Flüchtlingselend vor der Haustür

Flüchtlinge_Decken

Flüchtlinge_DeckenWir sind am Ausräumen, Wegräumen, Einpacken und Sortieren. Ich habe ganze Kisten voller Sperrmüll, so denke ich zumindest von den alten Kissen, den Matratzen der Kinder, den ausgebrannten Pfannen und den angeschlagenen Vasen. Ich befreie mich und wie es in diesem Viertel üblich, stelle ich die brauchbaren Sachen nach draußen. Klar, die Matratzen der Kinder nicht. Die nimmt eh keiner mit.

Mit der Zeit werde ich mutiger und lege jetzt doch die Kissen in einen Karton vor der Tür.

Zwei Frauen und ein junger Mann nehmen sich die Kissen schnell. Der junge Mann ist ein halb ausgewachsener Teenager, er sieht gut aus. Ich stelle gerade eine neue Kiste ab und spreche ihn an. Er sieht mir nicht in die Augen und redet mit den beiden Frauen in einer anderen Sprache. Ich spreche oft die Menschen vor meinen Kisten an mein Mann ist schon ein bisschen sauer, weil ich den ganzen Tag *plaudere* aber so haben die Leute ein besseres Gefühl beim Mitnehmen der Dinge. Außerdem macht es mir Spaß, komme halt doch aus einer Kaufmannsfamilie. Wir quatschen halt. Also quatsche ich den schönen Jungen auch an, aber er schnappt sich die Kissen und geht schnell weiter. Da erkenne ich die beiden Frauen, ich habe sie schon einmal im Viertel gesehen.

Damals haben sie Mülleimer durchsucht. Ich bin mit dem Auto vorbeigefahren und habe einen kurzen Blick darauf geworfen. Sie sind obdachlose Flüchtlinge in einem der schicksten Städte dieses Landes. Ich konnte nicht anderes, ich habe neben Mitleid und Teilnahmslosigkeit auch kurz darüber nachgedacht, was sie von meiner Parterre-Wohnung alles klauen könnten. Mein Fahrradanhänger ist nicht abgesperrt. Sollte ich zurückfahren, und ihn absperren? Mein Mann hat mit den Augen gerollt. Wieso sollten sie einen Fahrradanhänger klauen? So ein Käse. Die klauen bei uns gar nichts. Sie haben auch nichts geklaut. Ich habe nicht mehr an sie gedacht, aber mich sehr wohl geschämt. Gedanken sind manchmal heimtückische kleine Mistviecher. Sie beißen einen ohne Vorwarnung und dann ist man hinterher ganz erschrocken und schiebt sie zur Seite.

Diese Episode als vorbeifahrende reiche Westeuropäerin mit Angst vor klauenden Flüchtlingen ist mir also heute wieder eingefallen, als ich die beiden Frauen traf, heute vor meinen Kisten mit den schicken brauchbaren Sachen. Sie sprechen mich an und sagen: Decken. Haben Decken? So kalt im Park. Schlafen Park. Ich sehe auf meine ausrangierten Vasen herunter, die Vorhänge haben sie sich schon genommen. Ich bezweifle, dass meine selbstgenähten Kinderzimmervorhänge in einem neuen Kinderzimmer hängen. ich glaube, meine Kinderzimmervorhänge werden im Park sein. Ich renne zu meiner Wohnung zurück und bringe die alten Kindermatratzen. Ein bisschen ist es mir peinlich. Diese Matratzen sind für mich Sperrmüll. Ich habe sie noch nicht einmal rausgestellt, da in meinem reichen hippen Is-des-bio?-Viertel kein Mensch alte Kindermatratzen mitnimmt.

