Unsere Welt ist zu schnell. Um genauso gut zu sein wie im Jahr zuvor, sagt unser Leitungsprinzip, dass wir eine Schippe Arbeit oben drauf legen müssen. Die Kapazitäten erhöhen. Ziel: Wachstum.

Dabei ist dieses Prinzip nicht nur ein wirtschaftliches. Auch Blogger wollen größer, weiter werden. Mehr Follower, mehr Kanäle.

Auch Mütter. Ich treffe immer wieder eine Mutter, die für mich der Inbegriff der Leistungsorientiertheit ist. Lustig dabei, dass sie mit Studium und intellektuellem Job und Yoga-Kursen eigentlich  mit mir vor allem über Entschleunigung spricht. Wie ein Guru. Kurz vor den Klavierstunden ihrer Tochter. Und dem Fußballtrainings ihres Sohnes.

Ja, die Entschleunigung, das Heilmittel gegen Stress und Burn-out. Zu finden zwischen Spaeinrichtungen und Klangschalengymnastik. Da wird dann das Gefühl gesucht, mit sich selber im Reinen zu sein.

Was bedeutet das genau? Im Reinen zu sein, bedeutet Loszulassen. Seinen Anspruch an sich selber loslassen, die Ansprüche der Gesellschaft, die Ansprüche des Partners.

Im Umkehrschluss: seine Aufgaben erledigt zu haben.

Entweder, in dem man sie erledigt oder indem man sie für erledigt erklärt.

Unter Müttern ist das ein zweischneidiges Schwert, ein Fall ohne doppelten Boden: erkläre ich die Aufgabe *Wäscheberge* oder *Abendessen* für erledigt, dann hat das in der Regel negative Konsequenzen. Ich habe nur die Chance, sie tatsächlich zu erledigen. Aber, ich sollte ja entschleunigen. Ziemliche Zwickmühle, finde ich ja.

Da gibt es aber auch eine Klangschalengymnastik:

Wenn du mit deinen Aufgaben nicht zurecht kommst,
dann hast du einfach schlecht geplant.
Plane besser.

Ist das der goldene Topf am Ende des Regenbogens? Planung? Also, wenn ich gut plane, dann erhöhen sich meine Ansprüche: selber kochen statt Tiefkühlpizza, um mal konkret zu sein.

Um ehrlich zu sein: Ich bin gut im Zeitmanagement, aber ich finde es ziemlich verfrohren, einer Mutter mitzuteilen, dass sie nur deswegen grad zusammenbricht, weil sie schlecht geplant hat. Mal versucht, Kinderaktionen vorherzusagen? Kann ich gleich eine Glaskugel befragen. Wobei, ich weiß im Vorfeld schon, dass das Baby die Hose voll hat, wenn ich grad meine Stiefel angezogen hab. Eh klar.  Ich plane gut und trotzdem ist Stress ein mir bekannter Zeitgenosse.

Entschleunigung kann aber auch bedeuten, dass du die Aufgaben für erledigt erklärst, die nicht unweigerlich alltagsbedrohlich sind. Jede hat schon man den Spruch gelesen.

Gibt es in ganz unterschiedlichen Zusammensetzungen. Aber die Botschaft ist immer gleich:

Arbeite an deiner Prioritätenliste.

Wenn du gestresst bist,

dann setzt du einfach die falschen Prioritäten.

Gut, denke ich mir.

Bis ich die erste Murmel aus der Windel meines Babys gefischt habe und mir ganz schlecht geworden ist bei dem Gedanken, was er sonst noch alles verschlucken könnte hier. Daraufhin habe ich wieder aufgeräumt.

Weder gute Planung noch schmutzige Fussböden bringen mich also in die Entschleunigung. Vielleicht eine Mischung?

Meine Lösung kam von ganz woanders her. Ich habe ein Frühstück gegeben mit anderen Müttern. Manche schauen mich immer ganz schief an, wenn ich Sachen genäht oder gestrickt habe. Woher du nur die Zeit nimmst. Ich zucke mit den Schultern und das Gespräch plätschert weiter. Und da kommen dann Schundromane und Freizeitliteratur dran. Ich frage höflich nach den Autoren. Und habe in meinem Leben schon viele Bücher gelesen.Aber das ist eine ganz schön lange Zeit her. Und habe dann keine Lust mehr und sage einfach: Ich lese nicht mehr.

