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Das weiße Land – von Autos, Winterdiensten und der königlichen Elternschaft

WinterdienstEs schneit. Endlich, sagen einige. Von anderen hört man gar nichts mehr. Die sind wohl eingeschneit. Letztens habe ich bei Sonnenschein noch ein Fachgespräch unter Müttern mitgehört – über Schneeschaufeln. Wo man welche kriegt – und wo sie bald ausverkauft sein könnten. Man erinnere sich da an ein Jahr, da waren Schneeschaufeln mal Mangelware. Eine Horrorvorstellung.

Ich kenne Schneeschaufeln. In München schippt man auch. Aber da ist es eher eine Frage der nassen Füße. Bis man aus seinem Hinterhaus hervorgekrochen ist und die öffentliche Straße betritt – Tonnen an Streu liegen da rum. Und dann die Sache mit den öffentlichen Verkehrsmitteln! Kaum etwas, was bei Schneefall nach Plan fährt. Die Bahn gesteckt voll. Ein Geruch aus Wollfilz, Schweiß und Matsch. Die Viren schwirren dann so dicht, dass man das Gefühl hat, man könne sie sehen.

Schneeschaufeln haben aber nie existenzielle Sorgen ausgelöst.

Hier sind Schneeschaufeln eng mit der Frage verknüpft, ob man das Haus verlassen kann oder nicht. So generell. Jetzt mal wurscht, ob man dazu nasse Füße hat oder nicht. Denn das Auto muss aus der Garage kommen. Wenn es denn eine Garage hat und nicht unter einem Haufen Schnee liegt. Bei anderen fahren Landwirte mit Traktoren rum und räumen. Bei uns auch. Wir müssten wohl um 5 Uhr morgens aufstehen, wenn wir mit der Hand schippen müssten. So den Erstschnee. Ganz ohne Schippen geht nicht, aber nicht existenziell. Ich bin mir sicher, ich begegne aber Menschen im Kindergarten, die bereits eine Stunde geschnippt haben.

Klar, es gibt einen Bus. Der fährt so zwei Mal am Tag. Also nehmen die meisten das Auto.

In einer Großstadt eine völlig unsinnige Wahl der Fortbewegung, aber hier kann man Autofahren ohne je einparken zu müssen. Natürlich hat der Kindergarten einen Parkplatz. Gibt es denn Kindergärten ohne Parkplatz? Muhaha, ich hab bis jetzt keinen MIT gesehen, aber gut.

Trotzdem fällt es einigen Eltern schwer, diesen auch zu benutzen. Da muss man nämlich vom Parkplatz noch 10 Meter gehen. Also direkt vorm Eingang geparkt. Dieses Verhalten – verboten und saugefährlich – erschließt sich mir zwar nicht, aber das ist wohl ein kultureller Unterschied. In München hält man jeden Parkplatz für *in der Nähe*, wenn er in einem Radius von 500 Metern vom Zielort liegt. Wobei kultureller Unterschied jetzt bös formuliert ist. Es parken nicht Land vs. Zugezogene richtig oder falsch, sondern eher die Fraktion der königlichen Elternschaft – und die ist bunt gemischt. Und ich glaub, jeder, der sich unter Eltern bewegt, weiß, wer unter ihnen die Königseltern sind.

