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Bad Tölz … unerträglich schön? …erste Stadtgeschichten

Bad Tölz unerträglich schönEs hat sich ausgebadet in Bad Tölz.

Tölz ist eine alte Stadt, aber das *Bad* im Namen hat sie erst seit 1899. Mitte des 19.Jahrhunderts wurden Jodquellen gefunden – eine Goldquelle in Zeiten der Kurkultur. In den 70ern kam der Spaß dazu. Das Alpamare. Vielen ein Kindheitsbegriff. Für alle, die es nicht kennen: Das Alpamare ist ein Spaßbad, mit Rutschen und Wellenbad.

Doch dem Badeparadies geht es seit langem schlecht und so schließt es seine Tore dieses Wochenende. Epochales Ende.

Das Video zeigt ein paar Ausschnitte zum Alpamare und der Stadtgeschichte, allerdings ist die Geschichte des Jodquellenhofes hier zu eindimensional erzählt. Der Jodquellenhof ist das angrenzende Hotel des Alpamares. Im Moment ist es eine Flüchtlingsunterkunft,aber da spielen wohl viele Interessen eine Rolle. Und diese sind völlig losgelöst von dem Thema *Flüchtlinge*. Es geht um Baurecht. Man will auf diesem Gelände mehr als ein Hotel machen, aber es ist nur für touristische Nutzung freigegeben. Eine Unterbringung von sozialen Wohneinrichtungen wie ein Flüchtlingsheim könnte den juristischen Weg für geändertes Baurecht mit sich ziehen.
Der Stadtrat stimmt also dagegen und reichte Klage ein, nicht, weil man befürchtete, die 150 Menschen könnten einem touristischen Stadtbild schaden, sondern weil der Eigentümer des Geländes damit vielleicht in der Zukunft sein Wohngebiet entwickeln darf. Zwischenstation *Flüchtlingsunterkunft* in einem Streit über Wer Was wohin bauen darf. Wer wie wo was bauen darf ist ein sehr beliebtes bayerisches Streitthema. In fast allen Familien, die ich hier kenne, ist das Thema Baurecht ein großes.
Manchmal glaube ich in den Zwischentönen von Gesprächsfetzen um den Jodquellenhof etwas Negatives zu hören, aber ein wirkliches Thema *Flüchtlinge im touristischen Kern der Stadt* erkenne ich nicht. Des is halt jetzt so. Die armen Leit müssen ja a irgendwo hin.

Jodquellenhof August 2015
Ich gehe am Jodquellenhof täglich vorbei. Am Anfang habe ich gar nicht gecheckt, dass es kein Hotel mehr ist. Erst als aus einem Fenster eine bunte Bettwäsche hing, hab ich kurz gedacht, dass dieses altehrwürdige Hotel keine blütenweiße Bettwäsche hat, ist schon komisch. Dann hat mir jemand erzählt, dass dort Asylsuchende leben. Ah, deswegen die normale Bettwäsche.

Jetzt sind mehr Kinder hier, im guten Badeteil. Letztens war ein kleiner Junge mit Rollschuhen unterwegs. Mein einer Sohn hat mich aufgeregt gefragt, wie das heißt, was der rote Junge dort macht. Er hat *roter Junge* gesagt, weil der Bub ein knallrotes T-Shirt trug. Das war für ihn das markanteste Merkmal, dass ich auch verstehen würde und ihm das Prinzip *Rollschuhe* nun erklären könne. Ich musste kurz lächeln. Er hat nicht *schwarzer Junge* gesagt und irgendwie denke ich, dass dies genau der richtige Ansatz ist.

Aber das neu belegte Hotel ist hier gar nicht der Stein des nachbarschaftlichen Aufruhrs. So scheint es mir.

Im angrenzenden wohl gepflegten Kurpark werden regelmäßig Hochzeiten gefeiert. Für die Nachbarn mit den ersten Pläuschchens ist das wohl der Kern des Übels. Ich werde auf die bevorstehende Ü-30-Party vorbereitet. Eine unglaubliche Geräuschkulisse soll es sein. Nun gut, im Kurhaus vor meinem Fenster feiert man im erzkatholischen Bayern auch gerne Freitags seine Hochzeit und alle Bräute machen mit ihrer Festgemeinde exakt das gleiche Bild auf jener kleinen Treppe. Eine Collage der Hoffnung kann man daraus basteln, wenn man diese Fotos alle hätte. Immer im gleichen Winkel, mit wechselnder Besetzung.
Kurpark Hochzeitstreppe

Ich muss da gedanklich immer kurz einwerfen, dass ich neben der Wiesn gewohnt habe, aber vielleicht schockt mich diese Ü-30-Party tatsächlich. Die vielen Hochzeiten haben mich noch nicht aus der Fassung bringen können.

