Schlagwort: Umzug

Der letzte Eintrag…..nur für dieses Jahr

Jahresende im Sonnenschein2014 galt mein letzter Jahreseintrag einer TV-Serie. Ich habe bei amazon die Outlander-Serie gekauft und war zwischen den Jahren in den Highlands. Im Verlauf dieses Jahres lief das Ganze auch in deutsch, auch im Fernsehen, aber da musste ich mich fremdschämen. Bei manchen Serien ist es ganz gut, wenn man nur die Hälfte versteht. Ein wenig hab ich mich dann aber doch erschreckt: Das soll jetzt schon ein Jahr her sein? Und das Titelphoto des Eintrages zeigte einen Haufen Schnee.

Schneelandschaft

Gut, Schnee gibt es hier bis jetzt noch nicht. Heute saß ich an fast derselben Stelle, bei der ich letztes Jahr das Foto aufgenommen habe – ohne Jacke und im Sonnenstuhl.

Zu Jahresende ziehen die meisten Menschen ja ihre emotionalen Bilanzen aus dem Jahr. Was hat sich verändert ? Was ist gleich geblieben? Was wurde erreicht ? An was ist man so gescheitert? Wer ist gegangen ? Wer ist gekommen?

Das Gute an einem Blog ist ja, dass man so einige Sachen für sich Revue passieren lassen kann, die man so vielleicht vergessen hätte. Gut, einiges fällt einem auch so auf – ich wohne nicht mehr in einer Stadt, sondern auf dem Land. Wäre mir jetzt ohne Blog auch nicht entgangen. Ich sitze heute vor einem eigenem Haus. Krasse Kiste. Richtig angekommen bin ich noch nicht. Es fühlt sich alles noch ziemlich neu an. Ungewohnt. Hat noch keinen Tritt. Keine Geschichte. Ist ziemlich unwirklich. Aber deswegen bereue ich den Auszug aus München nicht. Nicht angekommen zu sein bedeutet nämlich nicht automatisch, dass man noch wo anders ist. Man ist halt dazwischen.

Wie nach einer Nacht richtig langem Schlaf, wenn man mit dem Kindern am Abend eingeschlafen und dann gleich liegengeblieben ist. Und dann wacht man um 5 Uhr morgens auf, ist völlig ungewohnt hellwach und überlegt sich: Was mach ich jetzt bloß? Und dann fällt einem ein, was man am Abend zuvor noch alles hätte erledigen müssen, dass man jetzt verpasst hat und wo das denn jetzt in diesen einen kleinen Tag noch reinpassen würde – mit dem Ergebnis, dass man am besten gleich aufsteht und loslegt.

Alles frisch, alles Chaos, alles überfüllt. Typisch Umzug.

Seit meine Kinder auf der Welt sind, mache ich jedes Jahr ein Fotobuch. Sie sehen es sich echt gerne an, denn es geht in diesem Fotobuch nur um sie. Ich lasse mit den Bildern des Jahres auch damit gleich im Dezember mein Jahr ein bisschen an mir vorüber gleiten. Dieses Jahr war der Titel ihres Buches: 2015 – das Jahr der Veränderungen.

Sehr originell für ein Kinderbuch für 3jährige – wo sich ja praktisch jedes Jahr so viel verändert, aber Stadt/Land und Kinderkrippe/Kindergarten waren dann doch erwähnenswerte Passagen.

Aber jetzt mal weg von den Kindern. Das ist schließlich mein Blog. Was hat sich 2015 für mich im kleinen geändert? Im Mikrokosmos, sozusagen.

Ich glaube, dass ich es ziemlich toll finde, dass meine diesjährige Frühlingsdiät so gut geklappt hat. Beim letzten Mal auf der Waage Mitte Dezember waren es doch immer noch 12 kg weniger als zu Beginn des Jahres. Ohne es zu wollen, mache ich tatsächlich jedes Jahr in der Frühlingszeit irgendeinen Diäten/Erährungsversuch, aber dieses Jahr hat es sehr nachhaltig geklappt.

Ich bin dieses Jahr echt wenig zum Lesen gekommen. Im Jahr 2014 hatte ich noch 18 Bücher in meiner Liste, dieses Jahr sieht es nach sehr viel weniger aus. Aber nach dem letzten Rush mit Dark Canopy hatte ich echt keine Lust mehr, mich so fesseln zu lassen. Da war dann erst mal Pause angesagt.

