderbare Frau sei, so wie die Kinder. Alle talentiert und wunderbar. Der Einspieler ist vorbei und man sieht, wie Angela sich um die Schwerbehinderten kümmert. Irgendwie ist sie auch wunderbar. Nur eben auch bizarr.

Angela und Vince haben genau eine Tochter zusammen: Abby. Für Nev war Abby die talentierte Malerin. Abby ist ganz normal. Sie macht in ihrem rosa Zimmer Blödsinn. Ihr Mann denkt, dass Nev ein Agent für Bilder ist und das er und seine Frau deswegen so viel Kontakt haben. Die Jungs lassen ihn in dem Glauben. Für ihn ist Nev ein Held. Die behinderten Kinder sind gar nicht Angelas Kinder, sie wurden von ihrem Mann in die Ehe mitgebracht.

Am Ende sieht man Angela weinen. Sie weint und sagt, alle diese Personen. Nevs Facebook-family seien Fragmente von ihr selber. Fragmente von Träumen, die sie nie zu Ende geträumt hat. Fragmente von Personen, die sie früher einmal war. Sie wollte Tänzerin werden.

Die Jungs sprechen vorsichtig mit dem Ehemann und er sagt: Doch, er wisse, dass Angela manchmal unglücklich sei, aber er frage dann, was sie wolle. You can´t have it all. You just can´t. Er erzählt die Geschichte von Dorschen, die lebend in großen Tanks transportiert werden. Sie werden faul und ihr Fleisch fahl. Deswegen gibt man ein paar andere Fische darunter. Er sagt catfish, zu deutsch Welse, ein sehr hässlicher Fisch, aber er ärgert die anderen Fische, er knabbert an ihnen und so bleiben die Dorsche aktiv, sie bleiben am Leben. Er meint es liebevoll und möchte so eine Metapher für seine Frau finden. Aber er kreiert damit einen Begriff für Personen, die romantische Beziehungen mit Menschen pflegen, die ausschließlich online stattfindet. Sie faken dabei Teile ihrer Onlinebiographie, oder sie erfinden sich und ihr Umfeld dabei komplett neu. Dieser Mann wollte bestimmt keinen modernen Begriff prägen, er wollte nur drei Jungs aus New York das Leben erklären. Ariel Schulman und Henry Joost haben ihre Dokumentation 2010 rausgebracht. Sie haben sie catfish genannt. Sie wurde ein Riesenerfolg.

Nev Schulman hat daraus mit MTV zusammen eine Serie entwickelt. Sie erzählen pro Folge die Geschichte einer Online-Beziehung und zu 90% ist am Ende des Tages ein catfish involviert. Die Serie geht dieses Jahr in die 3. Staffel.