Der Ausstieg aus Facebook

Das Leben mal ausmisten. Digital und real. Dinge fortgeben, Dinge wiederfinden, Emailadressen schließen, Newsletter abbestellen. Menschen treffen.

Auf Facebook hatte ich 163 Freunde. Ich habe die Verbindungen einzeln gelöst, ein paar habe ich angeschrieben und ihnen erzählt, dass ich vorhabe, aus Facebook auszusteigen. Zuerst war das ja ein wütender Plan: Ich war sauer, dass eine alte verschollene Emailadresse mit meinem Account verbunden war und diese einen Hackangriff erleiden musste. Ich habe versucht, umzuziehen, aber das ging auch nicht so, wie ich mir das wünschte und so habe ich die alte angeschossene Emailadresse mit meinem fünfjährigen Account versenkt….und mir eine Auszeit verordnet. Waiting for silence, sozusagen.

Ich habe gar nicht richtig mitgezählt, wie viele Tage es jetzt sind – bestimmt zwei Wochen. Ein gutes Zeichen, wenn ich das nicht weiß, so denk ich mir. Und jetzt muss ich mir die Frage stellen: Vermisse ich Facebook? Was habe ich eigentlich dort gemacht? Ich habe mir Statusmeldungen angesehen und kannte die Umfänge von Babybäuchen oder die Größe von Kindern.

Eine alte Freundin habe ich zum Geburtstag tatsächlich angerufen und nicht an ihre Pinnwand einen Gruß geheftet. Sie war ganz überrascht. Wir haben ein bisschen gesmalltalked, aber deswegen ist unsere Verbindung jetzt auch nicht anders als davor. Ich habe mich nach ihrem kranken Hund erkundigt, weil sie deswegen auf einer Feier nicht aufgetaucht sind. Sie hat erklärt, dass es halt eine Blasenentzündung war und sie den Hund so nicht zu ihren Eltern geben wollten…irgendwie verständlich…man lässt auch einen teppichwasserlassenden Hund nicht gerne zu den Hauptbabysittern. Da vergrault man sich ja alles damit. Auf der Feier war diese Information irgendwie brüchig und verkürzt. Alle reisen mit ihren schreienden Kindern an und die Kinderlosen können nicht kommen? Witzig.

Ich habe ein paar Emails hin und her geschrieben, in englisch, weil Facebook auch und vor allem diejenigen eingeschlossen hat, die nicht auf diesem Kontinent leben. Ich habe auch Briefmarken für Postkarten gekauft und mir überlegt, ob ich nicht mal statt mit einer Email mit einer Postkarte antworten soll…

Es gibt aber eine Gruppe, die jetzt stumm ist. Mir ist aufgefallen, dass es gar nicht wirklich meine eigenen Freunde sind. Diese Menschen kommen nie zu einer unserer Grillfeiern, sie sind die Überschneidungen von Freundeskreisen, man kennt sich, aber man spricht nicht persönlich miteinander. Der Freund von einem Freund. Was hat diese Verbindung für ein Etikett? Halbfreund? Das sind normalerweise die Menschen, nach denen man sich bei seinen richtigen Freunden erkundigt. „Wie geht es eigentlich der Kathi?“ und dann kommen die Geschichten über und von dieser Kathi. Kathi hat einen neuen Freund, Kathi hat jetzt ein Kind, Kathi war in Indien. Ich muss jetzt wieder nach Kathi fragen, sie postet nichts mehr für mich.

Vermisse ich Kathi? Ja und nein. Ich glaube, ich bin aus dem Alter raus, dass mich Kathi echt interessiert hat. Ich glaube, ich werde mich mit meinen echten Freunden nur noch vereinzelt über sie unterhalten. Manche Dinge werde ich so auslassen. Die anderen sind ja auch nicht mehr gewöhnt, dass man sich jetzt über Kathi extra unterhalten muss. Ich habe auch nicht mehr so eine klare Meinung über sie. Ich kriege ja nicht mehr mit, wie sie sein will. Kein Photo, kein Kommentar. Vielleicht werde ich sie mit der Melanie oder mit der Frau vom Tom verwechseln. Ich bin gespannt.

Die Sonne scheint und wir sollten alle Grillsalate machen, unser Badezeug einpacken, uns am See treffen und uns über unsere Kinder, Babybäuche und wenn`s is, auch über Kathi unterhalten. So ganz real und mit Sonnencreme.

