Manchmal muss man sich ja um die großen Dinge Gedanken machen. Erziehung, zum Beispiel.  Was ist das eigentlich genau?  Gute Erziehung, schlechte Erziehung.  Sagt man ja, wenn es um das Benehmen von Menschen geht. Wie benimmst du dich denn? 

Ich bin Mutter von drei Kindern, eines ist grad 1 Jahr alt. Ich sag das nicht, weil ich irgendwie dadurch eine Expertin bin, aber im Bedürfniskatalog von Kleinkindern. hey, da kenn ich mich aus.

Nach Freud besteht die menschliche Psyche ja aus drei Instanzen: dem Es, dem Ich und dem Über-ich. Oder: der Forderung, der Reaktion und dem Werte-Katalog.  Aus dem Es kommen die Bedürfnisse, die Instinkte. Sie kommen in das Ich und werden von dem Über-Ich gelenkt. Das Über-Ich kontrolliert, ob das Bedürfnis jetzt befriedigt werden kann oder nicht. Ob das grad gesellschaftstechnisch geht, ob das Bedürfnis jetzt grad irgendwie *in Ordnung * ist. Und das Ich ist dann das Ergebnis, dass ständig versucht zwischen dem ES und dem Über-Ich zu vermitteln. Ein stressiger Job. Könntest du bitte mit dem Essen warten, bis alle am Tisch sitzen? Klar, gar kein Problem…

Als mein Tag noch daraus bestand, kluge oder unkluge  Dinge zu lesen, fand ich das interessant genug, es mir zu merken. Normalerweise bin ich keine Philosophin. Schopenhauer hat mir meine erste Liebe ruiniert. Mir reicht´s mit den alten Herren. Aber, trotzdem, manchmal kommt mir noch Freud in den Sinn.

Mal offensichtlich, was Freud von Erziehung hielt. Dieses dunkle konfuse ES in den Griff zu kriegen, indem man als Eltern das Über-Ich ersetzt und formt, damit das ICH dann hoffentlich mal selber ein gut funktionierendes Über-Ich besitzt.

Kann ziemlich schief gehen. Das hat Freud auch gewußt.

Mein jüngstes Kind ist grad eine wundervoll knuddelige ES-Wolke.  Auf Normen wird geschissen. Bedürfnisse werden durchgesetzt. Keine Rücksicht auf Verluste.

Zu Beginn so eines Menschenlebens sind die ES-Impulse ja überschaubar: Hunger, Schlafen, Liebe. (Da halt ich mich ja nicht so an Freud, ich weiß)

Aber es kann auch da schon differenzierter werden: Heiß, Kalt, dunkel ,hell…und mit jedem Monat wird es ja unübersichtlicher und dann fängt man meistens an zu raten. Magst du den Ball? Magst du nix essen? Ach nee, du magst essen, aber selber. Cool. …..Äh, nein, wir werfen nicht mit Essen nach der Mama. . Aber das Beste an Babys ist ja, dass sie alle so herrlich unterschiedlich sind. Wie viel Schlaf, wie viel Nähe, wie viel Hunger – da gibt es ja nur Richtwerte. Ungefähre Abschätzungen. Da gibt es Kinder, die schlafen wenig. Da gibt es Kinder, die schlafen viel. Da gibt es Kinder, die essen wenig. Da gibt es Kinder, die essen viel.

Und immer irgendwo eine Mutter, die ganz ängstlich auf die Nachbarbabys schaut, um herauszufinden, ob sie denn all diese ES-Laute richtig erkennt und befriedigt.

Und immer irgendwo eine Mutter, die die Nase rümpft, nur weil sie das unverschämte Glück hat, dass ihre kleine ES-Wolke grad bedürfnisskompatibel ist mit dem Rest des Raumes. Denn nur das ist es: Glück. Das hat nichts mit dir und deinen Erziehungsnormen und Werten zu tun. Es ist einfach grad gut gelaufen.

Gut, irgendwann hört das auf. Irgendwann hat es dann doch mit dir zu tun. Der Übergang ist schleichend, aber vorhanden. Kinder haben feine Antennen. Die wissen ganz genau, was dir wichtig ist und was nicht und sie versuchen, ihr kleines gepflegtes ES zu befriedigen. Das ist ja auch ihr gutes Recht. Und es ist ja auch schön, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse so erforschen. In gewisser Hinsicht sind sie herrlich gesund. Sie hören auf sich und ihr Inneres.

Die Frage ist dabei, dass man ihnen sanft und ehrlich beibringt, damit den Rest der Menschheit nicht zu stören.  Wobei, auch das ist ja Blödsinn, denn in gewissen Momenten sollen sie ja eben nicht geräuschlos bleiben: bei Ungerechtigkeit aufstehen, bei Fehlern dagegen sein. Also: Stör mit deinem Bedürfnis nicht den Rest der Menschheit, aber sei bitte im richtigen Moment ein Held.

