Jahr: 2016 (Seite 3 von 6)

Der Sommer der schlechten Bücher

Zugegeben, ich bin kein Literaturfetischist. Ich steh schon auf Literatur, aber ganz oft lese ich Schund. Am liebsten Schund aus den Rubriken *Dystopie/ Jugendbuch/ Zombies/ everlasting love* 

Nur diesen Sommer, dieser Sommer ist nur Mist dabei. Kein Wunder, dass ich hier keine Rezensionen mehr veröffentliche. Ich klappe mein kleines elektronisches Büchlein zu, seufzte und denke mir: Wat a Käse.

Vielleicht habe ich auch das magische Alter der *first kiss Bücher* mit meinen 35 Sommern endgültig überschritten und das Gezeter der jungendlichen Protagonisten langweilt mich. Kann sein. Aber selten habe ich von so vielen guten Ideen gelesen, die von den Schreibern so fröhlich in den Sand gesetzt wurden. A Schand.

Zeitrausch-Trilogie von Kim Kestner

*Es sollte ein gewöhnlicher Sommerferientag werden. Ausschlafen, frühstücken, vom kleinen Bruder genervt werden, die Sonne genießen. Doch dann muss die siebzehnjährige Alison feststellen, dass ihr Bruder verschwunden ist. Schlimmer noch, es hat ihn nie gegeben – zumindest nicht in dieser Realität. Und damit beginnt das Spiel: Im Rausch durch die Zeiten, vor Millionen von Zuschauern und einer unerbittlichen Jury bekommt Alison die Aufgabe, die Vergangenheit so zu korrigieren, dass sie wieder in ihre ursprüngliche Gegenwart zurückkehren kann. Eine Aufgabe, die Alison durch sämtliche Jahrhunderte führt, vor unmögliche Herausforderungen stellt und viel schwieriger ist, als sie es sich jemals vorgestellt hat. Gerade mit dem geheimnisvollen Kay an ihrer Seite, der sie viel besser kennt, als es eigentlich möglich sein sollte…* Zitat aus der Buchbeschreibung von amazon. 

Klingt das nicht geil? Doch, das ist auch cool. Eine coole Idee. Drei Bücher lang kann man Alison folgen wie sie sich durch ein Gemisch aus Hungerspielen mit Rubinrot,Saphierblau und Smaragdgrün kämpft. Und dann liest man und liest man und dann kommt der große Absturz. Das Buch findet nicht zu seinem Ende. Oder: die Bücher finden nicht zu ihrem Ende. Man konnte richtig zusehen, wie die Welle immer weiter abflachte. Ein Graus. Der Showdown ist nicht das Gelbe vom Ei. Und was mit den Menschen in der Zukunft passiert, das kümmert dann eh keine Sau mehr.

Das Meer der Seelen von Jodi Meadows

*Ana ist das Mädchen mit der reinen, neuen Seele. Und das macht sie zur Außenseiterin. Denn jeder in ihrer Welt wurde mehrmals wiedergeboren und kann sich an seine vorherigen Leben erinnern. Doch als Ana geboren wurde, passierte etwas Ungewöhnliches: Eine Seele musste für sie sterben. Weil jeder dies als schlechtes Omen deutet, will niemand etwas mit ihr zu tun haben, niemand außer Sam. Doch plötzlich greifen schreckliche Wesen an. Trägt Ana tatsächlich die Schuld daran? Sie wird es herausfinden müssen, wenn sie in dieser Welt überleben will …* Zitat aus der Buchbeschreibung von amazon. 

High Fantasy ist eigentlich von vornherein nicht so mein Fall. Ich mag es nicht, ständig von mystischen Kreaturen bedroht zu werden und mich in ein Gesellschaftssystem einzulesen, dass so ganz ganz anders ist. Aber dem Buch habe ich eine Chance gegeben. Die Idee, dass dort nur Menschen rumlaufen, die sich an 5000 Jahre eigenes Leben erinnern, machte es kurzzeitig spannend, aber das Problem war, dass Ana es einfach nicht herausfindet, warum das jetzt alles so passiert ist. Klar, es ist der Auftakt einer Trilogie, aber ich war zwischendrin so gelangweilt. Manchmal wußte ich gar nicht, wer jetzt mit wem spricht und die Liebesgeschichte ist so an den Haaren herbeigezogen, es ist wirklich nix rübergekommen. Ich lese selten Trilogien nicht zu Ende, aber diesmal is es wohl so. Bin wohl im Meer der Seelen abgesoffen.

Einen Lichtblick habe ich aber schon:

Eine Leserin hat mir Reset von Jens Bühler empfohlen.

*Hauptkommissar Markus Steller leitet einen Polizeieinsatz von Spezialkräften in der Frankfurter Innenstadt. Zeitgleich, nur wenige hundert Meter entfernt, überfällt Demir Kara zusammen mit seinem Komplizen einen Diamantenkurier. Beide Unternehmungen versinken im Chaos, als sich die Stadt innerhalb von Minuten in ein Tollhaus verwandelt. Von rasender Wut besessen beginnen die Menschen übereinander herzufallen. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, wird in Stücke gerissen. Verzweifelt versuchen beide Männer, gemeinsam mit anderen Überlebenden, der Hölle zu entkommen. 

Während die Welt dem Wahnsinn zu erliegen droht, erfährt die Kommandantin des Forschungsbunkers Fenris, Generalmajor Aila Torbeck, dass der Feuersturm der Wut, der die Welt verbrennt, erst der Anfang ist. Der Druck, der auf Torbeck lastet, ist gewaltig. Sie und ihre Mitarbeiter sind die letzte Hoffnung auf Rettung vor dem drohenden Untergang. Aber die Kommandantin hat noch ganz andere Sorgen. Wie soll sie ihre Tochter Katta retten, die alleine in Frankfurt um ihr Leben kämpft?* Zitat aus der Buchbesprechung von amazon.

Jens Bühler kommt mit einer Handvoll Protagonisten aus. Er wechselt die Perspektive, führt sie zusammen, wieder auseinander. Gibt ihnen realistische Pläne. Und ein Profil. Die Figuren sind nicht platt und Stereotyp, sondern haben eine für Horrorszenarien erstaunliche Tiefe. Zeichnet sich so ein Roman doch im Allgemeinen weniger durch Charakterstudien aus, sondern eher durch Aktion.

Doch die Spannung und die Aktion kommen nicht zu kurz. Das ist auf jeden Fall gelungen. Ich finde, dass die Geschichte nur einen echten Haken hat. Obwohl die Charaktere und ihre persönliche Geschichte gut aufgelöst werden, mag ich die große Erklärung darüber nicht so besonders. Da sind wohl die Pferde mit Jens durchgegangen. Aber diese Kritik kann ich jetzt gar nicht weiter ausbauen, denn da würde ich zu viel von der Geschichte verraten. Und das will ich nicht. Wer noch einen Roman für den Strand sucht und sich gerne mit Zombies und der Apokalypse auseinandersetzt, der kann das gut lesen.

Ihr seht, ich bin diesen Sommer nicht so zufrieden mit meinem Schund. Ich hoffe, ich entdecke noch eine Reihe oder ein Buch, dass mich gefangen nimmt, mich verliebt macht und mich gegen die Zeit/die Zombies oder gegen sonst was Böses kämpfen lässt. Empfehlungen?

Ein Quilt über Jahre, begonnen beim couchsurfing

Öfters habe ich hier schon den Blick auf einen Quilt gelegt, der als sogenanntes UFO (unfinished object) durch die Jahre gezerrt wurde. Immer wieder weggepackt, immer wieder irgendwo heraus gekramt.

Warum ist das so? Warum kann man sich von den DIY-Sachen, die man nicht beendet, nicht einfach auch mal trennen. Zack und weg.

Vielleicht, weil man damit etwas sehr Unangenehmes zugeben müsste: und zwar, dass man nicht wirkliches Durchhaltevermögen hat. Dass man ein Strohfeuer ist und keine wirkliche Leidenschaft hat. Oder weil man sowas genauso aufbewahrt, wie die Skinny Jeans, die einem das letzte Mal um den eigenen Abiball herum gepasst hat: Des wird schon wieder. Eine Tages. Eines Tages mach ich das Scheiß-Teil fertig oder passe in diese verfluchte Hose auch wieder rein. So is es. Es ist die blanke Hoffnung. Und die Hoffnung stirbt bekanntermaßen ja zuletzt.

Welch Freude, dass es heute soweit ist. Nicht für die Jeans, die ich hinten in meinem Schrank schön zusammengefaltet aufbewahre, aber für einen Quilt.

CS Quilt Detail

Ein Quilt ist eine Decke, die aus drei Lagen besteht. Das Top, das man zuerst näht und das auch irgendwie kunstvoll oder aufwendig ist. Das Unterteil, dass aus einem Stoff oder aus großzügig Zusammengenähtem besteht und dazwischen ein Vlies. Nachdem man das Top beendet hat, steckt man die drei Lagen aufeinander und macht das, was einen Quilt zum Quilt werden läßt: man näht wieder irgendwie kunstvoll die drei Lagen zusammen. Das ist der Vorgang, der *quilten* heißt. Und dann, ja dann, näht man einen Rand hin. Meistens per Hand. Bei manchen Quilt habe ich auch die drei Lagen per Hand zusammengenäht. Aber das ist eine andere Geschichte. Ihr seht sofort, dass es bei diesen ganzen Zwischenschritten eine Menge Potential gibt, warum das Ding liegen bleibt und zum UFO wird: Nur das Top zu Ende genäht. Nur die Lagen aufeinander gequiltet, aber den Rand noch nicht. Blabla. Ein Trauerspiel.

Diese Mal habe ich den Quilt-Teil mit meiner Stickmaschine gemacht. Ein Ewigkeitswerk, aber gelohnt hat es ich schon.

Ich kann also total stolz berichten, dass dieser Quilt, erwähnt am 12. Juni 2016 und am 27.Juli 2014, begonnen vor über 5 Jahren seinen glorreichen Anschluss gefunden hat.

Wie ich schon erwähnt habe, ist es ein sogenannter Swap gewesen. Also aus irgendeinem Grund schließen sich Mehrere zusammen und tauschen vorgegebene Teile aus. Damit entsteht ein Top, dass nicht nur von dir selbst genäht wurde. Die Gruppe, die diesen Quilt mitgenäht hat, waren alles Leute, die ich von der Plattform couchsurfers kannte. Die Couchsurfer bieten Fremden Unterkünfte an oder zeigen ihnen ihre Heimat. Ich habe das vor mehreren Jahren sehr gerne gemacht. Als Gast und auch vor allem als Host. Ein Ehepaar aus Indien, ein U-Bahn-Zugführer aus Paris, eine alleinerziehende Mutter aus Kolumbien auf der Suche nach sich selbst.

I would like to thank Arika from Texas. I remember that you managed the whole exchange. Thank you.

Arika Texas

The only person I finally once met in real life was Linda Carrier. I remember your visit at my house and the family stories we shared. Now, as a mother, I understand how deep your love for your daughter is – and for all of your children. Thank you.

Linda Carrier Quilt

I would like to thank Sophie from Louveciennes, France.

Sophie France

I send my best wishes to Angela Eckert in Canada.

Angela Eckert Canada

 

And would like to thank Sandra from Massachusetts, USA.

Sandra Massachusetts

I hope that Carole Mosser from Hagenthal le Haut in France read this: Thank you. Carole Mosser CS Quilt

The finished quilt looks amazing and is now not a CS quilt for stranger. (I know that was the idea…) Life changed a lot and there are no CS visitors in my house anymore. I searched some of your profiles and think that some of you have left the Couchsurfing thing years ago. Like we did. The quilt is still here and I have good memories with couch surfing. The quilt is now loved by my little children and they use it for building caves in their room. Thank you all.

CS Quilt ganz

Erzähl mir von… dem letzten Urlaub als Kind

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom  No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Im August werden in den meisten Familien die Reisetaschen gepackt und da sind sie auch: die digitalen Berichte über Kinderplanschbecken, die Fotos auf Facebook vom Nachwuchs am Strand, die 10 Tipps zum Reisen mit Kindern auf bloglovin. Doch wie war das eigentlich zuvor? Vor den eigenen Kindern, den eigenen Plänen, den eigenen Recherchen im Netz? Wie war es, als man ein Kind war und in den Urlaub fuhr? Wann hörte es auf, dass man ein Kind war?

Mein letzter Urlaub als Kind führte mich nach Italien. In ein Ferienhaus am Strand. Natürlich weiß ich nicht mehr, wo genau das war, obwohl ich bereits über 18 Jahre alt gewesen sein muss. Ich weiß es nicht, weil ich nichts plante. Ich setzte mich auf den Rücksitz eines Autos und hatte einen aufgeladenen CD-Diskman auf dem Schoß und wurde irgendwo hin gefahren. That´s it. Essen, Sonnencreme und Schlafplatz – das war nicht mein Problem. Ich war das Kind. Ich hatte mir eine extra Haarkur gekauft. Das weiß ich noch. Ich hatte lange gerade lange Haare und Sorge, dass mir die Sonne und das Salzwasser die herrliche Struktur ruinierte und sehr stolz darauf, eine Wochenpackung mit kleinen Proben für jeden Tag besorgt zu haben. Das und die Bücherauswahl aus Bibliothek und Buchladen war meine persönliche Vorbereitung und die kam mir schon stressig damals vor. Ihr seht, ich war das Kind.