 

 

4 Kommentare

  1. Wow! Ehrlich gesagt, ich könnte ohne Facebook nicht mehr leben. Das wäre so, als ob ich ohne Telefon leben müsste. Eigentlich noch schlimmer, denn ich hasse Telefonieren und bräuchte daher gar kein Telefon. Ich brauche Facebook auch eigentlich gar nicht, um zu sehen, was irgendwelche Kathis machen. Das ist eigentlich nur ein dumpfer Zeitvertreib. Im Grunde könnte ich 90% meiner Freundesliste problemlos löschen. Aber: Facebook ist für mich die einfachste Methode, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die ich nicht so oft sehe (eben weil ich weder Zeit noch Lust habe, ständig mit allen zu telefonieren). Und man kann so einfach Termine mit einer Gruppe Freunden koordinieren. Und per Newsfeed immer auf dem Laufenden bleiben, was in der Welt so vor sich geht. Hm, okay, ich möchte dich jetzt nicht missionieren. Halt uns auf dem Laufenden, wie es sich so ohne Facebook lebt. :)

    • fadenvogel

      27. Juli 2014 at 20:29

      Hi Larissa,

      Ich habe mich mal im Zug mit einer BWlerin unterhalten. Ich selber habe was Brotloseres studiert, keine Ahnung, warum wir uns kannten. Vielleicht habe ich auch nur einem Gespräch zugehört, wenn ich so drüber nachdenke, halte ich das für wahrscheinlicher. Na ja, auf jeden Fall hat sie von einem Fachbegriff erzählt, der ein Produkt umschreibt, dass kein Bedürfnis stillt sondern erst eines weckt. Wie der Walkman (das war ihr Beispiel). Bevor es den Walkman gab, hat niemand ein Bedürfnis danach gehabt. Erst mit dem Produkt kam das Bedürfnis und danach die Nachfrage. Für den Kapitalismus ist das der Jackpot. In ein Nichts hinein eine Sache erfinden, die danach nicht mehr wegzudenken ist.
      Letztens habe ich einen Lehrling ausgebildet. Sie war nicht der hellste Stern und ich habe sie irgendwann mal gefragt, ob sie wisse, was das Symbol am PC ist, dass man drückt, wenn man einen Text speichert (Diskette). Sie hat den Kopf geschüttelt und mir wurde ganz heiß und kalt, denn sie war so jung, dass sie keine Disketten kannte. So kommen und vergehen die Bedürfnisse und so konsumieren wir Dinge. Witzig, oder?
      Ich habe Facebook geschlossen und mir fällt es jetzt gar nicht mehr auf. Es ist einfach weg. Wie die Disketten. Und das Bedürfnis, mit Zombiefreunden noch in Kontakt zu stehen, ist für mich wie der Walkman in dem Beispiel. Ich hatte vorher auch nicht das Gefühl, mir würde was fehlen, facebook hat es erst mit sich gebracht. Und es war ein Placebo, denn ich denke seither nicht mehr an Kathi.

      Ich habe mir schon überlegt, ob ich für den Blog eine facebookseite mache, aber irgendwie bin ich da noch zu faul. Telefonieren mach ich auch nicht mehr. Ich tippe auf whatsapp herum, aber das ist ja auch irgendwie inkonsequent,wenn man bedenkt, wem whatsapp gehört. Aber so is es eben, det Leben.

      • Das stimmt auf jeden Fall! Wenn ich daran denke, wie viele Dinge ich niiiieee haben wollte (MP3-Player, Smartphone, …) und auf die ich jetzt gar nicht mehr verzichten möchte. ;)
        What’s App habe ich dafür (noch) nicht. Ich habe einfach schon viel zu viel Schlimmes darüber gehört (schon lange vor der Übernahme). Wahrscheinlich könnte ich wohl statt Facebook auch einen RSS-Feed mit allem einrichten, was mich interessiert. Aber ich finde es so angenehm, dass ich alles an einem Ort habe. :)

  2. Ich bin nicht auf Facebook. Und ich vermisse nichts.
    Eigentlich stimmt das so nicht, ich habe einen Pseudo-Account mit 5 Kontakten, mit dem ich in einer geheimen Gruppe Spieletreffen mit genau diesen 5 Freunden koordiniere, aber das war’s dann – _praktisch_ bin ich daher nicht bei Facebook.

    Ich erinnere mich, in einem Uni-Seminar einen alten Klassenkameraden aus der Schule getroffen zu haben. Mit dem hatte ich in der Schule nicht viel zu tun, ab und zu mal Star Trek-Heftchen ausgeliehen. Er wollte mich überreden, doch unbedingt einem sozialen Netzwerk beizutreten, zum „Kontakt halten“ – unbedingt. An meinem Vorschlag, stattdessen Mailadressen auszutauschen, war er allerdings völlig uninteressiert. Das fand ich bezeichnend.

    Bei Facebook will man oft keinen Kontakt zu anderen Menschen, man will sie nur beobachten. Daran bin ich nicht interessiert, ich möchte keinen Pseudo-Kontakt, ich möchte echten Kontakt, und nicht so tun, als interessiere mich ein Mensch, der mir nicht wichtig genug ist, um ihm auch nur eine eMail zu schreiben.

    Dafür bekomme ich nicht mit, was ehemalige Freunde oder ehemalige Bekannte so machen, aber – würde es mich wirklich interessieren, würde ich ja Kontakt halten. Ich vermisse nichts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2018 Fadenvogel

Theme von Anders NorénHoch ↑