Kategorie: Medien (Seite 2 von 9)

Buchrezensionen, Filmkritiken und Fernsehabende

Pippi, Tommy und Annika

In der Medienerziehung meiner Jungs bin ich nostalgisch. So, als ob Pumuckl und Pippi Langstrumpf irgendwie besser wären als die Minions. Wie jede Elterngeneration vor mir versuche ich, die Helden meiner Kindheit hochzuhalten und blicke mit höchster Skepsis auf die Horde Eisprinzessinnen und die Gelbeinaugenknirpse.

Mit einem Grinsen habe ich so festgestellt, dass mein einer Sohn ein ernsthaftes Auge auf Pippi Langstrumpf geworfen hat. Manchmal erwähnt er sie fachmännisch. Wenn ich zum Beispiel versuche, das Gartentor auszuhebeln und er mir mit seinen Patschehänden unterstützend zur Seite springt, sagt er Dinge wie: Jetzt brauch ma Pippi Langstrumpf. 

Figuren, die ich wage von meinem eigenen Früher kenne, werden bei mir automatisch als positiv registriert. Also gucken wir Pippi Langstrumpf an.

Ich schlucke ein bisschen, nachdem das Wort Negerkönig zum fünften Mal auftaucht und schiele zu meinen Kindern. Soll ich jetzt sagen, dass des kein Wort ist, dass man heute noch benutzt? Soll ich jetzt ganz ausmachen? Soll ich einfach abwarten, ob sie das Wort überhaupt registriert haben? Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen? Haben wir wirklich als Kinder vom Negerkönig gesprochen? Wieso ist es nicht komisch, dass er da König ist? Kolonialgeschichte   is ja ned grad ne Erfolgsstory, die man so unreflektiert Kindern rüberbringen sollte. Aber gut, ich mache weiter mit meiner Pippi Langstrumpf Medienerziehung und warte einfach ab.

Pippi, Tommy und Annika machen sich ständig zu irgendeinem Ausflug fertig. Erst ist es mir gar nicht gekommen, aber es ist immer Annika, die die Brote schmiert. Pippi und Tommy machen nie so was wie Brote schmieren. Klar, Frauenarbeit.

Pippi, Tommy und Annika starten mit einem selbstgebauten Flugzeug nach Taka Tuka. Ich mache kurz die Augen zu und hoffe, es ist nicht Annika, die die Pedale treten muss. Doch, ich gucke wieder hin. Annika strampelt, Tommy steuert das Flugzeug. Natürlich steuert er das Flugzeug. Er ist der Junge. Pippi rennt und rennt. Danach fliegt es und sie wechseln die Positionen. Tommy muss gar nichts mehr machen. Annika darf steuern.

Gut, Pippi ist ein Mädchen. Aber Pippi ist ein Übermädchen. Eine Kunstfigur. Der Troll in der Geschichte. Es geht auch meinen Kindern darum, mit Pippi befreundet zu sein. Sie hat den Koffer voller Gold und kauft immer allen Kindern, was die wollen. So sollte Freundschaft ja auch funktionieren. (Haha)

Aber die Identifikationsfiguren in der Geschichte sind Tommy und Annika. Und nicht nur, weil ich hier nur Söhne habe. Vielleicht ist es bei Mädchen anders. Vielleicht sehen sie sich eher als Pippi Langstrumpf. Aber Annika ist das eigentliche Mädchen. Und sie verhält sich auch genau so. Auf der einsamen Insel ist sie es, die kreischt und vor den wilden Tieren wegläuft. Tommy hat zwar auch gestrichen die Hosen voll, aber er bleibt nur kreidebleich. Jungs weinen halt nicht. Annika schmiert Brote. Und als Annika auch noch anfängt, die Kleidung von Pippi und Tommy zu waschen, da stirbt irgendwo in mir eine bunte Fee.

Gut, was will man auch von einer Geschichte von vorgestern erwarten. Alle starrten sie gebannt auf Pippi und ihre rotzfreche Art. Das Mädchen, dass es geschafft hat, ein Draufgänger zu sein. Der Punk, das feministische Urgestein. Was habe ich in die Hände geklatscht, als meine Kinder sich dafür interessierten. Ja, jetzt zeig ma euch mal, wie des so ist mit den starken Mädels. SO sollten Frauen sein, aussehen und sich benehmen. Spuckend und prügelnd sollten sie sein.

Aber ich sitze zwischen meinen Kindern beim sonntäglichen Kinonachmittag und sehe Annika beim Kleiderwaschen zu. Annika, wie konnte ich dich vergessen! Du bist ja noch da und zeigst uns ganz genau, wie man sich als normales Mädchen so zu verhalten hat. Also alle Mädchen, die kein Pferd stemmen können. Also alle anderen.

Wie viele Generationen werden noch ins Land gehen, bevor man beiläufig einen Tommy beim Brote schmieren und Kleiderwaschen sehen wird?