Die beiden Frauen freuen sich, sie klatschen in die Hände und fragen dennoch noch mal. Decken? Ich sehe, dass ihr Zähne faulen und sie dünnes fettiges Haar haben. Ich sage, dass vielleicht in den Kissen, die der Junge mitgenommen hat, Decken drin sein könnten. Ich weiß, dass ich eingige Kissen damit ausgestopft habe. Sie nicken. Mein Mann zieht mich kurz weg und wir durchsuchen nochmal unsere Wohnung. Ich wollte mich eh von Bettwäsche trennen. Ich habe so einen unüberbrückbaren Haufen an Bettwäsche und benutze eh immer zwei. Mein Mann zieht die alte Bettwäsche von meiner Bettdecke. Du wolltest die Bettdecke doch eh nicht mehr haben. Ja, das stimmt. Ich wollte nach dem Umzug eh eine andere benutzen. Meine alte Bettdecke ist bio, von Hessnatur, irgendein Kamelhaar. Ich habe es vergessen. Ich bringe alle Sachen nach draußen.

Die Frauen lachen, sie freuen sich wirklich. Die eine sagt Gott wird gleichmachen. Ich verstehe, was sie meint. Vergelts Gott. Vergelte es Gott. Ein Dankspruch in Bayern. Ich wünsche ihnen alles Gute und bin dennoch wie erstarrt. Ich bringe ihnen Ikea-Plastiktüten, um das ganze Zeug zu verstauen. Sie lachen mich an und winken. Ich weiß, dass es München nicht gefällt, wenn sie irgendwo ein Lager aufbauen mit Kindermatratzen und bunten Vorhängen. Die eine überzieht meine alte Bettdecke mit einem der Laken und redet auf die andere in einer mir nicht zu erkennenden Sprache ein. Ich frage, was sie im Winter machen, aber sie winken mir und überqueren die Strasse.

Ich habe heute viele Menschen getroffen, mit vielen gesprochen. Einige Eltern haben mit mir lachend Zukunftspläne ausgetauscht, gefragt, wo wir hinziehen. Andere haben verstohlen in unseren Sachen gekramt. Ein junges Paar hat sich gestritten. Sie wollte nicht, dass er die eine Vase mitnimmt. Ein alten Mann hat sich Reisematten genommen. Eine bisschen verrückte alte Dame hat mich gefragt, ob ich für die Stickerhefte ihre alten Moccatassen haben möchte. Aber die beiden Frauen stecken mir in den Knochen. Vor allem wegen meinen ersten Gedanken ihnen gegenüber. Ich schäme mich immer noch.  In dem Bett, in dem ich gestern nacht schlief, schlafen sie heute. So kurz ist eigentlich unser Abstand.

Du magst vielleicht auch

5 Kommentare

  1. Ja diese Gedanken sind nicht schön, aber du reflektierst sie und das tun nicht viele. Die Gedanken kommen vom Nicht-Kennen, von fehlender Erfahrung. Du hast jetzt Erfahrungen gemacht und sie widerlegen deine Vorurteile und du erkennst vor allem, dass es Vorurteile waren.

    Und nun frage ich mich: Wenn sie doch etwas stehlen, wie übel darf man das eigentlich Menschen nehmen, die nichts haben? Ja niemand wird gern bestohlen und wir ärgern uns zu Recht. aber die eigentliche Schuld tragen dann nicht einfach nur die Individuen. Da läuft was falsch in unserer Welt.

  2. Flüchtlinge, die Obdachlos mitten in München im Park schlafen, dass der Wahnsinn soweit geht, war mir gar nicht bewusst. So so schlimm. Schön, dass du ein bisschen mildern konntest. Ich werde diese Woche ein paar Klamotten zur Diakonie bringen, vielleicht können sie es nutzen oder gemeinnützig an Bedürftige verkaufen…

  3. Eine ziemlich traurige Geschichte. Mir ist auch schon aufgefallen, dass es deutlich mehr Obdachlose gibt in letzter Zeit. Ich lebe seit über 5 Jahren in Neuhausen und nun habe ich das erste mal Obdachlose unter der Donnersbergerbrücke gesehen. Es zerreißt mir das Herz…

  4. Wie immer toller Text – und tolle Aktion!
    Ich finde es übrigens mehr oder weniger natürlich, dass du solche Gedanken hast. Und ich finde es auch nicht schlimm. Schlimm wäre es nur, wenn du bei diesen Gedanken bleiben und sie nicht überdenken würdest. So wie viele andere es leider tun.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *