{3 Liter Leitungswasser am Tag} der verdreckte Wasserhahn

Wasser als SelbstverständlichkeitLetzte Woche haben Handwerker für zwei Tage unsere Leitungswasser abgedreht. Angekündigt mit Aushang vor den Wohnungen, von 8 bis 17 Uhr kein Wasser und am nächsten Tag bis Mittag. Kein Thema, dacht ich. Dann fülle ich mir 3 Liter morgens ab und gut ist.

Bis ich mal genauer darüber nachdachte. Keine Waschmaschine an dem Tag, keine Klospühlung, Essen kochen ohne Wasser, Händewaschen? Nur den Strom hier abzustellen wäre fundamentaler.

Und ich hasse es, ich hasse es wirklich, so abhängig zu sein. Ein kleiner Endverbraucher im Konsumglück. Ich kann echt nichts selber machen. Ich bin wie ein Baby in den Armen der westlichen Zivilisation. Ich kann mich nicht selber versorgen. Ätzend. Dabei bin ich gar nicht dabei, es zu ändern. Werde ich wohl auch nie, ich bin gerne mit Kreditkarte, Krankenversicherungskarte und Wasserhahn ausgestattet. Wenn man mich es nur so spüren lässt, dann reagiere ich gerne bockig.

Also gut, ich staple in meiner Wohnung aufgefüllte Wasserflaschen: Vor dem Klo, am Waschbecken, fülle Wasser für das Mittagessen ab…und schließlich das Trinkwasser. Ewig viel. Ich überlege, was für ein Job es ist, wenn man in einem Land lebt, das keinen Wasserhahn bietet. Ich bin schon so damit beschäftigt, die meisten Menschen auf diesem Planeten leben ohne Wasserhahn im Normalzustand. Eigentlich ist das auch irgendwie normal, schließlich werden wir nicht mit Wasserhahn geboren. Ich bin diejenige, die im Luxus lebt. Ich nehme die Selbstverständlichkeit des Leitungswassers beiläufig wahr, dabei ist es ein echter Glücksfall.

Der Handwerker klingelt an meiner Wohnung. Er müsse noch die Filter am Wasserhahn austauschen. Aha, denke ich. Diese kleinen einzudrehenden Pfropfen am Wasserhahn selbst. Er wechselt sie und mir stockt der Atem.

Mein Wasserfilterteil ist völlig verdreckt. Eine Dreckschleuder sondergleichen.

Ich habe mir überlegt, ein Foto für den Blog zu machen, aber ehrlich gesagt übersteigt das meine Schamgrenze. Furchtbar. Der Handwerker geht wieder und der verdreckte Wasserfilterpfropfen liegt neben dem Spülbecken. Ich werde ihn wohl einrahmen, als ewige Mahnung an mich.

Ich kann es nämlich gar nicht wirklich ausdrücken, was ich über mich denke, aber ich versuche es mal: Es gibt Menschen, die leben ohne sauberes Wasser. Es gibt Menschen, die laufen kilometerlang zum nächsten Brunnen. Es gibt Kinder, die sterben am Dreckwasser. Kinder, die so wie meine Kinder sind: geliebt und gebraucht. Dennoch können sie nicht gerettet werden, weil die Welt der Ort ist, der er ist. Wir spenden, wir kaufen zertifizierte Ware, wir haben nicht das Gefühl, dass wir es wirklich ändern können. Aber dennoch sind wir vor dem Fernseher gerne betroffen. Und dann drehe ich den Wasserhahn auf, ganz selbstverständlich. So viel Anstrengung wird geleistet, Gesetze geschrieben, Reformen durchgeführt, damit ich das kann. Damit ich hier in meiner Wohnung sitze und sauberes Wasser zugesprochen bekomme (als der wievielte Mensch überhaupt: einer von 10, einer von 100, einer von 1000?) und dann kümmere ich mich nicht darum, dass im letzten Meter nicht alles optimal läuft und lasse mein sauberes Luxuswasser durch den verdreckten Filter laufen. Jahrelang. Ich schäme mich. Echt. Das ist so verlogen. Was brauche ich über die ungerechte Welt der Wasserversorgung philosophieren, wenn ich dieses Gut gar nicht schätze. Und das Schätzen fängt für mich schon damit an, dass ich mich in Zukunft definitiv darum kümmern werde, dass dieses Wasser sauber bis zum letzen Filter in mein Wasserglas läuft – und in das meiner Kinder. Das hat was mit Respekt zu tun.

