Wer will jetzt noch nach Wien? Der Eurovision Song Contest und der Anti-Held

Andreas KümmertGestern rauschten durch meine abonnierten News-Feeds die Nachrichten über den Gewinner beim ESC Vorentscheid, der am Ende keine Lust auf die europäische Bühne hatte und kurzerhand den Titel abgegeben hat. Andreas Kümmert – who the fuck is Andreas Kümmert? Wenn der Typ wirklich wollte, dass alle ihn in Ruhe lassen, so hat er mal konsequent das Falsche gemacht – jetzt kenn sogar ich ihn….

Deutschland diskutieret also wieder – diesmal nicht über die Farbe eines Kleides, sondern über einen Anti-Helden.

Jetzt war ich doch neugierig und habe mir in der ARD mediathek  die ganze Soße angeguckt. Gestern im Bett. Eigentlich wollte ich nur die Schlussminuten gucken, aber dann war es doch irgendwie spannend. Mit dem Wissen, was passieren würde.

Wenn man weiß, dass der Kerl am Ende gewinnt und die Dollars hinwirft, dann erscheint die ganze Wahl als ein Witz um Barbara Schönebergs Korsett. Sie hat sogar einen Scherz über Griechenland gemacht, der unter die europäische Gürtellinie geht und lachend einen shitstorm vorhergesagt…pfff…kein Mensch interessiert sich morgen für deine lahmen Griechen-witze.

Es treten Musiker gegeneinander an: Erst 8, dann 4 und am Ende nur noch zwei. Die ersten Musiker treten auf, es ist  Mrs. Greenbird. Kenn ich nicht. Auch bekannt aus irgendeiner Castingshow, aber gaaanz *echt* versichert der Einspieler. Danach kommt ein deutsches Goldvögelchen mit modernen Schlager. Ich fange an zu zweifeln, ob mich das wirklich so interessiert alles. Bisschen geschockt bin ich über die Teilnahme von Faun.

Faun kenne ich. Das ist eine Mittelalterband, die ich mal auf einem Mittelaltermarkt gesehen habe und seitdem sehr gerne höre. Aber „Hörst du die Trommeln?“ wirkt eher wie eine archaisches Popversion aus dunkeldeutscher Historienmalerei als nach Mittelalter-Folk. Da gibt es schon um längen besseres…

Ja, und selbst die tanzenden Elfen, die man gerne in Mondschein-nächten am Rande einer Ruine hört, schicken sich an, einem breiterem Publikum ins Ohr zu kriechen. Da denke ich an Schleim, Schnecken und kriechendes Getier….

Die Wildcard tritt an. Ein Hosenanzug in rot, der schon für mediale Aufmerksamkeit gesorgt hat und ein durchgängiger Pop-Soul-Song. Massentauglich. Ideal. Bisschen wie eine erwachsene Lena Mayer-Landrut. Ohne die freche Klappe und mit einem divenhafteren Kajalstrich.

Ann Sophie gewinnt nicht. Sie will es unbedingt und hofft bis zum Schluß. Heult fast, aber ist in sich gefestigt. Andreas Kümmert gewinnt. Und in den letzten Minuten der Show sagt er, dass Ann Sophie viel besser geeignet wäre als er. Und verlässt die Bühne.

Barbara Schöneberger macht weiter. Man hört Buhs in der Menge. Ann Sophie versteht die Welt nicht mehr. Was für ein schnöder Sieg. Sie wird untergehen. Sie wird ewig das Mädchen bleiben, dass der Anti-Held als besser geeignet für die Scheinwelt Popgeschäft hält als sich selber. Ist das wirklich ein Titel, den man haben möchte? Wäre es nicht viel toller gewesen, wenn sie jetzt sagt, dass das jetzt wohl keine ordentliche Wahl war und auch einfach geht?

Aber sie frägt durch ihre Tonne an Schminke im Gesicht vorsichtig das buuuuuhhhhrufende Publikum: Wollt ihr das überhaupt?

Barbara ist genervt und sagt: Natürlich wollen sie das.

The show must go on. Und Ann Sophie steht im Glitterregen und singt ihren verunglückten Siegersong. Armes Mädchen. Weiß du nicht, was gerade passiert ist? Der Mann mit den meisten Stimmen hat gerade gesagt, dass er zu authentisch für den Glitterregen ist….was bedeutet es dann für den, der sich direkt danach darunter stellt? Dass er unauthentisch ist? Geeignet für die Scheinwelt? Stark genug, aus sich selbst ein lebendes Werbeplakat zu machen? Bedeutet es das große Geld?

Ich sitze heute morgen bei meinem Samstagskaffeenach Detlefs Plan ohne Zucker und Milch – und sinniere über Andreas Kümmert und alle Verlierer von Donnerstag Abend.

Ich mag den. Ich mag, wenn Menschen sich nicht so verhalten, wie sie sollen. Ich mag, wenn jemand mal Nein sagt und geht. Er hat sich damit wohl ein Denkmal gesetzt. Damit wird er nicht verschwinden aus dem medialem Fokus. Ich hoffe nicht, dass er sich jetzt wie Kurt Cobain erschießt. Ich hoffe es wirklich, dass jemand auf diesen Menschen ein Auge wirft. Denn da kommt er nicht mehr raus. Jetzt ist er ein Rätsel der moderne Welt. Etwas, dass uns schon immer interessiert: Wenn der Teufel kommt und sagt, er wolle deine Seele und gibt dir dafür unendlich viel Geld. Was macht du dann? Ich meine, was machst du dann wirklich? Nicht nur hypothetisch. Wir kennen alle diese Geschichte mit des Teufels Pakt…und bis jetzt hat noch niemand Nein gesagt. Sie alle sind schwach geworden. Nur Andreas nicht. Der hat Nein gesagt. Zum ersten Mal. DAS wird uns noch länger beschäftigen als die ganze Reihe der Jasager…