Am Land hab ich mein Auto lieben gelernt – obwohl es eine Diesel-Drecksschleuder ist. Ich kenne auch inzwischen die Leuchtlampe, die angeht, wenn er am Rutschen ist. Da haben wir dann beide ein bisschen Angst, aber er macht das schon. Und ich habe Automatik. Aber inzwischen kann ich die Automatik abschalten und wieder mit Gang fahren – hilft, wenn der Motor bremsen soll und nicht die Bremse. Ist in hügeliger Landschaft mit gefrierender Nässe eine äußerst beruhigende Funktion. Hab ich bis jetzt nicht geschnallt, wozu das gut sein soll. Automatik abschalten? Wer macht das schon? Aber in den letzten Tagen ist es auch mir klar geworden.  Mein Auto und ich halten sich immer an die Geschwindigkeitsbegrenzungen – und jetzt fahren wir eh im Schneckentempo. Manchen hinter uns macht das ja fertig. Aber das ist mir egal. Und Wuppi auch. Er und ich wissen, dass er sauschnell kann. Aber wir wollen nicht. Es ist einfach gefährlich. (Ja, mein Auto hat einen Namen. Er heißt Wuppi – weil er alles wuppen kann) Aber die geübten Landfahrer sehen das wohl noch nicht als apokalyptische Zustände hier an und kleben manchmal ungeduldig an mir dran. Ich steig gleich aus und huste euch ins Gesicht, ihr Pisser. Auch von dem Arsch eines Autos sollte man Abstand halten. Fahr halt früher los, wenn´s dir ned ausgeht alles.

Ich sehe an meinem Hügel gefühlt alle Stunde den Schneepflug räumen – ich winke immer, wenn ich grad draußen bin. Der Fahrer winkt belustigt zurück. Ohne den Räumdienst wäre hier Essig. Ich könnte praktisch gesehen nicht mehr weg. Kein Job, kein Kindergarten, kein Essen – nix. Wie so ein kleines Element wie der orangefarbene Winterdienst das Zünglein an der Waage sein kann – ob mein Leben funktioniert oder nicht. Ihr versteht, Ich winke immer und lächle dabei. Der Fahrer friert sich wahrscheinlich den Arsch ab. Mein Held.

 

 

Adventskranz selber binden

Adventskranz HeaderKindergarteneltern erinnern mich an Klassenkameraden – mit manchen freundet man sich an, andere würde man auf der Strasse nicht wieder erkennen. Und ab und an gibt es dann Aktionen. Diesen Freitag werden Adventskränze in der Kirche verkauft. Diese Adventskränze werden von den Kindergarteneltern vorher gebunden…but, let´s face it: diese Kränze werden von den Müttern vorher gebunden. Nun gut, ich hatte Zeit und habe mich eingetragen. Ich habe zwar noch nie einen Adventskranz gebunden, aber man sollte sich die Dinge ja immer erst grundsätzlich angucken. Im Hinterkopf meines städtischen Ichs muss ich aber zugeben, dass ich die Vorstellung von klassischen Adventskränzen oder Türkränzen schon sehr sehr *hüstl* spießig finde.

Advenzkranz selber binden 1

Der Vorraum des Kindergartens wurde in ein Meer aus Immergrünen getaucht. Es gab so unglaublich viel Material – selbst Moos und Efeu wurden gebracht. Von vielen Sachen kenne ich nicht die Namen. Okay, ich weiß, wie der Busch da aussieht, aber ich bin noch nie in Versuchung gekommen, den Namen dafür gebrauchen zu müssen. Bäume habe ich das letzte Mal in der 4.Klasse benennen müssen. Ihr seht, mein Weg ist noch weit zwischen Daxen aus Tannen oder auch Fichten?

Aber bevor ich mich gewunden habe zwischen Namen wurde mir gezeigt, wie ich die Daxen in kleine Teile schneiden sollte. Ich schnitt also erstmal das Material klein. Es wurde auch schnell klar, dass diese Frauen das schon oft gemacht haben. Mein Wollrock war schnell eingesaut und ich verstand da auch, warum hier viele Schürzen tragen. Nadelt halt wie wild. Den Landfrauen wird ja oft vorgeworfen, dass man sich schwer tut mit ihnen. Sie seien verschlossen und eigenbrötlerisch. Anschluss fände man nicht. Man bleibe immer fremd. Ich spüre davon nichts.

