Blog-Parade: Menschen, die ich nicht bemerke

Blogparade Menschen

Blogparade MenschenIn meinem Leben gibt es Menschen, die ich kenne, aber nicht bemerke. Ich registriere ihr Verschwinden, meist eine fast alltägliche Begegnung ohne Wiederkehr. Ich bin aber nicht mit ihnen befreundet. Ich kenne auch nicht ihre Namen, meistens.

Ich kenne meinen DHL-Menschen. Unter Hermes, Briefträger und Co. ist mir der DHL-Mensch am liebsten. Es ist ein junger Mann, der für mich ein bisschen die arabische Version von Donald Duck ist. Ist das jetzt gemein? Nein, das ist überhaupt nicht gemein gemeint. Ich mag ihn sehr. Er ist der einzige, der immer an meinem Fenster vorbeiläuft und mit seinem Päckchen winkt. Er wolle nicht so gerne klingeln mittags, wenn die Kinder schlafen, hat er mir erklärt. Er stellt mir meine Bestellungen auch vor die Türe. Einmal ist etwas gestohlen worden und ich habe den Verlust gemeldet. Er hat schwer geseufzt, denn letztendlich darf er ohne Unterschrift nichts vor meine Tür stellen und sie haben ihm den Verlust in Rechnung gestellt. Ich bin rot geworden. Das war unsere interne Abmachung mit dem Tür-stellen. Wir haben dann HalbeHalbe gemacht und ich habe ihm das Geld gegeben. Er war auch immer der einzige, der wußte, wo mein Mann sein Büro hat (die Straße runter) und wenn ich nicht zu Hause war, hat er die Pakete zu meinem Mann gebracht. Unaufgefordert. Ein Held, eben. Als ich angefangen habe, mir zu überlegen, dass ich ihm mal Trinkgeld geben sollte, war er weg. Ein anderer DHL-Mensch kommt jetzt zu mir und ich bin ernsthaft traurig. Manchmal sehe ich ihn noch und dann winke ich. Einmal haben wir uns auf der Straße auch unterhalten. Eine fundamentlose Freundschaft, eine kurze Begegnung von Menschen.

Vicki arbeitet im Coffeeshop. Sie ist eine laute, punkige, große Frau oder eher noch ein Mädchen. Meine Kinder haben sie sehr gemocht und sie hat mir Bilder von ihrem Neffen gezeigt. Um auch etwas zum „Kinderthema“ beizutragen. Vicki wußte ziemlich schnell, was ich gerne bestelle und sie hat mir manchmal Extra-Punkte auf meine Kundenkarte geladen. Sie hat gesagt, ihr gehöre der Laden, wobei ich ihr nie glaubte. Vicki hat sich auch immer laut über alle Mitarbeiter in ihrem Café beschwert und nach den Weihnachtsferien war sie weg. Einfach so. Ich habe mehrmals nachgefragt und die Reaktionen waren sehr verhalten. Okay, sie hat sich auch immer beschwert über die Superbosse oben, über versteckte Kameras, über alles mögliche. Sie war anstrengend, auch für mich, aber dennoch war ich überrascht und ein wenig traurig. Ich mochte Vicki.Ihre Art auf meine Art.

In der Bäckerei im Supermarkt in unserem Viertel arbeitet eine Verrückte. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie nicht richtig im Kopf ist. Sie ist älter und hat gelbliche Haare, die sie zu einem wirren Knoten bindet, der ein wenig an eine Frisur aus dem 19.Jahrhundert erinnert. Aber meine These stützt sich nicht auf Äußerlichkeiten, es ist die Art wie sie die Bestellungen aufnimmt, die Brötchen einpackt und das Geld entgegennimmt. Es ist so unglaublich langsam, als müsse sie sich bei jedem Schritt neu konzentrieren. Meistens arbeitet sie mit jungen Mädchen zusammen, die um sie herum ihre Defizite ausgleichen. Wenn ich das schreibe, dann klingt das so, als ob ich nicht ertragen könnte, dass jemand mal nicht so Zickzack seinen Job macht. Funktionieren und so. Immer schön funktionieren, aber das ist nicht so. Ich plane mir bei ihr eine extra Zeit ein und warte einfach ein bisschen. Aber das kann ich nicht immer. Einmal wollte ich nur zwei Brezen von ihr. Meine Kinder waren draußen im Fahrradanhänger und haben angefangen zu brüllen. Der Fahrradanhänger wirkte ein wenig verlassen und es blieben schon die ersten besorgten Mitbürger bei meinen Kindern stehen und sahen sich um, wo denn die verantwortungslose Mutter ist, die diese Kinder hier so alleine brüllen läßt. Ich habe der verrückten alten Frau zugesehen, wie sie die eine Brezel versuchte in eine viel zu kleine Tüte zu stecken. Ich nehme die ohne Tüte, sagte ich schnell und gebe ihr das Geld. Sie fängt an, mir langsam das Wechselgeld auszugeben, wendet die Münzen in ihrer Hand. Ich sage, stimmt so, nehme die Brezen und stecke sie direkt in die heulenden Münder meiner Kinder (die daraufhin sofort aufhörten zu brüllen) und radelte los. Eine andere Mutter sagte mir noch im Vorbeigehen, dass diese Verkäuferin furchtbar sein und ich lächelte zurück.

