Der Tod der Reyhaneh Jabbari

der Tod der Reyhaneh JabbariManchmal werde ich von Geschichten heimgesucht. Sie schwappen vor meine Füße aus dem Meer an digitalen Nachrichten. Manchmal sehe ich ein Foto, dass mich nicht mehr loslässt oder ich höre eine Stimme. Dieses Mal bin ich von einer Frau berührt, die so ist wie ich- nur bisschen jünger. Ihre Mutter hat sich ein traditionelles rosa Kleid angezogen, als sie geboren wurde und hat ihr Kind darin glücklich in die Kamera gehalten – wie meine Mutter zu meiner Geburt auch ein rosa Kleid auf den Taufphotos trug – war wohl in den 80er und 90er Jahren Trend. Auf einer Facebook-seite ist dieses Bild gerade als Profilbild zu sehen. Der Name der Tochter ist Reyhaneh Jabbari und sie wurde letzten Samstag gehängt.

Die Geschichte von Reyhaneh Jabbari ist eine Geschichte aus Teheran. Eine junge Frau hat den Auftrag, eine Privatwohnung zu gestalten. Sie ist Inneneinrichterin und trifft sich mit zwei Männern in einer Wohnung. Sie wird später aussagen, dass diese Männer versucht hätten, sie zu vergewaltigen und dann ersticht sie in Notwehr einen von ihnen. So oder so ähnlich klaube ich die Geschichte aus den Nachrichten der westlichen Welt zusammen. Reyhaneh erinnert sich an diesen Abend mit ihren Worten:

The world allowed me to live for 19 years. That ominous night it was I that should have been killed. My body would have been thrown in some corner of the city, and after a few days, the police would have taken you to the coroner’s office to identify my body and there you would also learn that I had been raped as well. The murderer would have never been found since we don’t have their wealth and their power. Then you would have continued your life suffering and ashamed, and a few years later you would have died of this suffering and that would have been that.

Ich glaube ihr das. Ich glaube, dass es keinen Grund für eine 19jährige gibt, einen erwachsenen Mann zu töten. Außer diesen hier. Unter alle den politischen Nachrichten aus der Welt jenseits des Westens erkenne ich mich selten wieder. Ich bin niemand, der auf die Straße geht, ich bin keine Kämpferin für irgendwas. Ich sehe mich in keinem Krieg zu Waffe greifen. Ich habe die westliche Konsumbrille auf und glaube an Gewaltlosigkeit und den Sonntagsbrunch.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in dem Schock eines sexuellen gewalttätigen Angriffs auch jemanden erstechen könnte. Die fremde Welt der Reyhaneh Jabbari mit einer Religion, die ich kaum kenne, mit Traditionen, die mir nichts sagen, kann ich zur Seite stellen und denke mir: Das ist eine mir völlig plausible Handlung. Menschlich gesehen absolut nachvollziehbar. Also glaube ich ihr das. Diese Geschichte hat nichts mit unseren Unterschieden zu tun, sie kümmert sich nicht um Religiosität, Frauenbilder und Lebensentwürfen. Ein Mann greift ein Mädchen an und sie verletzt ihn in Notwehr tödlich. Passiert hier, passiert dort, passiert morgen wieder. Diese Geschichte erzählt unsere Gemeinsamkeiten.

Denn das, was sie schreibt, könnte auch eine blonde Frau in Minirock irgendwo in der westlichen Hemisphäre beschreiben: ich hätte an diesem Tag sterben sollen.

Der Prozess, die Anklage und die Verurteilung prägen viele ihrer Worte. Ich kann sie kaum lesen ohne Tränen in den Augen zu haben. Sie hätte eine Heldin sein müssen. Sie hat einen Angriff unversehrt überlebt. Das ist bei vielen Frauen anders.

