Frankfurter Buchmesse mit den wahren weiblichen Punks

Lange Gänge schleusen Besucher schier kilometerweit durch mehrere Gebäudeteile und entladen sie auf einem großen Platz, eingerahmt von mehrstöckigen Hallen, jede Halle scheint die Dimension einen Fussballfeldes zu haben.

So viele Stimmen, alles brummt.

Ingrid Noll liest in einem stickigem Lesezelt, draußen stellt ein amerikanisch anmutender Fittnessberater eine Work-out-plattform vor. Spiderman zündet sich eine Kippe an. Spiderman? ja, Spiderman und alle Hobbits aus den Auenland und eine Menge japanischer Heldinnen. Die Comicfraktion lockt Teenager in Manga-uniformen an. Bereitwillig erklären sie älteren Messegästen ihr kreatives Anliegen und posieren für Fotos.

Ich streife alleine durch die Gänge, werde angerempelt, verliere mehrmals den Überblick. Plötzlich sehe ich Norbert Blüm in der Ecke sitzen. Er lächelt verklärt für Fotos, doch die Massen interessieren sich nicht für eine Politikergröße in diesem Moment, hinter Norbert tritt eine Teenie-band auf. Die Menschen drängen sich handyhochhaltend um den Stand. Der Name der Band ist auf einer Schiefertafel verzeichnet. Glasperlenspiel oder so. Ich muss raus. Die stickige Luft presst jede Bücherstöberlust aus mir heraus.

Wieder auf dem Platz beobachte ich die Manga-teenanger weiter. Ich glaube, sie sind nur hier, um von sich Fotos machen zu lassen. Das Wetter ist eine graublaue Suppe, ich bezweifele, ob es eine gute Idee war, hierher zukommen. Alles ist laut und überfüllt. Meine Messelust endet in Orientierungslosigkeit. Ich kaufe mir einen Kiwibananen-Smoothie für schlappe 3,50 € und Helene Fischer brüllt mir ihr Atemlos dazu ins Ohr.

Ich stolpere weiter, sehe Wolfgang Hohlbein auf einem Podium mit anderen Schriftstellern diskutieren. Er habe keinen Plan beim Schreiben, sagt er. Er schreibe einfach mal drauf los, es würde sich dann schon finden.

Ich lasse mich weiterschwappen und lande beim Bloggertreffen. Lovelybooks hat keinen wirklichen Stand, aber sehr junge begeisterte Mitarbeiterinnen, die die Bloggermasse mit dem Megaphone begrüßen. Ich sehe um mich herum, ich bin zu alt für den Scheiß. ich möchte am liebsten einfach die Klappe halten, weil jeder hier was zu sagen hat. Jedes Buch, jeder Verlag, jeder schreit und schreit und will der Welt etwas mitteilen. Ich denke, es ist eine klügere Idee für mich zu gehen. Vielleicht kann ich doch einen Zug früher fahren. Zwei Bloggerinnen lästern vor mir über die Mangamädchen. Die Bloggerinnen wenden sich mir zu und erklären mir die Welt. Sie seinen hier Urgesteine, schon ewig auf der Buchmesse, erzählen sie mir. Ich sag gar nichts mehr, lasse meine eigene Visitenkarten für meinen Blog in meiner Tasche und suche mein Date.

Ich bin nämlich nicht ohne Date nach Frankfurt gekommen. Celeste Ealain herself hat sich angekündigt. Ich bin gespannt. Ich habe eine Menge ihrer Bücher gelesen und bin ein Groupie. Als selfmade Autorin in einem Nischengenre hat sie keinen großen Stand, keinen Verlag, keine Lesung. Ihre Bücher sind Fantasy ab 16 Jahren, Aliencrush und Vampirelove. Alles nichts für schwache Nerven und alles nicht plump und eindimensional. Sie kommt tatsächlich und hat noch jemanden in Schlepptau. Anne Reef ist jemand, der die Zombies zurückgebracht hat. ich meine, die guten alten Zombies, die die wirklich tot sind. Die, die dich wirklich fressen wollen. Ich habe mich an ihrem Debüt gerieben, habe mich über sie aufgeregt, aber eines muss ich ihr lassen: Die Welt der Zombieliteratur har sie für mich aufgesperrt.