Es ist nicht das Laute, dass mir Sorgen macht, sondern immer nur das Leise. Die leisen Selbstverständlichkeiten. Mir fällt es auch, meinen Kindern nicht. Wie auch. Sie nehmen alles so hin. Ich beginne, im Netz nach kritischen Stimmen zu Pippi Langstrumpf zu suchen. Aber es geht da vor allem um Kolonialgeschichte. Sonst passt alles. Annika wird nicht gesehen. Bei MakellosMag treffe ich auf weitere Links zu einer gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit Bibi Blocksberg und co. Interessant. Benjamin Blümchen als Wutbürger aus Stuttgart, Familie Blockberg als angepasstes Familienidyll. Doch Pippi schneidet überall ziemlich gut ab. Sie ist halt immer noch cool.

Mein fast Vierjähriger träumt jetzt also davon, ein Mädchen wie Pippi kennen zu lernen- stark, ein Koffer voller Gold und ein Pferd auf der Veranda. Findet er großartig. Nur manchmal weint er, wenn es um den Papa geht. Warum der nicht da sei. Warum der denn mit einem Schiff wegfährt. Gut, der Film ist auch erst ab 6 Jahren und so streichle ich ihm über den Kopf und beschwichtige. Der kommt doch wieder. Diese Anflüge sind kurz, denn die meiste Zeit sitzen wir da und Pippi macht irgendeinen Käse…da schielen sie zu mir rüber und warten ab. Ich (als Mutter, bei der man im Wohnzimmer keinen Eimer Wasser ausschütten darf) werde dann aufgefordert zu fragen, ob man denn das jetzt auch bei uns machen dürfe. Nein, kommt dann der lachende Chor. Des darf man nur bei Pippi. Wird Zeit für Ronja Räubertochter.

Foto: pexels.com

Revue einer Online-challenge: 21 Tage aus der Komfortzone

Vor drei Wochen habe ich einen Artikel gelesen. Auf einem anderen Blog und weil ich da grad nichts Besseres im Sinn hatte, habe ich mich zu einer Art kostenlosem Seminar angemeldet. Ich mein, hey, kostenlos. Was soll schon passieren?

Zuerst habe ich ein wenig geseufzt, weil ich so gar nicht der Klangschalenromantiker bin. Ich nehme Reißaus, wenn es um esoterische Seelenerfahrungen geht. Versteht mich nicht falsch, ich halte mich für einen religiösen Menschen. Ich bete mit meinen Kindern, lasse sie an Gottesdiensten teilnehmen und habe bereits spirituelle Erfahrungen in meinem Leben genießen dürfen, aber beim Sonnengesang steige ich aus. Nächster Halt: Karma und Co. Da wink ma dann mal freundlich den Spinnern vom Fenster aus zu und fahren weiter.

Meine Grundstimmung war am Anfang also mehr als skeptisch.

Das Ganze nannte sich Reise und sollte dich in 21 Tagen an die Grenze deiner Komfortzone bringen. Es gab eine Gruppe in Facebook, die von den Machern der ganzen Geschichte (Katja und Markus) gegründet wurde und du konntest nur dabei bleiben, wenn du die Aufgabe erfüllst, die gestellt wurde. Einmal hattest du die Möglichkeit, einen Joker zu ziehen. Ansonsten hatte du pro Aufgabe 2 Tage Zeit, diese irgendwie umzusetzen und davon zu berichten. Sagst du nix, bist du draußen. Aus der Gruppe entfernt. Game over.

Klingt wie ein Spiel? Ist auch eins. Und bei Spielen sind wir wieder dabei. Die Gruppe war erst riesig, 200 Mitglieder oder so und die erste Aufgabe war gleich mit einem mulmigem Gefühl verbunden. Du solltest tanzen. Alleine und für dich. Die ersten posteten Videos von ihrerm Getanze und damit war es vorbei. Mann, Mann, ein Video aufzunehmen und bei Facebook zu posten. Dazu gehört schon was. Mut, vor allem. Und dann auch noch von einem selber. Und auch noch tanzend. Aber der Spieltrieb brach durch und Neugier war auch dabei.

So folgte Aufgabe auf Aufgabe. Und die einzelnen Episoden waren konkret, aber auch interpretierbar. Du machtest dir Gedanken darüber. Manchmal war es total leicht, umzusetzen. Nur eine Kleinigkeit. Manchmal habe ich lange überlegen müssen. Denn da fiel es mir dann doch schwerer, diese besagte Kleinigkeit.  Dabei ging es nie darum, etwas zu machen, was du jetzt nicht umsetzen KÖNNTEST. Also, keine Beziehungstaten, Flugbuchereinen oder *wir ziehen dir mal deine Lebensgrundlage weg*- Aufgaben. Es waren eher Impulse. Und der Effekt war erstaunlich, denn du hast dich selbst in Frage gestellt.

Eher so nach dem Motto: Warum fährst du an dieser Stelle nicht einfach geradeaus? Du bist schon immer aber genau da abgebogen und da blickst du aus dem Fenster und stellst fest, dass der Berg, der da mal stand, gar nicht mehr da ist. Du bist immer um einen Geisterberg herumgefahren. Und da steigst du ungläubig aus deinem Auto aus, schlägst dir kurz ans Hirn und denkst dir: Gut, fahr´n ma mal geradeaus. Ist auch schneller. Es war spannend. Scheiße, es war wirklich spannend.

