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Abschied von der Kinderkrippe

Krippe_1Vor zwei Jahren habe ich meine Zwillinge in eine Kinderkrippe gebracht. Heute war ihr letzter Tag dort. Die Praktikantin hat geweint. Zeit für einen Rückblick.

Blackbox Kinderkrippe.

Keine Ahnung, wie andere das empfinden, aber ich fand es nicht so schlimm, meine Kinder in fremde Hände zu geben. Ich hatte schnell Vertrauen in die Erzieher. Ich fands eher komisch, dass sie jetzt neue Dinge entdecken und ich bin nicht dabei. Bis jetzt habe ich immer anderen Erwachsenen von den Eigenschaften und Vorlieben meiner Kinder erzählt und plötzlich ist es anders herum. Das erste Mal hängen Geburtstagskalender mit ihren Namen an der Wand, sie haben Becher mit Namen und der Raum dort ist ihr Revier. Ich bin außen vor und andere Erwachsene erzählen mir von ihnen und kennen meine Kinder intensiver als ich diese Menschen kenne. Sie haben eigenständige Beziehungen dort – ohne mich als Vermittler oder Chief.

Selbstständigkeit – das große Ziel aller Eltern und es fängt an. Bis zu dem Punkt, dass sie mich irgendwann mal anrufen und sagen, dass sie es Weihnachten nicht schaffen, nach Hause zu kommen, aber gewiss mal über die Feiertage Mutti besuchen werden. Der erste leise Hauch davon weht hier jetzt vorbei.

Aber noch ist es ja nur ein Hauch (Gott sei Dank)

Das ist ein Teil des Textes, den ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Als ich sie gebracht habe, waren es 14 Monate alte Babys. Sprachlos, mit Windel, ohne laufen zu können. Heute gehen sie als Kindergartenkinder aufrecht aus den Räumen wieder heraus, mit einen Haufen Wörter, ohne Windel oder Schnuller. Das Bild von der Wand des Geburtstagskalenders wurde wieder abgenommen und mir mit all Ihren Fotos und Werken als sogenanntes Portfolio mit nach Hause gegeben. Ein Ordner voller Eindrücke, pädagogisch sortiert.

Obwohl wir nur zwei Tage die Wochen in der Einrichtung verbracht haben, war es doch eine prägende Zeit. Doch sollte ich heute ein oder zwei Dinge nennen, die konkret prägend waren, welche waren das?

Die Sache mit dem Puzzle

Ich saß mit Leitungswasser und Knabberkeksen in einem meiner ersten Erziehungsgespräche. fand ich erst völlig übertrieben.  Die Leitung hatte ihr pädagogisches Programm vor Augen und sprach mit mir über Entwicklung und Sprachvermögen. Beziehungen zu anderen, Gefühle, Beobachtungen. Sie erwähnte die Spielsachen, mit denen meine Kinder gerne spielten. Als Entwicklungsschritt nannte sie, dass beide 5 teilige Puzzles legen können. Puzzle, was? dachte ich mir. Bei mir zu Hause gab es noch Babyspielsachen. Ich dachte, sie wären noch mit Greifbällen und Schlüsselbund zufrieden. Waren sie auch, aber sie waren auch schon weiter. Ich bin also Puzzles kaufen gegangen.

So ging es mir die ganzen 2 Jahre über bis kurz vor Schluss. Ich habe meine Kinder ständig unterschätzt. Die Kinderkrippe hat mich immer überrascht. Meine Söhne decken den Tisch und kämmen sich die Haare. Sie gehen aufs Klo und malen mit Acrylfarbe. Sie können sehr genau ihr Umgebung benennen. Letztens haben wir einen Vogel beobachtet und mein einer Sohn sagte: Guck, eine Kohlmeise. Ich bin fast vom Rand des Sandkastens gefallen. (Es war keine Kohlmeise, sondern eine Amsel, aber in meiner Erziehungs-Welt habe ich bis jetzt nur gesagt: Vogel)

Ich nenne das also den Puzzle-Moment. Ich hatte einige Puzzle-Momente in den letzten zwei Jahren. Dass meine Kinder heute ohne Windel nach Hause gehen, ist auch so ein Puzzle-Moment. (Wie, die gehen bei euch aufs Klo????)