IAdventskranz selber binden 2

Man rät mir, mich doch an einen eigenen Kranz zu wagen. Kaffee und Glühwein wird gereicht und da ist es dann passiert – ich war im Tunnel. Was für eine meditative und schöne Tätigkeit. Alles ist noch frisch, grün und es riecht nach Wald. Ein Kranz dauert Zeit, aber auch nicht ewig – vielleicht eine Stunde, vielleicht eineinhalb. Ich weiß es gar nicht so genau, aber ich fand diese rohen, ruppigen, mit Moos bespannten Kränze so schön. Keine Ahnung, wie ich je den Gedanken denken konnte, es wäre spießig, öde oder langweilig. Es muss dir halt bloß mal jemand zeigen.

Am selben Abend noch habe ich die erbeuteten Reste verarbeitet und ein paar Fotos gemacht.

Adventskranz selber binden 3

Zuerst braucht man einen Strohring – im Baumarkt für ein paar Euros zu haben. Dazu gibt es Bindedraht im Baumarkt.

Zum Anfangen – so riet man mir – soll man einen kleines Stück Draht stehenlassen, damit man diesen zum Schluß zum Zusammenbinden verwenden kann. Ist ja ein Kreis – der Anfang ist auch das Ende.

Adventskranz Anfang machen

Man legt sein Grün um den Strohkranz und wickelt den Draht herum. That´s it. Keine Kunst. Sehr simpel. Der Rohling hat aber ein flacheren Teil. Dieser ist dazu da, dass man das Ding noch auf einen Tisch stellen kann und bleibt ohne Grünzeug.

Adventskranz anfang 2

Ich habe festgestellt, dass die Kränze gleichmäßiger und schöner werden, wenn man sich an Muster hält. Nun gut, mit Mustern kenn ich mich als Patchworker aus. Hat man also vier verschiedene Materialien wie Moos, Daxen, Misteln oder anderes, so legt man halt immer alles nach dem anderen. Aber ich bin ja noch der blutige Anfänger in diesem Bereich (blutig übrigens wörtlich, weil ich mir bei der Kindergartenaktion mit einer Heckenschere in den Finger geschnitten habe….)

Adventskranz selber binden 4

Natürlich ist das ein Land-Ding. In der Stadt fährt auch niemand schnell mal auf seinen Hof zurück, um noch das eine oder andere Grünzeug abzuschneiden. Ich kann mich erinnern, wie teuer das ganze Material ist, wenn man es beim Blumenhändler kauft. Für meinen eigenen Garten habe ich jetzt schon eine innere Liste von Pflanzen, die ich vor allem zum Kränzebinden anpflanzen werde – und ja, es wird Türkränze geben. Zu jeder Scheiß Gelegenheit im Jahr. Und es wird immer roh, waldig und frisch aussehen. Ich träume bereits von dem Kranz aus Lavendel.

Adventskranz fertig selber binden

 

Über Kindergärten, Landfrauen und Nabelschnurkinder

Kindergarten EingewöhnungDer Kindergarten hat für uns begonnen. Das Leben besteht aus Kleinigkeiten. Eine Brotzeitdose, eine Matschhose, pünktlicher Morgenkreis.

Ich vermisse die Kinderkrippe. Ein kleines Team, 12 Kinder, enger Kontakt, pädagogisches Feedback. Im Kindergarten scheint alles ganz anders. Erzieherinnen im Hintergrund, viele Kinder, unbeobachtete Ecken.

Ich sitze mit einer anderen Mutter am Kaffeetisch der Einrichtung. Unsere Kinder machen sich unterschiedlich *gut*. Es ist klar, was ein problemloses Kind ist. Ein problemloses Kind ist ein Kind, dass alleine aufs Klo geht, unabhängig ist und sich auf die Mama freut, aber sie nicht unbedingt braucht.

Zuerst wachsen Kinder in deinem Bauch, dann kommen sie auf die Welt und wachsen heran. Sie gehen immer ein Stückchen weiter von dir weg. Ein ständiger kleiner Abschied. Je mehr du dich verabschiedest, desto unabhängiger werden sie.