Die Gruppe wurde immer kleiner, es wurde von den Moderatoren gnadenlos aussortiert. Aber es gab auch Feedback. Jede einzelne Herausforderung wurde registriert und begleitet. Die Moderatoren haben es geschafft, einen geschützten Raum zu bieten und mir wurde klar, dass da Leute dahinter sind, die wissen, was sie machen. Die moderieren können, die begleiten können. Die machen das nicht zwischen 17 und 20 Uhr, die machen das beruflich.

Katja_Tongucer

Katja von *die Erfolgskomplizin*

Und ich alte Klangschalenhasserin habe mich eingelassen auf diese Gruppe und mir Gedanken zu längst anstehenden Fragen gemacht. Bald habe ich Sachen an mir entdeckt, die ich in Ordnung bringen könnte. Ich habe mich gefragt, warum das eine oder andere schwierig für mich ist und wie ich es bis jetzt geschafft habe, das vor anderen zu verheimlichen. Dabei ging es für mich gar nicht um Riesenthemen, keine Lebensveränderung oder anstehende Entscheidungen. Aber ab einem bestimmten Alter fährt man halt immer gerne gewohnte Gewässer ab, man ist unheimlich schnell, wenn es um Antworten geht, denn man gibt immer die gleichen und damit bleibt man halt immer in seiner berühmten Komfortzone. Da, wo man sich eingerichtet hat. Da, wo man sich auskennt.

Die Gruppe bestand aus einem sehr bunten Haufen. Es waren alle Altersgruppen vertreten. Leute mit großen Plänen, Studenten, Auswanderer auf irgendeiner Insel, Mütter mit erwachsenen Kindern, Ehefrauen vor dem Eheaus, zufriedene Hundebesitzer und Rentner mit klugen Blickwinkeln. Mein Vorurteil gegen *die esoterisch Interessieren* war also völlig aus der Luft gegriffen. Und überhaupt. Meine Themen hören sich auch verrückt an. Vielleicht war mein Vorurteil eher die Angst, selbst für eine esoterische Spinnerin gehalten zu werden. Man kreischt halt laut auf, wenn es um sein Spiegelbild geht.

Markus von *be-committed*

Markus von *be-committed*

Ich sollte es also sein lassen, mir darüber Gedanken zu machen, was man von mir halten könnte. Oder, was ich von anderen hielt. Eigentlich war das ja auch egal. Es ging auch gar nicht darum, bewertet zu werden oder jemand anderen zu bewerten. Und so blöd das auch klingt: Das war echt Gold wert.

Also habe ich mich getraut, doch Dinge anzugehen, die mir sonst unglaublich peinlich wären. Aus den falschen Gründen peinlich. Ich habe ein Video verfasst zu diesem Blog, zum Beispiel. Wäre mir ohne diese Reise überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

Mein altes Ich hätte das jetzt für Selfie-verliebtheit gehalten, so stark mit sich selbst an eine Öffentlichkeit zu gehen – und sei es nur, sich mit anderen Prüflingen online zu verabreden und Vorträge auszutauschen. Ich bitte euch, was für eine Selbstdarstellung ist das denn bitte. Kommt nah an: Hält sich wohl für obergescheit.

Aber das ist ja der Witz daran: das ist der Gedanke, der dich abhält von Sachen. Der sich überlegt, was denn ANDERE von dir halten. Du weiß ja selber, dass du nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen hast. Und wenn dir das jemand unterstellt, wird es deswegen ja nicht wahr. Nach dem Motto: Es gibt immer Idioten da draußen. Ignoriere sie.

Im Endeffekt ist es nämlich völlig egal, ob andere dich für eine esoterische Spinnerin halten, weil es jetzt ein Facebook-Video von dir gibt, dass dich tanzend in deinem Schlafzimmer zeigt. Es geht nur darum, die Dinge zu ändern, die dich aufhalten und deine Grenzen abzustecken, damit du halt glücklich bist. Und wenn du das erreichst, indem du ein Tanz-video veröffentlichst. Na, go for it. Von 100 Leuten wird es immer darunter welche geben, die mit den Augen rollen. Nur wegen denen das nicht zu machen? Wie krass eigentlich. Gibt ja auch die anderen, die es cool finden. Und einen Haufen, die es nicht die Bohne interessiert. Who cares, sozusagen. Leben und leben lassen.

Das war meine erste Erfahrung mit moderierter Selbsterfahrung im Online-Bereich und ich glaube, ich hatte verdammtes Glück. Hier waren nämlich Leute am Werk, die es verstehen, so was zu leiten.

Da gibt es bestimmt genug Teufelsanbeter und versteckte Sektenanwerber in diesem Metier. Gleich so was Gutes zu erwischen – cool.

Irgendwie sind wir für Katja und Markus so was wie ein Experiment gewesen. Der Erfolg hat sie wohl auch überrascht und sie planen, dieses Experiment zu wiederholen. Tragt euch einfach ein für Oktober. Was soll schon passieren. Draußen seid ihr ja automatisch. Klick aufs Bild:

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Und natürlich geht es weiter, kann es weiter gehen. Die beiden Moderatoren haben jetzt eine kostenpflichtige Reise im Angebot.

