Altes Land von Dörte Hansen und die Frage, was Literatur ist

Altes Land Dörte HansenVor ein paar Wochen hatte ich ein Stück Literatur in der Hand. Kein Buch, kein Zeitvertreib – ich mein schon Literatur, die echte.

Erkennbar an verschiedenen völlig persönlichen Kriterien.

  1. Sprache
  2. Thema
  3. Anfang
  4. Ende

Okay, für mich bedeutet ein gutes Buch vieles. Ich finde die Geschichte gut, manchmal auch nur die Idee – selbst wenn die Umsetzung totaler Müll ist, bei manchen Büchern zählt nur die Idee. Bei Literatur muss für mich allerdings viel mehr stimmen. Vor allem die Sprache. Ich kann es gar nicht genau beschreiben, was ich meine – mit der guten Sprache. Vielleicht eine, die es schafft, meine eigenen Gedanken hochzuspülen – und nicht nur oberflächliche Gefühle. Vielleicht eine, die im Rhythmus so stimmig erscheint, dass man den Eindruck erhält, man könnte den Text singen.

Das Thema hat für mich auch etwas mit Literatur zu schaffen, wobei das ein streitbarer Punkt ist. Ich sage es mal so: Das Thema geht über sich selbst hinaus. Literatur ist ein Beispiel. Ein Statement und hat eine Aussage. Über die man diskutieren kann. Es gibt eine Menge Bücher, die anderes im Sinn haben: Zeitvertreib, ein wohliges Gefühl im Bauch, Lachen – aber damit ist noch nicht gesagt, dass es was sagt.

Der Anfang ist für mich eine Kunst. Genau so wie das Ende. Ich finde, Literatur muss komponiert sein. Und der erste Satz ist für mich entscheidend.

In manchen Nächten, wenn der Sturm von Westen kam, stöhnte das Haus wie ein Schiff, das in schwerer See hin- und hergeworfen wurde.

Wie groß dieses Bild ist, wird erst im Laufe des Buches klar, aber es ist schon groß am Beginn. So rundet es das Ende, eigentlich präzise der letzte Satz wieder ab. Passen letztes Bild und erstes Bild zusammen und haben einen Atemzug, so ist das für mich ein Stück Literatur.

Zwei Türen blieben angelehnt in ihrem Haus, zwei Menschen schliefen, eine alte Frau, ein kleiner Junge. Ein Mensch blieb wach und hütete die Träume. Das Haus stand still.

Dörte Hansen hat also Literatur geschrieben mit ihrem letztes Jahr erschienenen Roman *Altes Land*. Hier eine Bezugsquelle als Beispiel. Die Geschichte geht um das Leben einer Frau, die als Fluchtkind nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Haus gespült wurde und sich selbst nie verwurzeln konnte, aber letztendlich als Urgestein des Dorfes galt. Eine Familie, die sich nicht findet, bis sie aufhört, es zu müssen. Das Porträt einer Region, deren Verfall und Aufschwung (je nachdem, auf welcher Seite man steht) ein Beispiel ist für viele Landregionen Deutschlands.

Dabei ist Literatur niemals schwer oder verpflichtend, es liest sich weg wie Butterbrot weggegessen wird.

Was ist für euch Literatur? Ein negatives Wort aus Schulzeiten? Romane von Menschen, die schon gestorben sind und Beispiele aus Epochen, die bereits Geschichte sind? Oder teilt ihr die Dinge, die ihr so lest, in ähnliche Kategorien ein und seid ihr letztens auf ein Beispiel Literatur gestoßen?

4 Kommentare

  1. Es gibt ja so gut wie kein Thema, bei dem ich nicht meinen Senf dazu geben kann ;-) Ich selbst bezeichne mich eigentlich als Viel- und Schnell-Leserin (ca. 10 Bücher pro Monat), wobei ich sagen muss, dass der Großteil sich auf Unterhaltungsliteratur beschränkt – über das Kindle-App zieh ich mir hauptsächlich Krimis und Thriller rein, die ich aber meist in dem Moment vergesse, wenn ich das Buch beendet habe.

    Aber ich kann auch anders: richtig gute Bücher lese ich in Papier – deinen persönlichen Bewertungskriterien kann ich da nur zustimmen. Auch das Thema Sprache empfinde ich so, entweder sie nimmt mich mit oder sie lässt mich zurück. Mein Lieblingsautor ist John Irving – er schafft es, mich mit Story und Sprache extrem gut in die Geschichte einzutauchen – da lass ich mir dann auch Zeit und genieße. Ganz toll war auch der „Distelfink“ von Donna Tartt. Und Helge Timmerberg ist meine große Liebe, ganz einfach: weil er eine extrem coole Sau ist ;-)

    Die schlimmsten Bücher, die ich jemals gelesen habe, waren „Mutter Courage und ihre Kinder“ (wie zum Teufel kommt man auf die Idee sein Kind „Schweizerkas“ zu nennen?) von Berthold Brecht und „Der Kameramörder“ von Thomas Glavinic – wobei hier die Idee gut war, aber man den Eindruck hatte, ein Legastheniker hat das geschrieben – nichts gegen Legastheniker btw.

    „Altes Land“ wäre allerdings ein Buch, dass ich nicht lesen würde, da mir die Thematik zu sehr zu setzen würde, ich kann auch keine Bücher lesen, in denen Kinder oder Mütter oder Tiere (ich weiss, ich bin ballaballa – „Ruf der Wildnis“ war der absolute Horror, ich habe in der Klasse Rotz und Wasser geheult) sterben.

    lg Uli

    • fadenvogel

      7. Mai 2016 at 14:24

      Ach, Uli, Ich liebe es, dass du mit mir redest! In Altes Land ist Sterben nicht das Hauptthema, eher *Flüchtling sein*. Und ja, das nimmt einen mit…..es ist aber mehr eine Lebensgeschichte, die sich dann schließt, wobei die Beteiligten dies nicht so genau sehen wie der Leser. Danke für die anderen Tipps. ich lese auch viel Unterhaltungszeug, wobei ich eher bei der Zuckerliteratur für Jungendliche dabei bin als bei Krimis. Die halte ich schwer aus….:-)

      • In meinen Krimis „sterben“ auch Menschen, aber so ein gepflegtes Abschlachten ist für mich einfach leichter zu ertragen als eine persönliche Tragödie, reales Drama oder einfach „keine leichte Lebensgeschichte“…

  2. Was für eine zutreffende Beschreibung, wenn es ums Thema Sprache geht. Für mich gilt das auch. Ob es jetzt ein Merkmal für Literatur oder nicht ist, sei dahingestellt. Für mich bleibt ein Buch in Erinnerung, wenn auch die Sprache mich berührt hat. Schön formulierte Sätze sind eine Wohltat für die Seele, finde ich.
    Ein Beispiel für mich sind die Romane von Ulla Hahn. Allen voran „Das verborgenen Wort“. Wunderbare Literatur.
    Und danke für den Lesetipp. Das Buch werde ich auf jeden Fall auf meine Leseliste setzen.

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