Seither schmecke ich eine deutliche Verbesserung, wirklich, es schmeckt besser. Irgendwie klarer. Ein Genuss. Meine Teekanne steht also abends neben mir, ich trinke so vor mich hin. Meistens doch eher morgens und abends, weil der Tag an sich immer bisschen angefüllt ist und ich immer noch ein Problem mit dem Unterwegs-trinken habe, aber meine Haut hat sich immer noch nicht deutlich verbessert, oder vielleicht schon? Keine Ahnung , wie wichtig das noch ist. Ich bin zu einem passionierten Leitungswassertrinker geworden…und schmecke jetzt schon Unterschiede? Vielleicht doch.

3 liter Leitungswasser am Tag 22.TagAls heutige Hautanalyse muss ich feststellen, dass meine Haut wieder schlechter geworden ist und ich muss ernsthaft mal mit mir ein Wasser-wörtchen sprechen. Hast du wirklich die letzte Woche jeden Tag 3 Liter Leitungswasser getrunken? Ich werde kleinlaut….fast…am Samstag nicht, da war ich im Zoo und gestern auch nur 2,5 Liter, der Rest war Bier…nun gut, nun gut….die nächste Woche wird wieder strenger abgemessen….

4 Kommentare

  1. Mmmmh, jetzt hast Du mich gerade zum Nachdenken gebracht – mal abgesehen davon, dass Du viele wahre und nachdenkenswerte Worte zum Thema wie selbstverständlich wir unseren Luxus nehmen schreibst, habe ich tatsächlich noch NIE nachgesehen, wie es um meinen Wasserhahn bestellt ist. Das heißt dann wahrscheinlich, dass meiner mindestens genauso schlimm aussieht wie Deiner, muss ich mir nachher mal anschauen, immerhin trinke ich da ja auch täglich einige Liter von. Wovon wird der eigentlich schmutzig, läuft doch nur Wasser durch….
    LG, Mecki

    • fadenvogel

      22. Oktober 2014 at 16:35

      keine Ahnung, aber Kalk, Leitungsablagerungen? oder sonst was haben den mit der Zeit so aussehen lassen. Ist ja keine sterile Leitung, das darf man bei dem Thema ja nicht außer Acht lassen. Und was nicht steril ist, kann schmutzig werden….

  2. Urrrgs! Jetzt hast du mir gerade die Lust genommen, weiter Leitungswasser zu trinken. Unser Hahn ist bestimmt auch total eklig. Obwohl, immerhin haben wir eine halbwegs neue Küche. Aber in der alten Wohnung … mit einer Küche aus den 70ern … *schüttel*
    Übrigens bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mir das harte Münchner Wasser nicht so gut bekommt. Ich habe nämlich immer nur hier so schlechte Haut, habe ich das Gefühl. Vielleicht trocknet die Haut schon beim Waschen übermäßig aus?

    • fadenvogel

      24. Oktober 2014 at 13:34

      Ja, ich habe befürchtet, dass du da böse Assoziationen mit deiner alten Wohnung kriegst…ich erinnere mich aber auch an ein Scheitern-Bild auf deinem Blog mit sehr sehr alten Fliesen…den Wasserhahn kann man aber auch selber austauschen…by the way, es gibt grad in München so eine Auflage, dass alle Hausbesitzer die Wasserleitungen prüfen müssen..Legionellenkrise und so…wenn dir das grad gar nichts sagt und du keine Ahnung hast, ob dein Eigentümer das gemacht hat..ich such dir das gerne mal raus.

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