Ein 12-Wochen-Sommercamp mit Aufgaben, aber auch einem mehr an Begleitung und zusätzlichen Webinaren und so einem Kram. Und ich sag es euch gleich: der Preis ist in Ordnung. Die beiden hängen sich da echt rein und verstehen was von ihrem Handwerk. Da gibt man für anderen Quatsch viel mehr Geld aus. Sicherlich, dass sind immer nur Impulse. Auch in meinem Kopf gibt es die Stimme, die mir sagt: DAS hättest du auch alleine herausgefunden. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wäre eher wahrscheinlich, dass ich mir da überhaupt keine Gedanken dazu gemacht hätte.

Make yourself proud!

Ich überlege also ernsthaft, an der nächsten Reise teilzunehmen. Nicht, weil es bestimmte Themen gibt, die ich irgendwie klären möchte. Nicht, weil ich ein unglücklicher Mensch wäre auf der Suche nach meinem Stückchen Glück. Ich mache mit, weil es sich wie ein Spiel anfühlt, auf dass man zurückschaut mit dem Gefühl: Krass, das habe ich über mich selbst noch gar nicht gewusst. 

Die verlassenen Blogs: Was denkt ihr darüber?

Verlassene BlogsKennt ihr das? Ihr surft ein bisschen im Internet oder räumt euer Newsfeed auf. Da fällt euch ein Blog ein, den ihr echt lange nicht mehr besucht habt. Er taucht irgendwo in einer Schublade eurer digitalen Vergangenheit auf und da ist er wieder da.

Der verschollene Blog.

Er sieht noch genauso aus, wie ihr ihn verlassen habt. Ihr klickt auf den Header, der euch sicher zu dem letzten veröffentlichten Artikel führt und bäm: 12.Mai 2015 oder etwas in der Richtung. Die Seite reloaded sich nur und baut sich genau so wieder auf, wie ihr sie verlassen habt. Ihr kennt den Artikel schon. Es war der letzte, den ihr darin gelesen habt. Mann, wie eine verschimmelte Kaffeetasse steht der Artikel da im Netz. Die Schreiberin ist offensichtlich schon lange aus dem Café gegangen. Kein Hinweis, keine Erklärung, einfach weg.

Ich verstehe es, dass man einen Blog nicht von heute auf morgen verlässt. Wahrscheinlich ist es ein schleichender Prozess. Man veröffentlicht eine Woche lang nichts, dann einen Monat und irgendwann ist es ein halbes Jahr. Innerlich hat man sich noch gar nicht so richtig entschieden, ob man aufhört oder nicht, ob es eine *Beziehungspause* ist oder eine Trennung.

Aber dennoch komme ich mir versetzt vor, so als Leser. Bestellt und nicht abgeholt. Zu Beginn schreit man ein so lautes Hallo an die Welt und zum Abschied gibts noch nicht mal ein leises Servus?

Ich möchte nicht, dass es dem Fadenvogel mal so geht. Das er für jemanden eine verschimmelte Kaffeetasse ist. Ich werde ihn auf jeden Fall verabschieden. Letztes Jahr habe ich schon überlegt, ob ich nicht mal eine komplette Bloggerphase auslasse – Weihnachten, im Dezember gibt es halt nichts digital zu sagen oder so. Oder mal Sommerferien machen. Die Fastenzeit vor Ostern den Blog ruhen lassen. Aber auch das würde ich ankündigen.

Das endgültige Gehen steht ja noch in den Sternen. Ich bin ja immer noch gerne hier und die Blogs, die geschlossen wurden mit einem echt eindeutigem Schlussartikel, die sind mir da als positive Beispiele schon noch im Hinterkopf. Der Schreiber hat noch mal ein lautes Winken in die Welt gerufen und sich dann vom Tisch erhoben. Großer Stil. Daumen hoch.

Manchmal ist man aber ja in der Krise und kriegt die Kurve nicht. Ist mir auch schon so gegangen. Erst kürzlich. Ich hatte einfach nichts zu sagen. Ich wollte auch gar nichts sagen. Da kann sich dann so ein Abschied einschleichen. Bei der nächsten Krise nehme ich mir vor, dass einfach mal unfertig ins Netz zu stellen. Zwei Wochen gebe ich mir. Nach zwei Wochen und noch immer kein neuer Artikel hat er verdient, das er einen Pause-Artikel kriegt. Fertig. Dieser Blog hat grad ne Schreiberkrise. Wer A sagt, sollte dann auch B sagen. Oder?

 

Altes Land von Dörte Hansen und die Frage, was Literatur ist

Altes Land Dörte HansenVor ein paar Wochen hatte ich ein Stück Literatur in der Hand. Kein Buch, kein Zeitvertreib – ich mein schon Literatur, die echte.

Erkennbar an verschiedenen völlig persönlichen Kriterien.