Ich war aber nicht das einzige Kind. Ich habe einen kleinen Bruder. Ich glaube nicht, dass wir uns besonders registriert haben damals. Eine vierköpfige Familie in Italien. So könnte es gewesen sein. Aber bei einem typischen Familienurlaub waren wir mehr. Mein Onkel und meine Tante fuhren meistens auch mit uns zusammen weg. Nicht immer, nicht jedes Mal, aber doch sind in meiner Erinnerung die beiden mit ihren Kindern auch immer dabei gewesen.

Das ist vor allem und am wichtigsten meine Cousine. Die kleine Schwester, die ich nicht hatte, hatte ich in unseren Urlauben. Wir haben uns stets ein Zimmer geteilt und es fühlte sich an wie bei Hanni und Nanni. Für mich war es ein großer Spaß. Sie ist jünger als ich, stiller und schlanker – heute denke ich, dass sie eine ganz andere Geschichte erzählen würde über uns. Ich war laut, hatte immer die Idee, immer den Ton. Auch in Italien. Erst habe ich Geschichten geschrieben, in Italien habe ich die Schwarz-weiß-Fotographie entdeckt. Natürlich waren wir am Strand und haben mit einer kleinen Kamera Fotos geschossen. Vom Meer, von den Wellen und von uns selbst. Gegenseitig. Vielleicht hätte ich ihr sagen sollen, wie eifersüchtig ich auf ihre kleine zierliche Gestalt war. Ich kam mir vor wie das Walross neben ihr.

Etwas war aber in diesem Urlaub anders. Uns allen war klar, dass es unser letzter in dieser Konstellation sein würde. Das kümmerte mich nicht. Ich war voller gelangweilter Pubertät, hatte meinen ersten Freund und konnte es wie jeder Teenager nicht glauben, dass sich in diesem ewig scheinenden Leben je irgendwas ändern würde. Die Naivität der Jugend.

Meine Cousine hatte seit ein oder zwei Jahren eine kleine Schwester. Sie stolperte uns am Strand hinterher. Wollte mit den großen Mädchen mitmachen. Ich fand das lästig. Meine Cousine nicht. Sie verstand ihre Schwester. Das Nesthäkchen, der Nachzügler der Familie. Ich rollte mit den Augen und wollte ein Foto machen, auf dem ich mich nicht wie das Walross fühlte. Und das bekam ich auch. Mit dem Kleinkind auf dem Arm lächle ich schließlich in die Kamera. Das Foto ist gestellt. Ich habe mich nicht besonders um das Baby gekümmert, doch ich sehe aus wie eine blutjunge Mutter im Sonnenlicht.

All die Urlaube führten uns als Kinder immer ins Abenteuer. Unsere Ferien waren nie langweilig.Wir waren immer wo anders. Wir saßen zusammen krank in einem Haus an der Nordsee, tranken Tee und spielten Rommee. Wir fuhren mit einem Wohnmobil durch Amerika und konnten es nicht glauben, dass es Schinken mit Honig gab. Wir liefen durch San Francisco oder fuhren in der Kolonne Ski in den Alpen. Wir waren immer 4 Kinder. Doch ich war bereits am Abflug, machte eigene Pläne, wollte eigene Geschichten. Der letzte Urlaub war ein Zerrbild. Das älteste Kind rief ihren Freund an, das jüngste hatte eine Schnullerkette. Es war klar, dass es aufhörte.

Das kleine Mädchen vom Strand in Italien hat inzwischen Abitur gemacht und hat eigene Erinnerungen an abenteuerliche Familienurlaube. Irgendwann wurde klar, dass sie die Familiengeschichten vor ihrer Geburt ziemlich unfair fand. Der große Amerikaurlaub als das krasse Ereignis in der Chronik wurde nicht mehr in allen Facetten breitgetreten. Sie hatte keine Chance, dabei gewesen zu sein. Niemand wollte sie mit der Wiederholung der Geschichten darüber noch weiter verletzen. Ihre Familie hat neue Urlaube gemacht. Neue Erinnerungen mit ihr, die sie wohl zusammen erzählen.

Es gibt in unserer Kindheit nur eine Überschneidung. Und das ist mein letzter Urlaub als Kind. In Italien mit meiner Tante und meinem Onkel zusammen mit meiner Familie. In einem Haus am Strand. Wo die Erwachsenen Wein getrunken haben und die Köchin meiner großen Cousine einen Schweinekopf zeigte, wo wir uns zum letzten Mal ein Zimmer teilen und ich sie mit den großen Erfolge dieser Haarkur belehrte. Meine zweite Cousine wuchs ohne mich auf. Sie war klein und kam hinzu, ich war bereits halb erwachsen und wo anders. Mein letzter Urlaub als Kind ist einer ihrer ersten. So ist das in Familien. Es passiert alles in Wellen. Heute würde ich sagen: Wie beruhigend. Wie beruhigend schön.

München ist ein Dorf

Stellt euch vor, ihr seid ein Stadtmensch. Vielleicht müsste ihr euch das auch gar nicht vorstellen. Aber ich versuche mal, präziser zu sein: Stellt euch vor, in eurer Stadt gibt es ein Viertel,in dem ihr echt lange gelebt habt. Als Student irgendwann hingezogen, verliebt, verlobt, zusammengezogen, Kinder. Das erste Jahr mit Baby. Und dann stellt ihr fest, dass ihr noch an keinem Ort zuvor so lange gelebt habt wie dort. In jenem Viertel.

Mir geht es so. Ich habe die größte Zeit meines bisherigen Lebens im Münchner Westend verbracht.

Dann bin ich verschwunden. Aufs Land verzogen.

Nach genau einem Jahr bin ich zum Sommerfest-Picknick unserer ehemaligen Krippe wieder dahin zurück gekommen. Ich war neugierig, wie die Kinder auf ihre alte Heimat reagieren. Ob ihnen bestimmte Menschen, Kinder und Plätze noch was sagen.

Schließlich war unser Leben doch anders hier als auf dem Land. Wir sind die meiste Zeit mit dem Fahrrad herumgefahren und nicht mit dem Auto. Wir hatten unsere Crew am Spielplatz getroffen und haben erst gegen 4 Uhr nachmittag überlegt, was wir denn zum Abendessen machen. Dann sind wir noch schnell zum Türken was einkaufen gegangen. Oder zum Griechen. Oder zum Edeka. Oder zum Aldi.

Mein erster Weg führte mich zur San Francisco coffee company. Die Jungs wollten Babycappuccino – ok, sie erinnern sich doch. Bisschen nostalgisch war ich da. Habe ich mich dort oft mit meiner Freundin getroffen. Die ist inzwischen auch weg.