In 2016 werde ich im Frühjahr eine große Prüfung für mich ablegen. Bei der Industrie- und Handelskammer. Das klingt jetzt für jemandem im Studium nach einer kleinen Nummer, aber ich lerne praktisch nachts. Mit den Jahren und Kindern und Haushalt und Job und Haus wird es immer schwieriger, sich Zeit raus zu schaufeln. Das ging früher einfacher. Jetzt kapsle ich an jeder Ecke ein bisschen Zeit für die IHK ab und hoffe, es wird reichen. Wenn diese Prüfung rum ist, dann ist mir ein ganz schön großer Klotz vom Bein abgefallen. Dieses Jahr war der erste Teil der Prüfung. Nächstes Jahr der zweite, dann ist auch mal gut.

Die Begegnungen veränderten sich. Ich habe lange in der Wohnung gewohnt, aus der ich von München gegangen bin. 10 Jahre oder so. Eine lange Geschichte. Mit sehr vielen Höhen und sehr vielen Tiefen. Meine Nachbarn dort habe ich zu manchen Zeiten regelrecht gehasst. Die Enge war wie ein Dorf. Von Großstadtanonymität keine Spur. Wir haben gestritten, waren falsche Schlangen, haben Wein getrunken und dann wieder gestritten. Ein anstrengendes Haus. Jetzt sehe ich nicht mehr morgens meine Nachbarin mit den Leopardenschuhen, sondern die Berge. Kann man als Verbesserung werten. Meine Blogparade 2015 zu den alltäglichen Begegnungen würde heute anders ausfallen. Aber es gibt sie inzwischen, die Begegnungen.

Kommt man an einen neuen Ort, zu einer neuen Arbeit, zu neuen Kollegen, zu fremden Müttern und setzt sich an einen Tisch, so ist es ein bisschen so, als ob man eine Serie ansieht und mitten drin erst eingestiegen ist. Nicht jeden Namen kennt man, nicht jede Geschichte sagt einem was, man versteht nicht jeden Witz. Oft sitzt man stumm da und hört zu. Versteht einfach noch nicht alles. Aber das macht mir im Gegensatz zu früher keine Angst mehr. Das ist wohl die größte Veränderung, die ich bemerkt habe an mir. Es macht mir nichts aus, nicht zum altem Schlag zu gehören. Obwohl ich mich heimisch bei den Frauen hier fühle, gerne mit ihnen spreche und es mich freuen würde, zu ihren Freundinnen zu zählen. Aber ich weiß, dass ich neu bin und viele hier bereits miteinander zur Schule gegangen sind. Mit Mitte 20 habe ich den Wegfall von meinen besten Freundinnen aus der Schulzeit immer als Manko empfunden. Ich war diejenige, die eben keine Schulfreundinnen hatte. Keine beste Freundin aus der Kindheit mit auf meiner Party saß. (Wir kennen uns schon ewig. Sind die allerbesten Freundinnen und kennen alle Geheimnisse. Wir sind *kicher* wie Schwestern.) Jetzt nicht falsch verstehen, ich habe alte Freundschaften und die bedeuten mir auch was, aber ich mache auch ziemlich gerne Sachen alleine. Oder ich muss nicht immer alles erzählen. Oder ständig was erleben. Und werte Freundschaften nicht mehr nach der Zeit, sondern irgendwie anders. Nach Gesten; Dingen, die mir gefallen; Sätzen; Gesprächen – ich muss nicht mehr mit jemanden 10 mal betrunken gewesen sein und ihn mein halbes Leben lang kennen, um ihn einen Freund zu nennen. Ich nehme die Menschen heute eher aus dem Bauch heraus. Kann lange Funkstille vertragen, glaube an die Freundschaft auf den ersten Blick (!) und nehme es nicht mehr übel, wenn ich merke, dass Menschen von mir nicht genauso begeistert sind wie ich von ihnen. Ich bin irgendwie zufrieden mit meinem Leben.

 

 

Bad Tölz … unerträglich schön? …erste Stadtgeschichten

Bad Tölz unerträglich schönEs hat sich ausgebadet in Bad Tölz.

Tölz ist eine alte Stadt, aber das *Bad* im Namen hat sie erst seit 1899. Mitte des 19.Jahrhunderts wurden Jodquellen gefunden – eine Goldquelle in Zeiten der Kurkultur. In den 70ern kam der Spaß dazu. Das Alpamare. Vielen ein Kindheitsbegriff. Für alle, die es nicht kennen: Das Alpamare ist ein Spaßbad, mit Rutschen und Wellenbad.

