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Vera und Peter

Vera und PeterVera hat sich von ihrem Mann getrennt. Ein Aufschrei geht über whatsapp. Er ist schon ausgezogen. schreibt mir eine Bekannte. Ich und Vera haben schon lange nichts mehr miteinander zu tun. Wir waren Lebensabschnittfreunde, wohl temperierte Kaffeetanten. Jetzt bringt es auch nichts sich zu melden. Auf Facebook hat sie die letzten Wochen Sinnsprüche mit Sonnenuntergängen geteilt. Eine böse Vorahnung. Die alten Freundinnen fahren an ihrem Unglück mit gedrosselter Geschwindigkeit vorbei – wie nach einem Crash auf der Autobahn.

Glotzen, aber nicht anhalten. Aufsaugen, aber nicht berührt werden.

Eine Familientragödie. Zwei Kinder, Haus, Hund. Es sind immer die Perfekten, die sich trennen. Die Kommentare im off werden schon gehässiger. Man überlegt in der whatsapp-Gruppe aber auch, wie man ihr helfen könnte. Der modernen Witwe. Eine Trauerkarte – schießt es mir durch den Kopf. Dass tut man doch, wenn jemand stirbt. Kann man doch auch machen, wenn etwas stirbt. Aus der Ferne eine Notiz, dass man es bemerkt hat. Ohne Blumen, versteht sich.

Vera und Peter haben sich im Studium kennengelernt. Eine Knutsch-Bekanntschaft auf Parties. Sie war die Hamburgerin von Welt, eine Frau wie ein Fels. Schroff und unzerstörbar. Er war der Junge vom Land. Hinter Tegernsee. Dort, wo die Menschen Urlaub machen. Keine Ahnung, was ihnen aneinander gefallen hat. Dass er sich aus der Provinz herausgeschält hat und Schicht für Schicht seine Bauerndynastie im Nacken abstreifen konnte. Dass sie tatsächlich länger bliebt als die 4 Semester und schließlich den Hafen und das Meer at acta gelegt hat. Es ist Liebe, sagte sie mir einmal ernst. Da war das erste Kind schon unterwegs.

Wir haben Vera und Peter gefeiert. Sie mit den braunen Locken und dem süßen Kind auf dem Schoß. Er ganz verliebt daneben. Wie auf einer Postkarte. Die Hochzeitsbilder auf Facebook erst! Er in Tracht – platzend vor Stolz und sie im Dirndl mit einer kleinen Ansteckbrosche. Ich musste lachen, als ich das herangezoomt hab: ein Anker – die alte Hafenbraut Vera. Doppelter Sinn – schön.

Es war immer groß bei den beiden. Vera betrieb Familienmarketing von feinsten. Wir waren alle platt. Als die Hundefotos dazukamen, wurde es wild. Die Kinder beim Seepferdchen-Schwimmen. Die Kinder beim Plätzchenausstechen. Der Hund im Garten. Vera und Peter hatten sich ehrlich bemüht. Sie haben alles richtig gemacht. Die Liste abgehakt. Ihre Tochter sogar Emma genannt und nicht Jaqueline. Vollkost, kein Zucker im ersten Jahr, Berufstätigkeit nicht vergessen, Karriere darf man ja nur Dinge nennen, die gut auf Parties klangen. Ihre Profilgeschichte zwischen Urlaubsfotos und kleinen Anekdoten trotzdem eine Wucht. Fotos wie Medaillen – Siegerehrungen im sozialem Netz.

Und jetzt das. Ein ausgezogener Mann. Wie eine Laufmasche im Strickzeug. Kann das ganze Werk ruinieren. Die anderen fragen sich nervös, wo der Fehler lag. Wenn man es schon geschafft hatte aus dem Single-status und sich mit Kinderfotos aus Tirol eindecken konnte – wo lag da denn der Fehler?

Vera hat es halt nie wirklich raus aus Hamburg geschafft. schreibt jemand.

Die kam sich doch allweil wie was Besseres vor. Da konnte er nicht mithalten. Die Professorentochter halt.