Und dennoch sitzt sie bis zum Ende ihres Lebens in einem iranischen Gefängnis, aufgefressen von der Ungerechtigkeit ihres Schicksals und bestimmt, dass ihre Organe nach der Hinrichtung andere Leben retten sollen.

I don’t want my eye or my young heart to turn into dust. Beg so that it is arranged that as soon as I am hanged my heart, kidney, eye, bones and anything that can be transplanted be taken away from my body and given to someone who needs them as a gift.

Mir zieht es fast den Boden unter den Füßen weg. Allein dieser Gedanke ist schon unglaublich. Ich wünschte, ich hätte diese Frau gekannt. ich wünschte, sie hätte meine Kinder unterrichtet. Völlig egal, ob sie einen Schleier oder keinen getragen hätte. Völlig egal, wie sie Gott genannt hätte. Völlig egal, ob sie es richtig gefunden hätte, dass Jungs mit Puppen spielen. In den fundamentalen menschlichen Fragen war sie ein großartiger Mensch nach allen uns zu Verfügung stehenden Maßstäben. Alleine für diesen Gedanken, gedacht in einer iranischen Todeszelle.

Am Ende nennt sie voll Hass die Namen derer, die ihr Leid mit ausgelöst haben. Und hat trotz allem noch Hoffnung. Hoffnung auf Gott. Sie scheint sich sicher, dass die Verantwortlichen schuldig vor Gott geworden sind und sagt:

Dear soft-hearted Sholeh, in the other world it is you and me who are the accusers and others who are the accused. Let’s see what God wants. I wanted to embrace you until I die. I love you.

Das ist so groß, viel größer als ich grad ertrage. Viel größer, als ich in einem kleinem persönlichem Blog über Strickanleitungen und Samstagskaffees berichten kann. Ich habe mir lange überlegt, ob ich diesen Artikel posten soll. Es kommt mir unpassend vor. Ich habe weder das Medium hier, noch habe ich eine echte Vorstellung vom Leben in Teheran. Ich bin nur eine kleine westliche Geschichtenerzählerin, die heute von den Meldungen einer Hinrichtung in einem fremden Land erfahren hat…und dabei mehr die Gemeinsamkeiten gesehen hat als die Unterschiede.

Quelle für Reyhanehs Botschaft:

3 Kommentare

  1. Ich finde, dass man immer selbst entscheiden sollte was passend oder unpassend ist. Konzept hin oder her: Man merkt deiner ‚Geschichte‘ an, dass hier kein billiges Politikphrasengedresche oder Gutmenschensein an völlig falscher Stelle zelebriert wurde, sondern du einfach nur von einem Mädchen berichten wolltest, dessen Schicksal dir am Herzen liegt. Eine ’schöne‘ Abwechslung!

    • fadenvogel

      28. Oktober 2014 at 10:27

      Danke. Ich sehe mir jetzt die ganzen Nachrufe an und finde, dass es immer eine bittere Sache ist, wenn eine persönliche Geschichte politisiert wird. Letztendlich ist die Politisierung aber auch die einzige Möglichkeit der Änderung. Eine fataler Zwiespalt. Ich danke, dass ich den Ton getroffen zu haben scheine, den ich in das Netz tragen wolle: Nachdenklich, traurig, feministisch und menschlich.

  2. Einen kleinen Unterschied gibt es doch: In „unserer“ Welt vergewaltigen und töten Männer nicht ganz so selbstverständlich, weil sie hier Gefahr laufen, dafür bestraft zu werden.
    Dennoch hätte ich es nicht besser ausdrücken können!
    Und ich finde es völlig egal, ob es nun passend ist, auf welchem Medium darüber berichtet wird, so lange der Bericht selbst passend ist. Und wenn die InTouch die passenden Worte findet – na und? Wichtig ist, dass man sich der Ungerechtigkeit der Welt entgegenstellt, wenn man das Gefühl hat, man müsste etwas sagen. Es wird sowieso viel zu viel geschwiegen.

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