Schlagwort: Minimalismus

Die Dinge gehen lassen: umziehen und ausräumen

Bücher ausräumenIch lebe schon lange in dieser Wohnung, ich erwähnte es bereits. Aber unsere Tage hier sind gezählt. 6 Wochen noch und es ist vorbei mit dem Münchner Leben. Wohin es geht, wird folgen. Nun kümmere ich mich erst einmal um das Ausräumen: Schicht um Schicht. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Wochen hier viel um Vergangenes gehen, dass ich aus dieser Wohnung herauskrame. Mein Ziel, langsam mich von den Dingen, die um mich herumstehen, zu befreien, hat nicht geklappt. Wir haben immer noch viel zu viele Sachen, Gegenstände, Staubfänger, Vergessenes, Abgelegtes.

Meine erste Aufgabe ist das Bücherregal. Lange schon schleiche ich da herum. Ich habe Bücher, die ich gesammelt habe. Margeret Atwood, Milan Kundera und Jack Kerouac. Ich mag Kochbücher und Nähbücher. Ich habe sehr alte Bücher und einige neue Fantasy-reihen. Ich mag meine Bücher und trotzdem sind sie übrig geblieben. Die meisten auf jeden Fall. Ich sehe sie mir nicht mehr an, ich lese auch nicht mehr darin. Sie stehen einfach nur im Regal und seit einiger Zeit beruhigt mich das nicht mehr, es belastet mich. Ich habe Bücher aus meinem Studium, aber ich habe diese Zeit schon abgeschlossen. Ich möchte nicht mehr die vergangene Zeit in Form von Büchern konservieren.

Einen Teil habe ich verkauft. Wirklich gelohnt hat es sich nicht.

Den nächsten großen Teil stelle ich in kleinen Häppchen vor die Türe und beobachte die fremden Menschen, die darin kramen und sich ein Buch mitnehmen. Irgendwie finde ich das plötzlich wunderschön. Die Vorstellung, dass meine Bücher in vielen verschiedenen fremden Bücherregalen in diesem Viertel bleiben, während ich weg gezogen bin. Als würde meine Zeit hierbleiben. Verstreut. Irgendwas lässt man immer zurück.

der Friedhof der Marmeladengläser

Fast jede Woche trage ich nun Dinge aus meiner Wohnung und stelle sie vor die Türe, damit ein anderer sie nehmen kann. Heute morgen waren es ein Kerzenhalter, den ich insgesamt vielleicht zehn Mal benutzt habe, eine Uhr, die wegen ihrer Ticktack-Geräusche nie von mir aufgezogen wurde, ein Bilderrahmen mit abgebrochenem Feenflügel in braungelb und eine Postkarte mit einer Eule drauf. Keine zehn Minuten später war der ganze Karton verschwunden.

Mein Freund trägt den vor Monaten kaputt gegangenen Drucker zum Wertstoffmobil. Vor Monaten kaputt gegangen. Man läßt die Dinge einfach stehen. Der Drucker ist hinten im Schlafzimmer langsam eingestaubt worden. Wir haben Sachen drauf gestellt. Ihn manchmal als Ablage für Briefe benutzt. Völlig sinnlos. Wir haben uns einfach nicht mehr mit ihm beschäftigt. Wir haben ihn vergessen.

Das Projekt Minimalismus fordert mich. Es ist echt erstaunlich, dass es mir vor dem Weggeben ein bisschen schwer fällt und ich sehr wohl Diskussionen mit mir habe (und mit meinem Freund, vor allem wegen dem Kerzenhalter, der Drucker und das Wertstoffmobil war seine Idee. Manchmal muss man Dinge einfach wieder anpacken), aber ich danach keinen Gedanken mehr daran verschwende. Grad fiel es mir schwer, mich jetzt genau zu erinnern, was in dieser Kiste von heute morgen überhaupt war.

Minimalismus Die Dinge sind erstaunlich. Ich weiß gar nicht, wozu ich so viele Einmachgläser gesammelt habe. Ich koche gar keine Marmelade ein. Ich koche auch sonst nichts ein. Ich fand das Einkochen nur immer eine gute Idee. Vorsorglich haben wir alle Marmeladengläser ausgespült und im Haushaltsschrank gesammelt. Es ist eine riesige Kiste geworden. eigentlich etwas Schönes, eine nachhaltige Idee, aber es passiert nie. Ich habe nun alle aussortiert und vier behalten. Diese vier sind für den Moment, da ich diese wunderbare Idee des Einkochens doch noch aufgreife. Sollte ich das innerhalb einer bestimmten Zeit nicht mehr machen, so werde ich auch diese weggeben und aufhören, Marmeladengläser zu sammeln und einfach zugeben, dass ich nicht einkoche.

 

 

© 2019 Fadenvogel

Theme von Anders NorénHoch ↑