Mit welchen Menschen teilt ihr euer Leben, begegnet euch kurz und hinterlasst kaum Spuren. Wer ist bei euch mehr als ein X-beliebiger, obwohl er eigentlich nie mehr sein kann? Vielleicht wollt ihr eine kleine Geschichte dazu selbst schreiben auf eurem Blog. Gerne könnt ihr dazu hier euren Link setzen. Oder schreibt mir in den Kommentaren eure Gedanken dazu.

Du magst vielleicht auch

42 Kommentare

  1. Ooh, schönes Thema! Seitdem ich mit Kind unterwegs bin, sehe ich viel mehr so Leute als früher. Klar, die Bäckereiverkäuferinnen wo ich meine Frühstückbreze vor der Arbeit gekauft habe, abers sonst… Jetzt gibt es den langsamen und den schnellen in der Post, die Frau mit dem Mini-mini-hundebaby, den Mann mit dem tauben Hund, di

  2. Ok, vom Handy geht das nicht so 🙂 was ich erzählen wollte… Es gibt einen Mann der jeden Morgen und Abend bei uns vorbeijoggt. Mit Headset und Gewichten. Ich hab ihn gegrüßt und nie eine Antwort bekommen und hey, mein Baby ist niedlich, das hat zur Kontaktaufnahme immer gereicht…aber gut.Manche wollen halt nicht. Sehr gefreut habe ich mich, als völlig unerwartet in der ersten Januarwoche ein „gutes neues Jahr!“von ihm kam. Seitdem hat er immer genickt, wenn wir ihn gesehen haben. Seit Mitte Februar ist er weg. Vielleicht hat er seine Trainingszeiten geändert, keine Ahnung… Irgendwie seltsam, wenn Fremde aus dem Leben verschwinden.

    1. Hallo Ela, ja, das Verschwinden der Menschen ohne Bedeutung ist etwas Komisches. Manche Begegnung sollte uns sofort wieder entfallen, aber manchmal tut sie das nicht. Die kleinen Begegnungen bleiben doch im Gedächtnis.

      Einen schönen Abend dir noch.

  3. Ein tolles Thema für eine Blogparade. Da werde ich mal in mich gehen – und meinen Alltag nach Menschen durchforsten, die ihn nur sehr unscheinbar durchkämmen.

    Liebe Grüße,
    Sarah

    1. Oh, das freut mich, dass es dir gefällt. Ich habe über dieses Thema gar nicht so viel nachgedacht. Ich dachte: Über was könnte ich denn heute schreiben und dann kam mir der DHL-Mensch, dem ich schon immer mal eine Hommage widmen wollte. Und irgendwie führte eines zum anderen. Ich fände es schön, wenn viele mitmachen und sich daraus ein alltägliches Kaleidoskop der Flüchtigkeit ergeben würde.

  4. Das ist ein wirklich schönes Thema! Es regt sofort zum Nachdenken an, besonders heutzutage, wo es soviele flüchtige Kontakte im reallen aber auch im digitalen Leben gibt.
    Mit unseren Postboten habe ich das übrigens schon mehrmals erlebt, und das ist wohl so gewollt, dass sie immer wieder die Gebiete wechseln, damit eben keine zu „engen Bindungen“ entstehen…
    Danke für die Anregung 🙂

    Liebe Grüße
    Stephi

    1. Ich war auch sehr aufgeregt, als ich ihn auf der Straße traf. Mein Mann hat schon skeptisch die Augenbrauen hochgezogen, aber ich habe ihm sehr ernsthaft erklärt, dass in Zeiten von Zalando, Amazon, Dawanda und Co. der DHL-Mensch meine wichtigste Alltagsfigur ist, die ich sehr wohl pflege und hege.