Freud ist ja auch schon überholt. Keine Ahnung, wie und ob das geht. Wenn ich hier rumbrülle, weil irgendjemand mal wieder igendeinen Kacka gemacht hat, dann frag ich mich schon, warum mir das so wichtig ist grad. Wegen mir? Bin ich eine kleine ES-Wolke grade?

Wenn Kinder so bedürfniskompatibel mit dem Leben der Eltern mitlaufen, macht man sich ja wenig Gedanken um Erziehung. Lustig wird es erst bei Konflikten. Wenn in Familien der Bedürfniskampf ausbricht.

In unserer Gesellschaft suchen wir immer nach der allgemein gültigen Norm: Vereinbarkeit, Krippen, Stillzeit – wie lange, wie viel, blabla. Da gibt es die Mütter, die behaupten, nur als Hausfrau kann man den Bedürfnissen gerecht werden. Da gibt es die Mütter, die behaupten, dass ein Kind ab einem Jahr vollbetreut werden sollte, weil man selber einfach arbeiten gehen muss.

Ich glaube, dass ist alles Schall und Rauch.

Es gibt nicht *das Kind und sein Bedürfniss* – es gibt nur lauter kleine verschiedene Menschen und wenn du es nicht zu extrem hälst, kannste ein Kind haben, dass sich super gut in deinen eigenen Bedürfniskatalog eingliedert. Vielleicht aber auch nicht. Und wenn nicht, dann ist es sehr hilfreich, das Bedürfnis zu kennen und nach irgendeinem Befriedigungsmodus zu suchen. Das kann kompliziert sein. Mehr Nähe, andere Nähe, vielleicht auch das Bedürfnis, dabei zu sein. Wo dabei? Kann man etwas machen, wo das geht?

Am einfachsten erscheint es, einfach genug Zeit und Geld zu haben, dass man alle Bedürfnisse von Kindern stillt. Geile Lösung der Cappuccino-Fraktion. Im Erwachsenen-Leben geht das bestimmt gut aus, wenn man gewohnt ist, dass man kriegt, was man will. Immer. Hauptsache, man hört mit dem Gebrüll auf.

Es gibt nicht *die Lösung*. Wenn es in deinem Leben also grad total harmonisch läuft, dann hat das nichts damit zu tun, dass du irgendwas *richtig* gemacht hast und die anderen irgendwas *falsch*. Es liegt daran, dass du grad das Glück hast, ein mit deinen persönlichen Möglichkeiten zufriedenes Kind zu haben.

Und wenn dein Kind grad sich auf den Boden wirft und versucht, mit allen Mitteln das Bedürfniss zu stillen, dann genieße die Fahrt in den Urinstinkt. Das ist okay. Brüllst du jetzt, weil es um Leben und Tod geht? Bist du in ernsthafter Gefahr? Nein? Okay, es ist okay, das Überraschungsei an der Supermarktkasse zu wollen, aber ich als dein Über-Ich habe grad gesagt, dass das nicht geht. Und ich bin ein gutes Über-Ich. ich knicke jetzt nicht ein, nur weil du so laut und wütend um die Ecke kommst. Ich halte auch die Blicke der anderen aus und mein eigenes Bedürfnis (leise, sauber und gepflegt dazustehen?) Ich kann das aufgeben. Ich kann mich von den anderen anstarren lassen. Weil du und dein Benehmen mir wichtiger sind. Ich kann konsequent bleiben. Pass auf. 

Eigentlich ist so ein harmonisches Familienleben ja nur ein Ausbalancieren der verschiedenen Bedürfnisse, wobei die Regel gilt: je jünger das Mitglied, desto weniger Kompromissbereitsschaft ist vorhanden. Aber, wenn man ganz viel Glück und ganz viel Geduld hat, baut sich diese Kompromissbereitschaft ja aus. Kinder lernen ja, was ihren Erziehern wichtig ist und was nicht. Kindern haben Antennen. Und, wenn man sich vorhersehbar verhält und dann auch mal so völlig blödsinniges Kinderbedürfnis nach Pommes mit Honig (bildhaft gesprochen) erfüllt, na, dann wird das auch mit dem Kompromiss: Ich achte auf dich. Du kriegst, was du brauchst. Versprochen. Soll  auch.  Sozial verträgliche Zufriedenheit und so. Das wär doch so ein gutes Erziehungsziel.

Hallelujah,

Das ist  kein Können,wenigstens nicht nur,  das ist auch eine Menge Glück. Und ab und zu mal ein Gedanke daran, was dahinter steht. Hinter dem Benehmen.