Er war aber auch ein fauler Sack. Beim letzten Grillen saß er nur im Garten und sie hat gewurschtelt. Es gab sogar Windbeutel! Selbstgemachte! Das mit den Kindern war auch ihr Job. Da kam er nur vorbei, wenn es gut aussah.

Das stimmt so nicht! Er hat sie doch fertig studieren lassen. Damals mit Emma – als sie noch so klein war.

Ach, Schmarrn, Emma saß bei ihrer Oma in Tegernsee.

Aber nicht nur!

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass er aus so nem Hausfrauen-Haushalt kam. Dass sie noch mehr wollte, dass hat er halt auch nicht wirklich eingesehen.

Ihre Schwiegermutter hatte aber auch Haare auf den Zähnen.

Stimmt, die hat sich schwergetan mit Hamburg. Ist aber auch verständlich. Vera kam immer an wie ein preußisches Schlachtroß.


Er hat aber auch nie was zu seiner Mutter gesagt. Da muss man doch auch bisserl Rückgrat haben als Mann.

Wieso kriegt man dann ein zweites Kind, frag ich mich. 

Der arme Nepomuk-Leon. Der ist doch noch so klein. Der versteht doch noch nix. 

Die whatsapp-Gruppe fiept im Minutentakt. Ich durchstreife Veras Facebook-Profil. Außer den Sonnenuntergangs-Sprüchen war nicht viel gewesen in den letzten Wochen. Sie schweigt. Der kleine Nepomuk-Leon lacht ab und zu in die Kamera. Emma ist jetzt auch schon ein halber Teenager. Braune Locken. Vera hat sich da durchsetzen können.

Dann kommt doch eine Statusmeldung. Direkt an Peters Profil hingepinnt. öffentlich. Das letzte Mal, dass sie an Peters Profil was hingepinnt hatte, das war ein Foto von nem Rosenstrauß. Mit einem küssenden Emoji und einem kurzen Danke. Jetzt also wieder eine gepinnte Nachricht.

Lieber Peter,
danke für die letzten 15 Jahre. Es war manchmal schwierig, aber unsere beiden Kinder sind doch der Beweis, dass nicht alles für die Katz war. Großartige Kinder! Ich danke dir! Ich wünsche dir und Marta auf diesem Weg nur das Beste. Ich hoffe, wir können das alles regeln – für die Kinder! Du brauchst dein Zeug nicht aus dem Haus holen. Ich bin mit den Kindern zu meiner Mutter gegangen. Da ist alles schon geregelt. Mach dir keine Sorgen. Liebe Marta, bitte verstell die Orchideen nicht. Ich hab echt Jahre gebraucht, um den perfekten Platz für sie zu finden. Und auf dem Sideboard im Wohnzimmer ist echt der perfekte Platz. Glaub mir. Bitte gieße sie nur einmal die Woche. Sonst bleiben sie nicht so schön. Beste Grüße, Vera.

Bäm, die whatsapp-Gruppe schweigt. Vera, die Große. Manche Dampfer gehen nicht unter. Wer ist denn Marta? Marta, die jetzt Veras Orchideen in Pflege hat. Die ersten Kommentare erscheinen unter Veras Post.
ohhh, wie schade!
Dir viel Glück!
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!
Bussi, Große!
Emoji
Herzchen
Like
Like
Like

Mir fällt ein alter Spruch ein, der im Ferienhaus meines Onkels auf dem Klo hängt. Als Kind habe ich ihn nicht verstanden und weiß noch, wie die Erwachsenen gelacht haben, als ich gesagt habe: Stimmt, ein Apfel, zum Beispiel. Ich schreibe ihn unter Veras Post. Ich bin mir sicher, das ist besser als eine Trauerkarte ohne Blumen.

Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht.
Nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.

 

Über den Tellerrand: Der Vogel und das Soziale Netzwerk

bake-608264_1280_FotorÜber den Tellerrand blicken – das ist das Credo der Blogparade, die Kato von Innocent Glow ausgerufen hat. Insgesamt 35 Blogger haben sich diesem Aufruf angeschlossen. Es ist ein Spiel. Es gibt eine Liste, auf der man seinen Namen findet und man soll der Person, die unter einem steht, ein Thema zuteilen, dass nicht oder wenig blogtechnisch von dieser Person behandelt wird. Meine Person war ein Mädchen – im besten Sinne des Wortes. Blutjung und von der Welt inspiriert: Mademoiselle Moment. Der Name ist Programm und ich habe Mademoiselle Moment einen Moment heute innehalten lassen und gab ihr das weite Feld der Kindheitserinnerungen.
Carmen von online-wirbel hat mir ein Thema gegeben.