Doch dem Badeparadies geht es seit langem schlecht und so schließt es seine Tore dieses Wochenende. Epochales Ende.

Das Video zeigt ein paar Ausschnitte zum Alpamare und der Stadtgeschichte, allerdings ist die Geschichte des Jodquellenhofes hier zu eindimensional erzählt. Der Jodquellenhof ist das angrenzende Hotel des Alpamares. Im Moment ist es eine Flüchtlingsunterkunft,aber da spielen wohl viele Interessen eine Rolle. Und diese sind völlig losgelöst von dem Thema *Flüchtlinge*. Es geht um Baurecht. Man will auf diesem Gelände mehr als ein Hotel machen, aber es ist nur für touristische Nutzung freigegeben. Eine Unterbringung von sozialen Wohneinrichtungen wie ein Flüchtlingsheim könnte den juristischen Weg für geändertes Baurecht mit sich ziehen.
Der Stadtrat stimmt also dagegen und reichte Klage ein, nicht, weil man befürchtete, die 150 Menschen könnten einem touristischen Stadtbild schaden, sondern weil der Eigentümer des Geländes damit vielleicht in der Zukunft sein Wohngebiet entwickeln darf. Zwischenstation *Flüchtlingsunterkunft* in einem Streit über Wer Was wohin bauen darf. Wer wie wo was bauen darf ist ein sehr beliebtes bayerisches Streitthema. In fast allen Familien, die ich hier kenne, ist das Thema Baurecht ein großes.
Manchmal glaube ich in den Zwischentönen von Gesprächsfetzen um den Jodquellenhof etwas Negatives zu hören, aber ein wirkliches Thema *Flüchtlinge im touristischen Kern der Stadt* erkenne ich nicht. Des is halt jetzt so. Die armen Leit müssen ja a irgendwo hin.

Jodquellenhof August 2015
Ich gehe am Jodquellenhof täglich vorbei. Am Anfang habe ich gar nicht gecheckt, dass es kein Hotel mehr ist. Erst als aus einem Fenster eine bunte Bettwäsche hing, hab ich kurz gedacht, dass dieses altehrwürdige Hotel keine blütenweiße Bettwäsche hat, ist schon komisch. Dann hat mir jemand erzählt, dass dort Asylsuchende leben. Ah, deswegen die normale Bettwäsche.

Jetzt sind mehr Kinder hier, im guten Badeteil. Letztens war ein kleiner Junge mit Rollschuhen unterwegs. Mein einer Sohn hat mich aufgeregt gefragt, wie das heißt, was der rote Junge dort macht. Er hat *roter Junge* gesagt, weil der Bub ein knallrotes T-Shirt trug. Das war für ihn das markanteste Merkmal, dass ich auch verstehen würde und ihm das Prinzip *Rollschuhe* nun erklären könne. Ich musste kurz lächeln. Er hat nicht *schwarzer Junge* gesagt und irgendwie denke ich, dass dies genau der richtige Ansatz ist.

Aber das neu belegte Hotel ist hier gar nicht der Stein des nachbarschaftlichen Aufruhrs. So scheint es mir.

Im angrenzenden wohl gepflegten Kurpark werden regelmäßig Hochzeiten gefeiert. Für die Nachbarn mit den ersten Pläuschchens ist das wohl der Kern des Übels. Ich werde auf die bevorstehende Ü-30-Party vorbereitet. Eine unglaubliche Geräuschkulisse soll es sein. Nun gut, im Kurhaus vor meinem Fenster feiert man im erzkatholischen Bayern auch gerne Freitags seine Hochzeit und alle Bräute machen mit ihrer Festgemeinde exakt das gleiche Bild auf jener kleinen Treppe. Eine Collage der Hoffnung kann man daraus basteln, wenn man diese Fotos alle hätte. Immer im gleichen Winkel, mit wechselnder Besetzung.
Kurpark Hochzeitstreppe

Ich muss da gedanklich immer kurz einwerfen, dass ich neben der Wiesn gewohnt habe, aber vielleicht schockt mich diese Ü-30-Party tatsächlich. Die vielen Hochzeiten haben mich noch nicht aus der Fassung bringen können.

Ansonsten findet man neben dem Tölzer Wahlspruch Wellness und gelebtes Brauchtum auch die Kräuterkundler, Yogastudios, Jazz und Veganes Touristenangebot als Tölzer Veg…jaja, es wird lustig hier. Die modernen Hippies, die bio kaufen, Kräuter zu medizinischen Tees verarbeiten und vegan leben, sind also schon hier.