München is a Dorf Kaffeelove

Und während wir da so draußen sitzen und ich irritiert bin, dass alles noch so aussieht, wie es mal war, treffe ich die erste Bekannte. Eine Frau, deren Namen ich nicht mehr weiß, aber die ich immer exakt an dieser Stelle traf. Sie wohnt ein Haus weiter und die Schneise hin mit dem San Francisco an der Ecke ist ihr Weg. Ich kreuze also nach einem Jahr wieder ihren Weg. Wir unterhalten uns kurz. Wie immer. Sie sagt, dass die anderen Zwillinge vom Viertel sich nachher im Biergarten treffen. Ich verspreche, vorbeizuschauen.

Ich weiß nicht, ob ich das so richtig wiedergebe, aber unser letztes Gespräch verlief ähnlich. Sie lehnte auf ihrem Fahrrad, ihre Kinder waren um sie herum und die Sonne schien. Alle unsere Gespräche verliefen so. Die Menschen gehen weiter ihren Weg. Ob du nun da bist oder nicht. Wären wir wieder hergezogen, dann hätte sich diese Bekanntschaft wieder nahtlos eingefügt. So, als ob wir nicht weg gewesen wären. So muss es sich anfühlen, in sein Dorf zurückzukehren. Alles auf Anfang. Alles wie immer.

Wir gehen weiter auf unseren alten Wegen. Manchmal hat sich ein Laden verändert, ist plötzlich aufgeploppt und wirkt für mich irgendwie unwirklich. Es gibt jetzt einen veganen Supermarkt mit Superfood und eine Salatbar-kette. Früher war an der Stelle ein Jogging-Laden. Man geht halt mit dem Trend. Das ist München.

Mein Sohn legt sich plötzlich auf den Boden. Er will nicht weiter. Ich verspreche ihm den Kuchen, den ich gemacht habe. Er mag nicht zum Picknick. Er mag nicht, dass er nicht weiß, was passiert und wen er trifft. Verdammtes Landei. Ich zweifle an der Idee und schupse ihn mit Worten liebevoll weiter. Für das letzte Stück brauchen wir eine gefühlte Ewigkeit, aber schließlich sitzen sie auf einer Decke am Rand der Feier und mampfen Kuchen. Unser Kuchen lockt die anderen Kinder an und es dauert nicht lange, da ist er mit der Situation doch einverstanden und verschwindet auf dem nahegelegenen Spielplatz.

Es ist so unglaublich voll hier. Ich bin unsicher, wie stark ich auf meine Kinder achten soll. ich habe vergessen, was so der Rahmen der Freiheit ist. Ich mein, der ganze verdammte Park ist voller Leuten. Waren hier immer so viele Leute? Habe ich meine Kinder hier früher so unbekümmert zwischen den ganzen Menschen herumlaufen lassen oder hab ich die dabei beobachtet? Ich weiß es nicht mehr.

Die Begrüßung mit den anderen Eltern verläuft herzlich. Die meisten Väter sitzen im Anzug oder schon im Freizeitdress auch mit auf den Decken rum. Ja, da ist normal hier. Moderne Elternschaft und so. Working parents, Kinderkrippe. Wo ich jetzt herkomme, taucht die Mehrzahl der Frauen alleine mit ihren Kindern auf. So wie ich heut. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, meinen Mann zu überreden mitzufahren. Wie schnell man sich an Geschlechterrollen gewöhnt. Man macht immer das, was die Mehrheit macht. Picknick am frühen Freitag Nachmittag? Frauensache. Die letzen Jahre waren wir hier zu zweit. Ich habe mich schneller ans Land angepasst, als ich dachte.

Eine Mutter bemerkt trocken, dass ich ganz schön bayerisch reden würd. Ich muss fast lachen. Dass muss ich meinen Landfrauen erzählen. Die kippen mir glatt vom Stuhl. Grad ich. Ich rede ein gepflegtes Münchner Hochdeutsch. Die müssten hier mal hören, wie es klingt, wenn man wirklich Dialekt spricht. Da ist das hier nicht mehr München, sondern Minga und kein Mensch würd glauben, dass man sich hier wie am Dorf vorkommen könnt.

Ich bemerke, dass es wenig zu essen gibt. Aprikosen, Reiswaffeln, jemand hat Pizza besorgt. Auch das ist normal hier. Meine Landfrauen haben mich stadttechnisch völlig ruiniert. Die würden einen Haufen Essen zu einem Picknick anschleppen – glaub ich zumindest. Ich habe auch Kuchen gemacht und habe belegte Brote dabei. Massenweise. Letztes Jahr ist mir das auch noch nicht passiert.

Die Details, die anders sind, sind nicht die Details, die ich so damals im Blick hatte. Die Leute verändern sich nirgends. Vielleicht sind neue Gesichter dazugekommen, aber wie man sich so verhält, was man so macht. Da gibt es überall Rhythmen, aus denen nicht ausgebrochen wird. Klar, die meisten Frauen arbeiten. Man tauscht sich schnell über Berufe und Perspektiven aus. Meine Landfrauen arbeiten auch, aber darüber wird nicht so viel gesprochen. Wer nicht arbeitet, der arbeitet auch nicht weniger. Der hat dann halt Hühner oder so. Die Männer sind auch hier selbstständig oder auch nicht. Aber der Beruf Schreiner kommt nicht vor. Die arbeiten hier in verenglischten Berufsbezeichnungen und sitzen im Büro. Aber tauchen zu großer Zahl an einem Freitag nachmittag beim Picknick auf.

Jetzt heulen meine Kinder fast, weil wir gehen. Sie wollen ihre alte Erzieherin am liebsten mitnehmen. Ich verspreche den Spielplatz am Biergarten. Das stimmt sie zumindest friedlich.

Es wuselt am Biergarten und doch finde ich meine Zwillingseltern wieder. Ein Dorf. Dieses Viertel ist ein Dorf und die Leute verlassen die Dorfgrenze nicht. Aus der Masse an Aktivitäten und Plänen, die eine ganze Stadt bietet, wählt man halt doch nur das, was im Viertel passiert. Da passiert ja auch genug. Keiner würde groß mit einem Auto rumfahren. Und fährt man mal mit der U-Bahn bis zum Marienplatz, dann sagen die hier: Wir sind in die Stadt gefahren und das ist als Ausflug zu werten. Der Radius auf dem Land ist viel weiter als in der Stadt. Da fährt man zu dem nächsten Dorf zwengs am Judounterricht und zum nächsten für die Milch. Das fällt einem erst auf, wenn man weg ist. Die Entfernungen schrumpfen. Meine Freundin hat mal gesagt, der Weg von der Stadt zum Land ist viel weiter als umgekehrt. Da hatte sie recht. Es ist kein großes Ding, mal ne Stunde wo hinzufahren, aber ich bin nie freiwillig weit aus dem Viertel rausgefahren, als ich noch hier lebte. Obwohl es kleiner war, war es groß genug.

Mein Sohn fällt von der Wippe und heult, es ist Zeit zu gehen. Die sind jetzt müde. Komisch, dass ich die Zeit überhaupt nicht im Blick hab. Ich muss doch noch weiter fahren und nicht bis um die Ecke. Ich bin deswegen aber überhaupt nicht nervös. Dann fahr ich halt noch.