Die Sache mit den Arschloch-Eltern

Keine Frage, es ist eine zumindest interessante Kiste, dass man auch gleichzeitig in einer Art Gemeinschaft hineinkommt. Eine Gemeinschaft von Eltern. Darunter gibt es nette und weniger nette Exemplare. Freundschaften entwickeln sich langsam, wenn überhaupt. Die Kinder der Eltern sind die Bezugspunkt meiner Kinder und ich habe es mit *nicht ernstzunehmenden* Bedauern bemerkt, dass sie sich unter Umständen auch prächtig mit den Kindern verstehen, deren Eltern für mich zu der Kategorie Arschloch-Eltern gehören.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Nachbarsfamilie, die mich nervte. Die Mutter war laut und unfreundlich. Ihre 8jährige Tochter hatte ich automatisch zu ihr dazugetan. Emotional. Einmal spielte die Tochter alleine im Hof. Ich rollte mit den Augen und verstand nicht, wieso eine andere Nachbarin so nett zu ihr war. Du darfst die Kinder nicht mit den Eltern verwechseln. sagte sie mir und ich habe die Ausmaße dieser Antwort noch nicht voll begriffen. Nicht intellektuell, intellektuell wußte ich das schon immer, aber so emotional. Emotional war mir das noch nicht klar. Ich schämte mich meiner Gedanken, aber so war es halt.

Jetzt bin ich einen kleinen Schritt in meinem internen Eltern-Kind-Arschlochstatus-Rassismus weiter. Ich versuche es wenigstens aktiv, die Kinder nicht mit den Eltern zu verwechseln. Die eigenständigen Beziehungen in der Krippe, von denen ich in meinem ersten Eindrücke vor zwei Jahren schon mal einen Hauch wahrgenommen habe, haben sich im Laufe der Zeit verfestigt und sie helfen mir, selbst kleine Kinder ernst zu nehmen und für sich stehen zu lassen – machen meine Kinder ja auch so. In gewisser Weise lerne ich von ihnen, in denen ich ihr Verhalten kopiere.

Das Für und Wider von Kinderkrippen ist in diesem Land eine Diskussion, die höchst emotional geführt wird. Der Kokon *Mutter und Kind* wird irgendwann aufgelöst, nur wann, dass ist die Frage. Dass wir es alle als ungesund empfinden, wenn Mutter und Kind nach 30 Jahren noch so aufeinander hocken wie im ersten Lebensjahr – ok, da sind wir uns einig. Aber wann dann? Da gibt es so viele Thesen und Entwürfe wie Kinder. Mein persönlicher Blick auf meine Runde *Mutterkinder* (im Gegensatz zu *Krippenkinder*) zeigt mir aber, dass es da meist noch eine Oma gibt, die im Zweifel im selben Haus wohnt. Ob da mehr *Kokon* noch da ist, als ich das persönlich für gut empfinde, kann und will ich gar nicht beurteilen, aber ich will damit nur sagen, dass ohne Krippe nicht Mutter und Kind automatisch zusammenkleben. Ich finde das Oma-Konzept toll (gibt es hier bei uns ja auch), aber die Krippenkinder haben es deswegen nicht schlechter. Sie profitieren von anderen Dingen. Ich bedanken mich für diese Zeit und würde mich immer wieder für eine Krippe entscheiden – nicht für mich, sondern für meine Kinder.

Weiterlesen: Krippenkinder haben es besser und Regretting motherhood

 

 

Krippenkinder haben es besser

Jede Mutter kennt den Satz der fremden alten Frau auf der Straße, die ungefragt in die Backen des Kindes zwickt und bedauerlich/vorwurfsvoll/mitleidig seufzt: So früh schon in der Krippe? Auf twitter begegnen mir manchmal Kommentare dazu, aber auch auf Facebook habe ich auch unter jüngeren Mütter schon die Diskussion über Krippenkinder verfolgen können.

Krippenkinder werden ganz schnell mit den berufstätigen Müttern in Verbindung gebracht. Der Mami ist der Job halt wichtiger als das Wohl des Kindes. Dabei wird automatisch davon ausgegangen, dass es den Kindern daheim besser gehen würde als in Betreuung. Diese Annahme ist so fest im gesellschaftlichen Bild verwurzelt, dass ich – als ich jung und dumm und kinderlos war – dieses Bild gar nicht hinterfragt habe.

Mein erste Begegnung mit einer Kinderkrippe war in meinem Sozialem Jahr. (Ein Freiwilliges Soziales Jahr in eine einjährige freiwillige soziale Arbeit, die man unter der Schirmherrschaft eines dafür zugelassenen Trägers in verschiedenen Einrichtungen leisten kann, es ist für Jungendliche bis 27 Jahre). Ich war dort 6 Monate als Hilfskraft einer Gruppe zugeteilt, danach war ich 6 Monate in einem Kindergarten. Ich habe für mein Leben gelernt.