Bad Tölz unerträglich schön 3

Aber nicht alles ist schön. Ich erkenne Risse und in den Rissen liegen die interessanten Geschichten.

Bad Tölz unerträglich schön 2
Ein Postkartenidyll hat eben nicht mehr Zeilen verdient als eine Postkarte groß ist. Aber nicht alles ist geleckt, nicht alles ist Zucker. Genau auf diese Risse, Ecken und Kanten werde ich mein Interesse lenken. Ein Besuch im Stadtmuseum steht an, ein Blick auf die Mystifizierung der 90er Jahre Fernsehserie *Der Bulle von Tölz*, einen Stadtrundgang mit seiner Selbstinszenierung. Das Mehrgenerationenhaus und sein soziales Engagement, die Kirche. Ihr seht, ich habe zu tun in einer bayerischen Kleinstadt am Fuße der Alpen.

Am Sonntag gehen wir erst mal seit Jahren wieder ins Theater. Letztes Jahr habe ich ja schon über Wolfgang Ramadan geschrieben. Dieses Jahr hat er ins Kurhaus Kälberbrüten gebracht – frei nach Hans Sachs, einem Poeten aus dem 15.Jahrhunderts. Ein Gag-Feuerwerk soll es werden. Wie viel ich gelacht habe, werde ich hier schreiben.

Abschied von München

Bad Tölz IsarNun sind wir weg. Weg aus München, raus aus der Wohnung. Der Abschied war kurz. Mit sonnigem Wetter die Straße entlanggefahren und abgebogen. Mein Kiez mit der Stadtbibliothek und dem Verkehrsmuseum, der Westpark und der Grieche um die Ecke. Ich kannte die Menschen hier. Die Zufälligen. Und man hat mich gegrüßt, ein Pläuschchen gehalten, die Kinder zusammen spielen lassen.

Ich mag München wirklich.

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Aber mein Herz weint nicht.

Die Anmeldung in Bad Tölz hat genau 10 Minuten gedauert. Da lacht man als Münchner bisschen, wenn man sich erinnert, dass man für die Abholung eines Reisepasses gerne mal einen Vormittag einplanen musste. Die Beamtin gibt mir eine Einladung. Für Neubürger eine Brotzeit, sagt sie.

Bei der Stadtbibliothek München habe ich noch Schulden, ich schreibe eine Mail und bekomme keine Antwort. Ich rufe an und die Frau am Ende der Leitung lacht und sagt, dass mir bestimmt bald die Decke in Bad Tölz auf den Kopf fällen würde und ich dann schon wieder herkommen könne, um die Kosten auszugleichen. Na, wenn sie meint. In Bad Tölz habe ich auch als erstes einen Ausweis für die Bibliothek machen lassen. Ich suche den automatischen Bücherzurückgebekasten. Die Bibliothekarin schaut mich irritiert an. Sie leihen die Bücher hier bei mir aus. Wie, per Hand? So mit Personal? Krass. Wie beschaulich.

München wäre mir ja zu hektisch, sagt eine Freundin vom Land. Hektisch? München ist nicht hektisch. München ist bio, business und big. Und zwar so big, dass man als Münchner auch selten sein Stadtviertel verlässt. Hier fahren die Menschen kreuz und quer. 30 km für ein Abendessen? No problem.

Man sieht aber irgendwie, dass du aus München bist. Ehrlich? Vielleicht. Ich bin die einzige Mutter, die ihre Kinder hier mit dem Fahrradanhänger durch die Gegend fährt. Alle anderen nehmen das Auto. Ok, Bad Tölz ist in den Bergen und ich habe mein Fahrrad gegen das alte Mountainbike meines Vaters getauscht, aber ich seh nicht ein, warum ich die 500 m mit dem Auto fahren sollte. Das mach ich dann, wenn es schneit. Wenn überhaupt. Die Fußgängerzone ist steil und die Caféhauskellner lächeln mich bisschen bescheuert an, wenn ich den Fahrradanhänger samt Fahrrad hinaufschiebe. Diese bekloppten Touristinnen, sehe ich in ihren Augen.

Meine Kinder werfen Steine in die Isar und um uns herum ist eine Mischung aus Tagestouristen und den Flüchtlinge aus dem nahem Heim. Der Unterschied ist nicht auszumachen. Ich weiß nicht, wen ich ansprechen soll und bleibe für mich. An einem Ort anzukommen dauert seine Zeit und ich vermisse die Pläuschchens am Wegesrand.