  5. Was für ein toller Post! Er bringt mich zum Nachdenken über die Menschen um mich herum. Ich schaffe leider keinen ganzen Artikel, vielleicht später mal. Es sind einfach zu viele Personen, die mir da einfallen. Und ich muss auch aufpassen, über wen ich schreibe, denn es lesen bei mir auch Menschen aus dem Ort mit 😉
    Aber ich dabnke dir für deine Gedanken!
    Liebe Grüße, Sonja

    1. Da NO ROBOTS meine Verkäuferin kennt: Ich weiß, was du meinst…Ich hoffe dennoch, dass du Zeit und die nötige Transformation der Geschichte dazu für dich findest. Würde mich sehr sehr freuen.

  6. Haha, als du von der Bäckerei-Verkäuferin anfingst, dachte ich gleich: Sie meint diese total Langsame! Ich weiß ganz genau, wen du meinst!
    Ein sehr schöner Artikel und eine sehr schöne Idee! Ich wüsste auch vielleicht, was ich schreiben könnte. Jetzt darf ich es nur nicht vergessen *hust*

    1. Ist das jetzt schon Cyber-mobbing, wenn ich Leute als verrückt bezeichne und andere ERKENNEN, wen ich meine? Ich hoffe, es ist mehr eine liebevolle Anekdote aus der Realität… Ja,vielleicht sind die Menschen, die wir zufällig immer wieder treffen und mit denen wir einen belanglosen Alltag pflegen viel sichtbarer als ich immer denke. DU kennst meine Verkäuferin! Ich bin sprachlos. Aber ich hoffe, dies wird von anderen eher als Pluspunkt unter der Rubrik: *Ja, ich schreibe was ich sehe. Thema authentischer Blog* verbucht als unter *Cyber-mobbing*.

      ich will UNBEDINGT, dass du mitmachst! Du bist meine TOP-1-Kommentatorin und wir haben jetzt echt schon ein langes Gespräch. Ich habe das Gefühl, ich kenne dich ein wenig. NICHT VERGESSEN!!!!

      1. Das habe ich ehrlich gesagt auch kurz gedacht. Aber ich vermute, es liegt eher daran, dass wir drei Jahre lang fast Nachbarn waren und im gleichen Supermarkt eingekauft haben. 😉
        Ich weiß schon, was ich schreibe und ich fange JETZT damit an!
        <3 <3

  7. Ein ganz toller Post und eine schöne Idee für eine Blogparade. Da werde ich auch mal überlegen und im Alltag auf diese Menschen achten, die immer da sind. Oder vielleicht irgendwann verschwunden sind.

    Und gleichzeitig frage ich mich: Bin ich für irgendwen auch so ein Mensch?

  8. Eine ganz toll-entzückend-beeindruckende Idee. Darauf habe ich auch voll Bock, weil mir solche Menschen oft auffallen und ich gerne über sie nachdenke … Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, meinen Beitrag vorzubereiten. 🙂

  9. Das Thema finde ich sehr toll! Ich mag so kleine und kurze Begegnungen wie die Leute, die mir jeden Tag zur selben Zeit in der Bahn oder auf der Straße begegnen. Ich kenne sie nicht und sie mich nicht. Trotzdem grüßt man sich täglich mit einem gutgemeinten Lächeln.
    Vielleicht mache ich noch bei der Blogparade mit, wenn ich Zeit habe! 🙂
    Liebe Grüße
    Nicole

  10. Das Thema ist eine sehr süße Idee. 🙂
    Du hast deine drei Menschen sehr schön beschrieben. Ich hab mich gleich gefühlt, als würde ich sie auch kennen.
    Liebe Grüße,
    Mia

  11. Mein erster Besuch bei dir…. Und dieser Post ist total super. Ich finde mich da so drin wieder : ) .
    Ich könnte auch über meinen dhl-Mann schreiben, über die Verkäuferin im Schreibwarengeschäft, die die Kinder immer extra nicht bedient, über die Sprechstundenhilfe beim Arzt, die einfach nur liebenswert ist, über eine Mutter, die mir jedes Mal beim Elternabend auffällt, weil sie offensichtlich vor sich hin träumt und nichts mitbekommt..
    Wunderbar

  12. Hallo Fadenvogel,

    Ich bin knapp dran, aber gerade noch rechtzeitig. Sehr gerne habe ich an deiner Blogparade teilgenommen 🙂

    Sobald mich meine Püppi lässt, lese ich mir die restlichen Beiträge in Ruhe durch. Bisher konnte ich sie nur überfliegen! Eine Schande!

    Lieben Gruß
    Jessi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *