Veganer Zwischenstand: wann und wie fing das an? War es wirklich Attila Hildmann?

Seit dem 17.1.2014 lebe ich vegan.

Ein Tag nach dem Geburtstag meines Freundes, an dem wir uns noch mit Zitronenkuchen mit blaugefärbten Zuckerguss in die Therme legten und über die Attila Hildmann-Manie philosophierten. Ich habe meinem Freund das berühmt-berüchtigte Kochbuch von Attila Hildmann geschenkt. Das eigentliche Geschenk war ein Schlüsselanhänger. Das Kochbuch kam so noch dazu, mehr ein Zufall.

Ich liebe Kochbücher, ich liebe das große Format, die Photos darin, das gesamte Layout und das Thema. Ich mochte auch Attilas Buch, obwohl ich es schon sehr männlich finde und die ganze Challenger, Fitness und Feel-good-look-good Singleberlin – Einstellung darin schon störend finde.
Aber vielleicht sollte man das amerikanisch sehen und dem Mann seinen Erfolg einfach gönnen. Es hat tatsächlich dazu beigetragen, dass Vegan-sein salonfähiger geworden ist. Und warum nicht ein Trendsetter sein, ich für meinen Teil fühle mich dafür ziemlich oft als Trendopfer. Aber war das echt der Anfang? Ich weiß nicht.

Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt, mal eine vegane Auszeit zu nehmen. Als ich ein Teenanger war, gab es viele Vegetariermädchen. Das war ein großes Ding damals und allen ging es um die süßen Schweinchen oder um die kleinen Kälber. Die haben geheult bei Tierfilmen, hatten auch sonst ein sanftes Wesen, färbten sich die Haare mit Henna und hatten Batikröcke an. Damals hatte man aber kein Problem mit Eiern, Fisch und Kuhmilch. Na ja, nicht ganz. Die ältere Schwester von einem Vegetariermädchen ( wir fanden sie alle ziemlich hip) aß keine Eier, trank keine Milch. Ich denke, sie lebte vegan, aber ich kannte das Wort dafür nicht. Ingrid und ich standen mal in unserer WG-Küche und ich fragte sie, ob sie jetzt auch den Kuchen nicht essen würde. Sie zuckte mit den Schultern, klemmte eine ihrer Dreads hinters Ohr und sagte mit der sanften Vegetariermädchenstimme:„Ist doch irgendwie eckelig, wenn man sich mal vorstellt, was Eier eigentlich sind. Ungeborene im Mutterkuchen.“ Ich erinnere mich an diesem Moment,weil es das erste Logische war, was ich von den vegetariermädchen gehört habe und mir wurde klar, was mich an Ihnen störte: ich mochte sie nicht, weil sie nur das Bequeme umsetzen wollte. Die Sache nicht bis zu Ende dachten. Fleisch nicht essen wollten, weil es sehnig war und nicht weiß und, ach ja, wegen den süßen Schweinchen und den armen Kälbchen. Ingrid aß auch den Kuchen nicht und sah irgendwie cool und unabhängig damit aus.
Der Satz von Ingrid ist inzwischen über 14 Jahre her.

Was war dazwischen?

Ich war in einer Pen-and-Paper-Frauenrunde, die sich als heimliches Kochtreffen etablierte. Eine Vegetarierin war dabei, aber eine von der guten Sorte – ohne Batikrock, die mit Batikrock gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr. Helen hatte ein vegannes Kochbuch. Ich wußte gar nicht, dass es so was gibt. Helen hat ein bisschen entschuldigend geguckt und gesagt, dass sie mal wissen wollte, was man mit Tofu machen kann. Da habe ich schon gesagt, dass ich mal gerne ne vegane Auszeit nehmen wollte.

Das ist nun bestimmt 4 Jahre her. Irgendwo zwischen Ingrid und Helen hab ich wohl das Wort vegan gelernt und fand die Idee interessant.

Mit meinem Freund allerding wurde es ziemlich unrealistisch, dass er sich mal auf bestimmte Gemüsesorten (Aubergine hat eine ecklige Konsistenz) und auf Tierlos (Salami ist Grundnahrungsmittel) einlassen würde.

Aber als wir da in der Therme saßen, hat er nur mit der Schulter gezuckt und gemeint, dass könne man schon mal für 30 Tage ausprobieren. Auch mit Aubergine? Er zuckte wieder mit den Schultern. Ach, man könne da schon mal wieder Aubergine testen. Ich war erstaunt. Und packte die Gelegenheit beim Schopf.

Attila ist kein Koch, ich denke, er ist Physikstudent und genauso ist sein Buch: Männlich, Burger, Gemüsestreifen als Spaghetti und es wird alles mit Tomatenmark abgeschmeckt. Irgendwie witzig, nach einer Woche kennt man seinen Stil: Zuccini ist das wichtigste Gemüse überhaupt, Schokolade muss sein und ohne Mandelmus geht es nichts. Aber er hat den male taste, mein Freund kam sehr gut mit vegan zu Recht und ist jetzt Freizeit-Veganer. Aubergine wurde wieder zugelassen und Kuhmilch mit Hafermilch, Mandelmilch und Sojamilch kompensiert. (Hafermilch für Müsli, Mandelmilch für ein hervorragendes Müsli und Sojamilch für Kaffee) Agavensüße ist jetzt der Zucker und Mandelmus ist wieder verschwunden. Ich bin immer noch dabei. Aber nicht mehr mit Attila, sondern mit Gemüsepfannen, Seitan, Salat und Spaghetti Tofunaise. Ich fühle mich ziemlich frei damit, ich bin von gesellschaftlichen Essensverpflichtungen befreit, ich komme vom Planeten Vegan, ich brauche mich an nichts halten. Ich esse bewusster und es ist fast wie ein Spiel, zu sehen, was geht und was nicht….und am Ende sehe ich ihn dem Schinken doch ein Stück Totes, in der Kuhmilch Muttermilch und in dem Eier Ungeborenes im Mutterkuchen. Ich finde das normale Essen immer komischer. Aber ich sehe in Tieren auch Kinder und bin generell von dem Teenager mit Abneigung gegen die sanften Vegetariermädchen wohl zu einer noch schlimmeren veganen Frau geworden. Mein Teenanger-ich fände mich wohl ätzend, aber wenn ich abends am Balkon noch eine Zigarette rauche, verstehen wir uns doch wieder (obwohl sie es total ätzend fände, dass ich nicht in der Wohnung rauche, weil es dann so stinkt…mein Teenanger-ich hat was gegen Inkonsequenz)

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