Die Flut, die Alge und ein drittes Kind

Ja, das war eine lange Pause. Fast über einen Monat kein Wort ans weite weite Internet. Aber dafür gibt es natürlich wie immer gute Gründe.

Es wurde hier nämlich ein Baby geboren.

Ja, jetzt sind es drei Kinder. Zwillinge mit inzwischen stolzen 5 Jahren und ein kleiner Käfer, um die Crew komplett zu machen.

Wenn man den Partner für´s Leben gefunden hat, dann sind ja innerhalb so einer Partnerschaft bestenfalls zwei Menschen. Na ja, kommt wieder darauf an. Gibt auch Partnerschaften mit mehr als zwei Menschen, aber das führt jetzt zu weit. Kommt ein Kind dazu, wird es zu einer Familie – doch jetzt, und das merken wir hier sehr wohl – sind wir nicht mehr zwei und zwei, sondern die Kinder sind uns zahlenmäßig überlegen.

Kinder sind wie Wasser. Schlupfen durch alle Nischen, schäumen sich in Rage, plätschern vor sich hin, überwinden jedes Hindernis und sehen doch meistens völlig harmlos aus. Fast harmonisch still, wenn man sie photographiert. Drei Kinder können wie eine Flut sein. Zack und weg. Ertrunken im Chaos des Augenblicks.

Bist du wie ein störrischer alter Baum, der denkt, dass es immer schon so war und deswegen muss es jetzt auch so sein. Hast du richtig tiefe Wurzeln und glaubst nicht daran, dass diese Kinderflut dir irgendwas antun könnte – tja, dann knickst du um.

So einfach ist es.

Nichts läuft so, wie du dir das erdacht hast. Stur einem Plan zu folgen, das nützt gar nichts mehr. Klar, du kannst so grobe Eckpunkt haben – Essen, schlafen, duschen.

Ansonsten musst du dich den Elementen anpassen und eine kleine Alge im Wasser werden. Lass dich hin und hertreiben – reg dich nicht auf. Pass dich an – am Ende wirst du sowieso am Strand landen. Hauptsache, du stellst dich nicht gegen die Flut.

Gut, das ist natürlich übertrieben, aber ich stelle mir oft vor, eine Alge im Wasser zu sein. Ich versuche, mich nicht aufzuregen, wenn was nicht nach meinen Plan läuft. Ich versuche, keine Energie an Dinge zu verschwenden, die ich eh nicht ändern kann.

Das ist und war ein langer Weg bis dahin. Manchmal gelingt es mir nicht. Manchmal schon.

Ein Beispiel.

Heute war Musikschule. Einer meiner älteren Söhne möchte da immer ganz besonders pünktlich abgeholt werden. Die Kinder kommen vom Keller rauf und die meisten Mütter sitzen dann schon oben und warten. Mein Sohn wünscht sich auch, dass ich oben sitze und warte. Das gelingt mir nicht immer.

Heute hatte ich aber den Mega-Plan: ich wollte vorher mit dem Säugling zum Einkaufen fahren und dann – natürlich pünktlich – zur Musikschule zu kommen. Ich fuhr los – früh genug. Mein Baby wacht aber auf, als ich es vom Auto raushole. Aufwachen heißt noch essen. Also baue ich den ganzen Kinderwagen am Parkplatz des Supermarktes zusammen. Und setzte mich dann wieder auf den Beifahrersitz, um zu stillen.

Er schläft tatsächlich dann die ganze Penny-tour durch.  Am Kassenband habe ich – wichtig, weil ich nix gekocht habe – das Essen so schon hingelegt, dass ich die Dinge, die ich jetzt direkt zu den Großen mitnehme, bereits oben im Kinderwagen verstauen kann. Alles läuft. Hinter mir eine Riesenschlange. Die Kassiererin ist nicht die schnellste. Läuft trotzdem noch.

Ich verstaue alles, zücke meine Karte und  – gebe die Geheimzahl falsch ein. Ich muss mich konzentrieren, aber es wird nicht. Es wurde auch nix mehr. Mein permanenter Baby-Schlafmangel hat diese Information gelöscht. Ich fühle direkt das Loch in meinem Kopf. Ein Nebel aus Stilleinlagen, Kopfläusen und Geburtstagswünschen.