  1. Sprache
  2. Thema
  3. Anfang
  4. Ende

Okay, für mich bedeutet ein gutes Buch vieles. Ich finde die Geschichte gut, manchmal auch nur die Idee – selbst wenn die Umsetzung totaler Müll ist, bei manchen Büchern zählt nur die Idee. Bei Literatur muss für mich allerdings viel mehr stimmen. Vor allem die Sprache. Ich kann es gar nicht genau beschreiben, was ich meine – mit der guten Sprache. Vielleicht eine, die es schafft, meine eigenen Gedanken hochzuspülen – und nicht nur oberflächliche Gefühle. Vielleicht eine, die im Rhythmus so stimmig erscheint, dass man den Eindruck erhält, man könnte den Text singen.

Das Thema hat für mich auch etwas mit Literatur zu schaffen, wobei das ein streitbarer Punkt ist. Ich sage es mal so: Das Thema geht über sich selbst hinaus. Literatur ist ein Beispiel. Ein Statement und hat eine Aussage. Über die man diskutieren kann. Es gibt eine Menge Bücher, die anderes im Sinn haben: Zeitvertreib, ein wohliges Gefühl im Bauch, Lachen – aber damit ist noch nicht gesagt, dass es was sagt.

Der Anfang ist für mich eine Kunst. Genau so wie das Ende. Ich finde, Literatur muss komponiert sein. Und der erste Satz ist für mich entscheidend.

In manchen Nächten, wenn der Sturm von Westen kam, stöhnte das Haus wie ein Schiff, das in schwerer See hin- und hergeworfen wurde.

Wie groß dieses Bild ist, wird erst im Laufe des Buches klar, aber es ist schon groß am Beginn. So rundet es das Ende, eigentlich präzise der letzte Satz wieder ab. Passen letztes Bild und erstes Bild zusammen und haben einen Atemzug, so ist das für mich ein Stück Literatur.

Zwei Türen blieben angelehnt in ihrem Haus, zwei Menschen schliefen, eine alte Frau, ein kleiner Junge. Ein Mensch blieb wach und hütete die Träume. Das Haus stand still.

Dörte Hansen hat also Literatur geschrieben mit ihrem letztes Jahr erschienenen Roman *Altes Land*. Hier eine Bezugsquelle als Beispiel. Die Geschichte geht um das Leben einer Frau, die als Fluchtkind nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Haus gespült wurde und sich selbst nie verwurzeln konnte, aber letztendlich als Urgestein des Dorfes galt. Eine Familie, die sich nicht findet, bis sie aufhört, es zu müssen. Das Porträt einer Region, deren Verfall und Aufschwung (je nachdem, auf welcher Seite man steht) ein Beispiel ist für viele Landregionen Deutschlands.

Dabei ist Literatur niemals schwer oder verpflichtend, es liest sich weg wie Butterbrot weggegessen wird.

Was ist für euch Literatur? Ein negatives Wort aus Schulzeiten? Romane von Menschen, die schon gestorben sind und Beispiele aus Epochen, die bereits Geschichte sind? Oder teilt ihr die Dinge, die ihr so lest, in ähnliche Kategorien ein und seid ihr letztens auf ein Beispiel Literatur gestoßen?

Schöne Texte von den anderen

Texte von anderenDas Meer der Texte ist groß. Tausende Blogs zu allen Dingen und allen Leben scheint es zu geben. Manchmal wandere ich herum und lasse mich von Text zu Text spülen. Manche Blogs bleiben mir in Erinnerung, andere verschwinden wieder im Meer. Ein paar Sandkörner habe ich euch festgehalten. Vor allem jene, die mir neu sind.

Vanessa hat einen unglaublich schönen Text für sich selbst geschrieben. Über einen sehr privaten Jahrestag. Sehr leise und berührend.

Die schnellen Urteile, die halben Blicke auf fremde Leben sind das Thema dieses Textes. Marcella lebt ein Leben, dass sich viele nicht vorstellen können. Anders und doch normal, heißt ihr Blog.

Für mehr Realität macht eni mai einen Text zur Poesie und verbindet ihn mit einem Lied. Verträumt, irgendwie.

Zum Lachen in den Garten gehen. Kurze Momentaufnahme, wie es ist, wenn man für die eigene Schwiegermutter Dahlien besorgen soll.

Von einer eher ungewöhnlichen Online-Herausforderung habe ich hier erfahren. Ich habe keine Ahnung, was die Aufgaben denn sein werden, aber ich habe mich mal angemeldet. Meine eigene Komfortzone zu verlassen, da bin ich so schlecht wie jeder andere. Ich bin gespannt.

Einen bissigen Text über die ständige Frage, wann denn das obligatorische *zweite* Kind folgen würde, findet sich hier.

Ja, das Meer der Blogs ist groß, aber streift man außerhalb seiner normalen Lesezone herum, da tut man sich schwer. Geht es euch auch so? Lest ihr eure Stammtagebücher oder lasst ihr euch von Kommentarfeld zu Kommentarfeld treiben und wundert euch, wo ihr da dann landen könntet? Findet ihr mehr oder eher immer weniger? Könnt ihr schon keine Kekse mehr essen, die überall angeboten werden?