Ich sehe, dass Du bei Twitter, Google+ und Facebook aktiv bist, über Bloglovin kann man Dir auch noch folgen. Erzähl doch etwas über Dein Verhältnis zu den verschiedenen Plattformen, wo bist Du gerne aktiv, wo weniger, was macht Dir Spass daran und auf welchen Plattformen folgst Du am Liebsten anderen Menschen?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich keinen anderen Menschen folge. Ich folge Stimmen, Bildern, Geschichten, Zitaten, Musik und Firlefanz, hinter denen natürlich Menschen stecken. Ich blicke aber nicht ungefragt in fremde Wohnzimmer. Ich folge Blogs, die explizit einen gewählten Einblick in ihr Leben lassen. Manchmal habe ich aber auch da freilich das Gefühl, dass ich gerade auf die nackten Brüste einer stillenden Mutter starre, aber meistens denke ich eher, dass is so gelackt, das kann nicht echt sein. Mit diesen anderen Blogs interagiere ich grad am liebsten auf Facebook. Ich like oder teile, ich hinterlasse Kommentare oder öffne die Blogs über ihren Facebook-Link. Dabei hatte ich nicht immer so ein easy Facebook-Verhältnis.

Ich habe meinen privaten Account gelöscht und mir selbst eine Pause verordnet. Inzwischen bin ich privat und mit diesem Blog als Seite wieder dort zu finden. In meiner privaten Timeline werden aber meistens Zeitungen oder Nachrichten angezeigt, es gibt weniger Freundesstatusgedönse. Diesen Umgang mit dem Medium habe ich von No robots gelernt.

In meinem privaten Account ist alles öffentlich. Ich möchte mich selbst zum Nachdenken bringen, was ich wie poste. Ich möchte, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, dass das eh nur meine Handvoll „Freunde“ lesen. Es ist Facebook. Es ist nicht privat.

Mit dem Fadenvogel folge ich anderen Blogs und teile oder like gerne mit meinem Vogel. Ich sehe Facebook inzwischen eher als Sammelsurium und bin immer skeptisch, wenn Blogs gar keinen anderen Beitrag als ihre eigenen auf ihrer Seite haben. Früher habe ich meine Beiträge auch automatisch dorthin verlinkt. Heute mache ich das händisch und schreibe nochmal einen kleinen Text dazu. Dabei ist mir aufgefallen, dass manche Blogger ihnen fremde Beiträge nicht wirklich teilen, sondern direkt in ihrer Facebookseite verlinken. Auch das biete ich ja bei Fadenvogel an, nur manchmal sehe ich dann in meiner Statistik, dass meine Klicks hochgehen und ich wundere mich und suche nach meinen Beiträgen bei Facebook. Ein so verlinkter Beitrag in der Timeline von jemand anderen kann auch mal Kommentare abkriegen, die wohl nicht passieren würden, wenn der Beitrag nicht so scheinbar herrenlos im Netz stehen würde. Ich hatte zwar noch keinen richtigen Shitstorm, aber die Menschen reden garstiger, wenn sie denken, man höre ihnen nicht zu. Ich höre immer. Und ich antworte auch, wenn Facebook es zulässt.

Twitter habe ich erst kürzlich entdeckt. Ich hatte auch dort immer nur automatisch meine Beiträge online und habe sonst nie dorthin geguckt. Bis ich mal aus Spaß am HashtagTatort mitgetwittert habe. Ein großer Spaß. Die Verbindungen bei twitter sind lose. Man folgt, entflogt, man vergibt keine like-Herzchens, man zitiert – viel schneller als bei Facebook. Bei twitter ist immer die Hölle los. Ich verhalte mich zwar nicht anders bei twitter, aber ich kenne dort wirklich niemanden persönlich. Doch, eine. Ich liebe die Einschränkung der Worte und ich mag witzige treffende Kommentare zu Tatort oder zum Alltag. Sarkasmus liegt mir manchmal. Ich habe aktiv nach Kommentaren von Personen gesucht als ich diesen Artikel schrieb und ich war überrascht, wie offen twitter ist. Ob das allen immer so bewusst ist?