Ich muss das Abschlusseis noch einlösen. Die Schlange ist mir zu lang am Biergarten und ich will zum Edeka. (Allein bei dem Gedanken, dass mir irgendwo zu viel los sein könnte, da muss ich schon innerlich grinsen)

Als wir den Biergarten verlassen, sagt eine Frau grad zu ihrer Tochter, sie solle zum X gehen. Mein Sohn horcht auf und sagt, er sei X. Sie lächelt und meint, dass ihr Sohn auch so heiße und sie den Bruder des Mädchens meinte. Mein Sohn sagt, sein Bruder heiße Y. Da bleibt die Frau stehen und lächelt diesmal mich an. Ihr Sohn heiße XY. Da grinse ich auch. Wir erinnern uns beide an ein lustige Gespräch vor Jahren vor dem Italiener im Viertel. Da haben wir nämlich festgestellt, dass sie ihren Sohn XY genannt hat und ich meine Zwillinge X und Y. Und wir fanden es total witzig. Ein bisschen ist sie irritiert, mich zu treffen und dann geht sie wieder weiter.

Westend München

Beim Edeka, den ich echt in und auswendig kenne, fröstelt es mich dann doch. Wenn was total gleich aussieht. Und ich den Impuls unterdrücken muss, hier noch schnell was einzukaufen. Die Zeit schien eingefroren. Irgendwie bin ich auch stolz, dass ich so verwurzelt war. Dass ich ein Dorf hatte, in dem ich viele zu kennen schien. Es ist erst ein Jahr vergangen. Vergehen 10 Jahre, lehnt die Frau vielleicht nicht mehr an der einen Stelle an ihrem Fahrrad oder versammeln sich die üblichen Verdächtigen um den Spielplatz am Biergarten.

München ist nur die Imitation eines Dorfes. Für eine gewisse Zeit fühlt es sich wohl ähnlich an, aber die Besetzung wechselt schon schneller. Die meisten, denen ich begegnet bin, sind hier nicht geboren worden und aufgewachsen. Wir kennen uns nicht aus Schulzeiten und es tauchen bei jedem Lebensabschnitt nicht immer wieder die gleichen 5 Hanseln auf. Aber ist man in einem bestimmtem Lebensabschnitt, dann kommt man auch nicht voran ohne einen Ratsch an der Ecke. Ich habe ein paar Leute zu uns eingeladen. Vielleicht verlassen sie für uns doch mal das Viertel. Für einen Kaffee am Land.

 

Riesenseifenblasen DIY

Das Thema dieses Gartensommers lautet aber gar nicht Kamille. Für die überwiegende Mehrheit dieses Hauses lautet das Thema: Riesenseifenblasen.

Nachdem wir einige Versuche mit selbstgebrauter Lauge nach diesem Rezept ausprobiert haben, haben wir uns entschieden, die Pampe von professioneller Seite zu beziehen: Peter Pat Riesenseifenblasen

Die Lauge selber haben wir in verschließbaren Malereimern zusammengemischt und auch aufbewahrt. Diese Malereimer sind in jedem Baumarkt vorhanden und ursprünglich gedacht, Farbe anzumischen. Hervorragend geeignet für Seifenlauge, kann ich da nur sagen.

Die Riesenseifenblasen werden traditionell mit zwei Holzstäben gezaubert, zwischen denen eine Baumwollkordel so gespannt ist, dass  diese einen Kreis (mehr oder weniger) bildet. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die Baumwollkordel wird mit Lauge getränkt, der Kreis wird geöffnet und der Wind bläst eine Seifenblase auf. Beim Schließen (beim geschickten Schließen) formt sich die Seifenblase und trägt sich im besten Falle fort.

Riesenseifenblasen Stöcke

Ich dacht immer, das Ding mit den Stöcken können nur so Künstler machen, auf irgendwelchen Festivals oder so. Aber es ist echt für Kinder geeignet. Auch 4jährige bringen damit Seifenblasen zam. Eine echt schöne Beschäftigung, die bisschen süchtig macht.

Im Baumarkt habe ich Holzstäbe gekauft, so einen Ring reingebohrt und die Baumwollkordel durchgezogen. Bevor ich das lange erkläre: auf den Bildern ist es doch zu erkennen. Wer nicht unbedingt der Baumarkt-Typ ist: die Stäbe gibt es schon fertig zu kaufen, also, man muss auch nicht unbedingt basteln. Peter Pat verkauft auch Stäbe, könnt ja mal in dem Shop durchgucken. Wenn man sie selber macht, ist nur wichtig, dass man wirklich die teure Baumwollkordel nimmt.

Riesenseifenblasen DIY

Und für alle, die ihre Wiese lieben: Nach dem Spaß solltet ihr die Stelle, an der gepanscht wurde, sehr gut wässern. Die Lauge macht nämlich tatsächlich den Rasen bisschen kaputt. Ich denke, er erstickt. In unserem Garten sind die Stellen der Seifenblasenkünstler jedenfalls gut sichtbar. Wird sich verwachsen. Bestimmt läßt es sich auch hervorragend in städtischen Hinterhöfen bewerkstelligen. Im Park nehmt halt eine Decke mit. Ist ja am Ende nur Seife und läßt sich daher auswaschen.

Im Garten: Kamille

Gut, es ist ja inzwischen klar, dass ich kein Stadtmensch mehr bin. Eher ein Landei. Inzwischen ist mir auch klar, dass die Stadt mich nie verlassen wird. Aber das ist gar nicht mein Thema. Mein Thema heißt Kamille.

Von Kamille an sich gibt es verschiedene Sorten und darunter jene, die wir auch mit der Heilpflanze verbinden. Die sogenannte Echte Kamille. Zum Frühlingsanfang habe ich aber nicht davon kleine Pflanzen ausgesetzt, sondern von ihrer Verwandten: der Römischen Kamille, die  zwischen Lavendel inzwischen ganz schön vor sich hin wuchern.

Heute habe ich geerntet. Planlos wie immer, aber ich konnte den Wildwuchs nicht mehr bändigen. So habe ich die Köpfe der Blüten abgeschnitten und den Rest hochgebunden. Zum Teil, weil ich befürchte, der Lavendel wird sonst untergehen und zum anderen Teil, weil es so aussieht, als ob es nochmal Blüten geben wird – wenn mal wieder öfter die Sonne scheint. Das geht natürlich nicht, die Römische Kamille soll sich ja ausbreiten. Sie bildet dort, wo die Stängeln den Boden berühren, neue Wurzeln. Ich werde also den Lavendel asap herausnehmen und die Kamille wirklich wuchern lassen dort. So, wie er will. Das sind so die Fehler, die Stadtmenschen in ihrem Garten begehen. Sie glauben einfach nicht, dass das alles wachsen könnte. So tatsächlich. Ich sehe Uli sich grad mit einem Argh ans Hirn fassen. Ich übe, Mädchen, ich übe noch!

