Samstagskaffee und die Frage nach dem Glück

Wir sind in Sommerferien. Sommerferien daheim. Das heisst, mit Besuch und Ausflügen. Nach einer langen Woche des Sonnenscheins heute der erste Regentag. Die größeren Jungs sind mit dem Papa zum Metzger gefahren, ich und das Käferle bleiben zu Hause. Wir wollen heute Spätzle machen.

Diese Woche kam viel Besuch zu uns. Der Besuch der anderen lässt einem ja gerne übe das Eigene nachdenken. In manchen Familien kracht es und die Leichen kommen aus dem Keller gekrochen – wobei, wie unsauber formuliert. Es sind ja gar nicht die Familien, die auseinander brechen, sondern die Paare. Papa und Mama bleibt man auf ewig. Und manche formen neue Familien oder erweiterte Teile von alten Familien. Manche Väter verschwinden.

Ich habe Freundinnen, die, wenn man ihr Leben vertauscht, keine Sekunde in der Ehe der anderen leben könnten. Ich will damit sagen, dass man vorsichtig sein soll mit der Wertung. Was einem selber guttut, muss nicht einem anderen guttun. Frauen vergleichen sich ja auch ganz gerne untereinander. Wessen Mann hilft wie viel im Haushalt, mit den Kindern, im Streit mit der Schwiegermama. Wer schläft lange, wer schläft nicht mehr. Dabei gibt es keine Formel, dabei hilft kein Messbecher zum Glück. Das ist für jeden anders. Wobei ich meistens den Ansatz schon seltsam finde, aber das bin ich. Es ist ja auch sein Haus, seine Kinder und seine Mutter. Da ist man ein Team oder man ist nix mehr. Einer Frau helfen? Ich würd eher sagen, jeder schaut, dass es allen gut geht. Immer.

Alle meine Besuche und alle Gespräche kann man auf diese eine Frage reduzieren: Was ist das Glück? Meine Version davon. Was macht mich aus?

Viele kennen mich in dieser Version und denken wohl, dass mich so Sachen wie das Handarbeiten ausmachen oder meine Kinder oder das Haus, in dem ich lebe, aber das stimmt nicht. Mich gibt es ja schon länger als diese Kinder und dieses Haus und selbst länger als das Nähen oder Stricken. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind unbedingt lesen können wollte. Ich weiß auch noch, welchen Buchstaben ich als Erstes von der Schule mit nach Hause brachte und dann dachte, ich könnte endlich das Buch über Kleopatra lesen. Mein Vater hat es mir gegeben und war wirklich einfühlsam, als er sagte, ich könne gerne alle Os aus dem Buch heraussuchen, wenn ich wollte. Ich konnte nicht gleich lesen und das hat mich geärgert, aber ich habe es mit viel Geduld gelernt. So wie alle Dinge danach.

Ich nähe nicht gerne, ich lerne gerne – das macht mein Glück aus: Eine Mischung aus Neuem und Vertrautem. Ein bisschen Herausforderung und dann aber auch Erfolg.

Jetzt bin ich auf dem Land in einem Haus mit drei Kindern gelandet – und versuche mich in Sauerteig, Nähzeitschriften und Brotbackbüchern. Mein Glück besteht darin, dass ich – auch nach etlichen Misserfolgen – etwas neues Gelernt habe und das erfolgreich.

Kein Wunder, dass ich gerne mit Kindern lebe. Kinder sind nie gleich. Sie wollen immer andere Sachen und sind in anderen Phasen. Mit Kindern lernt man echt viele Dinge kennen.

Kein Wunder, dass eine meiner ältersten Freundschaften aus einem Lehrer-Schüler-Verhältnis entstand. Ich bin gerne Schülerin.

Hätte ich ein anderes Leben und würde nicht nähen, so hätte ich sicher mein Glück in ähnlichen Strukturen gefunden: Neue Sprachen, Fortbildungen, eine berufliche Karriere mit immer höher hinaus.

Ich bedauere nicht, dass ich lerne, indem ich mir neue Schnittmuster besorge statt neuen Positionen in irgendeiner Firma. Ich meine bloss, dass eben aus dem Lernen mein Glück besteht. Das macht mich aus.

Jetzt lebe ich in einer Ehe, in dem mein Glück so arg gefördert wird. Manchmal mit einem Augenrollen, aber grundsätzlich findet mein Mann diese Eigenschaft an mir toll. Das ich immer was Neues anschleife und daran dann arbeite. Er belächelt meine Versuche, Brot zu backen und wartet ab, was ich so herausfinde und findet es dann sicherlich ganz großartig, wenn es hier mal richtiges echtes Brot gibt – kein kleines Hefe-Thermomix-baguett, sondern Sauerteig-Brot mit Vorteig und Gärkörbchen. Ich weiß nicht, ob er mich genauso großartig finden würde, wenn ich kinderlos wäre und ihm von dem neuen Job in Singapur erzählen würd. Vielleicht überhaupt nicht, aber darum geht es in der totalen Innenperspektive ja nicht. Ich weiß, ich bin glücklich, solange ich was zu lernen habe.

Was macht dich aus?

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3 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt, möchte ich auch mit keiner meiner Freundinnen tauschen und erst recht nicht mit den dazugehörigen Männern 😉

    Was mich ausmacht? Schwierige Frage. In puncto Beziehung: wir versuchen, den anderen einfach so sein zu lassen, wie er ist – hobbymäßig könnten wir unterschiedlicher ja nicht sein. In Bezug auf mich? Ich mag keinen Stillstand – meine Freundinnen bezeichnen mich als „rastlos“ (das finde ich übertrieben), aber ich bin trotzdem zufrieden mit dem Jetzt. glg Uli

  2. Liebe Sabine, toller Beitrag, tiefgehende Gedanken… ich kann das gut nachvollziehen, lernen ist super, ich liebe es auch, sobald Stillstand da ist, werde ich unzufrieden. Die Antwort auf deine Frage: das muss ich erst noch reflektieren. Es ist gut, sich darüber Gedanken zu machen Herzlichen Dank und liebe Grüße!

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