Ich finde aber gleichzeitig, dass er ja irgendwie die Kameras auch eingeladen hat. Er hat nunmal zugesagt, im Fernsehen aufzutreten. Ich hatte mal als Studentin ein Casting mitgemacht. Ich wußte nicht ganz, welcher Job das jetzt eigentlich sein soll, aber ich war plötzlich bei Prosieben im Münchner Outback gesessen und habe gedacht, es handele sich um einen interessanten Fernsehjob. Dann wurde ich reingerufen und ein entnervter Mann hat genuschelt, ich solle mich da auf den Stuhl setzten und mit ihm jetzt eine Situation nachstellen. Er werfe mir jetzt Sätze hin und ich solle mir dazu was ausdenken. Zuerst sollte ich traurig sein. Die Kamera ging an und ich habe gemurmelt: Tschuldigung, aber was für ein Job ist das jetzt genau? Ich dachte, sie suchen Hilfskräfte für eine Show.

Ja, hat er genervt geseufzt, wir suchen Laienschauspieler für unsere Gerichtssendungen oder für andere Reality-Doku-Formate. Da musste ich schlucken und habe mich selbst als kreischender fetten Teenager im Nachmittagsfernsehen gesehen. Mir wurde kalt. Ich bin keine Schauspielerin und will das auch nicht sein. Da habe ich ihn angelächelt und gesagt, da läge wohl ein Missverständnis vor, bin aufgestanden, habe ihm freundlich die Hand geschüttelt und bin wieder rausgegangen. Er hat mich sehr ungläubig angesehen. Das war mein Andreas Kümmert-Moment. Sehr viel kleiner und sehr viel unbedeutender, aber geht man nicht erst gar nicht hin zu den Kameras als hinterher darüber zu jammern?

Das ist wohl die Frage hier.

Ich bin mir darüber klar, dass meine Absage keine Absage an eine große Schauspielkarriere war. Ich habe abgesagt, verheizt zu werden und abgesagt, mich selbst lächerlich zu fühlen. Andreas Kümmert möchte Musik machen. Er kann das wohl auch, aber ohne seine Einstellung würde wohl kein Hahn mehr nach ihm krähen. Genial, wenn er das eigentlich will und ziemlich blöd, wenn er das tatsächlich nicht will.

Ich werde mir den ESC am 23.5. angucken. Wir werden mit unseren (*mommy war Thema*: Wann dürfen Kinder fernsehgucken?) Kindern wohl eine Party machen mit ungesundem Essen und einer aufgeklappten Wohnzimmercouch und uns das Ding reinziehen…

5 Kommentare

  1. Hi fadenvogel
    Ich selber habe diese Sendung noch nie verfolgt. Auch nicht bei uns in der Schweiz. Euer Anti- Star ist aber auch bei uns ein Thema.
    Deine Gedanken dazu finde ich gut. Die kann ich alle unterschreiben. Finde aber auch, dass dieser Andreas Kümmert sich vielleicht im Vorfeld überlegt haben sollte, was passiert wenn ich gewinne? Bin ich in der Lage das bis zum Ende durchzuziehen? Will ich berühmt werden?
    Vor allem bei so einem grossen Fromat sollte man sich der Konsequenzen bewusst sein.

    Übrigens, zu deiner Ablehnung in der Jugend. Das braucht auch Mut. Im Gegensatz zu Andreas Kümmert hast du noch im richtigen Moment die Notbremse gezogen. Diesen Mut sollten wir uns auf jeden Fall bewahren.
    lg Gabriele

    • fadenvogel

      7. März 2015 at 12:30

      Danke für die Blumen, aber das war kein soooo krasser lebensentscheidender Moment. Ich habe es auch fast wieder vergessen…Ich habe eher da so das Bild eines kleinen rosafarbenen Ferkelchens, dass beherzt vom Laster springt, bevor es in der Aldi-kühltheke landet und für 3 Sekunden eine Gruppe Halbstarker beim Grillfest beglückt…für das Ferkel vielleicht wichtig, aber für den erst der Welt keine große Sache…

  2. Weißt du, wer der DJ von Faun ist? Hihi.

    • fadenvogel

      7. März 2015 at 13:54

      Das hast du mir schon mal erzählt, aber ich hab´s vergessen…es war was lustiges, das weiß ich noch….und, wer noch mal?

  3. Ist es mutig? Ich weiß nicht … ich finde es eher feige. Letztlich ist er ja weggelaufen.
    Ich finde das nicht bewundernswert – er hat in der Situation alle im Regen stehen lassen. Hätte er sich eher entschieden (noch nichtmal vor der Teilnahme – aber vielleicht direkt, als er ins Finale kam), hätte er der Siegerin nicht den wirklichen Sieg geraubt. Sie hätte einen großen Moment haben können, den hat er ihr genommen und durch etwas mit schalem Beigeschmack ersetzt: „Eigentlich bist du nur die Nr. 2, ich bin besser, aber ich hab keinen Bock drauf, kannste haben, den Mist.“
    Hätte er NACH der Show erstmal in weniger öffentlichem Rahmen seine Entscheidung kundgetan, hätte er gemeinsam mit anderen entscheiden können, wie es weitergeht, und die Situation für andere (z.B. die Nr. 2) angenehmer machen können.

    So wirkt es ein wenig nach „Hey, mal sehn, ob ich es schaffen kann … und dann verpi*** ich mich.“
    Authentisch, vielleicht – aber auch ohne Rücksicht auf andere. Kein Vorbild, meiner Meinung nach.

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