Kamille im Garten Hochgebunden

Die abgeschnittenen Blüten habe ich liebevoll (sprich: dunkel und warm) zum Trocknen ausgelegt und hoffe, bald kleine trockene Kamillenköpfe zu besitzen. Für ein Blütenbad. Oder einen Tee. Andere teetaugliche Kräutersorten wachsen nämlich noch so vor sich hin.

Kamille trocken

Ein bisschen gerührt bin ich von der ersten Ringelblume, die in Blüte steht. Das ist nämlich mein heimliches Gartenjahresziel: Ringelblumensalbe. Vor Jahren habe ich mal eine eigene Salbe hergestellt und weiß noch so grob, dass es gar nicht so kompliziert ist. Wird sich noch herausstellen.

Ringelblume im Garten

 

Pippi, Tommy und Annika

In der Medienerziehung meiner Jungs bin ich nostalgisch. So, als ob Pumuckl und Pippi Langstrumpf irgendwie besser wären als die Minions. Wie jede Elterngeneration vor mir versuche ich, die Helden meiner Kindheit hochzuhalten und blicke mit höchster Skepsis auf die Horde Eisprinzessinnen und die Gelbeinaugenknirpse.

Mit einem Grinsen habe ich so festgestellt, dass mein einer Sohn ein ernsthaftes Auge auf Pippi Langstrumpf geworfen hat. Manchmal erwähnt er sie fachmännisch. Wenn ich zum Beispiel versuche, das Gartentor auszuhebeln und er mir mit seinen Patschehänden unterstützend zur Seite springt, sagt er Dinge wie: Jetzt brauch ma Pippi Langstrumpf. 

Figuren, die ich wage von meinem eigenen Früher kenne, werden bei mir automatisch als positiv registriert. Also gucken wir Pippi Langstrumpf an.

Ich schlucke ein bisschen, nachdem das Wort Negerkönig zum fünften Mal auftaucht und schiele zu meinen Kindern. Soll ich jetzt sagen, dass des kein Wort ist, dass man heute noch benutzt? Soll ich jetzt ganz ausmachen? Soll ich einfach abwarten, ob sie das Wort überhaupt registriert haben? Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen? Haben wir wirklich als Kinder vom Negerkönig gesprochen? Wieso ist es nicht komisch, dass er da König ist? Kolonialgeschichte   is ja ned grad ne Erfolgsstory, die man so unreflektiert Kindern rüberbringen sollte. Aber gut, ich mache weiter mit meiner Pippi Langstrumpf Medienerziehung und warte einfach ab.

Pippi, Tommy und Annika machen sich ständig zu irgendeinem Ausflug fertig. Erst ist es mir gar nicht gekommen, aber es ist immer Annika, die die Brote schmiert. Pippi und Tommy machen nie so was wie Brote schmieren. Klar, Frauenarbeit.

Pippi, Tommy und Annika starten mit einem selbstgebauten Flugzeug nach Taka Tuka. Ich mache kurz die Augen zu und hoffe, es ist nicht Annika, die die Pedale treten muss. Doch, ich gucke wieder hin. Annika strampelt, Tommy steuert das Flugzeug. Natürlich steuert er das Flugzeug. Er ist der Junge. Pippi rennt und rennt. Danach fliegt es und sie wechseln die Positionen. Tommy muss gar nichts mehr machen. Annika darf steuern.

Gut, Pippi ist ein Mädchen. Aber Pippi ist ein Übermädchen. Eine Kunstfigur. Der Troll in der Geschichte. Es geht auch meinen Kindern darum, mit Pippi befreundet zu sein. Sie hat den Koffer voller Gold und kauft immer allen Kindern, was die wollen. So sollte Freundschaft ja auch funktionieren. (Haha)

Aber die Identifikationsfiguren in der Geschichte sind Tommy und Annika. Und nicht nur, weil ich hier nur Söhne habe. Vielleicht ist es bei Mädchen anders. Vielleicht sehen sie sich eher als Pippi Langstrumpf. Aber Annika ist das eigentliche Mädchen. Und sie verhält sich auch genau so. Auf der einsamen Insel ist sie es, die kreischt und vor den wilden Tieren wegläuft. Tommy hat zwar auch gestrichen die Hosen voll, aber er bleibt nur kreidebleich. Jungs weinen halt nicht. Annika schmiert Brote. Und als Annika auch noch anfängt, die Kleidung von Pippi und Tommy zu waschen, da stirbt irgendwo in mir eine bunte Fee.

Gut, was will man auch von einer Geschichte von vorgestern erwarten. Alle starrten sie gebannt auf Pippi und ihre rotzfreche Art. Das Mädchen, dass es geschafft hat, ein Draufgänger zu sein. Der Punk, das feministische Urgestein. Was habe ich in die Hände geklatscht, als meine Kinder sich dafür interessierten. Ja, jetzt zeig ma euch mal, wie des so ist mit den starken Mädels. SO sollten Frauen sein, aussehen und sich benehmen. Spuckend und prügelnd sollten sie sein.

Aber ich sitze zwischen meinen Kindern beim sonntäglichen Kinonachmittag und sehe Annika beim Kleiderwaschen zu. Annika, wie konnte ich dich vergessen! Du bist ja noch da und zeigst uns ganz genau, wie man sich als normales Mädchen so zu verhalten hat. Also alle Mädchen, die kein Pferd stemmen können. Also alle anderen.

Wie viele Generationen werden noch ins Land gehen, bevor man beiläufig einen Tommy beim Brote schmieren und Kleiderwaschen sehen wird?

Es ist nicht das Laute, dass mir Sorgen macht, sondern immer nur das Leise. Die leisen Selbstverständlichkeiten. Mir fällt es auch, meinen Kindern nicht. Wie auch. Sie nehmen alles so hin. Ich beginne, im Netz nach kritischen Stimmen zu Pippi Langstrumpf zu suchen. Aber es geht da vor allem um Kolonialgeschichte. Sonst passt alles. Annika wird nicht gesehen. Bei MakellosMag treffe ich auf weitere Links zu einer gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit Bibi Blocksberg und co. Interessant. Benjamin Blümchen als Wutbürger aus Stuttgart, Familie Blockberg als angepasstes Familienidyll. Doch Pippi schneidet überall ziemlich gut ab. Sie ist halt immer noch cool.