 

 

Bildquelle: pixabay

 

Musikvideos von früher

Musikvideos von früherEiner meiner absoluten must-read-Blogs ist ja das No robots magazine. Larissa und ich haben uns auch schon mal im Off getroffen und – was soll ich sagen – ich mag sie einfach. Sympathisch, ein bisschen nerdy, a weng verschroben, offen und ohne Klimbing. Musik ist ihr eine Herzensangelegenheit. Immer wieder taucht das Thema auf ihrem Blog auf und diesmal hat sie ihre Lieblingsvideos für uns zusammengestellt. Mann, Musikvideos. Das waren echt noch Zeiten. Gerade als ich zum Kommentarfeld ansetzen wollte, meinen Senf dazulassen, habe ich einen Moment zu lange gezögert und mal geguckt, was ich so vor Jahr und Tag an Musikvideos toll fand. Und, tja, Larissa. Hier mein *Kommentar*:

PULP

Ja, ich war ein Jarvis Cocker girl. Erinnert ihr euch, als kurz mal Britpop angesagt war? Diese verschrobenen damals schon nach Flohmarkt riechenden Videos?

GARBAGE

Je abgedrehter, desto besser.

Ein Song, der damals auch ständig lief, als ich noch Musikvideos schaute, war Don´t Speak von NO DOUBT. Ich finde, dass hier Song und Video zeitlos sind und in meine Liste gehören:

Wer damals Musikfernsehen genossen hat, kam wohl hier auch nicht dran vorbei.Obwohl ich sonst nichts von der Frau gehört oder gekauft habe, wenn ONE OF US lief, habe ich doch lauter gedreht.

Ein weiteres Video, dass irgendwie ständig lief, war Paula Cole mit Where have all the Cowboys gone? Das Video und der Song gehörten irgendwie total zusammen, weil ich den Song wenn dann nur im Fernsehen gehört habe. Über die Botschaft läßt sich streiten, aber ich habe das man dazugetan als *typisches* Video aus der Zeit, als ich noch Musikvideos gesehen habe.

Das sind jetzt nur bedingt die *besten* Videos aller Zeiten, aber ich tu mir da eh schwer mit solchen Superlativen. Danke an Larissa für dieses kurze Abtauchen in das *damals* und ich gebe die Frage gerne weiter:

Welche Musikvideos sind euch denn heute noch im Gedächtnis?

Bildquelle: pixabay

Happy birthday, Toast Hawaii

ToastLetztens habe ich einen Artikel über den Toast Hawaii in der Zeitung gelesen. Der hat nämlich dieses Jahr Geburtstag. 60 Jahre ist er alt.

Allgemein wird die Erfindung des Toast Hawaii einen längst in Vergessenheit geratenen Fernsehkoch der 50er Jahre zugeschrieben. Einem gewissen Clemens Wilmenrod. Einem Fernsehkoch! Wohl der erste überhaupt. Einer, der eigentlich gar kein Koch war, sondern Schauspieler. Hier habe ich euch ein Video über seine Erfindung der gefüllten Erdbeeren verlinkt. Besonders dramatisch sein Aufruf gegen Ende, man möge jetzt anrufen, sollten Zuschauer schon jemals mit Mandel gefüllte Erdbeeren gekostet haben! Er ramme sich augenblicklich jenes Küchenmesser in die Brust!

Aber selbst Wikipedia räumt ein, dass es dahinter wohl eine kulinarische Kriminalgeschichte steckt: Das Rezept über den Ananas-Toast scheint geklaut worden zu sein – vom Wilmenrods Konkurrenten Hans Karl Adam.

Ich lese um den Toast Hawaii ein bisschen herum, entdecke ein interessantes Buch über Rezepte und ihre Geschichten. Aus diesem Buch scheinen sich alle Zeitungsartikel zu speisen.

Kochshows sind aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Stunde um Stunde wird im TV gekocht – Ost gegen West, Promi gegen Sternekoch, Lokal gegen Lokal. Aber noch niemand scheint Kulturgeschichte geschrieben zu haben wie jener kleine Toast. Und ich stelle ihn mir vor, den Moment, als 1955 Herr Wilmenrod die Cocktailkirsche vor laufender Kamera auf seinen Toast Hawaii gelegt hat – mit wohl ähnlicher Dramatik wie bei den gefüllten Erdbeeren. Und zu Hause vor dem Fernseher so ein Ruck durch dieses Land gegangen ist, dass heut wirklich jeder mit diesem Gericht eine Kindheitserinnerung zu verbinden scheint. Großmütter – damals noch Mütter mit kleinen Kindern – diesen Fernsehabend als eine gute Idee empfanden und die Dosenananas öffneten – und damit Generationen prägten.

Mich auch. Ich sehe meine Oma, wie sie uns Toast Hawaii macht. Als Kinder, wenn wir bei ihr waren und sie auf uns aufgepasst hat. Und ich so viel davon gegessen habe, dass mir schlecht wurde. Sonst haben wir Ananas für kein Gericht verwendet. Ananas wurde nur auf Toast gelegt.

Der Artikel zum Geburtstag hat mich so überrascht, dass ich ihm hier auf dem Blog ein wenig Raum geben wollte – und dem Toast Hawaii. Denn der Gedanke, dass es sich hierbei um ein Gericht handelt, dass nicht regional geprägt ist wie viele deutsche Gerichte, hat mich schon beschäftigt. Und auch, dass er bei vielen Menschen tatsächlich Gefühle auslöst, denn die meisten verbinden damit doch ihre Kindheit.