Ich habe dort auch erst Zeitungen und Politiker verfolgt, aber da Twitter so schnell ist, lese ich kaum meine Timeline, sondern suche nur über Hashtags direkt. Manche Bloggerkollegin treffe ich so fast nur auf twitter. Das ist wie ein anderer Ausschnitt. Inzwischen sagen mir die Accounts dort mehr und ich halte auch Kaffeeklatsch dort ab.

Bloglovin war meine erste Anlaufstelle für das Lesen von Blogs. Inzwischen bin ich dort gar nicht mehr so oft. Meine erste Begegnung mit dem Portal hatte ich hier schon mal beschrieben. Ich mag es nicht, dass ich nur über bloglovin zu den Post gelange und dabei manchmal Schwierigkeiten mit dem Kommentieren habe. Bloglovin entlässt mich nicht zu der Webseite, da ist Facebook einfacher. Vielleicht bin ich zu doof. Ich muss die Blogs und Artikel mal besser sortieren dort.

google+ ist mein Stiefkind. Ich werde nicht warm damit. Ich hatte lange Zeit nur einen Leser dort – meinen Mann…Dann ist ein Verlag dazugekommen und ich habe mich ein bisschen erschreckt, dass irgendwo eine Marketingtante oder ein Marketingonkel sitzt und meinen Blog aus beruflichen Gründen vernetzt. Ich überlege, die Seite wieder zu schließen oder sie weiterhin stiefmütterlich zu behandeln. Da ich keine private Email-adresse verwende, ist mein Account auch null verknüpft mit meinen Freunden. (Was für ein seltsames Facebook-Wort, dass *Freunde* nun synonym mit mir persönlich bekannte Personen verwendet.)

Meine Bücherkiste ist lovelybooks. Seitdem ich weiß, dass man seinen Lesestatut auf seinem Blog verknüpfen kann, bin ich da öfter. Ich finde es hochspannend, bei anderen Leuten im Bücherregal zu stöbern. Obwohl ich Posts über Bücher fast nie aktiv lese, sondern wenn dann nur passiv nach dem Buch auf anderen Blogs suche, mag ich zumindest den Lesestatus gerne. Abgeguckt habe ich das natürlich von einem anderem Blog. Aber wie sagt man da unter Bloggern?…Inspiriert von einem anderen Blog.

Insgesamt interagiere ich also irgendwie oft und viel. Ich lese Kommentare und sehe mir die Blogs dahinter an, wenn es welche gibt. Ich hüpfe von Blog zu Blog über Kommentarfelder und mag das große Gespräch. Oft wird unter Bloggern diskutiert, wie viel Aufmerksamkeit man denn wirklich für seinen Blog haben will. Ich sehe meinen Blog – also das Schreiben an sich – eher als positive Innenwirkung für mich. Ich halte mich selbst an, resümiere über die Dinge, die nur wirklich mich angehen. Fasse zusammen. Ich mag das Format, ich finde, es sieht irgendwie *fertig* aus, wenn es als Beitrag in meinem Blog steht. Mehr als ein Gedanke in einem Notizbuch. Ich mache das tatsächlich wegen der Innenwirkung für mich und mein Leben. Eine Insel, eine große Schwester, die mich ermahnt, Dinge durchhalten, Sachen wieder aufzugreifen, etwas genauer zu formulieren.

Die Außenwirkung, das Gespräch, schätze ich aber aus anderen Gründen auch. Ich finde, dass man im Netz zwar negative Kommentare wohl schneller kriegt als im Leben 1.0, dafür aber auch positive schneller. Die Reaktionen sind unmittelbar und in der heutigen schwammigen Welt ist das doch ein guter Grund für einen Blog, zwei gute Gründe.