Mein fast Vierjähriger träumt jetzt also davon, ein Mädchen wie Pippi kennen zu lernen- stark, ein Koffer voller Gold und ein Pferd auf der Veranda. Findet er großartig. Nur manchmal weint er, wenn es um den Papa geht. Warum der nicht da sei. Warum der denn mit einem Schiff wegfährt. Gut, der Film ist auch erst ab 6 Jahren und so streichle ich ihm über den Kopf und beschwichtige. Der kommt doch wieder. Diese Anflüge sind kurz, denn die meiste Zeit sitzen wir da und Pippi macht irgendeinen Käse…da schielen sie zu mir rüber und warten ab. Ich (als Mutter, bei der man im Wohnzimmer keinen Eimer Wasser ausschütten darf) werde dann aufgefordert zu fragen, ob man denn das jetzt auch bei uns machen dürfe. Nein, kommt dann der lachende Chor. Des darf man nur bei Pippi. Wird Zeit für Ronja Räubertochter.

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Erzähl mir von … deiner ersten Party

Starnberger SeeAlle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben. 

Meine erste Party. Wann war meine erste Party? In meinem Kopf haben wir uns irgendwann zwischen Partykellern, Kinderzimmern und Schrebergartenhütten hin und herbewegt. Mit Apfelschnaps, Flaschenbier und Zigaretten. Vielleicht auch nur mit Apfelschnaps. Vielleicht saßen wir auch am Ufer der Isar. Blass, grau und frei. Ich kann gar nicht genau sagen, wann wer damit angefangen hat. Meistens ging es um einen Jungen.

Ich kann auch gar nicht sagen, wer es denn genau war. Wie die Leute hießen damals,mein ich oder wie ich wen durch wen kennen gelernt habe. Manchmal habe ich noch im Laufe der Party ihre Namen wieder vergessen. Mal war es jemand aus der Schule, dessen Sommersprossen und vorlaute Art mir gefiel. Ich glaube nicht, dass ich oft auf Parties eingeladen war. Ich gehörte keiner festen Gruppe an, hatte keine Clique. Ich war die, die kam und wieder ging.

Ich kann mich aber deutlich an eine Party am Starnberger See erinnern. Wir saßen auf den Stegen und tranken irgendwas. Es liefen Beatles-Lieder. Die Luft war ganz sommerlich heiß noch vom Tag. An unserer Seeseite gibt es drei Segelclubs. Noch heute. Der bayerische Yachtclub mit seiner Prominenz, der Münchner Yachtclub mit seinem Bürgertum und der Segelclub Wörmsee mit dem Rest der Bevölkerung. Alle drei Vereine schickten jeden Sommer ihre Kinder zu einer Art Ferienlager. Segelschein machen. Mit Frühsport, um den reichen Anwaltstöchtern ihre Zicken auszutreiben. Und Unterricht und Segeln und Outdoorschampoo und Mückenstichen. Wir hatten auch einmal irgendeinen Spross aus dem bayerischen Königshaus unter uns. Dem haben alle ein Weißbier ausgeben wollen. Der hat bisschen grenzdebil gelächelt und brav angestoßen. Einmal hat er mir zugeflüstert, dass das ganz furchtbar für ihn sei, denn er möge überhaupt kein Bier. Dann sag das doch und lass es ein, hat da mein 15jähriges Ich pragmatisch vorgeschlagen. Da hat er wieder dieses Lächeln aufgesetzt. Das ginge nicht. Die Menschen freuen sich so. Da hab ich was Wesentliches begriffen in meinem Leben: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auch wenn es nicht gleich offensichtlich ist. Der Bayerische Adelssohn muss halt Weißbier trinken, auch wenn er es ned mag. Einfach, weil er den Leuten die Erinnerung nicht kaputt machen wollt. Soll´n sie doch zu Hause die Anekdote erzählen dürfen. Über den König, mit dem sie ein Bier getrunken haben.

Auf jenem Steg an unserem letzten Sommerabend ging es aber gar nicht um ihn. Ich weiß gar nicht mehr, ob er dabei war oder nicht. Es ging um den blondgelockten, dürren Jungen, dessen Namen ich bis heute nicht vergessen hab. Er ist Schreiner geworden. Heute kann ich den Namen googeln. Damals war es vorbei nach dieser Nacht. Vielleicht eine Festnetznummer. Man konnte nie sicher sein, ob man die Leute nicht wieder aus den Augen verliert. Eigentlich ist zwischen ihm und mir auch gar nichts passiert. Er hat mir nur gezeigt, was Apfelschnaps ist und laut gelacht über die Geschichten um uns herum. Irgendwann habe ich meinen Kopf auf seinen Oberschenkel gelegt und so getan, als ob ich schlafen würde. Wir waren Sommercamp-Kumpels und hingen die 10 Tage viel miteinander ab. Doch auf dieser Party lag ich mit meinem Kopf auf seinem Oberschenkel und habe zugehört, wie er Michelle, my belle gesungen hat und mit meinen Haaren zwirbelte. Ich kann mich so intensiv an seinen Geruch erinnern. Eine Mischung aus Sommer und Seewasser. Er roch herrlich. Irgendwann hat er sich weiter unterhalten mit den anderen, aber nicht aufgehört, seine Hand in meinen Haaren zu lassen und ich hatte einen Ahnung von dem, was es für mich hieß, einen Freund zu haben. So musste es sich anfühlen, dacht ich mir. So sollte es sein.

Jetzt würde ich gerne erzählen, dass wir danach fest zusammen waren und er meine erste große Liebe wurde, aber dem war nicht so. Ich weiß gar nicht wieso, aber wir haben uns aus den Augen verloren nach dieser Nacht. Ein paar Monate später bin ich zu seinem Haus gefahren, denn ich kannte die Adresse. Es hat in Strömen geregnet und es hätte sehr romantisch sein können, aber er war nicht da. Sein Vater hat aufgemacht und war völlig überfordert mit mir. Ihm tat es leid, das konnte ich sehen. Er verliebte sich bisschen in das Mädchen, dass im Regen bei seinem Sohn zu Hause aufgetaucht war, ich war wie die Zeitenwende, die vor ihm stand. Ab heute war er alt und hat geseufzt, als ich ihn fragte – mit klatschnassen Haaren und klatschnassen Sachen, ob sein Sohn zu Hause wär. Nein, hat er gesagt, und dann noch etwas, aber ich hab mich schnell wieder umgedreht und bin weggerannt. Ob er irgendwas ausrichten solle. Er richte auf jeden Fall etwas aus. Ich weiß noch, dass wir telefoniert haben müssen. Vor diesem Regentag oder danach. Stundenlang. Wir saßen zusammen vor MTV und haben nur ab und zu ein Musikvideo kommentiert. Das war alles sehr still damals. Ich wünschte machmal, ich wäre lauter gewesen. Danach brach der Kontakt ab, aber ich habe Jahre später – vielleicht vier, vielleicht fünf – mal bei ihm angerufen. Inzwischen hatte ich einen Freund und ein Studium und war überhaupt ganz anders als noch mit 14 oder 15. Er war auf dem Sprung und eigentlich sehr nett. Doch er log nicht. Ich hörte die Unsicherheit in seiner Stimme und wußte, dass er sich bemühte, sich an mich zu erinnern. Er konnte sich aber nicht an mich erinnern. Wir waren zusammen beim Segellager? Klar doch, ja, Mann, das war eine verrückte Zeit. Ich merkte es sofort. Zwischen zwei Joints hatte ich mich in Rauch aufgelöst. Eigentlich hätte ich traurig sein müssen, aber ich war es irgendwie nicht. Jetzt gehörte der Moment an jenem Steg mit einer fremden vorsichtigen Hand in meinen Haaren mir ganz alleine. Neben Apfelschnaps, die unendliche Leichtigkeit von geflüsterten Beatles-song und Marihuana hatte er mir nämlich noch etwas beigebracht: Die Erinnerungen verschwinden nicht, auch wenn sich niemand mehr erinnert.