Ist das bei euch auch so? Ist der Toast Hawaii tatsächlich ein kulturgeschichtlicher Höhepunkt? Ein Massenphänomen? Eine Erinnerung?

Bildquelle: Pixabay

Schwarz-rot-gold und 1000 Jahre: Geschichtsdeutung

Flagge DeutschlandEin Mann sitzt in einem Fernsehstudio und legt eine Fahne in Schwarz-rot-gold über seinen Armsessel. In einem Einspieler ist eine seiner Reden zu sehen. Er spricht von 1000 Jahren Deutschland.

Und dann gibt es einen Haufen Menschen, die die Absurdität dieser Szenerie überhaupt nicht stört. Vielleicht, weil sie es nicht sehen. Vielleicht. Aber lasst es mich mal platt ausdrücken: Stellt euch vor, dieser Mann wäre in einem Auto vorgefahren, hätte es imposant geparkt und dann wäre es ausgestiegen und hätte gebrüllt: Mit diesem Auto ist einst Karl der Große zum Papst vorgefahren, um seine Kaiserwürde abzuholen.

Ähhh, ja, das Auto war noch nicht erfunden, Mann. Blöder Vergleich. Das kann also nicht wahr sein. Rein technisch gesehen.

Ähhh, ja, die Fahne da auch nicht und von Deutschland hatte noch keiner eine Ahnung. Rein technisch gesehen ist es also auch Käse.

Was meint der also mit den 1000 Jahren? Deutschland kann es ja wohl nicht sein. Also das mit dieser Fahne. Das gibt es ja erst seit Mitte 20.Jahrhundert.

Worauf bezieht er sich dann bloß?

Vor 1000 Jahren…muss Karl der Große sein. Also, sein Ende. Der Zerfall in Ostfranken und Westfranken. Ein heterogenes Gebiet. Hat nicht im entferntesten Etwas mit Deutschland zu tun. Nicht mal die Sachsen waren Sachsen, sondern Heiden aus Britannien. Aber egal, es ist müßig jemanden seine Geschichtsdeutung unter die Nase zu reiben, weil der springende Punkt aller politischer Geschichtsdeutung immer der ist, dass man sich seinen eigenen Standpunkt aus der Geschichte herleitet. Und alles herausnimmt, was dagegen spricht und alles hernimmt, was dafür spricht. Aber für was? Dass Karl der Große alles getan hat, damit man in 1000 Jahren Teile seines Herrschaftsgebietes Deutschland nennt? Sicher nicht.

Natürlich interessieren wir uns für die Menschen, die vor uns gelebt haben. Die vor uns hier gelebt haben. Aber sie interessieren sich nicht für uns. Karl der Große wollte ein römischer Kaiser werden. Das römische Reich ist nach der biblischen Traumdeutung des Propheten Daniels das letzte von 4 Weltreichen. Nach den 4 Weltreichen kommt dann das apokalyptische Gottesreich – da kommen dann auch die 1000 Jahre vor. Denn das sollte nämlich 1000 Jahre existieren. Aber nachdem nach dem Zerfall des römischen Reiches nirgends apokalyptische Reiter aufgetaucht waren, war es nur logisch, dass das römische Reich immer noch existieren musste. Woraufhin Karl nach Rom reiste, um dessen Kaiser zu werden.

Nation ist ein völlig fremder Begriff für Karl. Deutschland erst recht. Ein antiker Kaiser wollte er werden. Ein römischer.

Vielleicht sollte der Mann mit den 1000 Jahren Deutschland auch nach Rom reisen und verkünden, dass er nun zum Kaiser gesalbt werden wolle. Karl würde das verstehen, aber das würde ja nichts helfen, weil das dann keiner außer ein paar verschrobener Geschichtsprofessoren witzig fänden würde. Man kann also alles aus dem Setzkasten Geschichte herausnehmen und für sich umdeuten. Wenn man andere Sachen herauszieht und sie hineinbastelt, sieht man, wie absurd das Ganze ist.

Aber trotzdem stehen in Dresden Menschen und brüllen jubelnd nach Sätzen wie 1000 Jahre Deutschland und schwenken Fahnen in Schwarz-Rot-Gold.

Vielleicht meint der Mann auch nur Dresden mit den 1000 Jahren. Anfang des 10.Jahrhunderts wurde Dresden von Heinrich I erobert. Drezdany war zuvor slawisch oder waren es Sorben? Ich muss man im Internetauftritt des heutigen Dresdens nachlesen. Man meint, das Wort Dresden kommt von Sumpf, weil das Gebiet dort so gut für die Landwirtschaft war. Wie dem auch sei, auch Heinrich, der Sachsenkönig, hätte die 1000 Jahre auch nicht im Sinn. Er wollte die vielen Könige und Herzogtümer um ihn herum unter seinen Machtbereich bringen. Teile liegen auf dem heutigen Gebiet Deutschlands, andere nicht. Bleibt also sinnlos, nach dem Sinn in den Worten zu suchen. Der Mann könnte auch in die Menge rufen: Einst haben wir diesen Sumpf von den Sorben erobert und ihn zu Meißner Porzellan gemacht.