Man könnte es auch so formulieren. (Um ein Hausfrauen-Bild zu gebrauchen…) Der Blog ist mein Kuchen, den ich Samstag Abend backe. Ganz alleine und für mich, zunächst. Das Backen ist eine ganz eigene Tätigkeit. Manchmal finde ich, ich mach richtig kreative kleine Törtchen, manchmal habe ich das Gefühl, ich reiße eine Backmischung auf. Ich weiß nie, was ich denn backe und kaufe wahllos Zutaten ein. Ich mag es, wenn mein Schrank voll ist.  Wenn der Kuchen fertig ist, bin ich erstmal stolz und habe das Gefühl, ich hätte was gemacht. Was Gutes.

Mit diesem Kuchen gehe ich dann Sonntag morgen zu einem Brunch. Ich stelle den Kuchen auf das Büffet ab, setze mich an den Tisch und beäuge die anderen mitgebrachten Sachen. Ich unterhalte mich mit den anderen, rolle mit den Augen über mitgebrachte Kekse aus dem Supermarkt, die auch noch die Keksfirma bezahlt hat, ich staune über die dreistöckige Torte vom Nachbartisch und mache Photos davon, weil ich auch mal so was backen möchte. Ich war schon immer jemand, der gerne Menschen um einen Tisch hatte. Ich wollte immer schon vernetzen und in einem Netz sein. Und ab und zu gucke ich, ob mein Kuchen schon gegessen wurde. Ich staune, wenn die Backmischung gut ankommt und bin enttäuscht, wenn meine verzierten Törtchens verschmäht werden. Und ich freue mich, wenn jemand mit vollem Mund an mir vorbeiläuft, mit einem Stück meines Kuchens in der Hand, und mir zuzwinkert.

Ist noch Kaffee da?

Photo: Pixabay.com

 

 

Ohne Facebook kommen die Postkarten zurück

Postkarte Hamburg_2

Okay, wirklich weiß ich es nicht, ob diese erste Postkarte gekommen ist, weil ich nicht mehr bei Facebook aktiv bin. wär` vielleicht bisschen viel reininterpretiert, aber ich habe die letzten Wochen schon die eine oder die andere Postkarte geschrieben. Kurze Zeilen, Dankesworte für das Kommen zu einer Feier mit furchtbaren Motiven von den bayerischen Bergen. Alle touristischen Postkarten scheinen ja eines gemeinsam zu haben: sie sind alle in den 80er Jahren in einem geschmacklosen Collagenbausatz zusammengestellt worden. Es gab sogar dieses Jahr im Strandurlaub in unserer Hotelbar nur so Hässliche zu kaufen, dass wir gar keine geschrieben hatten, weil es dann doch zu peinlich war und wir – was wohl- auf facebook einen romantisierten Meerblick (mit der Handykamera aufgenommen) eingestellt haben. Diese digitale Facebookpostkarte an alle und niemanden ist nun im Netznirvana verschwunden und zurück ist eine reale Postkarte aus Hamburg gekommen. Und ich bin total begeistert – eine Wunderbare! Danke!

 

 

waiting for silence: facebook

Auf Facebook habe ich 163 Freunde. Laut einer Studie liege ich damit mit meinem Alter unter dem Durchschnitt. Der allgemeine Durchschnitt ist 342, bei 5000 hört Facebook auf. Es kann nie einen 5001 Freund geben.

Ich bin bei 163. Darunter sind Menschen, die ich das letzte Mal auf der Abiturfeier gesehen habe. Keine Freunde also, sondern ein Stück zurückgelassene Identität. Vielleicht habe ich auch mit manchen von ihnen nie wirklich gesprochen.

Ich bin in verschiedenen Gruppen: in einer Gruppe ist die Abiturklasse und die Jahrgänge der Schule, die anderen Gruppen sind lokale Tipps, ein Flohmarkt müsste auch darunter sein. Ich habe verschiedene Seiten geLIKEt: Autorinnen, eine Heimwerkerseite aus Australien, die ziemlich coole Fotos hochlädt, Nähcafes, Nähzeitschriften, ein amerikanischer Doku-Serienstar, Nonsens-Humor-Sprüche-Seiten, lokale Geschäfte, Seiten von Freunden. Ich bekomme an meine Pinnwand Nachrichten von meinen 163 Freunden oder von der Öffentlichkeit, die ich mir mit meiner LIKE-Auswahl geschaffen habe.

Meine eigene kleine Welt also.

Das erste Problem habe ich nun, da meine Facebook-Seite mit einer email-Adresse verbunden ist, die ich gerne ersetzen würde. Das ist gar nicht so einfach. Die Email ist unsere neue Nabelschnur: einmal geprägt, ist eine neue Verknüpfung gar nicht so einfach. Ich habe meine Email-Adressen noch aus einer Zeit, da hatte nicht jeder eine Email-Adresse und in Vorlesungen wurde noch auf Collage-Blöcken mitgeschrieben und nicht digital. Laptops war was für BWL-Angeber.

Ich versuche es bei facebook immer wieder mit dem ersetzen und bin genervt. Ich werde komplett auf eine neue Identität umziehen. Jetzt kommt mir gerade im Bezug auf den Minimalismus die Idee, Facebook für mindestens 30 Tage aufzugeben. Ich löse alle Verbindungen meines Accounts auf, lösche alle Informationen heraus und schließe ihn. Mit einer neuen Email-Adresse melde ich mich ganz neu an…und sehe, wie viele Freunde ich nach diesem Experiment noch habe. Zwischen diesen beiden Aktionen liegen mindestens 30 Tage. Vielleicht ist es ein Abschied für immer?

Ich stelle es mir schweigsam vor. Manche Geschichten werden nur auf Facebook erzählt. Manche Bilder nur dort gezeigt. Mit manchen Menschen werde ich gar keinen Kontakt mehr haben. Nicht mal den passiven. Wird das schwierig?

Ich bin jeden Tag auf Facebook. Es sind immer dieselben, die ich dort treffe. Facebook ist für mich wie der Dorfbäcker: alle hassen ihn und finden, dass die Semmeln zu lasch schmecken und der Kaffee zu fade und trotzdem trifft man sich dort. Wie, wenn es keinen anderen Treffpunkt gäbe. Aber das ist es ja: es ist der einzige Bäcker weit und breit. Werde ich also die 30 Tage hungrig und abgemagert sein? Werde ich selber frisches Brot backen und es ganz alleine essen? Habe ich mich so an den faden Kaffee gewöhnt, dass ich ohne ihn gar nicht richtig wach werde?

Und die andere Seite: Kündige ich meinen Ausstieg an? Mache ich es einfach und sehe, ob mich jemand vermisst? Was, wenn es niemandem auffällt, dass ich gegangen bin oder nur Leuten, die mir eh auf die Nerven gehen?

Welche Geschichten werden denn auf Facebook erzählt? Die von den Hochzeiten, zu denen man selber nicht geladen wurde, aber deren Kleider man durchklickt. Die Geschichte der Kinder, die geboren werden und die bereits in der Chronik der Eltern vorkommen mit Fotos und Glückwünschen. Die Geschichte der kleinen Sprüche, die einen Verknüpfungspunkt darstellen, auf die man eingehen kann, die man aufgreifen kann. Ein neuer Job, ein schlechter Tag, ein geklauter Laptop, ein Wochenende als Strohwitwe. Keine wichtigen Sachen, nur halt kleine Geschichten. Mir ist klar, dass sie nicht mir erzählt wurden, keiner hat mich wirklich persönlich gemeint. Sie wurden nur gestreut, jeder konnte sie aufgreifen.

Ich kenne noch Menschen ohne Facebook. Der Kontakt zu ihnen wird brüchig, ein paar Mal gibt es Emails. Sie erzählen mir, dass es schon schwer ist, noch auf den Laufenden zu bleiben. Postkarten zu Babygeburten sind selten geworden. Kann sein, dass man nicht mehr jedes Kind beglückwünschen kann, nicht mehr jeden Geburtstag mitbekommt.

Der älterste Post, den ich sehe, ist vom 16.Juli 2009. Das sind fünf Jahre Facebook. fast jeden Tag Facebook. Bevor die fünf Jahre voll sind, sollte ich dieses Experiment machen. Mich juckt`s  in den Fingern. Ich werde noch diese Woche rausgehen.

Ich bin unterwegs.

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