Das war meine erste Party – eine Gruppe Halbstarker auf einem Steg. Am Ende eines Sommers. Vor den Partykellern und den Schrebergärten. Ein lautes Gespräch, Beatles-Lieder und Sterne. Und ich, die auf einem Oberschenkel lag und so getan hat, als ob sie schlafen würde.

Nach dieser Sommerparty habe ich ihn nie mehr gesehen.

 

 

 

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Sophia Thiel: Abgebrochen

#sweating beauties und Sophia ThielBei Sophia Thiel geht man durch 3 Phasen durch. Es steigert sich die Anzahl der Kohlenhydrate und es steigert sich die Intensität des Trainings. Alles halb so wild. Trotzdem habe ich aufgehört.

So ein Aufhör-Prozess ist ja schleichend. Zuerst hörten die Videos auf. Mir war das alles viel zu pink, viel zu Mädchen, viel zu lange. Zu Beginn jedes Videos wird erst minutenlang die Übung erklärt – mit neumodischen Elektrosound und Sophia Thiel in Großaufnahme. Das nervte mich am meisten. Anschalten, loslegen aber halt, erst warten, denn: zuerst ewige drei Minuten auf Sophia Thiel starren und warten. Bin ich eine Mimose? Keine Ahnung, aber ich glaube, dass mir Detlef D. Soost zwar nie sympathisch war, aber ich muss ihn doch gemocht haben. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters. Ich habe ihm irgendwie geglaubt. Sophia glaube ich kein bisschen. Ich denke, sie hat ungesund abgenommen und ist dann total auf Kraftsport hängengeblieben. Manchmal betont sie lange, wie schwer ihr jene Übung früher gefallen sei, aber ich rolle dabei mit den Augen. Sophia Thiel tut so, als ob sie exakt diesen Weg gegangen wäre – oder sich zumindest sehnlichst gewünscht hätte, diesen Weg zu gehen. Ihre Mit-mach-Slogans verhallen in meinem Wohnzimmer. Das ist irgendwie hohl alles.

Dabei steht natürlich außer Frage, dass es funktionieren würde. Ich glaube all den Vorher-Nachher-Fotos. Den Leggingsbeinen, den im Spiegel aufgenommenen Ärschen im Knackformat. Ich bin nur nicht der Markt. Sie hat mich nicht erreicht und vielleicht wollte ich es auch nicht. Ich dachte, es wäre mir völlig egal, zu welcher Musik ich in meinem Wohnzimmer herumhüpfe, aber das stimmt nicht. Das junge Mädchen, dass immer ihren Pferdeschwanz vor jeder Übung zurechtlegt, ging mir auf die Nerven. So was steht und fällt mit der Galionsfigur.

Danach endete die Ernährung. Es ging ewig ums Abwiegen von Lebensmitteln, aber niemals natürlich ums Kalorienzähler. Das war halt ein verstecktes Kalorienzählen. Ist halt nicht modern, wenn man sagt, so ein Stückle Fleisch und so a Kartoffel wären jetzt soundsoviel Kalorien. Nein, die moderne Frau ist beyond. Die hat genau 139g Putenfleisch und 20g Kartoffeln zu kochen. Ernsthaft? Das ist doch dasselbe wie Kalorienzählen. Ich kann mich noch gut an das erste Video von 10 weeks body change erinnern: da standen ein Haufen Lebensmitteln und dann wurde gesagt: das da. Iss davon so viel du willst. Egal wie, egal in welcher Zusammensetzung, aber halt nur davon. Gut, damit waren ja bekanntlich die Vegetariern und die Veganer draußen aus dem Spiel und die Fleischesser konnten ne flatrate bei ihrem Metzger vereinbaren, aber ich habe nirgends irgendwas von 139g Putenfleisch lesen müssen….

Öfters wird ja darauf verwiesen, dass so ein Programm vor allem community und support bietet, aber über die community habe ich ja schon geschrieben: eine Facebook-Gruppe mit 16000 Mitgliedern – völlig ohne professionelle Moderation. Manchmal taucht ein Video von Sophia Thiel auf, in dem sie Fragen beantwortet. Ansonsten hört man die Mitglieder klagen über wenig Feedback bei speziellen Fragen. Und ein pausenloses Geposte von Mädchen in Unterwäsche, die sich dann untereinander kommentierend applaudieren. Manchmal gibt es einen Tipp. Der wird dann diskutiert, ob das jetzt konform sei oder nicht. Eine Moderation greift da dann natürlich nicht ein. Es endet in keinerlei Aufklärung, ob jetzt ein Früchtetee erlaubt sei oder nicht. Hat doch keine Kalorien, sagen die einen. Hat doch Früchte, sagen die anderen. Geht doch nicht um Kalorienzählen, sagt die nächste. Sehr oft gab es auch Beef. Da wurden dann die Zicken ausgepackt und es gab ein wildes hin und her. Da fehlte es auch nicht an einer Reihe von deplatzierten Post. Eine hat mal gefragt, wie sie ihr Meerschweinchen nennen sollte. Oder allen einen positiven Schwangerschaftstest präsentiert. Uff.

Ich habe den Eindruck, dass man eine DVD und ein *Kochbuch* für 99€ kauft. Geht man einmal an der Kasse vorbei, dann wünscht einem die Verkäuferin noch nen schönen Tag und ja, dann ist man dann halt zu Hause mit seinem Kochbuch und seiner DVD. Bei vielen funktioniert das. Bei mir ja eigentlich auch, aber ich befürchte – sie ist bestimmt eigentlich eine ganz Nette – ich mag halt Sophia Thiel ned. Also das Produkt, dass sie verkörpern soll. Es ist einfach nicht echt.

Dieses Jahr hat die Frühlingsdiät also 2 kg gebracht und war teuer und ich habe es nicht zum Ende gebracht. Mal sehen, ob ich nicht mal was anderes ausprobiere und mir beim nächsten Hype nicht einfach ein Buch kaufe und es  mal ganz ohne moderne Technik versuche.

Kurz gesagt: Schade und adios.

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