Große Augen.

Gut, so dramatisch ist es nicht, aber ich lese fast nichts. Vielleicht zwei Bücher im Jahr wo mal 20 waren.

Und da fällt es mir auf: deswegen habe ich Zeit, so viele Dinge zu nähen. Ich habe das Lesen aufgegeben.

Das klingt jetzt für die einen dramatisch und für die anderen weniger dramatisch, steht aber exemplarisch. Ich habe noch ganz andere Dinge einfach aufgegeben. Und wie wir untereinander annehmen, dass niemand die wirklich wichtigen Dinge aufgibt, sondern nur so was Zweitraniges wie  ein perfekt aufgeräumter Kleiderschrank – nein, das ist eben nicht so.

Der goldene Topf am Ende des Regenbogens ist für mich eher aus Blech.

Die Prioritätenliste besteht weder aus allem noch nur aus wichtigen Dingen.

Man muss auch Sachen streichen,

die wichtig sind.

Einfach streichen – weder gut irgendwo reinplanen, noch die Liste neu ordnen. Manche Sachen verpasst man einfach.  Und einen Haufen Sachen sind einfach auch nicht die eigene Wahl. Manche Sachen verschwinden und man trauert ihnen echt ne lange Zeit nach. Und denkt, man würde es schon hinkriegen, wenn man besser plant oder wenn man die Prioritätenliste neu sortiert. Bullshit. Du wirst einfach damit leben müssen.

Damit gut zu leben, damit zufrieden zu sein – ich glaube, dass ist wahre Entschleunigung.

Ich weiß, dass ist jetzt politisch total unkorrekt, aber schau dich doch um. Keiner hat alles und die, die Glück hatten, durften wählen. Manche stopfen ihr Leben voll mit total unwichtigem Zeug, aber finden es halt selber wirklich wichtig, dreimal die Woche mit Mausi zum Ballett zu gehen. Neid ist ein ganz guter Wegweiser.  Die Menschen, auf die wir neidisch sind, haben alle ihre dunklen Flecken.

Eine Freundin von mir bewundert total eine andere Mutter. Wirklich, ein flauschiger Freizeitpark für Kinder ist sie. Total viele tolle Aktionen – meine Freundin hechelt immer ein bisschen hinterher. alles scheint perfekt: ein Beruf, Kinder, Vereinbarkeit, schöne Wochenenden im Grünen – a modern utopia.

Meine Freundin ist neidisch. Sie will auch einen Vollzeitjob mit ausgeglichenen Kindern und spannenden Ausflügen haben. Sagt sie, während sie mir ihr eingekochtes Gemüse, selbstgebackenes Brot und ihre Marmelade vorbeibringt.

Dann war sie einmal bei der Flausche-Mutter zu Hause und erzählt mir, dass sie fast der Schlag getroffen hat, so ein Chaos war da. Und meine Freundin kann Chaos. Wenn sie von Chaos sprich, dann hat das eine ganz andere Qualität als  ein paar staubige Regale. Wir haben lange über unseren Hochmut gesprochen. Wir haben der Mutter halt einfach unterstellt, dass sie alles hinkriegt, aber jeder lässt was los. Und niemand ist perfekt. perfekt ist nur, wenn du selbst entscheiden darfst, welche Sachen du aufgibst: Partynächte, Jobs, Staubsauger – alles eine Frage der Perspektive. Und eine Frage der Bewertung. Die Gesellschaft, in der du dich bewegst, findet es manchmal scheiße, welche Sachen du aufgibst und zwingt dich dann dazu, diese toten Felder aufrechtzuerhalten. Das ist dann der echte Stress, aber das sprengt jetzt dann den Rahmen…. Ich sag nur so viel:

Wähle klug und solange du kannst.

Da fällt mir ein anderes Sprichwort ein.

Eines, dass vielleicht viel ehrlicher mit dem Leben umgeht.