Es wäre witzig, wenn die Menge lachen würde. Aber sie lachen nicht.Sie jubeln. Sie gehen nach Hause mit einem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Wissen, dass sie das Richtige tun. Weil sie schon immer da gelebt haben und es sich nicht wegnehmen lassen wollen. Von wem genau, ist gar nicht so klar, aber es muss aus der Fremde kommen. Keiner muss eine Antwort auf die Flüchtlingszahlen der letzten Monate geben, aber deswegen gleich von 1000 Jahren Deutschland zu sprechen? Und dann die Sache mit der Fahne….eigentlich ergibt sich daraus schon die Antwort, denn die Schwarz-rot-goldene Fahne bezieht sich auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Und in der wurden nicht vor 1000 Jahren, sondern vor ein paar Jahren unsere Werte niedergeschrieben. Deutschland nimmt Menschen auf, die vor dem Tod fliehen. Wenn man also diese Fahne schwenkt und brüllt: Flüchtlinge raus. widerspricht man sich doch irgendwie.

Ich verstehe es also nicht mal im Ansatz, die ganze Sache mit der Flagge und den 1000 Jahren Deutschland, aber ich bin auch vielleicht zu doof. Oder sehe nicht das große Ganze. Vielleicht erklärt es mir mal jemand, der sich damit auskennt. Vielleicht kann es auch keiner, weil es immer Käse bleibt, sich auf Versatzstücke aus dem guten Geschichtsdeutungskasten zu beziehen. Vor allem, wenn man über so Zeiträume spricht. Nicht so 200 Jahre, sondern so 1000 Jahre. Ich hoffe, dass hört irgendwann auf. Und alle stehen da und lachen, wenn einer damit anfängt.

Bildquelle: pixabay

Ein deutscher Fernsehabend mit Tatort und Jauch

TV Sonntag Abend ein deutscher FernsehabendSonntag Abend. Wir sitzen vor dem Fernseher, die Kinder schlafen. Ich packe mein Strickzeug aus. Ein bisschen wird noch an einer Jacke für die Kinder herumgenäht. Der Abend fängt in Deutschland um 20 Uhr an. ARD Tagesschau. Eine Frau ist auf offener Straße halb erstochen worden. Eine Politikerin. Ihr Wahlkampf hat einem rechten Arschloch nicht gepasst. Dann brennen Häuser.

20.15 Tatort. Hinein in Dortmunds Norden. Ein sechsjähriges Mädchen  findet am Spielplatz Drogen und stirbt an Herzversagen. Die Drogen haben schwarze Asylanten vergraben. Ein bisschen geht das Klischeegewitter los. Vor allem, wenn der schwarze Junge Jamal den Mund aufmacht. Erinnert stark an Yoda aus Star Wars. Ich sehe von meinem Strickzeug hoch. Ich weiß auch nicht, warum Ausländer im deutschen Fernsehen immer an Indianer-Stereotypen aus amerikanischen Western der 50er Jahre erinnern müssen. Es ist wie ein Suchspiel: Finde den versteckten und offenen Rassismus. Die Türken sind integrierte Mafia-Drogen-Bosse und ziehen alle Fäden, dazwischen eine hoffnungslose Modelleisenbahn-Familie mit „Ich bin ja kein Nazi, aber….“ Gibt es in dieser Gesellschaft echt nur noch Gutmenschen oder Nazis? Und zwischendrin der besorgte Bürger? Einen Sommer lang hat es gedauert, bevor über Grenzzäune und Transitlager nachgedacht wird. Oder über eine Änderung des Grundgesetzes. Gläserne Werte. Und am Ende wird der schwarze Mann niedergestochen und stirbt über einem Integrationsbuch mit Titel *Chance*. Ach ja, der blonde Sanitäter war´s übrigens. „Mir geht es nicht beschissen, mir geht´s scheiße.“ sagt Faber.

Danach Auftritt Jauch. Ich habe das Thema verpasst, aber es ist bestimmt irgendwas mit *Wir-schaffen-das-nicht.*. Ein AfD-Politiker zieht aus seinem blauen Anzug eine Deutschlandfahne und legt sie über seine Stuhllehne. Ich weiß auch nicht, warum man den Rechten immer so viel Raum im Fernsehen geben muss. Es findet auch eigentlich keine Diskussion statt, sondern sie meiste Zeit verbreitet der Demagoge seine Parolen. Jauch sitzt wie immer zwischendrin und wirkt leicht überfordert. Aber am Ende hat man nicht das Gefühl, dass die ganze Kiste jetzt pädagogisch wertvoll gewesen wäre. Von *1000 Jahren Deutschland* und *den Angsträumen blonder deutscher Frauen* ist die Rede. In Twitter tobt der Sturm. Erst bei Tatort, aber bei Jauch explodiert es fast.

Auf einem Privatsender wird *The walking dead* wiederholt. Ich habe genug deutschen Fernsehabend hinter mir. Tief durchatmen, Zombies beim Fressen zugucken und weiterstricken. Ich schaffe das. Auch mit *Wir-schaffen-das-nicht*-Fernsehen in der ARD.

 

Bildquelle: pixabay, stark verändert

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