Die Kinder waren in meinen Augen sehr klein und ich hatte noch nie etwas mit Wickelkindern zu tun. Ich war der Meinung, dass das alles arme kleine Wohlstandsbabys waren, deren Mütter in ihren Anwaltsjobs was Großes reißen wollten und ihre Kinder für das Familienphoto zu Weihnachten brauchten.

Oh shit ….lag ich falsch.

Diese Kinder waren in einer großen Gruppe, sie waren ihren engen Wohnungen entflohen und rasten um die Ecken. Sie lernten von den „älteren“ Kindern und waren frei von den hyperemotionalisierten Müttern. Ich erkannte: Diesen Kindern geht es besser hier als den Einzelkindern daheim. Kinder brauchen Kinder. Früher (das sagenumwobene stets bessere früher) ließ man die Kinder auch in ihren Gruppen alleine, genau das machen diese Frauen jetzt auch. Krippenkinder sind für mich Menschen, die es gelernt haben, aufzustehen und die ersten eigenen Schritte machen. So um die 1 Jahr herum.

Als meine Kinder geboren wurden, war mir klar, dass ich ihnen das auch ermöglichen wollte. Ich wollte auch, dass sie früh Teil einer Gruppe sind und am liebsten wäre es mir, wenn wir auf einem Bauernhof leben würden und alle Kinder zusammenkommen und ich abends eine Glocke läute und meine Kinder nach Hause stapfen. 

Aber ich lebe in einer Stadt und wenn ich hier eine Glocke läuten würde, dann kriege ich echt Ärger mit den Nachbarn.

Also, ab in die Krippe.

Meine Kinder wurden ein Jahr alt und ich tat mir schwer, sie abzugeben. Ich tat mir schwer, weil es der erste kleine Abschied ist, der letztendlich dazu führt, dass sie erwachsen werden. Ich entschied mich dafür, sie nur zwei Tage in der Woche in eine Einrichtung zu geben.

Ich kenne also beide Seiten, die Seite der home-alone Mutter – die Seite der Krippenmama.

Als meine Kinder zwei wurden, war ich sowas von heilfroh um die Krippe. Meine Kinder haben Beziehungen ohne mich, sie setzen sich durch ohne mich, sie streiten ohne mich, sie feiern ohne mich. Ihr Bild hängt an der Wand und eine Tasse trägt ihren Namen. Nicht für mich ist das wichtig, sondern für sie. Sie kommen aus der Alleinherrschaft der Mutter oder des Vaters, die sagen, was richtig und was falsch ist. Sie brauchen die Erzieher, die ihnen ohne emotionale Hyperbindung ihre Grenzen aufweisen. Sie brauchen die anderen Kinder, von denen sie andere Sachen lernen. Sie brauchen den erweiterten Horizont.

Wenn es nach mir ginge, würden wir den ganzen Tag am Spielplatz hocken, ihr wisst das. Aber es wäre egoistisch von mir, ihnen diese Welt vorzuenthalten.

Ich finde es schade, dass die Krippe von 9 bis 17 Uhr geht. Ich fände es total cool, wenn sie dort auch mal übernachten könnten. Ein Abenteuer mit Snack und Geschichten. Nicht jeden Abend, nicht jede Woche, aber die Krippe ist in unserer Gesellschaft eng mit der arbeitenden Mutter verbunden und die hat Bürozeit.

Ich wünschte, dieses Bild würde aufbrechen und es würde wieder mehr in der Diskussion um die Kinder gehen. In meiner utopischen Welt sind Krippen die Gesellschaft der Kleinkinder. Ohne die Übermacht der *Großen* im Kindergarten. Ohne die *Mama*, die sofort angerast kommt, wenn man was braucht. Es sind Orte für die Eroberung der ersten Selbstständigkeit, die Entdeckung neuer Spiele. Es ist die erste Identifikation außerhalb der Familie, der erste Platz in der Gesellschaft.

Alle halbe Jahr muss ich in der Krippe antanzen und es werden mit mir die Entwicklungen der Kinder besprochen. Manchmal rege ich mich auf, aber meistens habe ich einen dicken Zettel mit Spielen, die sie jetzt kennen. Mit Eroberungen, die sie gemacht haben. Mit Liedern, die sie singen. Dieser Zettel ist meine Inspiration.

