Im Land der Kaufleute und Bürokraten ist es schwer, ein Spucktuch zu verkaufen – dawanda-Wünsche und das Gewerbeamt

Meine Mutter näht Spucktücher. Dreiecke aus Baumwollstoff mit KlippKlappknöpfen. Mein Trenchcoat braucht nur noch Schönheitsnähte, vielleicht kriegt er sie nie. Manchmal brauche ich ritschratsch Schnellnahtobjekte und so dachte ich mir: Spucktücher.
Spucktücher werden eh die Geschenke für die Kinder meiner Freundinnen. Ich habe mir Designs ausgedacht, die zu den jeweiligen Familien passen könnten – Vorlieben der Kinder (Bagger, Prinzessin, Katzen), Vorlieben der Väter (Asien, Geometrie), Vorlieben der Mütter (Praktische Druckknöpfe). Ich freue mich über die Idee und dann kam der dawanda-Wunsch um die Ecke: Warum keinen kleinen Laden bei dawanda eröffnen, der selbstgefertigte Sachen anbietet?
Ich habe beschlossen, mit Spucktüchern zu starten. Die Welt da draußen braucht Spucktücher aus japanischen Stoffen und ohne Eulen.

Aber wir sind im

Land der Kaufkeute und Bürokraten

Ein dawanda-shop bedeutet, dass ich eine Gewerbeanmeldung brauche.
Das Formular ist im Internet auszudrucken. Mit Mr.Google findet sich schnell die Gemeinde und das dazugehörige Formular.
Diese Anmeldung birgt für mich eine Kettenreation:

das Finanzamt wird informiert und die zuständige Kammer.

Es ist der Stein, der alles ins Rollen bringt. Ich drucke die Anmeldung aus und überlege noch. Eine Umsatzsteuererklärung ist abzugeben, eine Steuernummer wird mir zugeteilt, die Handwerkskammer wird überlegten, ob ich handwerklich tätig bin, vielleicht löst das Rentenversicherungspflicht aus, vielleicht möchten auch nur die Kaufleute was von mir und ich muss meine Rechnungen richtig ausstellen. Korrekte Steuersätze draufdrucken oder ein Kleingewerbe ohne Mehrwertsteuer sein. Ich muss eine Einnahmeüberschussrechnung am Ende des Jahres abgeben und Rechnungen ordentlich abheften, falls jemandem vom Finanzamt langweilig ist und meinen Ordner mit Spucktüchern durchgucken will. In einer Kammer ist man per Zwangsmitgliedschaft dabei. Diese Mitgliedschaft kostet nur viel Geld, vielleicht kriegt man eine Zeitschrift mit Fortbildungsmöglichkeitdn. Ich habe von einer Klage gelesen. Eine Unternehmerin hat gegen die Zwangsmitgliedschaft geklagt. Ich überfliege die Pressemitteilungen dazu. Anscheinend wollte sie dann als Mitglied wissen, wohin ihr Geld fließt. Die Klage war erfolgreich, denn ihre Kammer hat ihr dann mitgeteilt, dass sie doch eher zu einer anderen Kammer gehört und man ihr diese Auskunft nicht mitteilt. Lustig, wenn es soweit ist, kann ich das ja auch machen. Jetzt geht es ihr wohl grundsätzlich um diese Zwangsmitgliedschaft und Europa wird gefragt, ob das denn alles noch so sein muss mit diesem kostenintensiven Zeitschriftenabo.

So ist das, wenn man ein Spucktuch verkaufen will.

Alles voller Auflagen und Pflichtverletzungen. Ich muss die Art der Tätigkeit in das Formular schreiben. Das muss ich klug wählen, Allgemein fassen, aber nicht zu allgemein. Mögliche Änderungen mit ins Auge fassen. Falls ich nur „Spucktücher“ schreibe, dann kann ich neue Gebühren zahlen, wenn ich Mützen verkaufen will…ich durchforste das Internet nach möglichen Formulierungen. Herstellung und Verkauf von…..handwerklichen Produkten, Selbstgenähten, selbstgefertigten Produkten. Schwierige Entscheidung, aber noch ist ja der Stein nicht ins Rollen gekommen….und je nachdem, was ich da reinschreibe, wird sich wohl dann eine Kammer melden.

Ich habe bei amazon mal schon vorsorglich eine Druckknopfzange bestellt. Die Lieferung kommt an die Adresse meiner Mama. Ich habe bei der Rechnugnsadresse extra meine eigene Adresse angegeben, damit die Druckknopfzange teil eines möglichen Gewerbes wird. Das wäre allerdings nur wichtig, wenn man die umsatzsteuerlichen Rechnungsangaben beachten muss – sprich Vorsteuer ziehen will. Dazu gehört eben auch, dass die Rechnungen richtig ausgestellt werden – meine eigenen Rechnungen und die, die ich bezahlen muss. Die Zange kommt, allerdings ist die Rechnungsadresse falsch. Ich schreibe den Verkäufer an und bitte um eine Zweitschrift. Ja, so ist das wenn man Spucktücher verkaufen will. Vielleicht ist das schon ein Zeichen dafür, dass ich mich aus der Umsatzsteuer verabschieden sollte und ein Kleingewerbe aufmachen sollte.

Ich habe noch kein einziges Spucktuch genäht, ich habe noch keinen dawanda-shop registriert, aber die papierenen Vorbereitungen sind jetzt schon ein ganzer Stapel. Neben der Gewerbeanmeldung kommt die Anmeldung beim Finanzamt. Ohne Steuernummer kann ich keine Rechnung ausschreiben, mal unabhängig davon, dass noch kein shop exisitert und vielleicht nie jemand meine Spucktücher bestellt.

Woher kommen diese Vorschriften? Wieso wollen alle registriert werden? Steuern zahlen werde ich erst bei Gewinn müssen…das kann noch Jahre dauern, vielleicht mache ich nie Gewinn damit. Das sind das unsere Strukturen aus dem Mittelalter, in dem es Zünfte gab und Zunftpflicht und die Stadtluft nur denjenigen frei gemacht hat, der sich zu einem Handwerk bekannte? Ist das das 19. Jahrhundert mit seinen preußischen Vorstellungen? Ist es überall so?

Meine Gewerbeanmeldung liegt immer noch rum. Ich nähe mal die Spucktücher der mir bekannten Kinder und überlege dann weiter. Vielleicht sollte ich es einfach tun und schauen, was alles noch passiert. Kein Wunder, dass es Leute gibt, die mit diesem Papierkram ihr Geld verdienen.

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