Aber das war nicht München, das war ich. München ist eine Stadt aus Steinen, mit Preisen in den Himmel und kaum Platz für Kinder. Bad Tölz ist auch nur aus Steinen gebaut.

Also wird das kommen, sage ich mir.

Flüchtlingselend vor der Haustür

Flüchtlinge_DeckenWir sind am Ausräumen, Wegräumen, Einpacken und Sortieren. Ich habe ganze Kisten voller Sperrmüll, so denke ich zumindest von den alten Kissen, den Matratzen der Kinder, den ausgebrannten Pfannen und den angeschlagenen Vasen. Ich befreie mich und wie es in diesem Viertel üblich, stelle ich die brauchbaren Sachen nach draußen. Klar, die Matratzen der Kinder nicht. Die nimmt eh keiner mit.

Mit der Zeit werde ich mutiger und lege jetzt doch die Kissen in einen Karton vor der Tür.

Zwei Frauen und ein junger Mann nehmen sich die Kissen schnell. Der junge Mann ist ein halb ausgewachsener Teenager, er sieht gut aus. Ich stelle gerade eine neue Kiste ab und spreche ihn an. Er sieht mir nicht in die Augen und redet mit den beiden Frauen in einer anderen Sprache. Ich spreche oft die Menschen vor meinen Kisten an mein Mann ist schon ein bisschen sauer, weil ich den ganzen Tag *plaudere* aber so haben die Leute ein besseres Gefühl beim Mitnehmen der Dinge. Außerdem macht es mir Spaß, komme halt doch aus einer Kaufmannsfamilie. Wir quatschen halt. Also quatsche ich den schönen Jungen auch an, aber er schnappt sich die Kissen und geht schnell weiter. Da erkenne ich die beiden Frauen, ich habe sie schon einmal im Viertel gesehen.

Damals haben sie Mülleimer durchsucht. Ich bin mit dem Auto vorbeigefahren und habe einen kurzen Blick darauf geworfen. Sie sind obdachlose Flüchtlinge in einem der schicksten Städte dieses Landes. Ich konnte nicht anderes, ich habe neben Mitleid und Teilnahmslosigkeit auch kurz darüber nachgedacht, was sie von meiner Parterre-Wohnung alles klauen könnten. Mein Fahrradanhänger ist nicht abgesperrt. Sollte ich zurückfahren, und ihn absperren? Mein Mann hat mit den Augen gerollt. Wieso sollten sie einen Fahrradanhänger klauen? So ein Käse. Die klauen bei uns gar nichts. Sie haben auch nichts geklaut. Ich habe nicht mehr an sie gedacht, aber mich sehr wohl geschämt. Gedanken sind manchmal heimtückische kleine Mistviecher. Sie beißen einen ohne Vorwarnung und dann ist man hinterher ganz erschrocken und schiebt sie zur Seite.

Diese Episode als vorbeifahrende reiche Westeuropäerin mit Angst vor klauenden Flüchtlingen ist mir also heute wieder eingefallen, als ich die beiden Frauen traf, heute vor meinen Kisten mit den schicken brauchbaren Sachen. Sie sprechen mich an und sagen: Decken. Haben Decken? So kalt im Park. Schlafen Park. Ich sehe auf meine ausrangierten Vasen herunter, die Vorhänge haben sie sich schon genommen. Ich bezweifle, dass meine selbstgenähten Kinderzimmervorhänge in einem neuen Kinderzimmer hängen. ich glaube, meine Kinderzimmervorhänge werden im Park sein. Ich renne zu meiner Wohnung zurück und bringe die alten Kindermatratzen. Ein bisschen ist es mir peinlich. Diese Matratzen sind für mich Sperrmüll. Ich habe sie noch nicht einmal rausgestellt, da in meinem reichen hippen Is-des-bio?-Viertel kein Mensch alte Kindermatratzen mitnimmt.