Ich bemerke, dass die Mütter um mich herum, deren Kinder nicht in die Krippe gehen, versuchen, diese Situation irgendwann nachzustellen: Oma-nachmittage, Play-Dates, Spielgruppen. Obwohl die Krippenmamis als die Rabenmütter gelten, versuchen die Heiligenmamis die Krippensituation nachzustellen? wtf?

Aber so ist es und das liegt daran, dass das Vorurteil einer Krippe gegenüber nur eine leere Hülle ist.

Wenn einer meiner Söhne krank ist, dann geht der andere trotzdem in die Krippe. Ich lasse sie nicht daheim, weil ich daheim bin. Ich bin froh, dass er sich ohne seinen Zwillingsbruder in einer Gruppe behaupten kann. Ich bin froh, dass er glücklich ist. Der andere hockt dann traurig auf meiner Couch. Ich habe kurz das Gefühl für ein Einzelkind und kann mir nicht vorstellen, dass es da draußen ernsthaft Menschen gibt, die glauben, dass es für Kinder geil ist, wenn sie den ganzen Tag alleine spielen oder mit einer Erwachsenen. Jeden Tag, immer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer das für sein Kind will. Wir essen zusammen, alleine. Wir gucken ein Buch an, alleine. Wir gehen raus, alleine. Die Einsamkeit der Großstadt wird deutlich.

Ab September gehen sie 5 Tage die Woche in den Kindergarten und mir graut schon. Nicht für sie, für mich. Werde mir dann wohl einen Job suchen, der mich nicht vereinsamen läßt und mich beschäftigt bis sie wieder nach Hause kommen.

Eine Mutter ist kein weiter Horizont, nur die Welt ist es.

Hier also meine ultimativen Thesen zur Krippe:

1. Fangen Kinder an zu laufen, sind es keine Babys mehr und sie brauchen andere Kinder. Und Mami sollte sich umdrehen.

2. Krippen sind für Kinder da und nicht für Eltern. Fuck the Bürozeiten. Orientiert euch an der Abenteuerlust der Kinder.

3. In der Krippe können Kinder an der Gesellschaft teilnehmen. Sie lernen es im Kleinen.

4. Mami ist nicht die erste Wahl beim Spielen. (Sorry, is so)

5. Ein distanzierter pädagogischer Blick auf die eigenen Kinder hat noch niemandem geschadet.

6. Wenn Kinder in die Krippe gehen, können in der Zeit beide Eltern arbeiten gehen. Nicht umgekehrt sollte das Bild in der Gesellschaft sein.

7. ICH würde meine Kinder in die Krippe geben, auch wenn ich keinen Job hätte, wenn das denn ging…

8. Der einzige Nachteil: Meine Söhne fangen früh an, Freundinnen zu haben.

9. Kinder essen alles in einer Gruppe mit anderen Kindern. Sie schlafen und räumen auf. Erholsam auch für Kinder, wenn der pädagogische Kampf nicht immer gleich mit Liebe zu tun hat.

10. All zu viel ist ungesund: all zu viel Krippe, aber auch all zu viel Home-alone. Eine perfekte Mischung für sein Exemplar zu finden, ist die Aufgabe. Dies kann eben nur eine Mischung sein. Ich habe Kinder gesehen, die am BESTEN 5 Tage die Woche in die Krippe gehen. Ich kenne Kinder, die am besten mit 1,5 Jahren gegangen wären. Ich kenne Kinder, die mit 2 Jahren abdampfen sollten mit den anderen Kindern. Ich kenne Kinder, die ihren ersten Geburtstag mit den anderen feiern sollten.

Krippen sind teuer, starr und Mami muss auch Geld verdienen. Das ist aber gesellschaftlich gesehen nur sekundär. Ich will, dass die Krippe für sich steht und die Gesellschaft einsieht, dass Kinder andere Kinder brauchen. Ich habe keinen Bock mehr, zu hören, dass Krippen die egoistische Wahl von Karrierebitches sei. Die meisten modernen Mütter in meinem Umfeld sind overprotectiv und die Käseglocke der Babyzeit bis 3 Jahre ist viel weniger „wie früher“ als die Clique in der Krippe, die um den großen Tisch herum eine Geschichte hört.

Wenn also noch mal eine alte Frau eurer Kind in die Backen kneift und bedauernd sagt: So früh schon in der Krippe? Dann sagt: Gott sei Dank, sonst wär der arme Tropf ja den ganzen Tag alleine. 

 

 

Bildquelle: pixabay

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