Ansonsten findet man neben dem Tölzer Wahlspruch Wellness und gelebtes Brauchtum auch die Kräuterkundler, Yogastudios, Jazz und Veganes Touristenangebot als Tölzer Veg…jaja, es wird lustig hier. Die modernen Hippies, die bio kaufen, Kräuter zu medizinischen Tees verarbeiten und vegan leben, sind also schon hier.

Bad Tölz unerträglich schön 3

Aber nicht alles ist schön. Ich erkenne Risse und in den Rissen liegen die interessanten Geschichten.

Bad Tölz unerträglich schön 2
Ein Postkartenidyll hat eben nicht mehr Zeilen verdient als eine Postkarte groß ist. Aber nicht alles ist geleckt, nicht alles ist Zucker. Genau auf diese Risse, Ecken und Kanten werde ich mein Interesse lenken. Ein Besuch im Stadtmuseum steht an, ein Blick auf die Mystifizierung der 90er Jahre Fernsehserie *Der Bulle von Tölz*, einen Stadtrundgang mit seiner Selbstinszenierung. Das Mehrgenerationenhaus und sein soziales Engagement, die Kirche. Ihr seht, ich habe zu tun in einer bayerischen Kleinstadt am Fuße der Alpen.

Am Sonntag gehen wir erst mal seit Jahren wieder ins Theater. Letztes Jahr habe ich ja schon über Wolfgang Ramadan geschrieben. Dieses Jahr hat er ins Kurhaus Kälberbrüten gebracht – frei nach Hans Sachs, einem Poeten aus dem 15.Jahrhunderts. Ein Gag-Feuerwerk soll es werden. Wie viel ich gelacht habe, werde ich hier schreiben.

Abschied von München

Bad Tölz IsarNun sind wir weg. Weg aus München, raus aus der Wohnung. Der Abschied war kurz. Mit sonnigem Wetter die Straße entlanggefahren und abgebogen. Mein Kiez mit der Stadtbibliothek und dem Verkehrsmuseum, der Westpark und der Grieche um die Ecke. Ich kannte die Menschen hier. Die Zufälligen. Und man hat mich gegrüßt, ein Pläuschchen gehalten, die Kinder zusammen spielen lassen.

Ich mag München wirklich.

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Aber mein Herz weint nicht.

Die Anmeldung in Bad Tölz hat genau 10 Minuten gedauert. Da lacht man als Münchner bisschen, wenn man sich erinnert, dass man für die Abholung eines Reisepasses gerne mal einen Vormittag einplanen musste. Die Beamtin gibt mir eine Einladung. Für Neubürger eine Brotzeit, sagt sie.

Bei der Stadtbibliothek München habe ich noch Schulden, ich schreibe eine Mail und bekomme keine Antwort. Ich rufe an und die Frau am Ende der Leitung lacht und sagt, dass mir bestimmt bald die Decke in Bad Tölz auf den Kopf fällen würde und ich dann schon wieder herkommen könne, um die Kosten auszugleichen. Na, wenn sie meint. In Bad Tölz habe ich auch als erstes einen Ausweis für die Bibliothek machen lassen. Ich suche den automatischen Bücherzurückgebekasten. Die Bibliothekarin schaut mich irritiert an. Sie leihen die Bücher hier bei mir aus. Wie, per Hand? So mit Personal? Krass. Wie beschaulich.

München wäre mir ja zu hektisch, sagt eine Freundin vom Land. Hektisch? München ist nicht hektisch. München ist bio, business und big. Und zwar so big, dass man als Münchner auch selten sein Stadtviertel verlässt. Hier fahren die Menschen kreuz und quer. 30 km für ein Abendessen? No problem.

Man sieht aber irgendwie, dass du aus München bist. Ehrlich? Vielleicht. Ich bin die einzige Mutter, die ihre Kinder hier mit dem Fahrradanhänger durch die Gegend fährt. Alle anderen nehmen das Auto. Ok, Bad Tölz ist in den Bergen und ich habe mein Fahrrad gegen das alte Mountainbike meines Vaters getauscht, aber ich seh nicht ein, warum ich die 500 m mit dem Auto fahren sollte. Das mach ich dann, wenn es schneit. Wenn überhaupt. Die Fußgängerzone ist steil und die Caféhauskellner lächeln mich bisschen bescheuert an, wenn ich den Fahrradanhänger samt Fahrrad hinaufschiebe. Diese bekloppten Touristinnen, sehe ich in ihren Augen.

Meine Kinder werfen Steine in die Isar und um uns herum ist eine Mischung aus Tagestouristen und den Flüchtlinge aus dem nahem Heim. Der Unterschied ist nicht auszumachen. Ich weiß nicht, wen ich ansprechen soll und bleibe für mich. An einem Ort anzukommen dauert seine Zeit und ich vermisse die Pläuschchens am Wegesrand.

Aber das war nicht München, das war ich. München ist eine Stadt aus Steinen, mit Preisen in den Himmel und kaum Platz für Kinder. Bad Tölz ist auch nur aus Steinen gebaut.

Also wird das kommen, sage ich mir.

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