Meine Karte ist jetzt gesperrt. Normalerweise wimmelt es in diesem Kack-Dorf-Supermarkt immer von Müttern, die ich kenne und vielleicht anschnorren könnte, aber heut natürlich nicht. Ich gebe meinen kompletten Einkauf zurück – unter den zischenden Augen der Kassiererin. Die zischen wirklich. Sie rollt und rollt und ihre Kollegin rollt auch. Habe schließlich Sachen besorgt, bei dem die Kack-Kühlkette jetzt unterbrochen ist.

Aber ich bin fast erstaunt. Ich ärgere mich gar nicht. Weder über mich, noch über die zischenden Augen, noch über die wartende Schlange, die mich beobachtet. Das Baby schläft nämlich immer noch, mein Sohn wird pünktlich abgeholt. Ich bin eine Alge. Gut, das Chaos war total selbstgemacht. Das Chaos ist immer müttergemacht. Kinder machen kein Chaos. Sie haben nämlich keine Ahnung, wie es eigentlich sein sollte. Trotzdem hat es kein  Kind schließlich veranlasst, dass ich mich nicht mehr an meine Geheimzahl erinnere. Trotzdem ist es typisch für diese Tage. Wenn was klappen soll, klappt es nicht. Wie ein Gelassenheit-test…Neee, bringt mich nicht um. Next round.

Solange das Baby schläft, ist eh alles gut. Solange das Baby isst, ist alles gut. Solange die Zwillinge sich wegen was den Ast ablachen, ist alles gut.

Ich packe also mein Baby wieder in das Auto, klappe den Kinderwagen auseinander, zusammen, mache ihn klein, verstaue ihn auch und fahre zur Musikschule.

Jetzt muss ich essentechnisch improvisieren, was in modernen Haushalten ja Nudeln mit Butter bedeutet, aber es gab tatsächlich auch Tomaten – die Zwiebeln sind mir nur verbrannt, weil einer der Zwillinge nur unter heulenden Protest seine Kindergartentasche aus dem Auto holen wollte. Aber ich kann hier nicht alles machen. Irgendwann müssen halbe Vorschulkinder ihre Sachen auch selber tragen. Aber es war trotzdem kurz ein Drama deswegen ausgebrochen. So geht das ewig weiter. Und ich bin eine Alge.

Passt auch, hat schließlich auch die ganze Zeit geregnet.

Am Ende hat mein Mann nach seinem Termin noch einen Haufen Essen aus dem Supermarkt geholt. Ein Jäger. Das ist auch Liebe.

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11 Kommentare

  1. Jessas – das wollt ich immer schon mal schreiben – ich freu mich für euch über das neue Baby!!! Mama sein ist aber auch der Fels in der Brandung sein oder die Mir-scheißegal-an-der-Kassa 😉 auf alle Fälle go for it, du rockst das und notfalls kann der Jäger die Damen an der Kassa erledigen 😉 glg Uli

  2. Ich wollte dir schon längst sagen: Alles alles alles Liebe von hier zum dritten Kind! <3 Ich freue mich sehr für euch (und bewundere deine Gelassenheit – mich bringt ein Kind plus Arbeit schon gehörig aus dem Takt).
    Liebste Grüße
    Larissa

    1. Ein Kind reicht auch völlig aus, um einen aus dem Takt zu bringen. Das hat nichts mit der Anzahl von Kindern zu tun, sondern nur damit ob alle anwesenden Kinder : 1. rechtzeitig und viel schlafen. 2. ein saustarkes Immunsystem haben. 3. super gerne in eine Betreuung gehen und 4. ausrechend essen ( ned zu viel und ned zu wenig). mit der Anzahl der Kinder steigt nur die Wahrscheinlichkeit, dass immer einer Punkt 1 bis 4 grad nicht macht. Wenn du ein Kind hast, dass immer einen Punkt oder alle strikt ablehnt, dann war´s das in der Regel auch….also, kein Grund für Bewunderung, ist Zufall…..

  3. Ich möchte euch auch zu eurem dritten Kind gratulieren! Viel Freude daran, und lass dich als Alge nicht unterkriegen, es muss nicht immer alles perfekt sein!

    Liebe Grüße, Carmen

    1. Ach, Carmen, das freut mich, dass du immer noch hier bist. Und ja, Perfektion findet hier nur noch punktuell statt. Aber ich übe mich gerade, den perfekten Augenblick zuzulassen. Ich glaub, vielleicht schreib ich da mal drüber.

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