Ich sitze nun mit beiden Frauen im Azubicafé der Frankfurter Buchmesse, wir trinken Apfelschorle für 1 € und sehen den Bloggerinnen am Rande zu. Unser Gespräch fällt uns leicht, es fühlt sich nicht verkrampft an, die Fremdheit fehlt. Wir plappern, stellen uns Fragen, ich bin sehr interessiert. Eine befreundete Autorin kommt vorbei. Sie setzt sich zu uns, ist überrascht, dass ich auch ihr Buch kenne. Wir lachen über das ein bestimmtes Kapitel in Celestes Buch Ich bin…das Ende und ich erkenne, dass in diesem Meer an ernsthaften Verlegern, ernsthaften Verlagen, ernsten Buchhändlern und ihrer Intellektuellen Leserschaft mit Leserbriefen in der FAZ und in der Süddeutschen es eine kleine Gruppe Rebellinnen gibt.

Frauen, die ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen und es einfach tun: Einfach ein Buch schreiben und es über amazon oder andere Kanäle publizieren. Sie zahlen ihre Korrektoren selbst, sie gestalten ihre Cover und schreiben. Weil es in ihrem Kopf Geschichten gibt, Erzählungen und sie ihren Lesern diese auch schuldig sind.Sie umgehen die Festung der Verlage. Manche von ihnen werden im Nachhinein aufgenommen, einige bleiben ihr eigener Herr über viele viele Bücher. Wie es schon immer Frauen gegeben hat, die irgendwas einfach durchziehen ohne lange Fragen zu stellen, ohne sich von Hindernissen aufhalten zu lassen. In den Zwischentöne hört man heraus, wie schwer das ist. Für das Privatleben, für den Beruf, für das Leben. Ich erzähle euch also heute von meinem Tag auf der Frankfurter Buchmesse, einer unglaublich etablierten Veranstaltung einer riesigen Branche….und meiner Begegnung mit einem Stück moderem Feminismus.
Der Tod, die Liebe und das Leben
Wenn ihr also Bücher von Anne Reef, Celeste Ealain oder Anya Omah kauft und liest, dann lest ihr nicht nur Geschichten über Zombies, versunkenen Männer und Vampiren, nicht nur über Liebe, Tod und das Leben, sondern ihr seid Teil einer kleinen weiblichen Revolte und könnt euch sicher sein, dass ihr Bücher in der Hand habt, die ein klein wenig Punk sind – eben nicht etabliert und aufgemöbelt, sondern Underground.

Diese Links führen zu amazon. Kauft ihr diese Bücher über diese Links, so erhalte ich ein paar Pfennige. Mir ist das aber überhaupt nicht wichtig. Mir geht es darum, euch die Cover und die Kaufmöglichkeit zu zeigen. Gerne könnt ihr diese Bücher auch über andere Wege beziehen.  

6 Kommentare

  1. Juhu! Ich bin die erste, die auf diesen Beitrag antwortet und ich freue mich unheimlich so viele Insider und Erinnerungen darin zu finden und merci beaucoup für die lieben Worte und Werbung – auch im Namen meiner Mitkollegen ;o) Ich musste den Beitrag sofort posten ;o)

    Ich freue mich wahnsinnig dich persönlich getroffen zu haben und hoffe, unsere Wege überschneiden sich mal wieder und wir bleiben in Kontakt ;o) Freue mich schon wieder von dir zu lesen.
    lg Celeste Ealain

    • fadenvogel

      12. Oktober 2014 at 19:18

      Hi Celeste, es war aber auch ein wahnsinnig schöner Tag…und bisschen rebellenhaft waren wir ja eh – verbotenerweise Lesezeichen an Messebesucher verteilt in dunklen Comicgängen. Oh oh, wenn uns jemand erwischt, dann schmeißen die uns raus. Ich bin echt noch ganz betrunken vor lauter Eindrücken, Zwischentönen, privaten Momenten und großen Fragen. Büchern, Gänge, Menschen, Zombies, Fantasy, Lesezeichen, Fans, Groupies, 8 Stunden Zugfahrt, ich bin erschöpft….uff…

  2. Das hört sich anstrengend, einprasselnd und überfordernd aber auch schön, aufregend, herzlich und emotional an – und das alles an einem Tag wow! lg*thea
    P.s. An diesem Tag hatte es die Wasser-Challenge schwer, oder?

    • fadenvogel

      14. Oktober 2014 at 22:48

      Haha, ja das war richtig heftig. Ich hatte eine kleine Halbliterflasche dabei und kann sagen, dass ich so ziemlich jede Toilette jetzt dort kenne…

  3. Wow, ich bin ja schon vom l

    • Wow, ich bin ja schon vom lesen völlig reizüberflutet. Danke für die Buchtipps. Die sind mir noch neu. Liebste Grüße Kerstin B.

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