Die beiden Frauen freuen sich, sie klatschen in die Hände und fragen dennoch noch mal. Decken? Ich sehe, dass ihr Zähne faulen und sie dünnes fettiges Haar haben. Ich sage, dass vielleicht in den Kissen, die der Junge mitgenommen hat, Decken drin sein könnten. Ich weiß, dass ich eingige Kissen damit ausgestopft habe. Sie nicken. Mein Mann zieht mich kurz weg und wir durchsuchen nochmal unsere Wohnung. Ich wollte mich eh von Bettwäsche trennen. Ich habe so einen unüberbrückbaren Haufen an Bettwäsche und benutze eh immer zwei. Mein Mann zieht die alte Bettwäsche von meiner Bettdecke. Du wolltest die Bettdecke doch eh nicht mehr haben. Ja, das stimmt. Ich wollte nach dem Umzug eh eine andere benutzen. Meine alte Bettdecke ist bio, von Hessnatur, irgendein Kamelhaar. Ich habe es vergessen. Ich bringe alle Sachen nach draußen.

Die Frauen lachen, sie freuen sich wirklich. Die eine sagt Gott wird gleichmachen. Ich verstehe, was sie meint. Vergelts Gott. Vergelte es Gott. Ein Dankspruch in Bayern. Ich wünsche ihnen alles Gute und bin dennoch wie erstarrt. Ich bringe ihnen Ikea-Plastiktüten, um das ganze Zeug zu verstauen. Sie lachen mich an und winken. Ich weiß, dass es München nicht gefällt, wenn sie irgendwo ein Lager aufbauen mit Kindermatratzen und bunten Vorhängen. Die eine überzieht meine alte Bettdecke mit einem der Laken und redet auf die andere in einer mir nicht zu erkennenden Sprache ein. Ich frage, was sie im Winter machen, aber sie winken mir und überqueren die Strasse.

Ich habe heute viele Menschen getroffen, mit vielen gesprochen. Einige Eltern haben mit mir lachend Zukunftspläne ausgetauscht, gefragt, wo wir hinziehen. Andere haben verstohlen in unseren Sachen gekramt. Ein junges Paar hat sich gestritten. Sie wollte nicht, dass er die eine Vase mitnimmt. Ein alten Mann hat sich Reisematten genommen. Eine bisschen verrückte alte Dame hat mich gefragt, ob ich für die Stickerhefte ihre alten Moccatassen haben möchte. Aber die beiden Frauen stecken mir in den Knochen. Vor allem wegen meinen ersten Gedanken ihnen gegenüber. Ich schäme mich immer noch.  In dem Bett, in dem ich gestern nacht schlief, schlafen sie heute. So kurz ist eigentlich unser Abstand.

Die Dinge gehen lassen: umziehen und ausräumen

Bücher ausräumenIch lebe schon lange in dieser Wohnung, ich erwähnte es bereits. Aber unsere Tage hier sind gezählt. 6 Wochen noch und es ist vorbei mit dem Münchner Leben. Wohin es geht, wird folgen. Nun kümmere ich mich erst einmal um das Ausräumen: Schicht um Schicht. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Wochen hier viel um Vergangenes gehen, dass ich aus dieser Wohnung herauskrame. Mein Ziel, langsam mich von den Dingen, die um mich herumstehen, zu befreien, hat nicht geklappt. Wir haben immer noch viel zu viele Sachen, Gegenstände, Staubfänger, Vergessenes, Abgelegtes.

Meine erste Aufgabe ist das Bücherregal. Lange schon schleiche ich da herum. Ich habe Bücher, die ich gesammelt habe. Margeret Atwood, Milan Kundera und Jack Kerouac. Ich mag Kochbücher und Nähbücher. Ich habe sehr alte Bücher und einige neue Fantasy-reihen. Ich mag meine Bücher und trotzdem sind sie übrig geblieben. Die meisten auf jeden Fall. Ich sehe sie mir nicht mehr an, ich lese auch nicht mehr darin. Sie stehen einfach nur im Regal und seit einiger Zeit beruhigt mich das nicht mehr, es belastet mich. Ich habe Bücher aus meinem Studium, aber ich habe diese Zeit schon abgeschlossen. Ich möchte nicht mehr die vergangene Zeit in Form von Büchern konservieren.

Einen Teil habe ich verkauft. Wirklich gelohnt hat es sich nicht.

Den nächsten großen Teil stelle ich in kleinen Häppchen vor die Türe und beobachte die fremden Menschen, die darin kramen und sich ein Buch mitnehmen. Irgendwie finde ich das plötzlich wunderschön. Die Vorstellung, dass meine Bücher in vielen verschiedenen fremden Bücherregalen in diesem Viertel bleiben, während ich weg gezogen bin. Als würde meine Zeit hierbleiben. Verstreut. Irgendwas lässt man immer zurück.

© 2019 Fadenvogel

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