Ich mag die andere Mutter. Wir unterhalten uns. Sie sagt, man nehme sich als Mutter doch etwas weg, wenn man sein Kind in die Krippe gibt. Die alte Leier. Innerliches Augenrollen. Ich nenne die Frauen hier *Landfrauen* und diese strikte Haltung gegen Krippen ist mir hier schon öfters begegnet. Bei den *Landfrauen*. In der Stadt waren alle Kinder in der Krippe und ich mit meinem 2-Tages-Modell ein Exot. Erklärungsversuche. Behutsam.

Ist es euch schon auch öfters so gegangen, dass man sehr wohl starke Sätze als Krippenmama einstecken muss aber umgekehrt nicht so wirklich austeilt? Und wenn ein Kind besonders anhänglich ist und man quasi die Nabelschnur noch sehen kann, dass da dann eher lächelndes Schweigen angebracht ist? Man sagt ja auch nicht zu einer anderen Mutter Sätze wie: Aber mit fast 4 Jahren sollte sie nicht in Tränen ausbrechen, wenn du den Raum verlässt…da wäre eine Krippe schon besser gewesen. Dann wäre sie jetzt halt nicht so ein Nabelschnurkind…. Sätze wie: Man verpasst doch so viel, wenn es in der Krippe ist. werden halt schicklich nicht mit Sätzen wie Ja, wenn es nicht in der Krippe ist, dann verpasst man auch eine Menge. Wie ich sehe, vor allem den Punkt der Unabhängigkeit.

Aber zurück zu den Kinder. Ich habe noch gar nicht wirklich Fuß gefasst, da bin ich schon vor der Tür und fahre weg. Lasse meine Kinder in fremder Obhut. Ich zweifle. Ich kenne die Erzieher noch nicht. Mir gefällt nicht, dass sie die Kinder gar nicht ansprechen. Kein Hineingleiten in eine neue Situation, eher ein Schubsen. Aber die Kinder fühlen sich gar nicht wie geschubst, ich bin die Geschubste.

Ich hole sie wieder ab und einer hat in die Hose gemacht. Ich bin bisschen wütend und kritisiere scharf, dass mein Kind erst 3 Jahre alt ist und es nicht reicht, ihm mal zuzurufen, er könne doch aufs Klo gehen. Er muss schon bisschen begleitet werden. Am Abend läuft er selber aufs Klo. Ich gehe hinterher. Er schickt mich weg. Mama, das kann ich alleine. Ich zweifle diesmal an mir. Vielleicht bin ich eine Helikopter-Mom.

Am Ende der Woche gehen sie schon den ganzen Tag in den Kindergarten. Ich beobachte sie beim Abholen heimlich und sie scheinen mir glücklich. Vielleicht sind sie befreit, ohne emotionale Erzieherbindung wie in der Krippe. Vielleicht sehe ich sie nur einsam und alleine, aber sie sehen sich unabhängig und frei.

Der Kindergarten hat zwei Gruppen, die Zwillinge sind getrennt. Bei meinem ersten Besuch hatte ich ein langes Gespräch mit der Leitung darüber. Zuerst fand ich es verstörend, die Kinder zu trennen, aber jetzt erkenne ich das Potential. Jeder Mensch muss sich selbst finden und die Werkzeuge dazu sollten in der Kindheit geschmiedet werden. Wenn sie sich in Kindergruppen nie alleine behaupten müssen und immer nur ein Zwei sind, wie sollen sie es dann plötzlich später können.

Am Ende ist man als Eltern meistens alleine mit seinen Entscheidungen. Welche Wege man einschlägt, um seine Kinder zu erziehen und ihnen den Weg in ihr eigenes Leben zu weisen. Alle Kinder sind verschieden, so wie alle Wege.

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